Sind die üblichen Gottesdienstfeiern kontraproduktiv?

Ich greife den Kommentar von Charly auf, der schreibt:
„Ich selbst gehe sogar noch weiter und stelle die Frage, in wie weit unsere Gottesdienstkultur echte Gemeinschaft unter den Christen sogar verhindert. Ich bin überzeugt, sie tut es!“

Das hat mich wieder einmal in’s Nachdenken gebracht.

Hier habe ich dargestellt, dass ein wesentliches Merkmal von Gemeinde die Gemeinschaft ist.
Es geht um das Miteinander, Füreinander und Zusammensein.
Konkret heißt es:
– Ermutigt einander
– Lehrt einander
– Helft einander
– usw.

Das sind Tätigkeiten, die Zeit brauchen.
Wenn ich jemanden helfen will, muss ich wissen, ob er Hilfe braucht und wenn ja, was für Hilfe er braucht. Kurzum: Ich muss den anderen kennenlernen.
Aus unserer menschlichen Praxis wissen wir, dass das Kennenlernen ein Prozess ist. Und je nach zwischenmenschlicher Chemie braucht es einige Wochen oder manchmal auch Jahre, um den anderen zu verstehen.
Oft durchläuft der Kennenlern-Prozess mehrere Phasen:
– Neugier / Interesse
– Feststellen, ob man miteinander kann
– Wenn ja: Freude, ggf. rosarote Begeisterung (mit entsprechender Brille)
– Erste Probleme = Ernüchterung
– Phase des Willensentschlusses („Der nervt mich gerade total. Eigentlich mag ich ihn ja. Aber will ich trotzdem noch zu ihm stehen?“)
– Entweder Beziehungsdistanz oder Vertiefung der Beziehung.

Natürlich kann auf allen Ebenen Hilfe angeboten werden. Wenn ich sehe, wie jemand hungert, dann muss ich diesen Menschen nicht tiefer kennenlernen. Ich muss ihm was zu essen geben bzw. Mittel zur Verfügung stehen, mit denen er sich versorgen kann.
Anders sieht es aus, wenn wir auf charakterliche Schwächen stoßen. Gottes erklärtes Ziel mit uns ist es, uns Jesus gleichzugestalten. Darunter verstehe ich, dass unserer Charakter im Kern bleibt, es aber um den Feinschliff geht.
Hier zu helfen, also Jesus ähnlicher zu werden, ist keine Ein-Tages-Aktion. Das erfordert viel Liebe, viel Weisheit und eben viel Wissen um die Art und Weise des anderen. Dazu brauche ich Zeit.
Bei mir kann es manchmal Monate oder Jahre dauern, bis ich annährend kapiert habe, wie jemand tickt.

Wozu dieser Vorspann?
Wenn es Gottes höchster Wunsch ist, uns in der Gemeinschaft mit Ihm Jesus ähnlicher zu machen (und zugleich uns als Person zu bestätigen) und wir einander dazu helfen sollen, dann benötigt das viel, viel Zeit!
Viel Zeit für Gespräche, Gebete, Spiele, Freizeitaktionen…
In diesen nahezu alltäglichen Dingen wird echte Liebe deutlich – oder eben auch nicht.
Einander zu lieben, wenn ich den anderen einmal in der Woche sehe, ist keine große Kunst. Sich für 1-2 Stunden zu beherrschen und freundlich zu sein – das schaffen viele. Aber das sieht ganz anders aus, wenn ich wirklich anfange, mein Leben mit dem anderen zu teilen. Dann zeigt es sich, ob wirklich Liebe gelebt wird.

Und nun zurück zur Frage:
„Sind die üblichen Gottesdienstfeiern kontraproduktiv?“

Ich denke dabei an den Stadtkontext: jeder hat alle Hände voll zu tun. Der Terminkalender ist voll. Manche sind Schichtarbeiter. Andere sind Senioren oder Singles. Familien haben nochmal einen ganz anderen Rhythmus. Wie passt das alles zusammen?

Meine Erfahrung ist die:
In der Woche (Montag bis Freitag) können sich 3-6 Leute treffen. Auch das kann Gemeinde sein! Aber inwieweit sie auf Dauer lebensfähig ist, ist fraglich. Es braucht oft eine kritische Masse, um gemeinsam bestehen zu können. Vielleicht hat sich Jesus auch deshalb 12 Jünger ausgesucht.
Wesentlich einfacher ist es, die Leute am Sonntag zusammen zu bekommen. Aber genau dann, zur besten Zeit, hat der Gottesdienstmonolog den Raum eingenommen. Von vorne wird gesagt, was jetzt läuft. Die Predigt ist vorgegeben, idR ohne Chance, darüber in’s Gespräch zu kommen. Die Lieder sind von anderen ausgewählt, ohne die Chance, auch ein Lied vorzuschlagen. Mitunter sind die Gebete vorgegeben, ohne die Chance, etwas anderes zu beten.
Hier geht es nicht wirklich um Gemeinschaft. Hier geht es um ein Angebot. Einen Dienst. Vielleicht auch um ein Programm. Das ist nicht verwerflich. Alles kann programmhaft sein. Aber wenn es quasi ohne Einflussmöglichkeit der anderen Gemeindeleute ist, dann bleibt der Monolog.
Aber ein Monolog bildet keine Gemeinschaft.

Das, was wir in der Bibel zum Thema „Gemeinschaft“ entdecken, entwirft ein ganz anderes Bild:
Die einen haben ein Wort der Erkenntnis, die anderen eine Prophetie. Manche reden in Zungen. Andere legen aus. Einer singt ein Lied. Wieder ein anderer lehrt (prinzipiell in Dialogform). Einer spricht Mut zu. Ein anderer tröstet. Gemeinsam wird gebetet und Gott wird zusammen gepriesen. Eingebettet in das Mahl des Herrn, d.h. in ein gemeinsames Essen im Gedenken an Jesus Christus.
Das mag weniger kontrollierbar sein. Aber es geht ja auch nicht um unsere Kontrolle. Es geht um die Kontrolle durch den Heiligen Geist.

Wenn wir also Gemeinschaft miteinander haben wollen, dann finde ich es zweifelhaft, ob das mit der Einrichtung eines Hauskreises abgedeckt ist. Dann geht es vielmehr darum, unsere Treffen am Sonntag zu überdenken.

Und könnte es sogar sein, dass wir durch die zentrale Monolog-Gottesdienstfeier auch prägen? Dass wir den Konsum und nicht das Einbringen fördern? Dass wir eher die Unmündigkeit als das Reifen betonen? Dass wir vielleicht zu kraftlos sind, weil die anderen ihre Gaben kaum einbringen können?

Sollten wir am klassischen Monolog-Gottesdienstmodell festhalten, dann drängt sich umso mehr die Frage auf:
Wie gestalten wir dann Gemeinschaft im Sinne Jesu?

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7 Gedanken zu „Sind die üblichen Gottesdienstfeiern kontraproduktiv?

  1. Das sind wirklich gute Gedanken. Du formulierst hier teilweise in guter kompakter Weise Gedanken, die auch mich bewegen.

    Ich denke dabei an den Stadtkontext: jeder hat alle Hände voll zu tun. Der Terminkalender ist voll. Manche sind Schichtarbeiter. Andere sind Senioren oder Singles. Familien haben nochmal einen ganz anderen Rhythmus. Wie passt das alles zusammen?

    Wir sollten bei diesen Aspekten nicht übersehen, dass Menschen auch ganz ohne Gemeinde oder anderen Kirchen- oder Vereinsmitgliedschaften selbstverständlich Gemeinschaft mit Freunden und Familie pflegen. Warum tun wir uns gerade als Christen so schwer damit und bewegen so viele möglichen Gründe, die uns angeblich von gelebter Gemeinschaft abhalten würden? Sind wir so Gottesdienstfixiert?
    Es geht nicht wirklich darum die sonntäglichen Treffen abzuschaffen – das mag Jeder halten, wie er es für sich als richtig empfindet. Es geht eigentlich, wie du oben so gut ausführst, um die Frage, wie leben wir echte Gemeinschaft.

  2. „Warum sind wir so gottesdienstfixiert?“
    Auch eine gute Frage!
    Ich bin mir noch unsicher und habe dazu keine klare Position.
    Meine Gedanken sind lose formuliert:
    – Die Treffen der Christen waren scheinbar nicht nur Spaßtreffen (Karten spielen, Film gucken und Witze erzählen), sondern es ging um Christus. Gemeinsam Christus erfahren. Einander stärken, um Christus ähnlicher zu werden. Gemeinsam motivieren in der Jüngerschaft. Zusammen lernen.
    Das schließt Spaßtreffen nicht aus, aber der Schwerpunkt ist ein anderer. Das erfordert eine bewusste Entscheidung, eben deshalb zusammen zu kommen. Ob man das dann Gottesdienstfeier oder Versammlung oder Treffen nennt.. nun denn…
    – Dann gibt es natürlicherweise eine hohe Verbindlichkeit: Wenn wir Brüder und Schwestern sind, dann sagen wir zueinander nicht „Hü“ und „Hott“, sondern lernen, zusammen zu stehen, egal, was kommt. Diese Verbundenheit braucht Zeit, braucht Vertrauen und damit auch Regelmäßigkeit. Das muss ja nicht 1x wöchentlich sein. Kann auch 4x wöchentlich sein. Aber reicht noch 1x monatlich? Die klassischen Gottesdienstfeiern bieten diese Regelmäßigkeit.
    – Wahrscheinlich ist manches auch einfach typbedingt. Es gibt genügend Leute, die brauchen den festen Rahmen. Die stehen auf Pünktlichkeit. Das gibt ihnen irgendwas, wenn Dinge zuverlässig und gleichmäßig laufen. Ich bin ein anderer Typ: Ich mag Abwechslung und Spontanität. Beide Typen sind okay. Aber was die klassischen Godi-Feiern betrifft, hatten bisher oft die „Stabilen & Pünktlichen“ die Vorherrschaft. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb sich Menschen mit ungeordneten Lebensverhältnissen oft nicht wohl fühlen, wenn sie in einer normalen Mittelklasse-Gemeinde zu Gast sind.

  3. Wer Theologie studiert, der lernt natürlich auch etwas über Liturgik, also Gottesdienstausgestaltung (und auch über Hermeneutik, Poimenik usw.). Und er lernt, daß ein Gottesdienst niemals Monolog sein darf – weder in Liturgie noch in der Verkündigung noch in der Seelsorge. Es geht darum, Gemeinschaft sowohl zwischen Gott und der Gemeinde, zwischen dem „Mann da vorne“ und der Gemeinde als auch zwischen den Gemeindegliedern herzustellen (das könnte man als „Konvivenik“ bezeichnen, abgeleitet von Konvivenz: miteinanander Gemeinschaft haben, indem man einander hilft, voneinander lernt und miteinander feiert).

    Leider entspricht die Realität des örtlichen Gottesdienstes nicht immer dem Ideal der Liturgik, Hermeneutik und Poimenik (und meiner „Konvivenik“) aber das kann man nicht allein dem Gottesdienst anlasten, nicht allein den Liturgen und Predigern.

    • @Michael Molthagen:
      Danke für Deinen Kommentar!
      Ich freue mich über verschiedene Ansichten zu einem Thema!

      Für mich sind das die Kernfragen:
      1) Was geschah bei den Treffen der Christen laut Neuem Testament?
      2) Was hatte Jesus und wie hatte es Jesus der Gemeinde vorgelebt?

      Nach meiner bisherigen Exegese komme ich zu etwas anderen als das, was an
      den Universitäten und den meisten Bibelschulen gelehrt wird.

      Ich verstehe, dass man auf eine vorher festgelegte Liturgie kommen muss,
      wenn man vom jüdischen Tempelgottesdienst her denkt oder von heidnischen
      Einflüssen auf die christlichen Versammlungen.
      Sollte man vom jüdischen Tempelgottesdienst herdenken, dann wäre das die erste Frage
      für mich:
      Mit welcher Berechtigung wird dieses Konzept auf die Gottesdienstfeiern der Christen
      übertragen?

  4. Auch wenn in der Liturgik diese Kommunikation angestrebt wird, bin ich, nach reichlicher Überlegung, der Auffassung, dass man diese echte Gemeinschaft mit diesem Werkzeug niemals wirklich erreichen kann.
    Also, damit wir uns nicht falsch verstehen: Man kann sicherlich Gottesdienste kommunikativer gestalten – keine Frage. Aber alleine die Vorstellung, dass die eigentliche Kernfrage der chr. Gemeinschaft mit Gottesdiensten solcher Art erreicht werden könnte, scheitert schon am Konzept selbst.
    Zudem müssen wir festhalten, dass in diesem Gottesdienstkonzept das AT-Priestertum als Grundlage gelegt ist – was im NT aber völlig wegfällt. In dieser Art gottesdienstlicher Gemeinschaft wird eine Denkart von Gemeinschaft vorgegeben, die Liturgisch begründet ist. Das NT spricht aber von einer völlig anderen Art von Gemeinschaft unter den Christen.
    Man kann es ja im freik. Bereich sehen, wo man im GD der priesterliche Dienst, nach Vorbild des AT, weitgehend verzichtet. Und doch zeigt sich, dass im Grundkonzept den GD als Zentrum der Gemeinschaft der Christen zu stellen, die wirkliche Gemeinschaft nicht wirklich gefördert, ja womöglich sogar verhindert wird.

    Woran merkt man das? Nun ganz einfach: Stellt doch mal in einer x-beliebigen inst. Gemeinde die Frage, wie oft die Mitglieder sich außerhalb der Gemeindeprogramme treffen und Gemeinschaft miteinander pflegen. Wochenlange Absens vom GD und Niemand ruft an? Absolut keine Seltenheit 😦 Echte Gemeinschaft? In solchen Fällen praktisch nicht vorhanden.

  5. Pingback: Warum Gottesdienste die Gemeinschaft nicht fördern | berlinjc

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