Jesus holt sich die Leute

16 Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer.17 Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!18 Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.19 Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten.20 Und alsbald rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.“
(Markus 1,16 ff.)

Jesus hat seine Wüstenzeit hinter sich gebracht. Endlich kann’s losgehen!
Er geht am Galiläischen Meer entlang. Naja, ein Meer ist das dann doch weniger. Es handelt sich um den See Genezareth. Trotzdem: eine wirklich große Pfütze. Wahrscheinlich war das kein geplanter Erholungsspaziergang, sondern Jesus schien ein Ziel zu haben: „Ich suche mein Team!“
Und da sieht er die ersten: Simon und Andreas! Die Brüder!
Aber er sieht sie nicht Karten spielen oder in der Sonne dösen, sondern er sieht, wie sie arbeiten. Vielleicht hat Jesus genau hingeguckt: Sind das Leute, die anpacken können? Meckern die über alles? Oder setzen die sich ein? Wie jemand eine Pflicht erfüllt, verrät einiges über den Charakter.

Wie dem auch sei:
Jesus suchte nicht zuerst unter den Gebildeten oder bei den Bibelschülern. Jesus suchte Männer, die wissen, was Arbeit ist. Er sucht Männer, die ackern können, die Sturm und Hitze kennen, die wissen, dass es Durststrecken gibt und ebenso sehr satte Zeiten. Bei Jesus zählt nicht das Theologie-Diplom oder der Master-Abschluss.

Und dann haut er den Satz raus: „Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!“
Ich vermute, dass die Geschichte hier ziemlich verkürzt dargestellt wurde. Wahrscheinlich waren sich die drei vorher schonmal begegnet. Wir denken schnell, dass Jesus hier quasi magische Worte gesprochen hätte, die die anderen fast willenlos verinnerlichten. Doch Jesus zwingt niemanden. Ja, er fordert heraus! Aber er manipuliert nicht. Möglicherweise war es so, dass Simon und Andreas ziemlich von Johannes dem Täufer angetan waren. Dieser verweist sie an Jesus (Johannes 1,35 ff. – sinngemäß): „Ey, krass! Das ist er! Das ist der Messias! Ich kann es nicht fassen! Guckt doch mal hin!“
Naja, und wenn Johannes, der Hardcore-Baptist, das sagt, dann hat das Bedeutung. Also hatten Simon und Andreas ihre erste Begegnung mit Jesus schon einige Zeit vorher. Sie hatten mit ihm geredet und man hat sich gegenseitig kennengelernt.
Schließlich geht Jesus die beiden auf ihrer Arbeit besuchen.
So läuft das doch! Sich erstmal beschnuppern. Doof waren die Fischer ja nicht. Man latscht nicht jedem Onkel hinterher, der sagt: „Komm mal mit!“

Und doch lassen sie alles stehen und liegen und folgen Jesus.
Was ging da in ihnen vor?
Keinen Bock mehr auf Ackern? Lieber wandern gehen mit einem interessanten Lehrer?
Als sie die erste Begegnung mit Jesus hatten (Johannes 1,35 ff.), da hatten sie mehrere Stunden mit Jesus verbracht. Sie haben erzählt, er hat zugehört. Er hat erzählt, sie haben gefragt und zugehört. Danach mussten sie erstmal drüber schlafen. Da war so viel Neues dabei! So hatten sie ihr Leben und ihre Religion noch nie gesehen. Dieser Jesus! Nun gut, der lief nun nicht mit Kamelhaaren herum und schien nicht ganz so kernig wie Johannes der Täufer zu sein. Aber er sprach wie einer, der den Durchblick hatte. Und endlich verstanden sie das, was Mose gelehrt hatte! Irgendwas erreichte ihre Herzen. Und das arbeitete in ihnen. Ja, das Fischen war ihr Ding. Da konnte ihnen kaum jemand was vormachen. Aber Jesu Worte haben sie nicht mehr losgelassen. Und vielleicht war ein Traum in ihnen entstanden: „Wenn ich doch nur die Chance hätte, mehr von diesem Lehrer kennenzulernen!“
Und dann war er wieder da und besuchte sie. Seine Einladung war wie das Einrennen einer offenen Tür.

Gott handelt so in den meisten Fällen (Jona ist vielleicht eine Ausnahme):
Er weckt einen Wunsch in unserem Herzen. Einen Wunsch, der seinen Wünschen entspricht. Und dann gibt Gott endlich die Chance dazu, den Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen.
Da ist keine Rede von „Muss ich wirklich, Gott?“.
Da geht es vielmehr um das „Gott, wann geht es endlich los? Ich will unbedingt!“

Und es zeigt, dass Jesus step by step vorgeht. Er holt die Leute da ab, wo sie stehen. Er droht nicht mit ewigen Höllenqualen, nur, um mehr Mitglieder zu haben. Klar, er fordert heraus: „Lasst alles stehen und liegen! Jetzt fängt das Abenteuer an!“ Aber er spricht etwas in unserem Herzen an, von dem wir wissen, dass es stimmt.

Er geht vorbei. Da gibt es keine Flyer-Wurfsendung und keinen Kinotrailer. Es geht immer über den persönlichen Kontakt. Wenn Gott was von uns will, dann sagt er uns das direkt. Mitten ins Herz.

Zu Letzt: „Menschenfischer“!
Für mich klingt das zuerst nach einem typisch frommen Wort. Sollten wir nicht alle Menschenfischer sein?
Aber ich stelle mir vor, wie da die beiden Fischer sind. Jeden Tag haben sie mit Fischen zu tun. Manchmal können sie den Geruch kaum leiden. Manchmal ersehnen sie den großen Fang herbei. Fische sind ihre Lebensgrundlage. Fische sind ihre Spezialität. Ohne Fische läuft es nicht. Fische werden gefangen, getötet und verkauft. Oder man isst sie selber.
Gerade sind sie wieder beim Fischen, ihrer Haupttätigkeit am Tag.
Da kommt der neue, originelle Lehrer vorbei: „Ich mache euch zu Menschenfischern!“
Das war nicht poetisch gemeint. Es ist auch schwer vorstellbar, dass Jesus das mit heiliger Inbrunst und erhobenen Kinn gesagt hat.
Wie? Das Netz auswerfen, Menschen einfangen und dann totschlagen und essen?
Für solche unerlösten und völlig menschlichen Naturburschen wie diese Fischer musste das Bild eines „Menschenfischers“ ein breites, dreckiges Grinsen ausgelöst haben. „Harharhar! Der ist gut! Dieser Jesus hat’s drauf! Das wird bestimmt eine coole Tour!“

Natürlich sind diese Überlegungen Interpretation. Aber wundern würde mich dieser Ablauf nicht.

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