Von Big Brother bis zum Lonely Wolf

Abgesehen davon, dass man heutzutage Deutsch und Englisch wunderbar mischen (mixen) kann (s.a. Titel), was möglicherweise vor etlichen Jahrhunderten in der Kombination mit Deutsch und Französisch (Garage = Wagenschuppen, Boulette = Fleischbällchen (statt Boulette darf man heute auch Bulette schreiben) ähnlich vonstatten ging (oder auch in Verbindung zwischen Deutsch und Latein), beschäftigt mich das Thema „Gemeinschaft“ (community) seit einigen Tagen.

Wie stellt sich Gemeinschaft hierzulande dar?
Es gibt Phänomene wie „Big Brother“, die ehemals skandalträchtige Fernsehshow mit Rundumüberwachung von nahezu fremden Menschen, die nun nicht mehr skandalträchtig zu sein scheint, sondern eher zum täglich Brot des Medienkonsums gehört.
Wie faszinierend schien das doch, eine Horde von Menschen zu sehen, wie sie ihren Container-Alltag miteinander verbringen!
Der normal sterbliche Deutsche wollte eher nicht gleichermaßen gefilmt werden. Und doch übte diese künstlich arrangierte Gemeinschaft nicht nur Ekel und Entsetzen aus. Eine der Triebfedern des Interesses war das Thema „Gemeinschaft“.

Gleichermaßen ist unsere Gesellschaft individualistisch, was sich vielleicht auch daran zeigt, dass man Boulette auch als „Bulette“ schreiben darf. Egal. Hauptsache, der Sinn kommt rüber.
Vor einigen Jahren redete man über Selbstverwirklichung. Heute lebt man es. Die vielen Castings-Shows und Talente-Shows fördern das Gesamtbewusstsein dahingehend, dass jeder einzigartig sei und sich vor laufenden Kameras produzieren dürfe/solle/könne. Mittlerweile gibt es „The Taste“, eine Koch-Talente-Show, über die Deutschlands nächster Spitzenkoch gesucht wird. Der Fernsehzuschauer darf ahnen, wie sehr das Gericht den Juroren schmeckt. Würde man den Ton lauter stellen, könnte man eventuell das Schmatzen der Tester vernehmen. Das wäre nicht so gut, wie dem Lauschen eines Songs von Deutschlands nächstem Superstar, aber immerhin! Man könnte sich ein wenig in den Geschmack hineinfühlen.
Wie auch immer: Nicht nur die Umfragen unter den Young Professionals (= junge Berufene (lat. professio)) zeigen, dass das persönliche Glück höher bewertet wird als der Dienst für ein Unternehmen oder die Karrierechancen.

Wir befinden uns dabei in einer Spannung:
Einerseits will man den Weg des „Lonely Wolf“ gehen, andererseits gibt es eine Sehnsucht nach Beziehung.
Einerseits will man sich viele Optionen (lat. optio = freier Wille/Belieben; Synonym = Möglichkeiten) für den eigenen Lebensweg offen halten und pflegt mittlerweile generationsübergreifend eine gewisse Unverbindlichkeit. Andererseits will niemand im Alter alleine sterben müssen und freut sich, wenn andere auch schon vor dem Sterbeprozess die freundschaftliche Beziehung suchen.
Einerseits fördern wir Kita-Plätze für Neugeborene, entziehen sie ihren Eltern, und andererseits fördern wir das Mehrgenerationen-Wohnen. Wir wollen selber über unser Leben bestimmen und gleichermaßen engagieren wir uns in Clubs, Gangs, Vereinen und ähnlichen Gebilden, um mit anderen gemeinsam etwas zu erreichen und zu erleben.

Und was man auch erwähnen muss:
Es gibt eine weitere Spannung!
Mittlerweile gibt es in Deutschland viele Menschen aus anderen Staaten, die sehr stark in Sachen „Gemeinschaft“ sind. In südeuropäischen, arabischen und afrikanischen Kulturen spielt die Familie (und damit sind oft alle Onkels, Tanten und Schwager, Uropas und Nichten dritten Grades gemeint) eine starke Rolle. Wir „Deutsche“ wundern uns darüber, weshalb viele dieser Menschen aus anderen Ländern hier eine Parallelkultur bilden. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns nicht auf dieses Miteinander einlassen wollen.

Das christliche Gemeindeleben ist von dieser gesellschaftlichen Entwicklung nicht frei. Wir Frommen sind mehr „in der Welt“, als wir denken mögen. Einerseits halten wir die Fahne für die „christliche Gemeinschaft“ hoch, andererseits ist vielen der dritte Gemeindetermin pro Woche schon zu viel. Wir plädieren (franz. „plaider“ = befürworten) das Zusammenhalten (oder heißt es „plädieren für“, was aber doppeltgemoppelt wäre, weil „plädieren“ doch schon „befürworten“ heißt und das „plädieren für“ dann ein „befürworten für“ wäre?), aber wollen uns in die Lebensgestaltung nicht reinreden lassen.
Wenn wir ehrlich sind, dann würden wir vielleicht das sagen:
„Ja, wir wollen christliche Gemeinschaft. Aber nur zu meinen Bedingungen!“
Kann es bedingte Gemeinschaft geben, entsprechend zu „Lebensabschnittsgefährten“?
Kann es ein „Ja, ich halte zu Dir“ geben, wenn zugleich das klar ist: „Aber nur solange Du meine theologischen Erkenntnisse teilst“?

Wenn wir sagen, dass wir „Gemeinschaft“ in der sonntäglichen Gottesdienstfeier haben, dann mag das – je nach Menschentyp – schon eine Leistung sein. Denn wer verbringt schon freiwillig den Sonntag-Vormittag mit Menschen, deren einziger gemeinsamer Nenner Jesus Christus ist, die aber ansonsten verschiedenste Hobbies und Geschmäcker haben? Wenn wir allerdings einem Menschen aus Uganda sagen würden, dass das unser Zusammenhalt ist, dann könnte uns dieser Mensch verwundert anblicken und überlegen, ob wir gerade einen Scherz gemacht haben. Gemeinschaft als wesentliches Gemeindemerkmal, wenn die Gemeinde von 168 Stunden pro Woche nur 2 Stunden zusammen ist?  Und selbst, wenn noch zwei weitere Stunden „Hauskreis“ pro Woche dazu kommen, sind es immer noch nur 4 Stunden von 168 Stunden wöchentlich.
Ohne das „Wir müssen aber täglich zusammen sein“ zu statuieren (lat. „statuere“ = aufstellen, festsetzen, bestimmen), sollte das eine Anfrage an unser Gemeinschaftsverständnis sein.

Wohlgemerkt: Wir reden davon, dass Gottes Leidenschaft für die Gemeinschaft mit uns und zwischen uns so stark ist, dass Er Seinen Sohn Jesus Christus dafür hingab! Was heißt das für uns?

Fraglos ist nicht die Zeit alleine ein Faktor für den Wert von Gemeinschaft. Kinder können ein Lied davon singen, wenn die Eltern zwar in der Nähe sind, aber trotzdem nie Zeit haben. Manchmal mag es um eine vielleicht kurze, aber dafür qualitativ hochwertigere Gemeinschaftszeit gehen.
Und trotzdem bleibt die Zeit ein Faktor von Gemeinschaft.

Was sind die Antworten von uns Christen?
Wie können wir Gemeinschaft leben?
Wie können wir zur Gemeinschaft einladen?

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