Lektionen aus der praktischen Gemeindegründungssarbeit

Mit hehren Vorsätzen bin ich in die Gemeindegründungsarbeit gegangen. Null Erfahrung in der Hinsicht, aber viel Passion. Eines war mir dabei klar: Ich will keine Christen aus anderen Gemeinden, sondern Menschen aus dem Kiez erreichen. In der ersten Zeit habe ich mit anderen zusammen das getan, was ich von Evangelisten gesehen hatte, wenn sie denn Menschen auf Jesus hin ansprechen wollen:
– Büchertisch
– Interviews führen
– Von Tür zu Tür gehen
– Verschenken von Getränken
– Verteilen von Abertausenden von Flyern
– Verschenken des Jesus-Films

Nach menschlichen Ermessen passierte so gut wie nichts. Niemand hatte Interesse an mehr von Jesus.
War der „Boden“ also zu hart?
Waren die Herzen der Menschen zu verschlossen?

Mittlerweile denke ich, dass ich zu dumm war.
Ich kann noch immer nicht behaupten, alles verstanden zu haben.
Aber das ist mir deutlicher geworden:

Es geht nicht um das Schaffen eines Angebots.
Es geht um Beziehungen.
Es geht nicht um kluge Reden.
Es geht um das Zuhören.
Es geht nicht darum, etwas Neues zu schaffen.
Es geht darum, im Bestehenden zu sein.
Es geht nicht darum, das große Projekt zu stemmen.
Es geht um die Mini-Schritte, die zur Vision passen.
Es geht nicht um meinen Zeitplan.
Es geht um Gottes Zeitplan.

All das andere (Teilnahme an Stadtteilfesten, Durchführen von Glaubenskursen, Bastelangebote für Kids…) hat seinen Stellenwert und kann punktuell auch sinnig sein.
Aber viel mehr geht es noch darum, Zeit für mein Gegenüber zu haben.
Es geht um den Menschen, der mir nahe ist (oder nahe werden soll) und nicht um das Schaffen eines Programms.

Ich bin gut im Erstellen von Plänen und Programmen. Das liegt mir. Und hin und wieder braucht man das auch.
Aber vielmehr will ich lernen, Zeit für den Nächsten zu haben.

Ich sehe das in der Entwicklung unserer Gemeindearbeit.
Wir haben viele Christen angezogen. In etlichen Fällen war das wirklich gut. Manche Christen waren seit längerer Zeit ohne Gemeinschaft mit Brüdern und Schwestern. Dabei sind wir doch ein Leib und brauchen einander! An dieser Stelle konnte unsere Gemeinde eine Hilfe sein. Und diese Christen sind uns zur Hilfe geworden, so dass ich nun sagen kann: mit ihnen zusammen sind wir Gemeinde.
Doch die Frage blieb (und bleibt): Wie können wir den Menschen um uns herum das Evangelium bringen?
Das sind meine Erfahrungen:

– Bleiben.
Nicht nach dem besseren Gemeinderaum suchen. Sondern dort bleiben, wo man etwas gefunden hat. Stabilität und Verlässlichkeit sind eine Botschaft für sich. Eine Gemeinde, die nach ein paar Jahren wieder in eine andere Straße zieht, weil das Haus dort schöner ist, der wird es kaum gelingen, Beziehungen in der Nachbarschaft zu bauen. Mitterweile bin ich dafür, „für immer“ in dem begrenzten Raum zu bleiben, in dem wir als Gemeinde nur Untermieter sind. Gemeindewachstum muss dann über zusätzliche Stationen/Räume geschehen, aber nicht durch das Verlassen des jetzigen Standortes. Es sollte nicht die Zentralisierung gesucht werden, sondern die Multiplikation.

– Lieber schwach sein als stark sein.
Jesus wurde in einem Stall geboren und war später oft unterwegs, ohne eine feste Bleibe zu haben. In der Hinsicht war Er schwach bzw. arm. Für uns heißt das: Wir müssen nicht alles stemmen. Wir brauchen keine durchgestylten Räume. Ja, es darf praktisch sein. Aber der Fokus ist nicht die Schaffung einer starken Gemeinde, die für jeden und alles ein Angebot hat und die größten und schönsten Räume der Gegend aufweisen kann. Vielleicht passt das in eine Gegend mit Millionären. Aber in einem Kiez, in dem über die Hälfte der Menschen Leistungen vom Jobcenter bekommen oder bestimmte soziale Leistungen beziehen, da brauchen wir das nicht. Dann lieber als Gemeinde ebenso abhängig und begrenzt sein. Nix gegen schöne Räume oder Zielgruppenarbeit. Aber wichtiger ist das Herz für Gott und Menschen. Das sollte nie verwechselt werden. Und möglicherweise hilft die eigene Begrenzung dazu, sich nicht zu überheben, sondern demütig zu bleiben.

– Langsam sein.
Nun, Jesus und Seine Leute waren beim Wandern langsam. Das muss kein göttliches Prinzip sein, sondern ist einfach dem technischen Fortschritt geschuldet. Und dennoch: auch, wenn uns Waschmaschine, Online-Banking und Handys helfen können, Zeit zu „sparen“ (geht ja nicht wirklich, da diese Zeit nicht zu einem Zeitpunkt beliebig abrufbar ist), so führen diese Tools auch dazu, dass wir in der gleichen Zeit mehr tun. Früher gab es den Waschtag. Heute wird an einem Tag nicht nur Wäsche gewaschen, sondern werden noch zig andere Dinge erledigt. Wir werden unruhig, wenn wir im Restaurant länger als 30 Minuten auf das Essen warten müssen. Das Problem ist, dass wir dieses Denken oft auf Lebensprozesse übertragen. Aber das funktioniert nicht. Beziehungsbau zu Nachbarn braucht Zeit. Da reicht es nicht, einen Glaubenskurs anzubieten und bei Nicht-Gelingen, aufzugeben. Es geht darum, beständig in Beziehungen zu investieren. Als Kiezgemeinde haben wir u.a. Grillfeste für die Nachbarn durchgeführt. Einfach miteinander essen und miteinander reden. Da muss nicht gleich beim ersten Mal was Großartiges geschehen. Wenn Jesus in unseren Herzen ist, dann wird Jesus irgendwann automatisch zum Thema werden. Ja, das braucht Zeit. Aber alles andere wirkt oft wie das Angebot für eine Clubmitgliedschaft und nicht wie echte Liebe zum Nächsten. Natürlich haben manche einen evangelistischen Drang in sich und würden am liebsten jedem sofort das Evangelium sagen… und manchmal gibt es ja wirklich Momente, in denen JETZT die Chance ist. Aber hier, in unserem Kiez, da würde das permamente Raushauen des Evangeliums wohl eher dazu führen, dass Menschen die Schotten dicht machen, weil eben der Eindruck schnell entsteht: „Die wollen ja nur mehr Mitglieder für ihren Verein haben!“ Stattdessen sollen die Menschen erfahren, dass das Evangelium wirklich der Liebe Gottes entspricht: „Nein, wir wollen nicht Dein Geld! Nein, wir wollen nicht mehr Mitglieder haben! Sondern Du sollst befreiter leben können! Du sollst wissen, dass Du von Gott geliebt bist!“
Und viele erfahren das nicht zuerst an unseren Worten (davon hören sie genügend in den Medien). Sie erfahren das zuerst an unserem Leben und Handeln. Sie brauchen die Chance, uns zu erleben. Nicht, dass wir alles richtig machen würden. Darum geht es gar nicht. Aber sie sollen erfahren können, dass wir selbst die Krisen und Macken mit Gottes Gnade und Kraft meistern können. Sie sollen erfahren können, dass wir nicht nur von Gottes Liebe reden, sondern sie wirklich Bestandteil unseres Lebens ist. Aber genau das braucht Beziehungen. Und Beziehungen brauchen Zeit. Lieber langsam sein!

– Kleiner denken.
Das korrespondiert mit der o.g. Schwäche. Aber ich möchte damit noch etwas anderes betonen: vor der eigenen Haustür starten! Ich bin visionär begabt und produziere mit Leichtigkeit große Ideen und Wünsche. Es ist kein Ding für mich, mir vorzustellen, wie Erweckung ausbricht und ganze Stadtteile radikal zum Guten verändert werden. Doch in der Praxis kann ich mich damit selbst erschlagen. Die große Idee ist da, aber wenn ich dann den Kiez sehe, dann fühle ich mich schnell ohnmächtig. Wie soll eine Gemeinde mit zwei Dutzend Mitgliedern einem Kiez dienen, der 17.000 Menschen umfasst? Es ist unmöglich. Die Probleme wie Arbeitslosigkeit, Bildungsmangel, häusliche Gewalt, Süchte usw. sind so vielfältig und wir sind froh, wenn wir unsere eigenen Herausforderungen gebacken kriegen. Die Folge von großen Ideen kann also sein, dass man dann lieber passiv bleibt oder sich in sein Schneckenhaus zurückzieht. Hilfreicher ist das: Ja, die Vision muss sein. Sie ist Herzstück der Motivation. Aber praktisch geht es nicht zuerst um den gesamten Kiez. Praktisch geht es zuerst um die direkten Nachbarn; bei uns als Gemeinde: um die Menschen in dem Haus, in dem wir Mieter sind. Es geht um den Menschen, den ich im Treppenflur treffe. Das reicht als Aufgabe. So kann man als Gemeinde ein anderes Wohnhaus geistlich adoptieren. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

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