Kiez-Gedanken

Nach der Boston-Reise ist mir das systemische Denken neu bewusst geworden.
Bislang konzentrierte sich das bei mir auf die Themen „Coaching / Seelsorge“.
Aber natürlich ist es folgerichtig, das systemische Denken auch auf größere „Organismen“ wie eine Stadt, eine Gemeinde, einen Verein oder eben einen Kiez anzuwenden.

In unserem Kiez ist unsere Gemeinde ein winziges Puzzlestück: Für einige sehr wenige sind wir sehr wichtig, aber für viele andere unbekannt oder irrelevant.
Wir sind selbst Bedürftige: wir sind nicht Eigentümer von Räumen, sondern Mieter und Untermieter. Somit können wir nicht beliebig über Fläche und damit auch über Gestaltungsmöglichkeiten verfügen, sondern sind immer auf die Kooperationsbereitschaft der anderen Vereine und Organisationen angewiesen.
Keine schlechte Grundbedingung, um in den Kiez hineinzufinden.

Wenn ich die größten Herausforderungen des Kiezes sehe, dann sind das u.a. die Faktoren „Bildung“ und damit verbunden „Arbeit bzw. Arbeitslosigkeit“.
Und wiederum damit verbunden sind weitere Aspekte: bei einigen ein geringes Selbstwertgefühl oder das Sich-Hängen-Lassen, weil die zigste Bewerbung erfolglos verlief. Hinzu kommen für manche solche Grundempfinden wie Einsamkeit, Ohnmachtsgefühle gegenüber dem „Behördenbollwerk“ oder einfach nur Frust.
Bei alledem gibt es genügend andere, die ihr Leben aktiv anpacken. Und es gibt natürlich die üblichen Verdächtigen, sich auch aktiv für ihren Stadtteil einbringen (s.a. das Pareto-Prinzip!).

Mein Wunsch für unsere Gemeinde ist es u.a., dass wir eine Hilfe für den Kiez sind.
Das klingt in Anbetracht der Herausforderungen großkotzig oder idealistisch.
In den letzten Jahren haben wir ein paar Mini-Aktionen gehabt: eine Ein-Tages-Unterstützung bei einem Fußballturnier;  Verschenk-Aktionen im Einkaufszentrum; Teilnahme an Straßenfesten… Und schließlich ging es sogar an den Aufbau eines Familiencafes, das wir dann mit viel widerstreitenden Emotionen wieder beerdigen mussten.

Im Rückblick ist mir das aufgefallen:
Wir haben stets nur mit unseren eigenen Kräften gewirtschaftet. Anders geschrieben: Wir haben nie wirklich die Anwohner und Nachbarn einbezogen. Wir waren im typischen „Anbieter-Kunden-Denken“ gefangen. Das muss nicht schlecht sein. Nur löst das idR keine Dynamik aus. Diese kommt nur zustande, wenn es gelingt, einen Teil der Anwohner zu involvieren oder besser noch: diese so zu motivieren, dass sie selber Ideen entwickeln und ihrerseits andere involvieren.

Und so bewegen mich diese Fragen:
Was können wir dazu beitragen, dass Bildung und bezahlte Arbeit im Kiez voran kommen?
Wenn das die größten Herausforderungen im Kiez sind – was haben wir dazu zu sagen? Welche Puzzlestücke können wir hinzufügen oder wegtun, damit das Bildungslevel steigt und Menschen in eine würdige und bezahlte Arbeit kommen?
Wie können wir den Fehler vermeiden, eine „Top-Down-Aktion“ zu entwerfen?
Wie können Anwohner für diese Anliegen „heiß“ gemacht werden?

Mir fällt es leicht, große Ideen zu träumen. Leider bin ich nicht der gleichermaßen große Umsetzer. Dafür benötige ich dann wieder andere.
Aber was wäre z.B. mit einer Kiez-Universität?
Eine dezentrale Ausbildungsstätte, die vielleicht noch keine staatlich anerkannten Ausbildungen anbietet, aber die die sog. life-skills fördert? Besser auftreten können, rhetorisch versierter werden, ein persönliches Zeitmanagement entwickeln, besser mit den eigenen Finanzen wirtschaften, Grundlagen des Selbstcoachings erlernen…?
Damit ist noch keine bezahlte Arbeit geschaffen, aber möglicherweise steigert es bei einigen das Selbstwertgefühl und möglicherweise werden einige besser mit ihrem Leben klarkommen.

Was wäre mit einem „Brainpool“?
Jedermann kann zusammenkommen und man fängt an, zu spinnen: Was könnte noch aus diesem Kiez werden? Was wäre, wenn…?
Ein Brainpool, bei dem vor allem die Anwohner vertreten sind und die offiziellen Entscheidungsträger dabei sein dürfen, ohne dass die Ton angeben würden?

Was wäre, wenn…?

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2 Gedanken zu „Kiez-Gedanken

  1. Hm, also dann: Kindergarten bauen, Schule gründen und Universität angliedern… Also, das Problem hatten schon ziemlich viele, daher gibt es ja auch so viele Schul- und Pflegeorden.
    Nun, ich rechne nicht mit einer baldigen Ordensgründung in deinem Fall, aber vielleicht mal durch die Lebensgeschichten dieser Leute stöbern, vielleicht kommen da ja Ideen.
    Bis dahin versuch’s mal mit Vorleseabende für Kinder, Formularausfüllkurse und Haushaltsbüchern. Kein Quatsch, wenn man mich fragt, sind 90% der Leute in schwierigen finanziellen Situationen, genau in dieser Situation, weil sie keine Ahnung haben, wie man sich Geld einteilt, sinnvoll Einkauft oder auf Anschaffungen spart.
    Das betrifft nicht nur Leute, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind. Bei uns bietet Caritas Sozialpatenschaften an, vielleicht kann man da ja mal nachfragen, wie man sowas aufzieht.
    Vielen Leuten fehlen inzwischen basic skills, Kurse wie „Kochen statt Tüten-aufreißen“ würden vielleicht helfen. Es gibt übrigens ein sehr geiles 1-Euro-Kochbuch.Erinnert mich sehr an Omas Küche.
    DYO ist ein Modekürzel, aber wie man aus dem Krempel im Sozialkaufhaus hüpsche Sachen machen kann, ist eine kreative Herausforderung und gemeinsame Handarbeits- oder Handwerksnachmittage sind, meine Erfahrung, ziemlich lustig.
    .

    • Ja, genau… diese Basics sind sehr wichtig.
      Ich frage mich immer wieder das:
      Wie erreicht man viele?

      IdR werden die „üblichen Verdächtigen“ mit bestimmten Angeboten erreicht.
      Aber wie schafft man eine Bewegung?

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