Jesus und die Geisterstunde

„Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. 34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn. 35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. 36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. 37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. 38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. 39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.“
(Markus 1,32 ff.)

Schonmal einen vollen Tag gehabt? Von Morgens bis zum Abend nur Action? Da kann man zu Recht platt sein. Wie platt Jesus in diesem Moment war, wissen wir nicht. Natürlich ist er ganz Sohn Gottes und lebt in der göttlichen Kraft. Da hat man krasse Power. Aber er ist auch ganz Mensch. Da spürt man Müdigkeit, Hunger und Schwachheit. Auf jeden Fall war der Tag für Jesus noch nicht vorbei. Die Sonne geht unter, es wird dunkel und kälter. Plötzlich sind Schritte zu hören. Manchmal hört man auch ein Schlurfen. Stimmengewirr. Hier laut, dort leise. Und es wird immer mehr. Es kommt näher. Jesus blickt um sich. Und da sieht er sie: die Besessenen. Die Kranken. Eine ganze Stadt hat sich aufgemacht. Sie haben es gehört und manche haben es auch gesehen: Jesus kann helfen! Diese Menschen suchen Hilfe bei Jesus.
Jesus hätte sagen: „Leute, kommt morgen wieder! Es ist spät. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich renne nicht weg!“
Aber er hat Mitleid. Kein „Von oben herab“-Mitleid, sondern ein echtes Mitleiden. Er sieht den Menschen in ihre Augen, das Fenster zur Seele. Und er spürt ihre Lasten und ihr Leid. Er spürt die Schmerzen und die Bitterkeit, den Frust und die Verzweiflung. Und zugleich sieht er, wie sich Hoffnung bei den Menschen breit macht. Die Hoffnung: „Vielleicht kann ja Jesus helfen…“

Und dann legt er los! Er spricht knappe Befehle zu den Dämonen: „Weg mit dir! Fahre aus! Verschwinde!“ Und die bösen Geister müssen gehorchen. Sie weichen. Menschen werden sofort von jahrelangen Lasten befreit. Manche lachen vor Freude. Andere weinen vor Erlösung. Und einige merken nur, wie der Friede Gottes sie erfüllt und sie genießen das still. Die Kranken werden geheilt.

Aber Jesus ist auch das wichtig: die Dämonen dürfen nicht reden. Das ist nicht immer so bei Jesus. In anderen Situationen lässt er sie zu Wort kommen. Aber an dieser Stelle müssen sie schweigen…“denn sie kannten ihn“. Was heißt das? Wissen sie mehr als die Menschen? Die Menschen wissen, dass dieser Mann Jesus heißt. Sie wissen, dass er offensichtlich heilen und befreien kann. Gibt es da mehr zu wissen? Vermutlich geht es um das: die Dämonen wissen, dass Jesus tatsächlich der Messias ist! Der Erlöser ist wirklich da! Die Zeit ist gekommen! Doch warum will Jesus nicht, dass sie das ausplappern? Das wird hier nicht erklärt.
Wir können es uns nur erschließen, wenn wir uns bewusst machen, wovon Jesus getrieben ist: von der Gottes Liebe, die zu den Menschen hinströmt. Liebe will sich verschenken. Die Liebe denkt nicht an sich. Sie will für den anderen da sein.
Womöglich handelt Jesus an dieser Stelle wie ein erfahrener Arzt in der Notaufnahme. Dieser Arzt ist weltberühmt in Fachkreisen. Er ist überaus begabt und hat schon Dutzende von Auszeichnungen gewonnen. Nun werden die Patienten zu ihm gebracht. Notaufnahme heißt: es geht Schlag auf Schlag. Manchmal muss innerhalb von Minuten behandelt werden, damit jemand nicht wegstirbt. Was tut ein guter Arzt? Er kümmert sich um die Patienten! Was würde ein miserabler Arzt tun? Er würde den Patienten erzählen, was sie für ein Glück haben, dass sie ausgerechnet ihn, den klugen, erfahrenen Spitzenarzt an der Seite haben. Er würde Autogramme geben und sich feiern lassen. Verstanden?
Jesus geht es gerade nicht darum, sich feiern zu lassen. Dafür ist die Not der Menschen viel zu groß. Er will einfach nur helfen. Da braucht man keine dämonischen Stimmen, die ständig verraten: „Da ist der Superheld!“

Der Tag war lang, der Dienst ging bis in die Nacht. Trotzdem steht Jesus morgens früh auf, um alleine zu sein. Er braucht die persönliche Zeit mit seinem himmlischen Vater. Das kenne ich gut! Wenn es so viel Action gab, dann brauche ich meine persönliche Höhle. Einfach nur für sich sein. Und noch besser: in der Gegenwart Gottes sein. Hier sehen wir bei Jesus, dass er nicht nur auf Trab ist. Er nimmt sich auch die Zeit, zum Innehalten und Stillwerden vor Gott. Wir brauchen beides im Leben: Zeiten der Aktion und Zeiten der Ruhe. So hat Gott uns geschaffen: Ackern und schlafen. Sechs Tage anpacken und dann einen ganzen Tag zur Ruhe kommen. Wo nur geackert wird, macht sich ein Mensch kaputt. Wo nur gepennt wird, verkommt der Mensch.

Die Ruhe bei Jesus währt nicht allzu lange. Denn seine Leute finden ihn und sagen: „Jedermann sucht dich!“
Kurzum: „Jesus, mach‘ da weiter, wo du aufgehört hast! Die Sache war so gut! Lass uns dieses bombastische Heilungs- und Befreiungsfest weitermachen! War das nicht großartig? Jesus, und wenn du so weiter dran bleibst… wer weiß!? Vielleicht können wir uns hier eine Basis-Station aufbauen! Das könnte doch unser Lehrzentrum werden! So eine eigene, eine richtige Rabbi-Schule! Da können wir den anderen viel beibringen und bestimmt würden auch die Spendenzuflüsse steigen. Jesus, lass uns einen Verein gründen!“
Jesus meckert mit seinen Leuten nicht. Weder sagt er: „Hey, stört mich nicht. Seht ihr nicht, dass euer Meister Erholung braucht!?“ Noch sagt er: „Na, gut, wenn das die Mehrheitsmeinung ist, dann machen wir das halt so!“
Stattdessen wird deutlich, dass seine Leute jederzeit zu ihm dürfen. Jesus findet das gut.
Aber es wird auch deutlich, dass sich Jesus nicht von der Masse bewegen lässt. Es geht nicht um den Willen der Masse. Es geht darum, dass er den Willen des himmlischen Vaters erfüllt.
Und Gott weiß, dass noch viele andere Menschen gibt, die Befreiung und Heilung brauchen, die Trost und Ermutigung suchen, die Vergebung brauchen und einen guten Neuanfang im Leben. Dorthin will Jesus. Weiter zu den Sündern und Kranken, hin zu den Belasteten und Kaputten. Und mehr Liebe Gottes reinbringen.

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