Jesus, Ebola, Aids und Lepra

40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.41 Und es jammerte ihn und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein!42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm und er wurde rein.43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.“
(Markus 1,40 ff.)

Ein Aussätziger kommt zu Jesus. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um einen Lepra-Kranken. Jemand, der andere per Tröpfcheninfektion anstecken kann. Diese Krankheit kann zum Absterben der Nerven führen, so dass man irgendwann seine Gliedmaßen nicht mehr spürt. Im schlimmsten Fall stößt man sich dann an einer Ecke, spürt dies nicht, bekommt den blauen Fleck oder die offene Wunde nicht mit. Weitere Infektionen können folgen. Gliedmaßen können dadurch so beschädigt werden, dass sie dann tatsächlich absterben oder gar „abfallen“. Heutzutage ist Lepra auf dem Rückmarsch, aber es gibt noch immer viel zu viele Menschen, die davon befallen sind. Damals wie heute führt das zur Ausgrenzung.
Als Lepra-Kranker hat man keine Freunde mehr. Wird nicht mehr zu Familienfesten eingeladen. Niemand spielt mit dem Kranken. Keiner umarmt ihn, gibt die Hand oder klopft anerkennend auf die Schulter. Alle ziehen sich aus Angst vor der Ansteckung zurück.
Nach den Regeln des Mose-Gesetzes im Judentum müssen sich die Aussätzigen kaputte Klamotten anziehen, ihre Haare verwildern lassen und wenn sie in die Nähe anderer Menschen kommen, rufen: „Unrein! Unrein!“
Eine Warnung an die anderen: sichtbar und hörbar.
Die anderen meiden den Kranken und der Kranke muss die anderen meiden und sie in ihrer Angst bestärken.

Die Mose-Regelung ist verständlich: Niemand will sich anstecken! Ein Volk voller Lepra-Kranker wäre schnell zu einem Kapitel der Vergangenheit geworden. Letztlich zählt eben das Überleben. Völlig normal.
Ich will auch nicht in eine Ebola-Region fahren, um dort zu helfen, abgesehen davon, dass ich wahrscheinlich gar keine Hilfe wäre. Ich hätte genauso Angst vor Ansteckung. Ich will leben und nicht krepieren.
Oder wenn ich an die erste Zeit denke, in der die Krankheit AIDS medial thematisiert wurde… es gab viel Unwissen und viele Befürchtungen. Als Teenie hatte ich mal sehr hohes Fieber. Das kann zu manch wahnwitzigen Vorstellungen führen. So wollte ich nicht auf Toilette, weil ich befürchtete, dass dort ein Politiker sitzen würde. Arme Politiker! Tut mir rückblickend irgendwie leid. Im Fieberwahn überlegte ich auch, wieso es mir so schlecht ging. Dann kam eine Erinnerung hoch: in der Grundschule hatte ich mit einem anderen Jungen eine Blutsbruderschaft geschlossen. Jetzt war klar, weshalb es mir schlecht ging! Ich hatte wohl AIDS bekommen!
Nun, ich habe kein AIDS, aber es gibt sicherlich viele Menschen, die es sich genau überlegen, ob sie einem AIDS-Kranken die Hand geben sollen. Angst vor Ansteckung.

Und jetzt kommt so ein Lepra-Kranker zu Jesus, kniet nieder und bittet um Heilung. Er hat gehört, dass Jesus gesund machen kann. Was tun? Chance nutzen! Hat er vorher „Unrein! Unrein!“ gerufen? Wir wissen es nicht. Könnte aber sein, dass er die Mose-Regel verletzt hat. Allen war klar, dass dieser Kranke gebührenden Abstand zu halten hat. Wie kann man auch so unverantwortlich sein und das Leben anderer auf’s Spiel setzen!? Und dann auch noch an den Rabbi herantreten! Wie ungeheuerlich! Das muss ein Mann sein, der keinerlei Anstandsgefühl hat! Ein Egoist! So wie jemand, der in einem Kinderzimmer eine Zigarette raucht! Nur schlimmer!
Der Mann hat keine gute Tat vorzuweisen. Stattdessen bringt er seine ansteckende Krankheit mit.

Doch jetzt kommt’s!
Jesus berührt ihn.

Puh.. da muss ich tief einatmen. Jesus berührt diesen Mann.
Das ist so großartig, so erschreckend, so aufwühlend, so barmherzig und mitleidend.
An dieser Stelle muss ich sagen: Es ist fast egal, ob der Mann geheilt wird. Allein diese Berührung ist so bedeutend. Allein das hätte gereicht, um dem Mann Trost und Kraft zu geben. „Endlich ist da jemand, der mich sieht! Endlich hat mich jemand anerkannt. Da ist einer, bei dem ich kein Außenseiter bin!“
Trotzdem: Die Heilung durch Jesus ist natürlich noch gewaltiger. Der Kranke wurde von einem Verdammten zu einem Befreiten. Von einem Geplagten zu einem Erlösten. Von einem Monster zu einem Prinzen.

Das ist durch Jesus möglich! Körperliche Heilungen sind möglich. Aber ebenso die innere Verwandlung des Charakters. Ich kenne so viele Menschen, die durch Jesus fröhlicher, gelassener, mutiger und schöner geworden sind (leider sind manche durch falsche Lehren in den Gemeinden wieder kaputt geworden)! Die Verwandlung eines Menschen ist durch die Kraft und Liebe Jesu möglich! Das begeistert mich immer wieder.
Deswegen finde ich auch Gemeinde gut. Weil Gemeinden aus Menschen bestehen, die etwas von dieser erlösenden Kraft Jesu kennengelernt haben. Keiner von denen ist perfekt. Aber alle sind perfekt geliebt von Gott. Wo diese Barmherzigkeit und Kraft Gottes in einer Gemeinde sind, da ist es gut zu sein. Bei aller Unvollkommenheit können Gemeinden diesbezüglich auf dem richtigen Pfad sein. Das sind Gemeinden, in denen Kranke und Belastete sein dürfen, ohne rausgeschmissen zu werden. Stattdessen erfahren sie nach und nach etwas von der Kraft und Liebe Gottes. Manche dieser Menschen ändern sich innerhalb von wenigen Wochen. Für andere ist es ein jahrelanger Prozess. Und leider gibt es immer eine Handvoll von Menschen, die sich nicht ändern wollen, obwohl sie ein erfüllteres und befreiteres Leben erwartet. In solchen Gemeinden wird für Kranke gebetet. Außenseiter werden hineingenommen. Man duldet manche Macken und akzeptiert die Unterschiedlichkeit und Vielfalt, aber hilft sich auch gegenseitig, um mehr von der Kraft und Liebe Gottes verändert zu werden. Keine Gemeinde ist so in Reinform. Wir sind eben fehlbare Menschen. Aber es gibt Gemeinden, die bewegen sich auf diesem Pfad und lernen dazu. Andere Gemeinden leben in der Zeit des Mose-Gesetzes, wiewohl sie sich christlich nennen. Für sie zählen Äußerlichkeiten mehr als das Herz. Sie beurteilen Menschen nach den Mitgliederstandards. Die Einhaltung religiöser Normen ist das Höchste für sie. Da ist wenig Raum für Freiheit, Kraft und Liebe Gottes. Bettler, Kranke und Außenseiter bleiben Ausgeschlossene. Für solche Gemeinde sollte man umso mehr beten… und diese im Notfall meiden.

Jesus gebietet dem Geheilten, nichts von der Heilung durch ihn zu sagen.
Dass die Heilung geschehen ist, ist ja für alle offensichtlich. Aber was tun, wenn Leute nachfragen? Soll der Geheilte nicht sagen: „Das hat Jesus gemacht!“? Soll er lügen? Wie hat sich Jesus das vorgestellt?
Im Text steht konkret das:
Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.“

Man könnte vielleicht sagen, dass der Geheilte seine Heilung nicht zur Hauptschlagzeile in den Abendnachrichten machen soll. Einfach hin zum Priester, damit wieder offiziell als gesund zu gelten. Fertig. Jesus geht es nicht um die Publicity. Er sucht nicht den Ruhm und will keine Show produzieren. Ihm geht es schlichtweg um die Heilung dieses Mannes. Das alleine war Sinn und Zweck der „Übung“.
Nun empfindet der Mann das ganz anders. Vom Monster zum Prinzen… also, das ist eine krasse Geschichte! Das würde ich auch erzählen wollen! Sehr verständlich.

Die Folge ist nur die: Jetzt wollen umso mehr Menschen zu Jesus! Die Massen fangen an, zu strömen.
Will Jesus diesen Leuten nicht auch helfen? Warum zieht er sich zurück?

Für mich bleibt es Spekulation. Ich gehe davon aus, dass Jesus direkt durch Gottes Geist geführt wurde. Hinter seinem Rückzug steckt keine Feigheit. Es entspricht dem göttlichen Plan für sein Leben. Jesus wird noch viele Kranke heilen. Und er wird noch oft seine Barmherzigkeit zeigen. Aber das soll nichts mit Massenhysterie zu tun haben. Jesus will nicht instrumentalisiert werden. Nicht die Massen sollen über ihn verfügen, sondern alleine Gott.

Das ist für mich immer wieder eine wichtige Frage: Tue ich das, was ich tue, weil es im Plan Gottes ist oder weil es Menschen wollen? Tue ich das, um Menschen zu gefallen oder weil ich überzeugt bin, dass es dem Weg Gottes entspricht? Inwiefern lasse ich mich von der Mehrheitsmeinung dominieren oder von dem, was ich von Gott erkannt habe?
Mit Gott zu leben, kann stellenweise ein einsamer Weg sein. Und doch ist es ein Weg der Freiheit und nicht der Gebundenheit.

Bei Jesus führt das dazu, dass er bereit ist, sich anstecken zu lassen. Jesus geht auf den Ebola-Kranken, den AIDS-Kranken und den Lepra-Kranken zu. „Unrein“ sind für ihn eher die „Gesetzestreuen“, die sich an den Buchstaben aufrauchen und dabei das Wesentliche aus den Augen verlieren. Vermutlich hätte Jesus heutzutage keine Hemmungen, direkt in einem Ebola-Gebiet zu sein und mit den Menschen zu leiden, ihnen beizustehen und Mut zu machen.

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