Was macht Gemeinde? Apostelgeschichte 2,42-47

Wenn ich darüber nachdenke, was Gemeinde dynamisch macht, dann schwingt natürlich immer ein bestimmtes Gemeindebild mit, ob bewusst oder unbewusst.
Der m.E. wichtigste Maßstab, um das Gemeindebild zu klären, ist Jesus Christus.
Gemeinde, wie sie in der Apostelgeschichte und in den Briefen des NT dargestellt wird, muss von Jesus her gedacht werden. Denn Er ist das Haupt der Gemeinde (Eph 5,23). Gemeinde ist zu Ihm hin geschaffen (Kol 1,16). Sie ist die Braut Christi (2.Kor 11,2; Eph 5,31 f.). Sie ist Sein Tempel und Eigentum (1.Kor 3,16; Eph 1,14).

Wenn über Gemeinde im neutestamentlichen Sinne geredet wird, dann wird üblicherweise Apostelgeschichte 2,42 ff. herangezogen.
Dort steht Folgendes:

„Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzenund lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“

Diese Verse sind eine Art Ideal für viele Christen.
Tatsächlich ist das die erste Beschreibung vom gemeinsamen Christsein nach der Ausgießung des Heiligen Geistes. Hier ahnt man den Duft des unverfälschten, reinen Gemeindelebens (das später gar nicht mehr so rosig war, wie der – dann gelöste – Konflikt um die Witwenversorgung zeigt (Apg 6,1 ff.)).

Auslegungstechnisch mag man durchaus fragen, ob es denn legitim ist, diese Verse als Grundlage für den Gemeindebau heranzuziehen. Denn die Apostelgeschichte ist in erster Linie eine Erzählung, ähnlich der Evangelien, und keine pure theologische Abhandlung. Eine Erzählung wertet nicht immer! D.h. da steht nicht, ob das nun wirklich von Gott so gewollt war oder nicht. So wird in der Apostelgeschichte auch beschrieben, wie Christen verfolgt werden. Das heißt aber nicht, dass wir Verfolgung von Christen anstreben sollen!
Wieso also sollten die Verse in Apg 2,42 ff. für uns gelten, nicht aber die Christenverfolgung?
D.h.: Aus einer reinen Zustandsbeschreibung dürfen wir nicht sogleich direkte Gültigkeiten für uns ziehen!

Allerdings steht die Sache um Apg 2,42 insoweit gut da, weil die dort genannten Aspekte vom christlichen Leben an vielen anderen Stellen des NT zu entdecken sind. Und gemäß meines Plädoyers, von Jesus her zu denken, können wir diese Aspekte bei Jesus Christus finden!

Diese Aspekte möchte ich hier kurz beleuchten:

1) „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel…“
Worin besteht nun die Lehre der Apostel?
Das wird m.E. nicht exakt in der Bibel definiert.
Meine Erkenntnis ist diese:
Die Lehre der Apostel ist die Lehre Jesu.
Ich ziehe das aus Matthäus 28,20, wo Jesus spricht: „und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Jesus hat in den ca. drei Jahren Seines Zusammenseins mit den Jüngern gelehrt.
Diese Lehre Jesu sollen die Jünger weitergeben.
(Exkurs: Wenn man Matthäus 28,18 ff. weiterdenkt, dann geht es darum, dass Jesus gelehrt hat, dass Seine Jünger die Lehre Jesu weitergeben sollen. Was ist Bestandteil der Lehre Jesu? Unter anderem die Weisung aus Matthäus 28,18 ff.: Gebt die Lehre Jesu weiter! So wird eine Lehr-Kette in Gang gesetzt, die Generationen von Menschen erreicht hat. Exkurs Ende)
Ein wichtiger Bestandteil dieser Lehre ist, dass explizit vom auferstandenen Jesus gesprochen wird (Apg 4,2).
Die Lehre der Apostel steht somit nur unter dem Zeichen Jesu, wenn sie wirklich Lehre Jesu ist (1.Tim 6,3 f.).

Eine wichtige Frage ist, wie – d.h. auf welche Art und Weise – gelehrt wurde.
Das ist keine alleinseligmachende Angelegenheit.
Aber oft wird auf Apg 2,42 ff. verwiesen, um die Berechtigung der Predigt zu betonen.

Nun ist die Predigt, wie wir sie kennen, eine von vielen Möglichkeiten.
Sie ist idR ein Monolog einer Person, die sich – hoffentlich – auf diese Rede vorbereitet hat. Diese Rede kann 10 Minuten dauern (dann wird sie meistens „Andacht“ genannt (ein Wort, was in der Bibel nicht auftaucht)).
Die Rede dauert aber eher 20 Minuten und in manchen Kulturen auch mal eine Stunde und länger.
Die Predigt ist ebenso oft Kernbestandteil von christlichen Versammlungen.
Manche sagen sogar: „Ohne Predigt ist das kein richtiger Gottesdienst!“

Was aber vielen nicht klar ist:
Diese Vorstellung von „beständig in der Lehre der Apostel bleiben“ ist sehr eng gedacht und damit nicht ausgegoren.

Denn, wenn wir wissen wollen, WIE die Apostel gelehrt haben, dann sollten wir auf das Vorbild Jesu schauen (erinnere: von Jesus her denken! Er ist das Haupt der Gemeinde und Er ist der, dem die Apostel nachgefolgt sind und von dem sie geprägt wurden).
Wie hat also Jesus gelehrt?
An dieser Stelle setze ich voraus, dass die Erzählungen über Jesus in den Evangelien grob bekannt sind.

Was wir da sehen, ist Folgendes:
Jesus hatte hier und da Monologe.
Aber allzu oft lehrte Er im Dialog!
Ein Großteil der Lehre wurde von Jesus durch das gemeinsame Gespräch vermittelt!

Das muss abgegrenzt werden zu einem damals üblichen Synagogengottesdienst.
Ein damaliger Synagogengottesdienst bestand im Wesentlichen im Gebet.*
Dann gab es noch Lesungen aus der Thora und ggf. eine Lesung aus den prophetischen Schriften. Dem schloss sich mitunter eine Auslegung des Textes an. Im Synagogengottesdienst war nicht der Rabbi der alleinig Umsetzende. Es war vielmehr eine Veranstaltung, die von den frommen Männern durchgeführt wurde.

Was sind da die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu dem, wie Jesus es gehandhabt hat?
– Jesus betete auch – wie im Synagogengottesdienst.
– Es wird im NT berichtet, dass Jesus auch im Synagogengottesdienst auftauchte und aus einer Schriftrolle vorlas und lehrte (Lk 4,17). Er nutzte also diese Einrichtung, um zu reden.
– Aber Jesus lehrte auch Frauen, nicht nur Männer (Lk 8,2).
– Jesus lehrte nicht nur in der Synagoge, sondern „überall“. Es ist nicht ersichtlich, dass Er der Synagoge eine Vorrangstelle einräumte. Die wohl meisten Lehrstücke Jesu spielen sich in anderen Häusern oder in der Natur ab.
– Und, wie schon erwähnt, Jesus lehrte viel im Dialog. Dann wurde es mitunter sehr speziell und konkret.

Folgerungen:
Wenn wir also von Jesus her denken, dann ist die „Lehre der Apostel“ vielseitig vermittelt worden:
– Auf dem Tempelgelände (Apg 5,25)
– In Privathäusern (Apg 5,42)
– Auf anderen öffentlichen Geländen (Apg 17,19)
– Im Monolog
– Im Dialog.

Das ist alles andere als „ein und dasselbe Schema“.
Es handelt sich um eine vielseitige und flexible Vorgehensweise.
Ganz im Gegenteil zu dem zentralen Predigtgeschehen der bei uns üblichen Gottesdienstfeiern.

Für unsere Gottesdienstkultur ist das keine Verneinung der Predigt an sich. Monolog soll und darf sein.
Aber nur Monolog ist eine absolute Verkürzung.
Jesus und die Apostel lebten das anders.

Darin liegt nicht nur eine Anfrage an den Gottesdienststil, der in unserem westlichen Kulturkreis oft anzutreffen ist.
Vielmehr frage ich mich, ob wir durch die Verkürzung der Lehre auf die Monolog-Predigt weniger Erfolg im Lehren haben und damit auch weniger Erfolg im Lernen und im Gehorchen.
Und man kann sich durchaus fragen, ob wir es dann nicht sogar falsch machen, indem wir oft nur eine Form betonen.

Zum Schluss muss noch etwas bedacht werden:
Was heißt „BLIEBEN BESTÄNDIG in der Lehre der Apostel“?
Nach Nestle-Aland heißt es: „Sie waren aber fest verharrend in der Lehre der Apostel…“.
„Bleiben“ und „verharren“ sind nicht die Wörter, die man wählen würde, wenn man von einem eher passiven Zuhörer spricht.
„Bleiben“ und „verharren“ bezeichnen eine Einstellung und Lebensform.
Man könnte hier auch umschreiben:
„Sie hielten sich an das, was die Apostel lehrten.“
Mit anderen Worten:
Diese Christen waren gehorsam!
Sie taten das, was die Apostel lehrten.

Der Umkehrschluss ist der:
In Apg 2,42 steht NICHT, dass bei jeder Versammlung der Christen in Monologform gepredigt wurde!
Apg 2,42 kann für den regelmäßigen Predigtdienst bei Gottesdienstfeiern nicht herangezogen werden.

Was heißt das für die Gottesdienstfeiern der westlichen Hemisphäre?
Ich sehe durchaus die Möglichkeit der Monolog-Predigt.
Aber sie kann nur ein Teil sein. Und sollte wohl nie der Hauptteil einer Gottesdienstfeier sein. Das wäre eine drastische Verkürzung der Art und Weise Jesu.
Vielmehr sollten wir überlegen, wie Lehre auf vielfältige Weise vermittelt werden kann.
Wenn wir dabei an die sonntäglichen Gottesdienstfeiern denken, dann kann das z.B. bedeuten, dass
– Raum für das gemeinsame Gespräch gegeben wird
– sich jemand mit einem Bibeltext gründlich vorbereitet hat und diesen im Dialog mit der Gemeinde erarbeitet
– sich ein Team mit einem Bibeltext beschäftigt und diesen mit der Gemeinde bespricht
– einfach ein Bibeltext vorgelesen wird, ohne auch die Auslegung zu bringen; diese kann dann anschließend von jedem erfolgen.

Das ist die Erkenntnis aus Apg 2,42:
Lasst uns viele Formen verwenden, um Lehre Jesu weiterzugeben!
Und vor allem: Lasst uns den Worten Jesus gegenüber gehorsam sein.
Dann „bleiben“ wir in der Lehre der Apostel!


* s.a. Google Books – Community Without Temple, Beate Ego, Armin Lange u.a.

Außerdem: Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece, 26.Auflage, 4.rev. Ausgabe, übersetzt von Ernst Dietzfelbinger, Stuttgart – Deutsche Bibelstiftung 1981

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3 Gedanken zu „Was macht Gemeinde? Apostelgeschichte 2,42-47

  1. Pingback: Was macht Gemeinde? Apostelgeschichte 2,42-47 – Teil 2 | berlinjc

  2. Pingback: Sind die üblichen Gottesdienstfeiern kontraproduktiv? | berlinjc

  3. Pingback: “Sie blieben in der Lehre der Apostel” – Oft missverstanden! | berlinjc

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