Warum sich die Evolutionsbiologie hier ein Bein stellt…

Wenn zwischendurch mal Zeit ist, z.B. parallel zum Frühstück, lese ich im Buch von Timothy Keller – „Reasons for God“. Ich habe schon manche Bücher auf dem Gebiet der Apologetik gelesen und einige Argumente tauchen immer wieder auf. Timothy Keller geht insgesamt einen Touch philosophischer an das Geschehen, was mir durchaus liegt.

Einen Gedankengang fand ich besonders reizvoll. Das ist der zum „Welterklärungsansatz“ der Evolutionsbiologie.
Timothy Keller kann durchaus mit der Evolutionstheorie leben, sofern sie bemüht ist, die Entwicklung des irdischen Lebens nachzuvollziehen.
Sobald aber versucht wird, mit Hilfe der Evolutionstheorie auf die Ebene der Metaphysik zu gelangen, kommt er zu diesen Folgerungen:

Einige Evolutionstheoretiker würden meinen, dass mit der Evolutionstheorie auch der Glaube an Gott erklärt werden könne.
Denn möglicherweise habe der Gottesglaube geholfen, zu überleben.
Deshalb sei er noch nicht wahr bzw. richtig. Aber da der Gottesglaube über Jahrtausende andauert, könnte er evolutionstechnisch einen Sinn haben.

Keller entgegnet darauf:
a) Gerade dann deute die Existenz des Gottesglaubens darauf hin, dass es einen Gott gibt.
Unsere Überlebenstechniken bezögen sich doch grundsätzlich auf Dinge, die existieren. So verspüren wir Hunger – und siehe da: es gibt Nahrung.
Wir empfinden Lust – und siehe da: es gibt Fortpflanzungspartner.
Wenn also eine Sehnsucht nach Gott vorhanden ist und diese Sehnsucht im Laufe der Menschheitsgeschichte nicht selektiert wurde, dann deute dies darauf hin, dass auch die Gottessehnsucht eine Entsprechung habe. Es gibt Sehnsucht nach Gott – also gibt es Gott.
Beachte: Keller versteht auch dies nicht als DEN schlagenden Beweis. Aber sehr wohl als ein Indiz, das im Zusammenklang mit vielen anderen Indizien ziemlich stark für die Existenz Gottes spricht.

b) Einige Evolutionstheoretiker würden nun einwenden: „Ja, aber nur weil der Gottglaube möglicherweise zum Überleben beiträgt, muss er noch längst nicht wahr sein!“
Keller nutzt diesen Einwand, um den Ball zurück zu werfen:
Dann müsse die Möglichkeit der Unwahrheit auch für die Evolutionstheorie selbst gelten.
Eben so gedacht:
Es könnte sein, dass der Gottglaube nur vorübergehend relevant ist und irgendwann selektiert wird. Noch diene er also zum Überleben. Da er sich aber nicht auf ein reales Objekt/Subjekt bezieht, müsse er irgendwann irrelevant werden.
Das Gleiche kann man dann von der Evolutionstheorie sagen:
Momentan erfüllt sie vielleicht einen Zweck. Aber sie könnte sich ebenso auf Vorgänge beziehen, die es so nicht gibt, weshalb sie irgendwann irrelevant werden kann.
Keller drückt es so aus:
„… wenn unser Verstand uns nicht die Wahrheit über Gott sagt, warum sollte er uns dann über irgendwas anderes, einschließlich der Evolutionswissenschaft, die Wahrheit sagen?“*

Die Schlussfolgerung von Keller ist die:
Entweder, wir können uns weitgehend auf das verlassen, was uns unser Gehirn über Gott sagt. Weil es etliche Indizien für die Existenz Gottes gibt, ist es also naheliegend, dass es wirklich einen Gott gibt.
Oder, wir können uns weitgehend nicht auf unseren Verstand verlassen. Dann muss auch die Evolutionstheorie grundsätzlich angezweifelt werden.

Schließlich zitiert Keller den Philosophen Plantinga:
„Menschen wie Dawkins behaupten, dass es einen Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion gibt… doch in Wirklichkeit besteht der Konflikt zwischen Wissenschaft und Naturalismus… Wenn wir von einer ungesteuerten Evolution ausgehen, ist es ebenso wahrscheinlich, dass wir in einer Art Traumwelt leben, wie dass wir etwas über uns und unsere Welt wissen.“**

—-
*S.171, Timothy Keller, „Warum Gott?“, Brunnen-Verlag,  2010 Gießen
** S.172

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4 Gedanken zu „Warum sich die Evolutionsbiologie hier ein Bein stellt…

  1. Interessant. Abgesehen davon gilt auch: Die Evolutionstheorie bezieht sich auf naturwissenschaftliche Aussagen. Daher sollte man sie auch naturwissenschaftlich betrachten. Und leider fällt sie nur aufgrund von zahlreichen naturwissenschaftlichen Argumenten an zahllosen Stellen durch. Das ist nur leider ziemlich unbekannt. Denn das Dogma, die Evolutionstheorie (keiner weiß so RICHTIG, welche Aussagen so so macht) sei wahr, ist sehr stark geworden. Den reinen Menschenverstand angestrengt (und ich bin überzeugt, der wird sich durchsetzen), wird man sich eines Tages wundern, dass man so abstruse Thesen vertreten konnte.

  2. Also ich weiß nicht, aber ich finde die christliche Seite muss sich schon den Schuh anziehen, einen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Religion konstruiert zu haben. Gerade Leute, die mit der Brechstange versucht haben ihre Interpretation der Genesis an die Stelle der Naturwissenschaften zu setzten haben diesen Konflikt erst entstehen lassen. Dass Leute wie Dawkins auf Sachen wie den Affenprozess sauer sind, ist nicht falsch. Auch seine Attacken – Hitchens war da weitaus eloquenter – auf die Doppelmoral und das Spießbürgertum einiger Christen ist ein Brett, was man fangen muss. Sie haben einfach oft Recht.
    Leider ist eben einer der Knackpunkte, dass nur wenige sich mit Wissenschaftstheorie und -Methoden auseinandersetzten. Gerade die selbsternannten christlichen Apologeten tun das nicht und arbeiten mit Verkürzungen und Polemik, dass sie so Counterparts geradezu herbei reden, müssen sie sich selber zuschreiben.
    Beispiel: Während ich Bio studierte wurde ich von einem evangelikal angehauchten Sozpäd-Studie zu einer Veranstaltung eingeladen, in der ein Creationist versuchte die Evolutionstheorie zu wiederlegen. Erster Haken war, dass das was er als Evolutionstheorie beschrieb stellte nicht dem Stand der Wissenschaft in diesem Bereich dar und hatte oft auch nichts mit der ursprünglichen Evolutionstheorie zu tun. Es waren für mich anstrengende anderthalb Stunden in denen er einen Unsinn nach dem anderen der Evolutionstheorie unterschob. Angefangen von der Satz, die Evolutionstheorie würde Lehren, dass der Mensch vom Affen abstamme bis zu dem „Beweis“, dass Mutation immer nur den Verlust von Genen und deren Eigenschaften verursachen würde. Ich war der einzige Naturwissenschaftler im Raum und ich war am Ende des Sermons so richtig sauer und hab dem entsprechend bei der Fragerunde vom Leder gezogen. Nach drei gezielten Fragen war klar, dass er weder Darwin noch Dawkins gelesen hatte und überhaupt nicht wusste was beide so in ihren Büchern vertraten. Nach weiteren drei Fragen war offensichtlich, dass er für seine „Beweise“ keine Testreihen, Versuchsbeschreibungen etc. vorweisen konnte. Dabei sollte man doch wissen, dass gerade in der Naturwissenschaft, die Frage nach den Bedingungen unter denen man Erkenntnisse gewinnt sehr, wichtig ist. Nachdem er bei einer Frage über die Proteinbiosynthese ins Schleudern kam (Kindergarten-Wissen für einen Biologen), war meine letzte Frage nur wo er denn seinen Abschluss gemacht hätte. Es stellte sich heraus, dass er selber eben kein Naturwissenschaftler war. Schade. Wirklich. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in die Verlegenheit gerate Dawkins – wie ich finde sehr emotionalen – „Blinden Uhrmacher“ zu verteidigen. Man hätte besser daran getan sich mit Francis Collins Kritik an Dawkins zu beschäftigen ( der Mann, der ganz weit vorne bei der Erforschung von genetischen Erkrankungen wie Mukoviszidose und Chorea Huntington war), als sich über eine Stunde popular- bzw. pseudo-wissenschaftlichen Müll und Trash-Theology anzuhören.
    Ich für meinen Teil fand z.B.Teilhart de Chardin bzw. Henri de Lubac zum Thema Glaube und Wissenschaft geschrieben haben, sehr erhellend. Okay, der Aquinas darf man bei der Sache nie vergessen. Wo dann auch der 2. Knackpunkt liegt. Der Neue Atheismus ist nicht neu, das ist ein alter Hut, nur fehlt häufig auf christlicher Seite die klassische Grundbildung, sonst würde es mehr Leuten auffallen. Viele der Thesen sind so alt, mit der De Amicitia könnte man schon Punkte dagegen sammeln.
    Mir gehen beide Seiten der Talking Heads in dieser Sache ziemlich auf den Nerv. Die einen vertreten einen Gottesglauben, den ich nicht nachvollziehen kann, die anderen eine Wissenschaftsgläubigkeit, die mM nach nicht weniger naiv ist. Wie man überhaupt Naturwissenschaften und Theologie in Konkurrenz setzten kann ist mir schleierhaft.

    • Anfänglich hatte ich mich als Laie und mit Laienart mit einigen Grundthesen der Evolutionstheorie und der Schöpfungstheorie auseinander gesetzt, bis ich gemerkt habe, dass das ein Kampffeld ist, bei dem wenig bis nix zu gewinnen ist, eben weil viele dabei das verbale Maschinengewehr zücken.
      Also, habe ich irgendwann die Hände davon gelassen – zumal es idR. den Glauben nicht gefördert hat.

      Was mir aber bei Keller gefällt, ist, dass er nicht polemisch ist, sondern die Evolutionstheorie als wissenschaftliche These akzeptiert. Er zieht allerdings dort die Grenze, wo die Naturwissenschaft versucht, ein metaphysisches Weltbild zu formen. Im Gegenzug gilt das natürlich auch: Allein mit dem biblischen Text kann ich kaum Naturwissenschaft betreiben.

      M.E. sind die Fragestellungen völlig andere:
      Der Glaube versucht, nach dem Sinn des Ganzen zu fragen und geht letztlich über unsere 5 Sinne hinaus.
      Die Naturwissenschaft versucht, mit Hilfe unserer 5 Sinne diese Welt zu beobachten und Arbeitshypothesen zu formulieren.

      Das sind recht unterschiedliche Arbeitsfelder, die sich eher befruchten können, als dass sie im Gegensatz zueinander stehen.
      Die Geschichte der Wissenschaft im christlichen Abendland beweist das schließlich: es gab und gibt genügend Naturwissenschaftler, die Christen sind.
      Mancher Christ hatte vielleicht auch deswegen das Interesse daran, diese Welt zu erforschen, weil er davon ausging, dass es einen Sinn in dieser Welt und ihren Gesetzmäßigkeiten gibt.

  3. Pingback: Du wirst gefressen oder die Frage nach der Moral | berlinjc

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