Herr Dobelli, die „Es-wird-alles-schlimmer-Falle“ und das Christentum

Es ist ein interessantes kleines Büchlein. Geschrieben von Rolf Dobelli. Er nennt das Buch:
„Die Kunst des klaren Denkens“.
Ich mag das Buch. Kurze Kapitel, konzentriert auf den Punkt gebracht, typische Denkmodelle werden beleuchtet, die allerdings oft in die Irre führen. Dabei will der Autor nicht in die Irre führen, sondern, um das deutlich zu betonen, er will aufzeigen, dass viele unserer Denkmodelle in die Irre führen.

Ein Kapitel ist der „Es-wird-alles-schlimmer-bevor-es-besser-kommt-Falle“ gewidmet.
Rolf Dobelli zeigt auf, dass wir immer wieder mit dieser Falle konfrontiert sind.
Ärzte, die sagen, dass es zunächst schlimmer werden würde, aber dann würde die Heilung eintreten.
Berater, die Krisenzeiten prognostizieren, um ebenso die dann folgende Besserung in Aussicht zu stellen.
Politiker, die von Zeiten sprechen, in denen „der Gürtel enger geschnallt“ werden müsse, um dann wieder schönere Zeiten zu erleben.
Oder – und das ist nun mein Ansatzpunkt – das Christentum, das vom Weltuntergang rede und davon, dass alles schlimmer werden würde, bevor die endgültige Erlösung käme.

Natürlich bestreitet der Autor nicht, dass es schlechtere Zeiten geben kann.
Aber er warnt vor der Trickserei mit diesem Denkmodell.
Denn das liefe auf das hinaus:
Der Vertreter dieses Denkmodells würde immer gewinnen.
Denn ginge es wirklich bergab, dann hätte er mit seiner These Recht gehabt.
Ginge es bergauf, dann könne er sagen, dass sich die Anstrengungen gegen das Übel überraschenderweise doch gelohnt hätten.

Bezogen auf das Christentum schreibt er dann:
„Der Gläubige wird jede Verschlechterung der Situation als Bestätigung der Prophezeiung und jede Verbesserung als Geschenk Gottes erkennen.“

Meine Meinung dazu ist die:
Der Autor hat Recht – und gleichermaßen nicht.
Vielleicht ist er in diesem Punkt dem Denkmodell der Vereinfachung verfallen.

Denn:
Fraglos leben viele Menschen – und somit auch Christen – unkritisch mit diesem Denkmodell „Es-wird-alles-schlimmer…“.
Und ebenso unzweifelhaft ist, dass gerade ein bewusst spiritueller Lebensweg (religiöser, esoterischer…) sehr anfällig für dieses Denkmodell ist. Schließlich ist Gott nicht zu fassen, mitunter nur zu erahnen, nicht naturwissenschaftlich zu beweisen (s.a. das Christentum als Offenbarungsreligion), und damit sind den Interpretationen Tür und Tor geöffnet.
Und doch ist die Botschaft des Christentums nicht nur die, dass alles schlimmer werden würde.
Es ist differenzierter.

Man muss zumindest zwei Aspekte berücksichtigen:
1. Die christliche Botschaft ist nicht die, dass alles schlimmer werden würde.
2. Die christliche Sicht besteht nicht aus einer Schwarz-Weiß-Malerei.

Zu 1. Es wird nicht alles schlimmer!
Denn gemäß der Bibel, der schriftlichen Grundlage des Christentums, wird die Realität vielseitig gesehen.
Ja, es wird schlimmer. Jesus Christus spricht davon, dass Katastrophen bzw. das Ausmaß dieser zunehmen werden.
Das Buch der Offenbarung ist voll von schrecklichen Ereignissen.
Auch die Apostel warnen in ihren Briefen davor, dass die Liebe erkalten wird.
Doch auf der anderen Seite ist Christus gekommen, um Heilung und Befreiung zu bringen.
Er betet darum, dass das Reich Gottes kommen möge, womit gemeint ist, dass Frieden in jeglicher Hinsicht kommen möge.
Er bildet Seine Leute dazu aus, damit das geschieht und zwar weltweit.
Das ist mit der Erwartung verbunden, dass das Gute zunehmen wird.
Also sowohl das Negative wie auch das Positive werden zunehmen.
Die Bibel beschreibt eine wachsende Spannung, in der sich die Menschheit befindet.
Die Botschaft ist demnach diese: „Es wird schlimmer UND es wird besser!“

Zu 2. Es ist nicht alles „Schwarz-Weiß“!
Als Christen ist uns gesagt, dass sich sogar finstere Mächte als „Engel des Lichts“ darstellen können und dass selbst schlimme Zeiten letztlich zum Besten dienen können. Oder anders formuliert: Wir wissen, dass nicht alles, was finster aussieht auch Finsternis sein muss und dass nicht alles, was gut scheint, auch gut sein muss.
Paulus, der Apostel, beschreibt den Kampf in vielen Menschen: Man wisse, was gut sei, tue aber doch das Schlechte.
Doch durch Christus werde man davon erlöst und sei befreit (mehr) Gutes zu tun. Es wird durchaus gesehen, dass kein Mensch völlig böse und auch nicht völlig gut ist. Der Mensch ist das verzerrte Ebenbild Gottes, nichts, womit man sich rühmen kann und doch genug, um Sehnsucht nach Wiederherstellung des Ebenbildes zu entwickeln. Mit anderen Worten:
Diese Welt und die anderen Menschen können wir nicht einfach in eine Schublade packen.
Deshalb empfiehlt die Bibel:
Bittet Gott um Weisheit und Erkenntnis!
Bittet um Unterscheidungsvermögen!

Das Merkmal des Christentums ist in all der Vielschichtigkeit des Lebens das:
Das Gottvertrauen.
Eben, weil man als Christ oft nicht weiß, wie eine Situation zu beurteilen ist, eben, weil man weiß, dass wir als Menschen beschränkt sind und nur Gott den Überblick hat, deshalb bleibt das Gottvertrauen.

So können wir rechtzeitig Denkfallen erkennen und ein Stückchen weiser mit uns und diesem Leben umgehen.

Das Buch ist 2011 im Carl Hanser Verlag München erschienen, geschrieben von Rolf Dobelli, ISBN 978-3-446-42682-5, und das obige Zitat entstammt der Seite 51.
Und abgesehen von meiner Kritik an seiner Äußerung zum Christentum, finde ich das Buch sehr lesenswert.

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2 Gedanken zu „Herr Dobelli, die „Es-wird-alles-schlimmer-Falle“ und das Christentum

  1. Also ich stimme in zwei Fällen dieser Aussage, dass es zunächst schlimmer wird absolut zu und halte dies sogar für dringend gegeben.

    Zuerst mal – und da kommt die Aussage mWn ursprünglich her – in der Psychologie / Psychotherapie. Im Speziellen bei der Aufarbeitung verdrängter Erlebnisse, Gefühle, etc.
    Natürlich wird es für den Klienten zuerst schlimmer, weil er sich nach und nach dem stellen muss, was er wegen dem Leidempfinden, welches damit verbunden ist, verdrängt hat. Erst nachdem das betrachtet wurde, was verdrängt war, kann dazu eine andere Haltung eingenommen werden. Ansonsten würde die Verdrängung nur – evtl. auf andere Weise – fortgeführt. Sprich: Keine Heilung ohne die Konfrontation mit verdrängtem Leid.

    Und als zweites in unserem Verhältnis zu Gott.
    Ja genau, auch hier muss es erst schlimmer werden, bevor man das Gute erfahren kann.
    Niemand kann das Heil erfahren, wenn er nicht zuerst verstehen gelernt hat, was Sünde ist, was seine Sünde ist, welche Auswirkung diese auf ihn und sein ewiges Leben hat, etc. Und das tut mächtig weh. Wenn nicht, muss man sich fragen, wovon man sich eigentlich wegbekehrt hat und wohin? Weg von eigentlich garnichts, weil man ja doch ein so toller Mensch ist, hin zu einen Komfortplus aus göttlicher Quelle etwa?
    Ohne Erkenntnis der Sünde gibt es kein Heil. Erkenntnis der Sünde tut weh – es muss also erst einmal schlimmer werden, bevor das wohltuende Heil erfahren werden kann.

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