Mitmach-Gottesdienste

In der Schule ist der Frontalunterricht verpönt, auch, wenn er aufgrund verschiedener Rahmenbedingungen oft umgesetzt werden muss.
Frontalunterricht bedeutet das: der Lehrer steht vorne an der Tafel und doziert. Die Schüler sitzen auf den Stühlen und hören zu oder schreiben mit.
Es ist nachgewiesen, dass der Frontalunterricht eine der uneffektivsten Lernformen ist.

Es ist so ähnlich wie mit dem Aufbau eines Ikea-Schrankes:
Wer nur die Bauanleitung liest, denkt sich: „So schwer kann das nicht sein!“
Aber wer einen Ikea-Schrank aufgebaut hat, weiß wirklich, was das bedeutet.
Schüler, die nur zuhören und schreiben, mögen die bloßen Hör- und Schreibprozesse perfekt verinnerlicht haben. Aber es ist fraglich, ob sie wirklich etwas vom Inhalt verstanden haben.

Viele Gottesdienstfeiern oder ähnliche Gemeindeveranstaltungen sind wie ein Frontalunterricht aufgebaut. Ein paar wenige stehen vorne und der Rest sitzt und hört zu. Beteiligung gibt es nur beim Mitsingen oder bei der Kollekte.
Und manchmal beschweren sich Gemeindeleiter dann, dass ihre Gemeindemitglieder nur konsumieren würden und sich so wenig einbringen würden. Wen wundert’s…

Ich bin überzeugt, dass wir andere Modelle von Gottesdienstfeiern und Gemeindeveranstaltungen brauchen. Und ich meine, dass das biblische Vorbild uns längst die Richtung gezeigt hat.
Laut Bibel ist jeder Christ von Gott begabt. Und so ist auch jeder Christ aufgefordert, diese Gaben für die anderen einzusetzen. Die Versammlungen in der Bibel waren ein buntes Miteinander: es wurde gesungen, es wurden Psalmen gelesen, es wurde die Lehre Jesu erklärt, es wurde füreinander gebetet, es wurde miteinander gegessen.
Wahrscheinlich ist diese Vielfalt ein Grund dafür, weshalb uns in der Bibel keine Liturgie in Reinform übermittelt wird. Denn das Gemeindeleben lässt sich schwerlich nur nach einem Muster umsetzen.

In der Kiezgemeinde haben wir deshalb zum dritten Mal einen Mitmach-Gottesdienst durchgeführt. Jeder Teilnehmer ist eingeladen, sich einzubringen. Das kann ein Lied sein. Die Lesung eines Bibeltextes. Die Auslegung dazu. Das können Gebete sein. Oder auch das Berichten von Erlebnissen mit Gott.
Viel Weisheit und Liebe benötigt der Moderator der Gottesdienstfeier. Er steckt den Rahmen ab. Er muss zur Not intervenieren. Er trägt viel dazu bei, wieviel Freiheit erlaubt ist und wann Grenzen gesetzt werden müssen.
Und ich meine, dass die Vorbereitung im Gebet eine weitere wesentliche Rolle spielt. Schließlich soll Gott durch den Heiligen Geist die Regie führen. Sein Programm soll durchkommen und nicht unser Programm.

Natürlich bin ich bisher immer gespannt gewesen, ob wir diese Mitmach-Gottesdienste gebacken kriegen. Was ist, wenn einer in negativer Weise dazwischen funkt? Was ist, wenn einer nicht aufhört zu reden? Was ist, wenn niemand etwas beiträgt?
Das beste Gegenmittel war bislang das Gebet: „Jesus, Du weißt um all das, was schief gehen kann. Bitte lenke Du das Geschehen zu Deiner Ehre!“

Bis jetzt war ich jedes Mal von diesen Gottesdienstfeiern berührt. Sie sind wirklich bunt. Sie sind ermutigend. Viele aus der Gemeinde beteiligen sich. Als Leiter der Gemeinde befinde ich mich dann in einer interessanten Position: Ich darf dazu beitragen, dass die Gemeinde auch ohne mich funktioniert. Nicht ich muss da vorne stehen und Weisheiten von mir geben. Aber ich darf im Hintergrund sein und auf verschiedene Weise dazu ermutigen, dass sich andere einbringen.

Wir haben noch genügend oft „normale“ Gottesdienstfeiern. Ist auch gut so. Etliche wollen eine anständige Predigt hören.
Aber wirklich MITEINANDER in vielfältiger Weise Gott ehren und feiern macht fast mehr Spaß.

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2 Gedanken zu „Mitmach-Gottesdienste

  1. Du schreibst:

    Etliche wollen eine anständige Predigt hören.

    Also ist Frontalberieselung „anständig“ und was sind dann die Beiträge, die aus der Gemeinde kommen? „Unanständig“ doch nicht, oder?
    Entschuldige, wenn ich diese Bezeichnung so herausgreife, aber an ihnen wird oftmals deutlich, wie die eigentliche Haltung ist. In einem GD zu sitzen um einen Vortrag zu hören, den man dann beim nachträglichen Kaffee bewertet und bis zum Mittag wieder vergessen hat, ist keine besonders „anständige“ Leistung, oder? Sich selbst aktiv in den GD einbringen, selbst über das Wort Gottes, Gottes Wirken in unserem Leben, etc. so nachzudenken, dass dies auch anderen vermittelt werden kann, dann doch schon viel eher, oder meinst du nicht?

    Aber ich freue mich, dass ihr wenigstens ab und an mal solche GD feiert. ich wünschte mir, dass dies viele Nachahmer findet.

    Gruß, Charly

  2. Du weißt ja, ich komme aus einer ganz anderen Ecke und habe ganz andere Gründe meinen Arsch sonn- und feiertags vom Sofa zu hieven (und ab und an auch mal unter der Woche.) Aber ich denke, man sollte wirklich regelmäßig darüber nachdenken was so besonders ist an dem, was man da macht bzw. welchem Ereignis man da beiwohnt.
    Predigt hören, ganz ehrlich, da bin ich nicht die Zielgruppe. Es gibt so viele gute Predigten zum Downloaden und ganze Regalwände voller schöner Kommentare und Internetseiten, die man durchkramen kann …. Ich vermisse nichts, wenn werktags die Predigt wegfällt und selbst wenn ich was vermissen würde, auch dafür gibt es inzwischen eine App, die heute z.B. Wilhelm von Saint-Thierry im Angebot hat. Gute Predigten sind in meiner Wahrnehmung vor allem eines: Kurz.
    Andere Leute. Nun, dass andere Leute da sind, stört mich nicht. Ich bin relativ gruppen-verträglich. Aber, dass es ein gelungener Gottesdienst ist, wenn jeder was beiträgt in dem Sinne dass er was macht, was sagt und so, nee, das halte ich für ein Gerücht. Ich persönlich wäre mit dieser Art der Teilnahme an den meisten Tagen schlicht überfordert. Ich gehöre zu den Leuten, die sich ganz gerne mal hinten in die letzte Ecke verkrümeln. Meinetwegen kann man mir gerne eine Konsumhaltung unterstellen. Sicher ist es erbaulich, sich mit jemanden über den Glauben auszutauschen, aber das kann ich viel besser in anderen Settings. Eine Kneipe oder ein Cafe, ein kleiner Kreis, wäre mir da angenehmer. Zudem, will ich wirklich immer gerade wissen, was Gott im Leben fremder Leute macht? Nee, eigentlich bin ich da begrenzt neugierig.
    Lobpreis. Och,… also… wegen mir können wir das Gesinge auch gerne sein lassen. Ich finde es schön, wenn Leute singen, die singen können, aber ich und ohrenscheinlich 99% der Gemeinde können es nicht. Schön ist anders. Wobei mir da einfällt, dass das ein echter Mangel ist, der sich da in den letzten Jahrzehnten breit gemacht hat. Der heilige Bernhard hat da mal was zu geschrieben, denke ich.
    Da ich im Normalfall „Vorne“ eben nicht als Bühne, sondern als Altarraum antreffe, finde ich gerade die Anwesenheit von musikalischen Vorturnern in just diesem Bereich störend, aber vielleicht sollte man auch mal darüber nachdenken, was eigentlich Vorne ist, wenn der Altar samt Raum fehlt und was in diesem Fall Conversi ad Dominum bedeuten könnte.
    Wenn ich Gottesdienst auf ökumene-verträgliches Minimum herunter kochen müsste, würde ich sagen: Gottesdienst ist gemeinsam auf Gottes Wort hören. Was allerdings bedeutet, dass sich alle mal auf ihren Hintern setzten und die Klappe halten. Dann könnte einer/eine – meinetwegen auch mehrere Hintereinander- mal im Zusammenhang aus diesem netten alten Buch vortragen. Einfach nur lesen. Nix selber dazu tun, nix erklären und die Leute selber denken lassen.
    Was man jedoch auch zu Hause tun kann, wobei ich wieder bei der Ausgangsfrage wäre, wozu den Arsch vom Sofa hieven? Was passiert im Gottesdienst, das so spannend ist, dass ich durch den kalten Regen rennen soll?

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