Methoden der Bibelauslegung – Alle Kreter lügen

In Diskussionen über die wirkliche Bedeutung eines Bibeltextes kommt man unweigerlich auf die Frage: Mit welcher Methode legen wir die Bibel aus?

Diese Grundfrage steht wohl hinter den meisten Erkenntnisunterschieden.
Oft wird dann versucht, die Methode der Bibelauslegung wiederum der Bibel zu entnehmen. Ein etwas amüsanter Schachzug.
Aber wie sonst?!

Wenn es um die Auslegung der Bibel geht, dann gibt es unter uns Evangelikalen häufig diese Ansatzpunkte:
– Die Bibel hat sich selbst auszulegen.
– Die Bibel wird als das Wort Gottes angesehen.
– Es gilt die historisch-grammatikalische Auslegungsmethode.
– Usw.

Dennoch entsteht trotz größter Sorgfalt ein Spannungsfeld bei vielen Bibeltexten. Nicht jeder Text kann „sauber gelöst“ werden.

Ein schönes Beispiel ist der Text aus Titus 1,12 f.:
„Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Dieses Zeugnis ist wahr.“

Erstens taucht hier eine logische Spannung auf:
Wenn ein kretischer Prophet über die Kreter sagt, dass diese immer Lügner sind, wieso sollten wir dann ihm glauben?
Sei’s drum!
Wahrscheinlich ist er ein erleuchteter Kreter, der dann eben nicht mehr als Kreter identifiziert wird, sondern als Christ und damit von den kretischen Wurzeln gelöst wurde…mmh…

Zweitens wird hier eine recht krasse Aussage über ein Inselvolk getroffen:
Sie seien Lügner, böse Tiere und faule Bäuche.
Ist das tatsächlich gemeint?
Auf die Idee würde kaum einer kommen. Sofort meinen wir, dass die Worte „Tier“ und „Bäuche“ bildlich gemeint sind. Ist dann das Wort „Lügner“ auch bildlich gemeint?
Anders gefragt:
Mit welchem Recht bzw. welcher Methode kommen wir zu dem Ergebnis, dass in einem Satz sowohl wörtliche als auch sinnbildliche Elemente enthalten sind? Was gibt uns bibelintern die Berechtigung dazu?
Das mag nun überzogen klingen. Wenn es aber um die Methodik geht, sind das in der Tat die zu klärenden Fragen.

Ferner:
Ist es also göttliche Wahrheit, dass die Kreter so drauf sind?
Immerhin wird das hier klipp und klar gesagt. Und es gibt keine anderweitigen Aussagen in der Bibel dazu. Also müsste man die Titus-Aussage als absolut wahr ansehen und wenn wir den „ganzen Ratschluss Gottes“ verkündigen sollen, müsste das nicht auch mal in einer Predigtreihe auftauchen? Quasi „Was Gott uns schon immer mal über die Kreter vermitteln wollte“!
Auch das ist überzogen. Und doch: Wenn es um die Frage der Methodik geht, kann man sich an solch einer Bibelstelle die Hörner abstoßen.

Deutlich wird die Spannung vielleicht auch im Vergleich:
Es gibt (m.E.) sektierische Strömungen (Mormonen, Neuapostolen), wo sich Leute für die Toten taufen lassen. Ihre Grundlage ist 1.Korinther 15,29. Ein halber Vers. Die meisten Christen sind sich einig, dass das Humbug ist. Aber wieso?

Oder die Ansicht, dass Petrus der erste Papst gewesen sei und sich das Papsttum der RKK von ihm ableiten lasse. Grundlage? Ein Vers aus Matthäus 16,18.

Andere Verse werden wiederum oft unterschlagen.
Man denke an das Hände-Heben beim Gebet und Lobpreis (Ps 134,2; Neh 8,6; Kl 3,41; 1.Tim 2,8). Die „Charismatiker“ haben deswegen eine gestärkte Schultermuskulatur. Aber in etlichen „bibeltreuen“ Gemeinden sei das Hände-Aufheben ferne! Wieso wird ein so eindeutiger biblischer Befund ignoriert und andere, schwieriger zu verstehende Verse wie 1.Tim 2,12 ff. quasi als Gemeindeordnung statuiert und das Befolgen dieser Verse als „Gehorsamsfrage“ gegenüber Gott tituliert?

Sehr spannend das Ganze…

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2 Gedanken zu „Methoden der Bibelauslegung – Alle Kreter lügen

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