Hirte 1x

Im Neuen Testament taucht der Begriff „Hirte“ im Sinne eines Pastorendienstes von Menschen nur einmal direkt auf und zwar im Epheser-Brief 4,11 (altgriech. „poimen“):
„Und er hat gegeben die einen als Apostel,… die anderen als Hirten…“
Es ist die Rede von einer Dienstgabe.

Anklänge an diesen Hirtendienst gibt es noch in der Apg 20,28:
„Gebt acht auf … die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat als Aufseher, zu weiden die Gemeinde Gottes…“
Beachte: Der Dienst scheint der eines Hirten zu sein, betitelt wird dieser Dienst aber als Aufseher-Dienst. Hier geht es nicht zuerst um die Dienstbegabung, sondern um eine Funktion.

Ferner taucht dieser Dienst in 1.Petrus 5,2 auf:
„Weidet die Herde Gottes unter euch…“
Auch hier steht die Funktion im Vordergrund.

Der Prophetendienst, der Lehrdienst und der Aposteldienst werden wesentlich häufiger genannt (ebenfalls Dienstgaben). Lediglich der Evangelistendienst ist nur unwesentlich mehr vertreten.

Dennoch hat der sog. „Pastor“ eine oft so zentrale Stelle im Gemeindeleben, dass viel Wesentliches von ihm abhängt. Und das, obwohl es für diese Zentralität keinerlei biblische Berechtigung gibt.

Ist dieser Dienst dennoch wichtig?
Aber ja. Er wird biblisch gutgeheißen.
Es ist fraglich, ob der Hirtendienst mit dem Aufseherdienst bzw. dem Ältestendienst gleichzusetzen ist. Dann gäbe es natürlich wesentlich mehr entsprechend relevante Bibelverse. Manche differenzieren hier dann zwischen der Dienstgabe des Hirten, der Funktion des Leiters/Aufsehers und dem Charakter des Ältesten.
Doch selbst, wenn man eine Gleichsetzung annimmt, bleibt festzuhalten, dass nirgends nur von EINEM menschlichen „Hirten“ die Rede ist. Es geht immer um die Mehrzahl bzw. die Ergänzung mit anderen Diensten.

Ist damit die zentrale Pastorenfigur, die es in herkömmlichen Gemeinden gibt, verboten?
Das nicht. Aber es scheint unweise zu sein, das Gewicht so auf einen einzelnen Menschen zu legen. Gottes Baukonzept für Gemeinde sieht anders aus. Wer einen Gemeindebau nach Gottes Art will, sollte das Teamwork suchen. Mit der Zentralisierung auf den einen menschlichen Hirten beschränken wir den Gemeindebau von vornherein.

Darf ein Pastor (oder sonstiger Gemeindediener) Geld von der Gemeinde für seinen Dienst bekommen?
1. Kor 9 deutet so etwas an, wiewohl das Schwergewicht bei der dortigen Argumentation darauf liegt, dass Paulus, obwohl er das Recht gehabt hätte, eben kein Geld von der korintischen Gemeinde genommen hat. Zu beachten ist, dass Paulus aber auf Fälle zu verweisen scheint, in denen manche Gemeindediener von der Gemeinde unterstützt worden sind.
Auch 1. Tim 5,17 könnte als „Finanzquelle“ gedeutet werden. Ebenso ist aber denkbar, dass es schlichtweg um eine doppelte Wertschätzung für besonders gute Älteste gehen sollte.Die Wertschätzung mag mit doppelter Ermutigung (sprich:ideell) oder vielleicht auch mal finanziell geschehen sein. Von einer fortlaufenden Lohnzahlung ist allerdings nicht die Rede.

Ich persönlich finde diese Entdeckungen spannend. Allerdings stellen sie meinen bisherigen Berufsweg in Frage. Aktuell sehe ich zwar durchaus die Möglichkeit, den Pastorendienst zu tun und dafür auch Geld zu bekommen. Im Einzelfall mag das gut sein. Das Problem ist vielmehr das: Wir haben aus dem Einzelfall den Normalfall gemacht.

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5 Gedanken zu „Hirte 1x

  1. Ich würde hier verstärkt einen Blick ins AT werfen und mir die Hirtenbilder da mal angucken. Denn ich könnte mir vorstellen, dass diese Aussagen an Leute gerichtet sind, die ein sehr genaues Hirtenbild aus dem AT haben.
    Und ich würde auch einen Blick in die Kirchenväter werfen, wie die von Funktionen und Diensten reden.

  2. Ach, und vllt. noch im NT die Lokation, die Jesus für seine „Your are Peter!“ -Ansprache wählt.
    Mal nachschlagen welche Bedeutung dieser Ort für die Griechen und Römer hatte und dann vllt. noch mal Daniels lesen, da wo er den Traum mit dem großen Standbild deutet und sich dann vllt. nochmals Paulus‘ Anmerkungen zum mystischen Leib Christi ansehen. Ich finde da entsteht ein sehr interessantes Bild.

  3. @berlinjc:

    Hallo Dirk,

    die Argumentation, dass die Gemeinde durch Teamwork geleitet wird, finde ich richtig und gut und auch bibeltreu.

    Neben den Bibelversen in Apg 20,28; 1. Tim 3,2; Tit 1,7; 1.Petr 2,25; Phil 1,1, bei welchen das Wort „ episkopos “ für das deutsche Wort „Aufseher“vorkommt ist jedoch vor allem der Bibelvers in Hebräer 12,15 wichtig, denn dort kommt „ episkopos “ als Partizip vor und zwar in der Benennung der Mehrzahl von Personen.

    „Jaget dem Frieden nach mit allen nach und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen wird; und achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, daß nicht irgend eine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch zur Last werde, und durch sie viele verunreinigt werden;“ (Hebräer 12,14.15)

    Achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide – achtet = bedeutet in diesem Fall „ihr achtet“ = als Partizip übersetzt mit „achtend“ = das griechisches Wort lautet dazu „ episkopontes “ und wird als Partizip Präsens, Nominativ; männlich, Plural, aktiv angesehen, so dass es folglich mehrere Aufseher nach der Übersetzung zu NA bzw. WH sein müssten.

    Das Prinzip Hirte hat natürlich etwas mit Jesus zu tun, denn er wird analog zu Hesekiel 34,23 als Knecht David gesehen, der der eine Hirte ist, welchen Gott über die Menschen eingesetzt hat, welcher sie weiden wird.

    In diesem Zusammenhang sollte man sich vielleicht auch Gedanken machen, was das Wort „weiden“ bedeutet. In Hesekiel 34,16 steht dazu für mein Empfinden das geistliche Prinzip in den Worten: „mit meinem Recht werde ich sie weiden“.

    Dazu auch wiederum der Gedanke, den man sich vielleicht zum Wort „Recht“ einfallen lassen sollte. Als Anreiz hierzu Jesaja 30,18, wonach steht: „Denn ein Gott des Rechts ist der Herr.“

    Im gesamten Kontext zum Hirtendasein empfiehlt es sich, die Bibelverse in Johannes 21,15-17 zu lesen. Abgesehen von dem Wortwechsel von agape zu philo zu agape zu philo scheint es wichtig zu sein, wie Petrus die Lämmer und Schafe von Jesus zu weiden hat. Mit Recht!

    Es fragt sich, was „das Recht“ im eigentlichen Sinne meint. Meines Erachtens ist es der Heilige Geist, denn nach Jesaja 28,5.6 können wir nach der revidierten Elberfelder Bibel lesen, dass der Herr „zum Geist des Rechts“ demjenigen wird, der zu Gericht sitzt und zur Heldenkraft denen, die den Kampf zurückdrängen ans Tor.

    Welchen Kampf haben also die Hirten zu bewerkstelligen? Haben die Hirten überhaupt die Aufgabe, in einen Kampf einzutreten? Nein ! Aber es ist ihre Aufgabe, den Kampf zurück zu drängen und zwar ans Tor der Gerechtigkeit. Dies ist die Aufgabe eines Gemeindeleiters und zwar alles, was ihren Schützlingen widerfährt, auf Gott abzuwälzen, indem sie ihren Gemeindemitgliedern vermitteln: werft alle eure Sorge auf ihn. „Denn er ist besorgt für euch“ (1. Petrus 5,7).

    „Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zur rechten Zeit, (Jes 57,15; Hes 22,29; Mt 23,12), indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft! Denn er ist besorgt für euch.“ (1. Petrus 5,6.7).

    Die Aufgabe der Gemeindeleiter ist es, die Gemeindemitglieder auf „die rechte Zeit“ vorzubereiten. Es geht um eine Demutshaltung vor Gott und nicht um eine Demutshaltung vor anderen Menschen. Die Vermittlung von Sitte, Anstand und Moral hat dagegen keinen Wert vor Gott, wenn es nicht in eine Demutshaltung vor Gott einmündet. Darum sollten die Menschen vor jeder Gesetzlichkeit eher zurückschrecken als diese noch voranzutreiben. In diesem Sinne mein Ratschlag an alle Gemeindemitglieder: Vergesst nicht die Mahnung in Galater 6,12: „So viele im Fleisch gut angesehen sein wollen, die nötigen euch, beschnitten zu werden, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden.“

    Gnade und Frieden
    in Jesus

    Oliver

  4. Sehr interessant, Deine Gedanken zum „Hirten“. Ich finde auch, dass diese „Position“ völlig überbewertet ist. Mal ganz böse gefragt: kann es sein, dass das deshalb so ist, weil es bei diesem Dienst sehr viel um Macht, Selbstverwirklichung, Prestige geht? Und zwar ohne großen Aufwand für den Hirten! Ich frage das, im Wissen um viele Hirten, die diesen Dienst in aller Treue und Selbstaufopferung versehen – für die ich Gott danke. Und der Herr befiehlt Petrus auch: Weide meine Schafe, weide meine Lämmer! Aber ist das ein Auftrag Pastor zu sein? Ich bin selbst so in diesen Dienst rein gerutscht. Ich sehe meinen Auftrag aber darin, die Gemeinde zur Selbstständigkeit zu führen, dass sie eben irgendwann keinen Pastor mehr brauchen.Hirten werden wir immer brauchen, die Frage ist ob das ein Pastor sein muss.
    Tja, und die negativen Beispiele sind halt durch die ganze Kirchengeschichte hinweg auch vorhanden. Und ich habe da auch selbst schon viel Abschreckendes erlebt – fürchterliche Dinge, wo es eben um Macht, Prestige, Geld geht… Die ganzen Irrlehren in der Gemeinde Gottes – ich nenne nur mal das Health&Wealth Gospel – werden von „Hirten“ verbreitet zusammen mit hirtenden Propheten bzw. prophezeienden Hirten! Sie können das aber nur tun, weil ihnen die Gemeinde zu viel Macht einräumt.
    Herzliche Segenswünsche mit Jakobus5, 7.8
    Albrecht

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