Die Systemkrise

Ich kann es nicht.
Ich kann nicht all die Informationen zur EU-Krise, Euro-Krise, Finanz-Krise, Wirtschafts-Krise, Politik-Krise der letzten Jahre hier auftischen. Aber meinen Senf dazu geben, schon.

Mir geht es so:
Ich lese mittlerweile eher selten die neuesten Krisen-Nachrichten. Denn meine Laune wird dadurch nicht besser. Stattdessen schwanke ich zwischen Dankbarkeit und Sorge. Dankbarkeit, dass es mir materiell wirklich gut geht und mein relativer Wohlstand noch einige Zeit anhalten wird. Dabei ist mein Lohn nicht bombig. Aber ich habe Nahrung, eine Wohnung, Kleidung und kann mir auch mal ein „Extra“ leisten. Ganz egoistisch kann ich sagen: Mir geht’s gut!
Allerdings mischt auch die Sorge mit. Es geht dabei nicht nur um meinen individuellen Wohlstand. Es geht mir mehr um die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Es geht um die Einstellung der Menschen. Es geht um Themen wie „Zusammenhalt“ und „Zukunft“.

In der Krisen- und Mediendiskussion vermisse ich die Beleuchtung grundlegender Prinzipien. Ich vermisse das Hinterfragen unseres Systems. Mir reicht es nicht, sich oft nur punktuell auf mehr oder weniger starke Entwicklungen zu konzentrieren.

Ich frage:
Wo ist denn die Vision für unsere Gesellschaft?
Ob es nun um Deutschland geht oder ganz Europa… ich höre und lese viel von umstrittenen Notfallmaßnahmen, deren positive Wirkungen mehr erhofft werden als wirklich berechnet werden. Aber gibt es da jemanden, der eine Vision zeichnen kann, die zum Zusammenhalten, Durchhalten und Erfolge feiern führt?
Oft schaue ich dann auf die Politik. Doch entweder transportieren die Medien solche Visionen nicht oder es gibt kaum einen Politiker, der sich darüber öffentlich Gedanken macht. Vielleicht müssen wir auch in andere Bereiche blicken: Gibt es andere Gesellschaftsebenen, in denen wir Ansätze einer solchen Vision finden können?

Ich frage:
Wozu und wem dient denn die Politik?
Nach meiner Einschätzung haben viele Menschen die Schnauze von der Politik voll. Ich kenne kaum jemanden, der gut über das Engagement der Politiker redet. Ich habe da auch meine Kritik und doch möchte ich nicht in der Haut eines Politikers stecken. Wir können froh sein, dass andere bereit sind, sich in dieses Haifischbecken hineinzubegeben.
Wir bräuchten Leute, die den Sinn von Politik vermitteln können, damit die Motivation an der gesellschaftlichen Mitgestaltung steigt.

Ich frage:
Wollen wir eigentlich das jetzige Finanzsystem?
Wer sich die Nachrichten über die Börsen, Kursentwicklungen, EZB-Entscheidungen oder den ESM durchliest, muss den Eindruck gewinnen, als müsste hier ein lebendiges Wesen besänftigt werden. Als müsste man einem Geld-Gott dienen, der ganz schnell verschnupft reagieren kann. Also opfert man mal eben nationale und demokratische Prinzipien und setzt sogar das Bundesverfassungsgericht unter Druck, damit sie auch ja eine Entscheidung zu Gunsten des Geld-Gottes treffen.
Ich vermisse hier eine breite Diskussion über den Sinn unseres Geld-Systems. Wie hilfreich ist dieses System? Wie weit dürfen wir mit den Zinsen rauf- und runtergehen? Oder sind Zinsen überhaupt hilfreich?
Und letztlich mag es eine Diskussion über unser Gesellschaftssystem werden und über die Werte, die uns wichtig sind.

Stattdessen lese ich davon nur wenig.
Das geschieht nicht in den Mainstream-Medien. Und ob unsere Entscheidungsträger Zeit für solche Gespräche haben, bezweifle ich.
Doch, wenn wir uns die Zeit nicht nehmen, um grundsätzlich über
– die Vision,
– die Politik,
– das Geld- und Gesellschaftssystem
zu reden, werden uns andere Mächte regieren.

Die Folgen können dann tatsächlich dramatisch sein:
– Auch hierzulande eine wachsende Kluft zwischen materiell Reichen und Armen;
– Damit eben: Altersarmut als Normalfall; Stärkung einer Organspendemafia und zunehmende Prostitution von Körper, Seele und Geist, um sich durchzuboxen usw.;
– Eine zunehmende Radikalisierung quer durch alle Schichten: religiös, politisch, sozial; irgendwann vielleicht auch in Deutschland mit Straßenkämpfen.
– Survival of the fittest: wer in irgendeiner Hinsicht stärker ist, wird Recht bekommen.
– Eine EU-Diktatur, die sich notfalls militärisch Recht verschafft.

Wenn wir uns aber Zeit für die Erörterung der basics nehmen, um ansatzweise langfristig-wirksame Entscheidungen treffen zu können, haben wir die Chance, eine europäische Gesellschaft zu bilden, in der es um den Zusammenhalt geht. Es wird dann ein Zusammenhalt sein, der nicht „von oben“ erzwungen ist, sondern dem Willen der Mehrheit entspricht. Wir brauchen diesen Konsens, wenn wir keine Zersplitterung und „Grabenkämpfe bis zum Untergang“ erleben wollen.
Das ist ein harter Weg. Denn Europa ist historisch auch viel von Kriegen und politischen Schlachten geprägt. Ein Zusammenstehen ist nicht der Normalfall.

Ich glaube dennoch, dass das Potential für eine positive Gestaltung vorhanden ist.
Wir brauchen nur jemanden, der diesen Prozess einläutet und begleitet.

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Ein Gedanke zu „Die Systemkrise

  1. Schön gesagt. Leider sieht die Situation ein Jahr später nicht besser aus. Es gibt natürlich Visionen, gerade im Bereich Finanzsystem, die werden aber nicht ernst genommen. Die meisten Menschen sehen die Dringlichkeit für Veränderung wohl erst, wenn sie selbst in Schwierigkeiten geraten. Und dann hat man Mitleid mit ihnen anstatt ihnen zuzuhören…
    Aber ich hoffe noch 😉

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