Jesus und die Mafia

13 Und er ging wieder hinaus an den See; und alles Volk kam zu ihm und er lehrte sie.14 Und als er vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.15 Und es begab sich, dass er zu Tisch saß in seinem Hause, da setzten sich viele Zöllner und Sünder zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern; denn es waren viele, die ihm nachfolgten.16 Und als die Schriftgelehrten unter den Pharisäern sahen, dass er mit den Sündern und Zöllnern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Isst er mit den Zöllnern und Sündern?17 Als das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ (Markus 2,13 ff.)

Sitzt Jesus in seinem eigenen Haus oder im Haus des Zöllners Levi? Ich weiß es nicht. Aber es gibt ja auch viel wichtigere Abläufe in dieser Geschichte. Jesus ist mal wieder draußen. Am See.
Das ist wirklich eines der herausragenden Kennzeichen Jesu: statt sich irgendwo auf Dauer einzurichten, ist er mal hier und mal dort. Er sagte, dass er gesandt wurde von seinem Vater. Und so verhält er sich auch: er lässt sich senden, d.h. er geht.
Immer wieder erstaunt es mich – und manchmal staune ich auch über mich selbst – dass wir uns als Kirche und Christen oft ganz anders verhalten. Man muss sich vorstellen, dass Jesus zu uns sagte: „Friede euch! Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende ich auch euch.“ (Johannes 20,21). Gleiches spricht er in Matthäus 28,18 ff. oder in der Apostelgeschichte 1,8. Doch statt es Jesus gleichzutun, suchen wir lieber nach dem EINEN Standort, wo wir unsere Kirchengebäude bauen können. Wir gehen nicht. Wir bleiben sitzen. Und wir sind schon zufrieden mit uns, wenn wir es dann doch mal gewagt haben, unseren Nachbarn anzusprechen. Dann aber schnell wieder in den persönlichen Kirchentempel flüchten!

Ich will nicht Schwarz-Weiß malen. Allerdings sind wir oftmals zu sehr davon geprägt, eine Gemeinde aufzubauen statt eine Bewegung zu starten. Wir beschäftigen uns viel mit den inneren Angelegenheit der Christenheit statt uns mit den Angelegenheiten der Menschen um uns herum zu beschäftigen. Und dann wundern wir uns, weshalb unser Christsein für andere Menschen irrelevant ist! Wir meinen, dass es doch genügen würde, einfach ein netter Mensch zu sein. Die Leute würden schon merken, wie heilig und gott-geliebt wir sind. Doof nur, dass es auch viele Heiden gibt, die mindestens genauso nett sein können.
Es gibt auch Christen, die meinen, in dieser Gesellschaft ihre moralische Fahne hochhalten zu müssen und darüber würde man unseren Glauben endlich ernst nehmen. Nix gegen vereinzelten Protest gegen schieflaufende soziale und ethische Entwicklungen, doch doof nur, wenn wir Christen dann auch als Moralapostel abgestempelt werden. Das zieht nicht. Das hält Menschen fern! Und doppelt doof, dass Jesus, unser Herr, das völlig anders gelebt hat!
Naja, nicht wirklich doof, höchstens doof für uns Christen und echt schade für diese Welt, aber eigentlich ist das ja genau richtig, was Jesus da tut. Er geht von Ort zu Ort, um in der Nähe der Menschen zu sein. Das ist das Erste.

Und für uns entsteht die Frage: Sind wir eine gehende Gemeinde? Gehen wir zu den Menschen oder beten dafür, dass alle zu uns kommen, während wir brav im stillen Kämmerlein warten… und wehe, es kommt dann jemand rein, der unsere Gottesdienstabläufe stört! Der muss dann erstmal unsere christliche Subkultur verstehen lernen.
Ich glaube, dass wir das Gehen einüben können und müssen. Man kann Spaziergänge im Kiez machen und dabei laut oder leise beten. Das laute Beten ist gar nicht so tragisch, da heutzutage sowieso alle mit einem Stöpsel im Ohr herumrennen und mit unsichtbaren Gestalten sprechen. Man kann den Bibelkreis in der Kneipe haben statt im heiligen Gemeinderaum. Man kann Gottesdienstfeiern auch draußen haben. Man kann im Park picknicken. Man kann auch einfach so durch die Stadt schlendern und gespannt sein, was man dann so sehen wird. Wichtig ist nur, dass man wirklich hinsieht und hinhört und sich nicht auf den Handybildschirm konzentriert, um sich dann zu beschweren, dass mal wieder nichts passiert sei.

Aber es ist nicht nur das Gehen an sich. Auch unsere Einstellung ist relevant. Denn warum war Jesus ein Gehender? Der berühmt-berüchtigte Vers im Johannes-Evangelium 3,16 gibt dazu Antwort: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ Kurzum: Gottes Liebe trieb Jesus an! Das Hingehen zu den Menschen war kein Selbstzweck. Es ging darum, die Liebe Gottes zu offenbaren und die Menschen zu retten vor dem Sich-Kaputtmachen und dem gegenseitigen Zerstören und zu retten vor der ewigen Gottesferne. Jesus hatte eine Mission.

Es ist so cool, dass er dabei eben nicht den Moralapostel spielte. Er versuchte auch nicht, besonders lieb zu sein, damit alle denken: „Wer so lieb ist, der muss Gottes Sohn sein!“ Seine Liebe wurde praktisch. Er heilte und befreite. Er vergab Schuld. Einfach so, ohne Gegenleistung und ohne religiösen Schnick-Schnack. Und er hatte besonders ein Herz für die Kaputten, die Kranken, die Sünder. Jesus ist nicht gekommen, um die Gesunden noch gesünder zu machen. Nein, fromme Wellness ist nicht angesagt.

Jesus ist gekommen, um die Menschen, die wirkliche Arschlöcher sind, zu gesunden Menschen zu machen. Das Wort „Arschloch“ ist natürlich sehr derb. Steht so nicht in der Bibel. Aber möglicherweise haben das etliche Menschen gedacht, wenn sie mit einem Zöllner wie Levi zu tun hatten. Zöllner waren als Berufsklasse verschrien. Wie heutige geldgierige Manager, die eine ganze Firma und die Wirtschaft noch dazu in den Sand fahren und trotzdem eine gigantische Abfindung kassieren… nur alles viel direkter und offensichtlicher. Die Zöllner waren Landsleute der Juden, also welche von uns. Aber sie kooperierten mit der brutalen Besatzungsmacht der Römer. Erster Fehler. Dann nahmen sie Wegezoll von ihren Landsleuten. Die eigenen Leute abkassieren – zweiter Fehler. Weiterhin nahmen die Zöllner nicht den nötigsten Zoll, sondern steckten sich gerne ein paar Portionen mehr ein, um sich davon ein eigenes Haus zu finanzieren. Dritter Fehler. Stell dir vor, du ackerst und ackerst, um einigermaßen über die Runden zu kommen und dann hockt da so ein Verräter, der nur die Hand aufhält und davon in Saus und Braus lebt! Wie denkt man über so einen Menschen? Mancher würde vielleicht denken: „Das finde ich aber gar nicht nett von dir!“ Und andere würden denken: „Arschloch!“ Solche Typen sind wie die Mafia: böse und strukturiert. Mit denen will man nichts zu tun haben. Da sagt man zu seinen Kindern: „Guck da nicht hin!“

Tja, und der letztlich größte Fehler war, dass diese Typen nicht an Gott glaubten. Denn hätten sie an Gott geglaubt, dann hätten sie nicht systematisch betrogen und andere ausgenutzt…oder? Kann man das so sagen? Ist es so, wer an Gott glaubt, der nutzt andere nicht aus? Weit gefehlt! Natürlich tun Gottgläubige das auch! Wir kaufen Klamotten, die in Asien produziert werden, wo Menschen ihre Gesundheit und ihr Leben einsetzen, damit unsere Jeans und T-Shirts nicht doppelt so viel kosten müssen. Familien werden zerrissen, weil die Eltern ständig schuften müssen und ihre Kinder vielleicht das letzte Mal bei der Geburt gesehen haben. Wir kaufen Kaffee, der hoffentlich preiswert ist und der von Menschen erarbeitet wurde, die ebenso dafür kaputt gehen. Ähnliches könnte man vom Reisanbau und Teeanbau sagen. Wenn wir das nun auf unsere Schöpfung erweitern, dann entdecken wir, wie wir systematisch Massentierhaltung betreiben, wo Tiere unter übelsten Bedingungen gefoltert werden, damit wir billige Salami oder günstige Eier für den Kuchen haben. Wir sehen es nicht, weil es so weit weg ist. Aber das ändert nichts daran, dass wir voll drinstecken, das System für uns arbeiten lassen und davon profitieren.

Was sind die Antworten von uns Christen dazu? Bitte nicht missverstehen! Ich habe wenig übrig für bloßen Aktionismus oder ein verkürztes Sozial-Evangelium. Aber ich habe auch nichts übrig für eine verkürzte Lesart der Bibel, in der immerhin steht, dass wir uns um die Schöpfung kümmern sollen und für Recht und Gerechtigkeit eintreten sollen. Ein Christ, der viel Bibel liest und immerzu betet, aber bei Ungerechtigkeiten nichts sagt, der ist wie eine richtig schmucke Grabhöhle: sieht alles toll aus, aber Innen stinkt es nach Verwesung.

Nun gut, Jesus war auch nicht auf einer Montagsdemo oder hat Slogans für Fairtrade-Artikel entwickelt. Er schaute auf die Quelle des Übels: auf unser Herz. Jesus sagte, dass das Böse aus uns selbst heraus kommt! Wir selbst sind die Lügner und Betrüger. Wir sind die Kaputten und Kranken. Wir sind die Unfähigen und Schmarotzer. Bei manchen ist offensichtlich, wie zum Beispiel bei Levi, dem Zöllner. Und bei anderen ist es versteckter, wie bei den gebildeten Schriftgelehrten. Aber letztlich ist keiner von denen gut. Niemand liebt so, wie man es tun sollte. Immer kommt da der Neid hoch oder der Geiz. Das Machtstreben und der Stolz. Die Unversöhnlichkeit und die Bitterkeit. Wir sind die Zöllner und Sünder. Und solange unser Herz im Rhythmus des Sünderdaseins tickt, solange machen bloße äußere Veränderung wenig Sinn. Sie machen die Grabhöhle nur bunter, aber lebendig wird’s dadurch nicht.

Deshalb wollte Jesus genau zu solchen Typen wie Levi. Und er und viele andere Betrüger haben das kapiert: der hält uns keine Moralpredigt. Der sitzt mit uns zusammen, isst und trinkt mit uns. Der lässt sich auf uns ein und stempelt uns nicht ab. Der versteht mich. Der kennt meine Zerrissenheit. Der weiß um meine Gier und quatscht trotzdem mit mir. Und Jesus suchte diese Leute, um sie zu lieben. Durch diese Liebe fassten sie Vertrauen. Und durch das Vertrauen öffneten sie sich gegenüber Jesus und verstanden mehr und mehr, was er wollte. Levi raffte das, dass er bei Jesus eine neue Chance haben würde. Levi spürte, dass ihn das Geld und die Macht nicht wirklich befriedigten. Sie schrien immer nur: „Mehr!“ Aber bei Jesus merkte er, dass er Frieden bekommt. So eine innere Ruhe, die das Rufen seiner Gier verstummen ließ. Wahrscheinlich konnte er es kaum in Worte fassen, aber möglicherweise empfand er das erste Mal in seinem Leben Sinn. Es machte Sinn bei Jesus zu sein und ihm zu folgen. Es machte Sinn, dem Herzensveränderer nachzugehen und von ihm zu lernen.
Es machte Sinn, jemand zu sein, der diese Welt ganz anders revolutionierte als es die Machthaber oder korangläubige Moslems tun: nicht mit Waffen und Gewalt, sondern mit Wort und Geist. Mit Gotteskraft und in Liebe zu Gott und den Menschen.

Echt schade, dass die meisten Schriftgelehrten das nicht durchschauten. Was wäre das für eine Welt, wenn die Gebildeten wirklich weise wären! Was wäre das für eine Welt, in der wir Christen so lebten wie Jesus es tat! Und Gott sei Dank, dass es tatsächlich Christen gibt, die bereits gehen und Jesus folgen!

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