Jesus entsetzt

Bibeltext: Markus 2,1 ff. (hier klicken, um den Text zu lesen)

Man kann sagen, dass Jesus mittlerweile eine gewisse Berühmtheit rund um Kapernaum erlangt hat. Kaum ist er wieder „in da hood“, strömen die Menschen zu ihm. Warum kommen die Leute? Sie sehen bei Jesus brilliante Aussagen, die in das Herz gehen und sie sehen bei Jesus die Heilungen und Befreiungen. Der ganze Mensch ist betroffen. Bei Jesus gibt es weder nur Gehirnfutter mit keinerlei Praxisrelevanz, noch gibt es bei Jesus eine göttliche Magieshow, die das Herz nicht verändert. Hier gibt es Gehirn- und Herzfutter und zugleich ein körperliches Verändertwerden. Alles verändert sich, wenn Jesus da ist. Für den Gelähmten in dieser Geschichte verändert sich das ganze Leben radikal: eben noch gelähmt, total abhängig von der Gnade anderer – und jetzt geheilt und jemand, der diese Gnade Jesu weitergeben kann. Sogar für manche skeptische Schriftgelehrte verändert sich das Leben: sie werden bockiger. Sie machen ihr Herz zu. Sie wollen einfach nicht wahrhaben, dass sie es bei Jesus mit dem erwarteten Messias zu tun haben. Der muss doch anders aussehen! Viel glanzvoller, viel mächtiger… und nicht so einfach gekleidet, ohne Armee und ohne politischen Einfluss.
Bei Jesus verändern sich Menschen: sie werden entweder zu Jesus-Nachfolgern und damit gnädiger oder sie werden zu Jesus-Gegner und damit zynischer.

Der Gelähmte in dieser Geschichte kann natürlich nicht alleine zu Jesus. Er braucht Hilfe. Vier Leute tragen ihn. Wir wissen nicht, ob das seine Freunde waren, seine Verwandten, Leute aus dem Skat-Verein oder einfach nur Leute, die sein Jammern gehört haben und sich erbarmt haben. Alleine das ist eine schöne Szene: die Menschen helfen sich gegenseitig, damit einer zu Jesus kommen kann. Manche sagen auch, dass dieses Bild zeigt, dass es immer vier Gesunde braucht, um einen Kranken zu „tragen“. Vier Starke in einem Team, um einen Schwachen mitzunehmen. Darin liegt viel Wahres. Aber zugleich stimmt auch das: Ohne den Gelähmten wären die Gesunden vielleicht nie zu Jesus gegangen. Und selbst wenn, dann hätten sie womöglich nicht das erfahren, was dann geschah. Könnte es sein, dass auch wir „Gesunden“ die „Kranken“ brauchen? Damit will ich nicht Krankheit verherrlichen. Jesus heilt die Kranken. Alleine das klärt schon, wie Gott Krankheit sieht: als etwas, das weg soll! Und dennoch könnte es sein, dass wir an dieser Geschichte merken, dass es nicht um DIE Gesunden auf der einen Seite geht und DIE Kranken auf der anderen Seite. Es geht um das Miteinander. Das Zusammensein. So wie sich die Gesunden für den Gelähmten einsetzen, so kommen sie dadurch in einen gesegneten Erfahrungsbereich, den sie ohne den Kranken nicht erlebt hätten. Und in diesem Miteinander erfahren sie das Heil.

Jesus erkennt sofort, wie diese fünf Leute ticken: „Als nun Jesus ihren Glauben sah…“
Er sieht den Glauben des Teams! Nicht die Glaubensleistung des Gelähmten ist das Ausschlaggebende, sondern das gemeinsame Vertrauen zählt. Woran erkennt Jesus dieses Vertrauen? Es besteht nicht darin, dass sich dieses Team im Kreis hingesetzt hat, sich an die Hände gefasst hat und sich dann gegenseitig versichert hat, wie stark der eigene Glaube sei. Das Vertrauen besteht darin, dass sich das Team wirklich aufmacht! Glaube führt immer zur Tat. Deshalb ist ein Glaube ohne Taten ein toter Glaube.

Das Erste, was Jesus tut, ist, dem Gelähmten die Schuld zu vergeben.
Na, toll! Deshalb der ganze Aufwand? Stell dir vor, du zertrümmerst eine Tür, weil du weißt, dass hinter dieser Tür der weltberühmte Krebsheiler eine kleine Rede hält. Jeder weiß: dieser Krebsheiler kann dank des neuesten Medikaments innerhalb von wenigen Tagen vom Krebs befreien. Und weil dein Krebs im Endstadium ist, ist dieser Mann mit seiner Medizin die letzte Hoffnung. Koste es, was es wolle: hin da – auch, wenn man Türen eintreten muss! Und jetzt hast du es geschafft. Alle gucken dich entsetzt an. „Der hat die Tür kaputt gemacht!“ Aber der Krebsheiler kennt Leute wie dich. Er weiß, welche Hoffnung dich treibt. Er geht auf dich zu und sagt: „Wird schon!“
Ganz klasse, oder? Du willst keine billige Vertröstung, sondern Heilung!

Ob sich der Gelähmte so gefühlt hat, wissen wir nicht. Aber ich gehe davon aus, dass Jesus in das Innerste dieses Mannes blickte. Er wusste, was den Mann wirklich quält. Und das war seine Schuld. War er ein Mörder gewesen? Ein Dieb? Jemand, der anderen viel Unrecht zugefügt hat und nun seit Jahren Gewissensbisse hat und sie nicht los wird? Oder ist es einer, der Gott geflucht hat? Jemand, der meinte, dass Gott tot sei und sich damit total klug gefühlt hat, aber eigentlich in seiner Seele zerrissen war? Wie auch immer: Jesus spricht Vergebung zu. Einfach so. Wir lesen nichts von einem Bußgebet des Mannes. Nichts von zehn Ave Maria. Nichts davon, dass der Mann irgendwas geleistet hätte, was irgendwie religiös war. Nix. Das Einzige, was er tat, war, vor Jesus zu liegen. Denn er konnte ja sonst nichts anderes machen. Nur liegen. Passiv. Unfähig. Kaputt. Und Jesus spricht Vergebung zu.
Ich finde das genial. Absolut stark. Denn genau das offenbart das Wesen der Vergebung: Vergebung ist ein Geschenk. Unverdient. Reine Gnade. Aber eine garantierte Gnade, wenn man zu Jesus will. Wer auch immer in der Nähe Jesu ist und seine Hilfe sucht, bekommt diese Gnade und Vergebung. Einfach so. Und damit heilt Jesus das Innere dieses Menschen. Seine Gottesbeziehung kann wieder aufblühen, weil er nun weiß, dass Gott ihn annimmt.

Verständlicherweise denken die Schriftgelehrten: „Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“
Das ist verständlich, wenn man sich überlegt, was hier passiert. Da ist einer, der einem völlig Unbekannten Vergebung zuspricht. Also, wenn die sich gekannt hätten und der eine tritt dem anderen auf den Fuß, woraufhin dieser sagt: „Kann mal passieren. Ich verzeihe dir!“, dann wäre das nachvollziehbar. Aber hier geschieht ja eher das Folgende: Jemand tritt einem anderen auf den Fuß. Da kommt ein Dritter an und sagt zu dem Fußtreter: „Ich vergebe dir!“
Wie anmaßend! Dieser Dritte hatte doch gar nichts mit dem Konflikt zu tun! Was mischt der sich ein!? Selbst, wenn wir nicht religiös wären, würde uns eine solche Begebenheit irritieren. Doch für fromme Juden war das Gotteslästerung! Eine solche Handlung der Vergebug darf nur Gott vornehmen!
Tatsächlich wäre das von Jesus falsch gewesen, WENN er nicht Gottes Sohn wäre! Aber da er gottgleich ist, kann und darf er diese Vergebung zusprechen! An dieser Stelle in der Bibel entdecken wir also einen indirekten Anspruch Jesu, gottgleich zu sein.

Jesus spürt, was in seinen Kritikern vor sich geht. Jetzt hätte er diskutieren können. Oder himmlische Zornesblitze senden können. Oder um Verzeihung bitten können, für dieses offensive Vorgehen. Man will ja keine religiösen Empfindungen stören, oder?
Stattdessen erweist Jesus seine Macht: Er heilt den Gelähmten.
Das ist eine Demonstration seiner Liebe und Kraft. Das zeigt auch, dass Jesus den ganzen Menschen sieht: das Innerste und das Äußere. Der Mensch, der zugleich Vergebung als auch Heilung braucht. Und in diesem Ganzen steckt der umfassende Friede, den Gott gibt: Shalom.
Jesus spricht nur ein paar Worte aus: „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“
Es ist wie mit dem Schöpfungsgeschehen: Gott spricht – und es wird!
Jesus spricht – und die Heilung ist da!
Bei Gott sind Worte nicht nur Schall und Rauch. Da hat jedes Wort verändernde Kraft.

Ich finde es stark, dass Jesus das Helferteam nicht wegen der kaputten Zimmerdecke tadelt. Stattdessen sieht er den Glauben der Leute.
Jesus kuriert nicht nur Symptome. Er heilt zuerst da, wo es am Nötigsten ist. Und ganz oft heißt das dann: Vergebung! Wir wünschen uns vielleicht Heilung für bestimmte Schmerzen. Aber was wäre, wenn der eigentliche Grund ganz woanders liegt und Gott erstmal an anderer Stelle heilen will, weil er weiß, dass es dort nötiger ist?
Jesus macht nicht nur Sprüche. Er offenbart auch, dass seine Gnade dem ganzen Menschen gilt. So macht er den Gelähmten körperlich heil.
Jesus achtet nicht auf religiöse Befindlichkeiten. Aber es geht ihm auch nicht um das bloße Anti-Sein. Ihm geht es immer um die Liebe. Deshalb ist es ihm wichtiger, den Gelähmten zu heilen statt die religiösen Vorstellungen der Schriftgelehrten zu erfüllen.

Warum er den Geheilten dann nach Hause schickt, erschließt sich mir nicht. Vielleicht soll der Mann einfach seine Ruhe haben und nicht im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen. Vielleicht sollen seine Nachbarn sehen, was Gott getan hat. Vielleicht ist das auch nur effektiv gedacht: Es ist eh voll im Haus, da sind noch viele, die Heilung wollen…na, und wenn du heil geworden bist, dann gehe doch wieder zurück in dein Leben, deinen Alltag, in dein Umfeld! Aber nun eben geheilt!

Alles eine krasse Action!
„…sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.“

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