Glaube im Kreuzverhör – Gott und das Leid

Folgende Gedanken sind weitgehend dem Buch „Glaube im Kreuzverhör – Ein Journalist hinterfragt das Christentum“ von Lee Strobel entnommen (Projektion J Verlag, 2001 – Gerth Medien GmbH, Asslar, 2.Aufl. 2002) und teilweise von mir ergänzt:

Wie kann Gott das Böse zulassen?
Die übliche Argumentation ist die:
Wenn Gott wirklich Liebe ist, dann würde Er gegen das Böse vorgehen.
Da es aber Böses gibt, ist dieser Gott entweder nicht liebevoll oder nicht allmächtig.
Im Umkehrschluss: Wenn es einen Gott gibt, dann ist dieser entweder grausam, gleichgültig oder nicht allmächtig.

Wie reagieren wir als Christen auf diesen Gedanken?
Zuerst nicht intellektuell.
Denn wenn das Böse bzw. das Leid wirklich im Leben zuschlagen, dann brauchen die Betroffenen praktische Hilfe und Trost. Intellektuelle Probleme stehen bei Schicksalsschlägen oft hinten an. Es sind weniger „kluge“ Antworten benötigt, sondern tatsächliche Hilfen.

Wenden wir uns dem Thema nun aber intellektuell zu.
a) Unser Wissen und Verständnis sind begrenzt.
Wir Menschen wissen nicht alles und verstehen nicht alles.
Was aber wäre, wenn dieser Gott ALLES Wissen hat und ALLE Zusammenhänge sieht?
Dann muss die Option bestehen, dass dieser Gott auch andere Situationen zulässt, als wir es täten.

Beispiel:
Ein kleines Kind mag denken: „Süßigkeiten sind gut! Denn Süßigkeiten schmecken gut! Spinat ist schlecht, denn Spinat schmeckt nicht!“
Ein Erwachsener weiß aber: Süßes kann dick machen, kann Zähne beschädigen, kann Krankheiten begünstigen. Spinat aber enthält wichtige Elemente, die für die Gesundheit relevant sind. Deshalb kann es gut sein, wenn das Kind zum Mittagessen auch Spinat isst.

Man könnte auch an einen Zahnarztbesuch denken. Ein Kind – und auch mancher Erwachsene – bringt damit nur Leid in Verbindung. Alles ist unangenehm. Der Geruch. Die Geräusche. Die Spritze. Das Zähneziehen. Dennoch lassen wir das zu, weil wir wissen (oder zumindest hoffen), dass die Zahnarztbehandlung letztlich helfen wird.

Simple Beispiele, die nicht das Leid relativieren sollen. Aber sie sollen den Unterschied in Sachen „Wissen & Verständnis“ deutlich machen.
Insoweit ist es intellektuell arrogant, wenn wir meinen, dass Leid prinzipiell schlecht sei. Intellektuell geradlinig ist vielmehr das: Es ist gedanklich und praktisch möglich, dass Leid wegen des Guten geschehen muss.

b) Es geschieht auch Gutes.
Der Spieß kann auch umgedreht werden: Weshalb geschieht so viel Gutes?
Weshalb haben viele Menschen Nahrung und können überleben?
Weshalb gibt es zwischen zig Nationen Frieden oder wenigstens Waffenstillstand?
Wieso geschehen manche Unfälle nicht?
Weshalb stirbt nicht jeder an Krebs?

Um Ausgewogenheit in die intellektuelle Erörterung zu bringen, muss das Gute auch in Betracht gezogen werden. Wieso lässt Gott so viel Gutes zu?
Wer das Leid als Argument gegen Gott benutzen will, muss ebenso das Gute als Argument für Gott gelten lassen.

c) Die Vorstellung von Leid kann auch ein Indiz für Gott sein.
Wenn wir von „Bösem“ und „Gutem“ reden, dann kategorisieren wir. Wir definieren, was schlecht und was gut ist. Ob diese Definition immer stimmig ist, mag dahingestellt sein.
Aber es zeigt das: Wir haben eine Vorstellung von „gut“ und „böse“.
Wir haben eine Vorstellung von dem, wie es eigentlich sein sollte.
Und wir erfahren, dass es phasenweise sogar den Zustand des „Guten“ gibt: alles läuft glatt, wir sind gesund, das Geld reicht, Menschen meinen es gut mit uns usw.
Wir reden also von einer Vorstellung des „Höchsten Guten“. Man könnte dazu auch „Gott“ sagen.
Anders überlegt: Wenn es keinen Gott gibt, woher nehmen wir dann die Vorstellung vom Guten und Bösen? Wenn es eine rein menschliche Definition wäre, dann wäre diese Definition beliebig. Mancher würde fest überzeugt sein, dass ein Mord schlecht ist. Andere würden sagen, dass ein Mord gut ist. Doch sind diese Begriffe wirklich austauschbar? Sind „gut“ und „böse“ wirklich beliebig definierbar?
„Gut“, dass unsere Wirklichkeit unser Denken korrigieren kann!
Sogar diejenigen, die einen Mord für gut erklären, wollen nicht ermordet werden. Letztlich kommen sie eben auch darauf: Ein Mord ist nicht gut.
Selbst, wenn sie einen Mord wertemäßig relativieren (z.B.: Wäre die Ermordung eines Mörders ein guter Mord?), bliebe der Kern, dass ein Mord prinzipiell schlecht ist.
Diese „Antenne“ für „gut“ und „böse“ scheint uns implantiert zu sein: kulturübergreifend.
Die Frage ist: Woher kommt dieses Bewusstsein?

Eine Möglichkeit bietet die Evolutionstheorie. D.h.: Damit der Mensch überlebt und sich weiterentwickeln kann, hat die Evolution dieses Bewusstsein geschaffen. Doch seitdem es Leben gibt, scheint es Krankheiten und Tod zu geben. Seit es Menschen gibt, scheint es noch viele andere schlechte Dinge zu geben. Und wiewohl sich die Menschheit technisch weiterentwickelt hat, ist das Leid nicht weniger geworden.
Man muss also kritisch fragen: Wenn gemäß der Evolutionstheorie alles nach Verbesserung strebt, müssten wir dann über die Jahrtausende dem Guten nicht mehr entgegengekommen sein? Müsste das Leid nicht weniger geworden sein?
Statistisch mag das nicht fassbar sein, aber der Eindruck ist der: Für den Menschen haben sich die technischen Möglichkeiten erweitert, Gutes und Schlechtes zu tun. Aber das Leben ist nicht weniger leidvoll geworden.
Somit ist es fraglich, ob die Evolutionstheorie hier weiterhilft.
Ein anderer Erklärungsansatz ist eben der: Eine höhere Intelligenz hat uns das Bewusstsein von Gutem und Bösem vermittelt.

d) Gottes Allmacht und unseren Willen verstehen.
Manche wenden das Vorhandensein von Leid an, um gegen die Allmacht Gottes zu argumentieren. Wir können aber zugespitzt sagen: Weil Gott allmächtig, kann Er bestimmte Dinge nicht tun! Zum Beispiel kann Er Seine Allmacht nicht beschränken.
Oder Er kann das Gute nicht Böse machen. Oder Er kann sich nicht „wegmachen“.
Oder das klassische Beispiel: Er kann keinen Stein produzieren, der so schwer ist, dass Er ihn nicht heben könnte!
Wenn wir also von Gottes Allmacht reden, dann beinhaltet das zugleich die Erkenntnis, dass Allmacht keine Beliebigkeit ist, sondern auf einer bestimmten (logischen) „Schiene“ läuft.

In Seiner Allmacht hat Er dem Menschen Entscheidungsfreiheit gegeben. Es mag vieles geben, was unsere Entscheidungen beeinflusst. Und dennoch entscheiden wir.
Gott will, dass wir entscheiden können. Damit musste Er aber auch die Möglichkeit schaffen, dass wir uns gegen Ihn und für das Böse entscheiden können.
Hätte Er diese Möglichkeit ausgeschlossen, wären wir Roboter. Wir könnten nur Gutes tun. Das würde aber Liebe begrifflich ausschließen. Denn Liebe erfordert Freiheit zur Entscheidung. Alles andere ist Zwang, Manipulation bzw. Programmierung. Vielleicht wäre das sogar ein Vorgeschmack auf die Hölle: ein Leben ohne Freiheit.
Da Gott laut Bekenntnis der biblischen Verfasser Liebe ist, musste Er also Wahlfreiheit lassen und somit auch die Möglichkeit, dass wir Böses tun können.
Es gibt also Böses auch deshalb, weil Gott unsere Entscheidungsfreiheit respektiert.

e) Gott ist gut – und das Leid.
Wir erfahren Leid und dabei fällt es mitunter schwer, an den „guten“ Gott zu glauben.
Prinzipiell muss auch hier gefragt werden: Was ist „gut“?
Für unsere Kinder mag es leidvoll sein, jeden Tag zur Schule zu gehen und Hausaufgaben zu machen. Wir nehmen ihnen das nicht ab, obwohl wir unsere Kinder lieben.  Oder die Sache mit dem Zahnarzt: Er fügt uns per Spritze und Bohrer Schmerzen zu. Dennoch meint er es gut (so hoffen wir doch, oder?).
Es kann also sein, dass Gott Leid zulässt und dennoch gut ist und uns liebt.

Zudem beobachten wir das:
Wir lernen durch Fehler.
Ein Kind, das laufen lernen will, wird einige Mal hinfallen. Üblicherweise wird es so in seinem Gleichgewichtssinn gestärkt.
Es kann somit Leid geben, von dem wir schließlich profitieren. Das Leben ist angenehmer, wenn wir nicht jahrzehntelang krabbeln müssen, sondern laufen und rennen können.

f) Gottes Gerechtigkeit und Gnade.
Es gibt genügend schreckliche Erlebnisse im Leben. Und mit ganzem Herzen stellen wir die Frage: Warum schafft Gott hier keine Gerechtigkeit?
Besser wäre allerdings diese Frage: Wann schafft Gott Gerechtigkeit?
Denn laut Bibel wird der Tag kommen, an dem Gott Gerechtigkeit spricht.
Es kommt der Tag, an dem die Übeltäter zur Rechenschaft gezogen werden.
Manchmal können wir beobachten, wie das schon zu Lebzeiten geschieht: Der Verbrecher wird geschnappt und in das Gefängnis gesteckt. Der Diktator, der Tausende von Leben auf dem Gewissen hat, wird vor das Kriegsgericht gestellt. Die Lüge des Gauners kommt an das Licht.
Nur, weil wir den „Roman des Lebens“ nicht zu Ende gelesen haben, heißt es nicht, dass es nicht zur ausgleichenden Gerechtigkeit kommen würde.
Ebenso sagt das biblische Zeugnis, dass Gott gnädig ist. Manchmal übt Er nicht sofort Gerechtigkeit aus, sondern ist selbst gegenüber dem Übeltäter gnädig und gibt ihm eine neue Chance.
Diese Gnade gilt auch uns: Auch unser Fehlverhalten wird nicht immer und sofort bestraft. Nicht auf jede Lüge und jeden Neid-Ausbruch gibt es einen himmlischen Stromstoß. Natürlich wollen wir Gerechtigkeit. Aber wir leben von der Gnade.

g) Leid an guten Menschen.
Wir kommen wieder zur Definitionsfrage: Was ist „gut“?
Welchen Maßstab legen wir an?
Ist jemand gut, weil er sich für den Umweltschutz engagiert?
Aber was ist, wenn der Umweltschützer seine Frau betrügt?
Ist jemand gut, weil er sich um Ärmere kümmert?
Aber was ist, wenn dieser Diakon im Streit mit seinen Eltern lebt?
Oder da ist der Humanist, der sein Leben für andere Menschen einsetzt – und doch hat er vor ein paar Jahren den Bleistift aus der Firma mitgehen lassen und hat seinen sterbenskranken Bruder nicht besucht, obwohl es diesen zutiefst getröstet hätte.
Gemäß der Bibel gibt es keinen guten Menschen.
Stattdessen gibt es Menschen, die Gutes und Schlechtes tun können – aber allzu oft genügend Schlechtes tun bzw. das Gute unterlassen.
Und wenn Gottes Maßstab der völligen Liebe angesetzt wird, wird schließlich jeder schuldig. Denn wir lieben unser Ego mehr als andere Menschen.
Biblisch formuliert: Alle sind Sünder (= Menschen, deren Leben nicht das Wesentliche trifft). Und damit würden alle Menschen göttliche Strafe verdienen.
Leid trifft ziemlich oft nicht unschuldige Menschen.

h) Gott ist mitverantwortlich.
Allerdings ist es konsequent, festzuhalten, dass Gott für diese Welt und ihr Leid mitverantwortlich ist. Zwar können wir Ihm nicht den menschengemachten Krieg in die Schuhe schieben. Das wäre zu billig. Selbst manch unfaire Wirtschaftsstrukturen, die einzelne Länder auf Kosten anderer leben lassen, sind nicht von Ihm verordnet, sondern sind menschliches Werk. Aber Gott hat durch Sein Festhalten an der menschlichen Freiheit den Weg dafür geebnet, dass solches Leid möglich ist.
Nun hat Er sich aber nicht zurück gelehnt und die Menschen ihrem Schlamassel überlassen. Stattdessen bezeugt die Bibel zweierlei:
– Gott schafft punktuell Gutes, indem Er manches Leid verhindert, indem Er manches Leid eingrenzt, indem Er Gerechtigkeit schafft, indem Er mitunter einfach beschenkt.
– Gott sandte Seinen Sohn Jesus Christus, um den Menschen Frieden und Versöhnung zu geben. Am Kreuz trug Er den Todespreis und die Schmerzen der Welt.
Das sind Gottes Antworten.
Gott antwortet auf unser Leid somit nicht intellektuell, sondern sehr persönlich. Durch Jesus will Er den Trauernden nahe sein und Trost geben.

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3 Gedanken zu „Glaube im Kreuzverhör – Gott und das Leid

  1. Hi!

    Interessante Gedanken, aber an vielen Stellen greifen sie mir zu kurz:

    zu a): Wenn wir den Verstand bei diesen Fragen an der Gardarobe abgeben sollten, dann hätte Gott uns nicht mit dieser Fähigkeit ausgestattet. Ein Hund und eine Möwe nehmen die Dinge einfach so hin. Dass du so einen langen Artikel mit Gedanken zu dem Thema verfasst zeigt ja schon, dass das Bedürfnis zur intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Thema tief in uns drin steckt. Einfach zu sagen: „Wir wissen halt nicht alles“ empfinde ich als zu einfach.

    Der andere Gedanken klingt bestechend, nänlich dass (subjektiv) Schlechtes um des guten Resultats willen geschieht. Das Problem: Es gibt Leid, das zum objektiv Besseren führt. Aber es gibt eben auch Leid (und das ist wahrscheinlich die Mehrzahl), das erstmal einfach nur sinnlos ist. Das dürfen wir nicht ausblenden.

    zu c): Richtig, die Antenne ist uns eingebaut. In der Evolutionstheorie allerdings sind die Kräfte nicht ausgelegt auf die Entwicklung zum Besseren hin im Sinne der moralischen Kategorien von „gut“ und „böse“, sondern nur im Sinne von „stark“ und „schwach“. Es ist schwierig, hier der Evolutionstheorie einen Seitenhieb verpassen zu wollen (so empfinde ich den Absatz zumindest), weil die Evolutionstheorie gar nicht in diesen Kategorien denkt. Es geht nur darum, dass sich der stärkere Organismus durchsetzt. Auch wenn sich durch natürliche Selektion also alles immer alles weiter entwickelt und „besser“ wird, hat das keine Bedeutung für die Frage nach Gut und Böse.

    zu d): Beim Thema Allmacht sind unserem Verstand Grenzen gesetzt. Offensichtlich gelangen wir da an eine Stelle, wo wir mit unserer Erfahrung und Logik nicht mehr weiter kommen. Das ist zum Beispiel auch bei der Frage nach der Herkunft des Universums so. Niemand kann (bisher) wirklich eine Erklärung dafür liefern, wie es entstanden ist. Niemand kann erklären, woher die Materie und die Energie für den Urknall kam. Niemand kann sagen, woher Gott ist. „Er war schon immer“ ist keine befriedigende Antwort für unser Gehirn, weil es dafür keine Windungen hat.

    zu f): Gottes Gerechtigkeit besteht eben nicht daraus, dass der Verbrecher geschnappt und ins Gefängnis geworfen wird. Gottes Gerechtigkeit besteht daraus, dass wir einander vergibt und er uns vergeben hat, bevor wir ihn kannten.

    zu g): Ich finde es schwierig, Leid latent als Strafe Gottes zu definieren.

    Ich habe vor einiger Zeit selbst ein paar (unfertige) Gedanken zu dem Thema verfasst, vielleicht eröffnen sie noch einmal eine etwas andere Sicht darauf: http://www.aufnkaffee.net/2012/09/ein-neuer-antwortversuch-auf-die-klassische-frage-warum-lasst-gott-leid-zu/

    Liebe Grüße,
    Rolf

    • Hi!

      Vielen Dank für Deine Gedanken dazu. Ich sehe das Thema auch nicht als eines an, auf das es nur befriedigende Antworten gibt. Es werden immer Fragen bleiben, manche Antworten sind schwächer, andere stärker, manchmal sind es nur Denkanstöße. Deshalb vielen Dank für Deine Ergänzungen oder Korrekturen.

      – In der Praxis begegnet es mir oft so: Wer mitten im Leid steckt, stellt selten die „Warum Gott“-Frage. Diese Frage kommt manchmal danach oder wirklich von Leuten, deren Leben nicht sonderlich leidvoll ist. Damit soll der Intellekt natürlich nicht beiseite geschoben werden. Manchmal mag es auch eine Frage der „Qualität“ des Leidens sein: Wer droht, in einem reißenden Fluss unterzugehen, wird kein intellektuelles Problem haben, wer aber seit Tagen hungert, schon eher. Ich hoffe, Du verstehst, was ich meine.
      Für mich ist es ja auch eine Frage nach dem Wesen Gottes und damit durchaus existentiell.

      – Welches Leid sinnvoll ist oder zum Guten führt, weiß ich auch nicht. Ich will mich nicht hinstellen und das im Einzelfall beurteilen. Es ist halt nur eine Option, auf manches Leid schauen zu können.

      – In der Tat: Manchmal kann ich mir den Seitenhieb auf die Evo.-Theorie nicht verkneifen. Eine Frage, die ich auch versuchte anzudeuten, ist ja die: Wie wird im Rahmen der Evo.-Theorie erklärt, dass die Menschen das Konzept von „gut“ und „böse“ haben? Und wieso haben wir die Begriffe nicht gegen „stärker“ (=gut) und „schwächer“ (=schlecht) ausgetauscht? Wäre das im Sinne der Evo.-Theorie nicht folgerichtig? Ein Ansatz könnte sein, eben dieses „Gut-Böse-Konzept“ als Fehlentwicklung abzutun, die eigentlich selektiert werden müsste. Oder macht es den Menschen stärker, dieses Konzept zu haben? Eher nicht bzw. je nach Definition von „gut“ und „böse“… wenn ich mir vorstelle, wie jemand um seine überlebenswichtigen Ressourcen ringen muss, dann aber ebenso davon geprägt ist, dass es gut ist, zu teilen und schlecht ist, andere wegen der Ressourcen umzubringen, dann wird diese Person geringere Überlebenschancen haben, weil sich im Zweifel der Stärkere zur Not auch mit Gewalt durchsetzen wird. So kann das Konzept von „gut“ und „böse“ zum Hemmschuh für das Überleben werden und scheint für die Weiterentwicklung nicht sonderlich geeignet zu sein. Also: Woher kommt dieses Konzept?

      – Wie ich Gerechtigkeit Gottes verstehe, hat sie mehrere Ebenen:
      Auf jeden Fall die, die Du erwähnst – Gerechtigkeit als Beziehungsbegriff. Wer steht „richtig“/“recht“ vor Gott und Menschen? Da spielt die Vergebung wesentlich rein.
      Gerechtigkeit hat m.E. auch mit „Recht schaffen“ zu tun. Dazu gehört dann auch die Bestrafung des Täters, in welcher Weise auch immer. Seine Taten haben Folgen, die schließlich ihn selbst treffen werden.
      M.E. ist die Deutung vom biblischen Kontext abhängig.

      – Leid als Strafe… ja, schwierige Kiste. Mir ist der Gedanke unsympathisch. Andererseits kann ich manche Beschreibungen im AT kaum anders verstehen: das Volk Israel wendet sich strikt von Gott ab und damit von Seinen Weisungen. Schließlich gibt Gott Sein Volk den Feinden preis, die ziemlich brutal vorgehen. Das ist nicht nur der Klaps auf den Hintern mit dem Wunsch, dass sich das Volk bessern möge. Das waren vernichtende Schläge, die für mich kaum ein „Heilungs- und Besserungspotential“ erkennen lassen. Ich klammere das gerne aus, aber wie soll man das sonst erklären?

      Danke für den Link… werde ich mir anschauen!

      Alles Gute!

  2. Steile These, die sehr vereinfacht ist, aber dafür nicht ganz falsch ist.
    Die rezente Art hat Recht, sagt die Evo-Theorie und die Natur sortiert in der Tat nach oberflächlich anderen Parametern als wir. Zu den rezenten Arten gehören aber eben nicht nur Löwen, sondern auch Ameisen und Coli-Bakterien genau so wie der Mensch. Geht man von einer Art egoistischem Gen aus, so sind Kategorien wie Gut und Böse leicht erklärbar. Wir Menschen sind nämlich nur in einer einzigen Disziplin unschlagbar. Wir sind dadurch so unglaublich überlegen, dass wir zur dominaten Spezies aufgestiegen sind. Wir sind spezialisiert auf Kooperation und zwar innerhalb unserer Art und art-übergreifend. Und unsere Gene wollen unseren Erfolg. Sie wollen nämlich noch in der nächsten Generation in rezenten Phänotypen vertreten sein. Aus dem Blickwinkel der Evolutionstheorie ist die Hilfe und das Mitleid, was wir für in Not geratene Artgenossen empfinden bzw. leisten, genau so ein evolutionärer Vorteil wie die hohe Bewegungsgeschwindigkeit es für eine Antilope ist. Denn diese Artgenossen sind träger der einer Vielzahl der selben Gene. Daher schützen wir und auch viele andere Lebewesen nicht nur ihren direkten Nachwuchs und potentielle oder tatsächliche Fortpflanzungspartner, sondern auch die weitläufigere Verwandtschaft. Die Bienen in einem Stock sind alle sehr nah verwandt und verteidigen nicht nur ihre Honigvorräte, sondern auch ihren Gen-Vorrat, der in der Königen quasi lagert. Unsere Form der innerartlichen Koop war allerdings noch nicht der Booster für unseren Erfolg als Art, denn die Kooperation mit Süßgräsern, sie vor anderen Fressfeinden zu schützen und aus ihnen gezielt die zu vermehren, die am ertragreichsten waren und sie von der Konkurrenz andere schneller wachsende Arten von Pflanzen zu befreien, war der Grundstein für unsere Ziviliation und für unsere Massenvermehrung. Nebenbei lernen wir unsere innerartliche Organisation zu optimieren und erste Formen der Vorats- und Datenspeicherung. Es entstanden neben Lagerhäusern für unsere Freunde, die Süßgräser, auch die Schrift und die Mathematik, um den Inhalt zu verwalten und Astronomie wurde wichtig, um die optimalen Saat- und Erntetermine zu bestimmen, Technik kam zum Einsatz bei der Lagerung, beim Anbau und der Verarbeitung von Süßgräsern. . Wir experimentierten mit Staatsformen, die gewährleisteten, dass Erträge gerecht verteilt und Hungersnöte abgewendet werden konnten und dadurch innerartliche Konkurrenz und Spannungen abzubauen, die die notwendige Kooperationsleistung, die wir für den Anbau von Süßgräsern leisten mussten, störten. Alles was mittel- oder unmittelbar diese Kooperation förderte galt uns als gut. Alles was sie störte oder unmöglich machte, als schlecht. Sogar Kriege, die erstmal einen Verlust von Artgenossen und damit von potentiellen Fortpflanzungspartner oder verwandten und damit schützenswerten Genpool bedeuteten, waren gerechtfertigt, wenn wir dafür mehr Raum zum Anbau unserer Freunde, der Süßgräser, ergattern konnten und damit für uns bzw. verwandte Gene bessere Aussichten schafften, nicht vorzeitig wegen Energiemangels aus der Reproduktion auszusteigen. Moral in den Ursprüngen ist eigentlich nichts anderes wie der Versuch diese wunderbare Freundschaft zwischen uns und den Süßgräsern vor dem Zerfall zu schützen, in dem sie uns möglichst Kooperativ macht.. Sicher, es gibt auch Viehzüchter, aber Hand aufs Herz, die schaffen es kaum über die Reproduktionsraten von Jägern und Sammlern hinaus und diese Strategie ist wirklich nur was für extreme Habitate, wie Halbwüsten oder zugefrorene Steppen und so wahnsinnig viel in Sachen Technik haben die auch nie zu Stande gebracht. Natürlich bleibt die Frage im Raum, ob wir die Süßgräser selektierten oder vielleicht die Süßgräser uns, den deren Siegeszug in der Pflanzenwelt ist ebenfalls bewundernswert.
    Vielleicht ist unsere großartige Kooperationsbereitschaft inkl. der daran hängenden Moral ja nur ein sehr kompliziertes Vehikel für den Erfolg ihrer Gene.
    Leid ist in dieser Geschichte im Übrigen nicht ganz nebensächlich, denn man kann davon ausgehen, dass gerade der Versuch Leid zu minimieren, uns in die Arme der Süßgräser getrieben hat. Neben parasitärer Lebensformen, zu denen man alle Infektionskrankheiten zählen kann, ist der Energiemangel oder Hunger unser größter Feind im Kampf ums Dasein. Die Samen von Süßgräsern wiederum stellen eine ziemlich hoch-energetisch Diät dar und sind auch außerhalb unseres Körpers gut lagerbar und transportierbar. Sie verkleinerten auch die Quadratmeter, die ein Individuum benötigte, um sich selber zu ernähren drastisch. Sie liefern heute noch über 50 % der Welternährungsenergie. Süßgräser sind Freunde.
    So. also nicht auf der Evo-Theorie rumhacken, die kann sogar erklären, warum den Feldbau von uns gegenüber der nomadisierenden Viehzucht und Jäger-und-Sammlerkulturen .inzwischen bevorzugt wird und kann auch die daraus entstehenden Konflikte zwischen den jeweiligen Kulturen ziemlich exakt beschreiben und die Entstehung von Zivilisation und moralischen Grundsätzen nachvollziehen, u.a. auch weil das Vermeiden von Leid und Tod ein grundsätzlicher Parameter für das Verhalten aller Lebewesen ist.
    Leid und Tod nur so zu sehen, nämlich als etwas, dass auf jeden Fall vermieden werden muss, ist in den Grundzügen eine streng evolutorische Sichtweise. Selbst davon auszugehen, dass man ein gewisses Maß an Leid ertragen muss, um Erfahrungen zu sammeln, die einen im späteren Leben erfolgreicher machen- was im Einzelfall dann auch als frömmer oder besser beschrieben werden kann, ist völlig im Einklang mit dieser Sichtweise.
    Und ist auch so ziemlich vereinbar mit allen anderen Weltsichten.Keine Eso-Tante und kein islamischer Gelehrte auf dem Erdenrund würde abstreiten, dass Leid einen Menschen besser kann.
    Daher bleibt die Frage, ob es eine christliche Sicht von Leid gibt, die einzigartig und quasi ein Alleinstellungsmerkmal ist.
    Ich denke, ja es gibt sie. Und das tolle daran ist, dass sie kein Leid – egal welches – sinn- oder nutzlos macht. Im Gegenteil. Es kann sogar eine Berufung sein.
    Wir hätten da auch gerade jemanden Heiliggesprochen, der äh… die nach anfänglichen Schwierigkeiten gerade diese sehr vorbildlich gelebt hat.

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