Erfahrungsbericht „Vegan leben“

Seit ungefähr 6 Wochen versuche ich, mich vegan zu ernähren.
Sich vegan zu ernähren ist ein großer Unterschied zum veganen Lebensstil!
Würde ich dem veganen Lebensstil frönen, trüge ich keinen Ledergürtel mehr!

Ich trage aber noch meinen Ledergürtel. Und ich habe noch Woll-Klamotten!
Daher sage ich: Ich versuche, mich vegan zu ernähren.

Jeder, der lesen kann, spürt wiederum eine Einschränkung:
„Ich versuche…“

Denn eine vegane Ernährungsweise ist gar nicht so einfach!

Für mich fängt es bei Höflichkeitsritualen an.
Jemand bestellt für mich einen Kaffee und zahlt diesen auch.

Die Person weiß nicht, dass ich mich vegan ernähren will.
Deshalb kommt der Milch-Kaffee auf mich zu.
Wahrscheinlich ist das Milch von einer Kuh, deren männliches Kalb bald nach der Geburt geschlachtet wurde oder deren weiblicher Nachfahre das gleiche Schicksal wie die Mutterkuh erleidet: Künstlich dauerschwanger gehalten zu werden. Aber ohne die Kinder dabei zu haben, die diese Milch trinken wollen. Völlig gegen die Schöpfungsnatur.
Dazu wird diese Kuh in einem engen Gatter für einige Jahre stehen. Tag für Tag. Erst, wenn sie nicht mehr produktiv ist, wird sie ebenfalls geschlachtet.
Naja, und der Kaffee… wahrscheinlich kein Fair-Trade-Kaffee. Das heißt: Andere Menschen, auch wahrscheinlich auch Kinder, schuften jeden Tag 12 Stunden, damit ich meinen täglichen Kaffee trinken kann. Ich hab‘ meine Koffein-Dosis, aber diese Arbeiter sind letztlich Sklaven meines Konsums. Mein Lebensstandard wäre für sie das Paradies auf Erden.

Was tue ich?
In diesem Moment trinke ich den unfairen und unveganen Milchkaffee, denn er wurde mir geschenkt.

Ähnliches erlebte ich auf einer Hochzeit, auf der ich eingeladen war.
Es gab durchaus köstliche Speisen.
Aber sie existierten im Mini-Format, denn es handelte sich um ein Luxus-Hotel.
Es gab 5 Gänge und jeder Gang bestand aus einem Klecks auf dem Teller, aber dafür wahrscheinlich dreifach so teuer wie in jedem anderen Restaurant.
Natürlich gab es auch Mini-Fleisch.
Was tat ich?
Ich aß es.
Denn ich war eingeladen.

Damit entblöße ich mein Inneres:
Ich bin kein militanter Veganer.
Ich habe nicht vor, andere zum Veganismus zu bekehren, wiewohl es genügend gute Gründe dafür gibt.

Ich befürchte, dass ich damit eine Spezies innerhalb der Spezien bin:
Für die „richtigen“ Veganer bin ich kein Veganer, weil ich meinen Ledergürtel noch habe und einige Wollklamotten einfach nicht wegschmeißen will. Und zugegeben: Auch beim Rotwein achte ich kaum darauf, ob dieser vegan ist (ist ja auch selten gekennzeichnet).
Und für die Normalkonsumenten bin ich ein Freak, weil ich kein Fleisch und kein Fisch esse… naja, und mich – abgesehen von den Einladungen – nicht von Milch, Käse, Joghurt usw. ernähre.
Bin ich jetzt ein „Flexi-Veganer“?

Natürlich frage ich mich: Wie lange halte ich das noch durch?
Will ich das wirklich?
Es ist ein bisschen wie das Christsein.
Nur, dass die Sache mit der Ernährung irgendwie greifbarer ist (und das Christsein im Kern erfüllender ist).

Klar ist das für mich:
Ich würde ein Tier töten, bevor ich verhungere.
Ich gebe der zwischenmenschlichen Höflichkeit den Vortritt gegenüber dem Weggießen des Milchkaffees (oder dem Wegschmeißen des Mini-Fleisches im Luxus-Hotel).
Ich würde auch Milch von einer Kuh trinken, wenn mich dann das Kalb ranließe.
Und ich würde auch ein Ei essen, wenn es denn einfach so rumliegen würde.

Aber ebenso klar ist für mich das:
Extrem viele Produkte in unseren Supermärkten leben von dem Leid der Tiere.
Und damit ist nicht das indirekte Leiden gemeint (statt der Weidefläche steht da nun ein Shop), sondern das direkte Leiden der Tiere. Im Grunde geht es um die Massentierhaltung bzw. um die nicht artgerechte Einzeltierhaltung.

In diversen Produkten steckt das Leid dieser Geschöpfe.
Man bedenke, in welchen Produkten z.B. Ei enthalten sein kann:
In Keksen, in Kuchen, in manchen Nudelsorten usw.

Das bedeutet konkret: Jährlich werden Millionen von männlichen Küken nach ihrer Geburt geschreddert oder vergast, denn sie können ja keine Eier legen.

Und die weiblichen Küken werden auf unnätürliche Weise gemästet. Ein normales Huhn würde im Jahr maximal 24 Eier legen. Durch Manipulation müssen diese Hühner aber ca. 300 Eier pro Jahr legen, Durch diese Methoden werden die Knochen der Hühner brüchig und nach wenigen Monaten enden sie dann als Schlachthühner.

Ihre Schnäbel werden abgeschnitten, damit sie sich nicht gegenseitig tothacken (Hühner brauchen klare Hierarchien, was bei Hunderten von Hühnern auf einem Fleck nicht umsetzbar ist; daher setzt irgendwann ein „Dauerhacken“ ein, um immer wieder neu die Hierarchie zu klären). Der Schnabel ist aber nicht wie ein Menschenhaar, sondern eher wie ein Finger an einer Hand. Den Schnabel zu „stutzen“ ist ungefähr so schmerzlich wie einen Finger an der Hand abzuschneiden.
Alles, damit wir etwas Ei im Kuchen haben können…

Ich fühle mich nach wie vor nicht elitär oder besser als andere Menschen, die sich nicht vegan ernähren. Ich weiß, dass ich durch meine pure Existenz schon genügend Schaden produziere.

Aber wenn ich mir solche wie die eben genannten Zusammenhänge bewusst mache, dann schmeckt der Keks nicht mehr; der Kuchen kommt mir wie ein Horror-Mahl vor und die Salami auf der Pizza steht dann für mich für ein entsetzlich zu Tode gequältes Schwein.

Ich glaube, ich werde noch einige Zeit versuchen, mich vegan zu ernähren.

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3 Gedanken zu „Erfahrungsbericht „Vegan leben“

  1. veganer sind keine normalverblödeten untertanen. veganes konsumverhalten ist ein protest gegen unser ungerechtes und menschenverachtendes system. es ist eine möglichkeit auf unsere kranke gesellschaft aufmerksam zu machen und die empörung und der protest einer minderheit. die veganer (ca. 2 % unserer gesellschaft) wollen die bedenkenlose zerstörung unseres planeten nicht länger hinnehmen.
    http://campogeno.wordpress.com/2013/08/05/vegan-der-protest-einer-minderheit/

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