Jesus und das Wesentliche

23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.28 So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“
(Markus 2,23 ff.)

Es gab bei den Juden ein sehr ernstzunehmendes Gesetz:
„Sechs Tage soll man seine Arbeit verrichten, aber den siebten Tag sollt ihr heilig halten, er sei euch ein ganz feierlicher Sabbat für den HERRN. Jeder, der an ihm eine Arbeit verrichtet, muss getötet werden.“
(2.Mose 35,2)

Der Sabbat, bei den Juden der Samstag, sollte ein Ruhetag für alle sein. Für alle! Auch für die Sklaven, Angestellten und das Vieh. Das Arbeiten hat seine Zeit, aber auch die Ruhe. Besonders beachtlich war das vor dem Hintergrund, dass Israel lange in Ägypten gefangen war und Sklavenarbeit verrichten musste. Da handelte es sich sicherlich nicht um eine 40-Stunden-Woche. Aus dieser Bedrückungsmaschine heraus zu kommen und nun wieder einen freien Tag in der Woche zu haben, musste ein Hochgenuss sein. Aber vor allem war es ein Zeichen der Güte Gottes. Gott will nicht, dass wir zu Arbeitstieren werden. Er will uns Erholung geben.
Doch warum erlässt Gott dann so ein scharfes Strafgesetz? Wer am Sabbat Arbeit verrichtet, soll getötet werden?
Das wird in der Bibel nicht direkt erklärt, daher bleiben uns nur Spekulationen.
Lag es daran, dass man nicht gegen Gebote des heiligen Gottes verstoßen sollte? Sozusagen das: Wer sich gegen den Herrscher stellt, ist ein Rebell und nicht mehr lebenswürdig?
Lag es daran, dass wir Menschen es nicht anders kapieren und deshalb drastische Maßnahmen nötig sind?
Oder lag es daran, dass deutlich werden musste: Wer sich von den lebensstiftenden Weisungen Gottes entfernt, der entfernt sich vom Leben und gelangt in den Tod?
Wie auch immer… vermutlich kam es extrem selten vor, dass tatsächlich jemand wegen der Nichteinhaltung des Gebotes getötet wurde.
Eine Vermutung, die ich habe, ist die: Der Begriff „Arbeit“ muss im Kontrast zur Sklaverei in Ägypten gesehen werden. D.h. bei der „Arbeit“ ging es nicht darum, mal etwas Geschirr abzuwaschen oder das Kissen ordentlich hinzulegen. Sondern „Arbeit“ bezeichnete möglicherweise den Zwang zum Arbeiten. Wer also gezwungen war oder gezwungen wurde, am Sabbat zu arbeiten, wiederholte damit die Sklaverei aus Ägypten und verneinte damit die Freiheit und das Leben durch Gott.
Auf jeden Fall handelte es sich ein Gebot, mit dem nicht zu spaßen war.

Die Pharisäer sahen nun, wie die Leute von Jesus am Sabbat Ähren von einem Feld pflückten. Moment mal! Ähren pflücken = handwerkliche Tätigkeit = Arbeit! Und das am Sabbat!!! Diese Jesus-Leute sind des Todes würdig! Und dieser Jesus will Rabbi sein!? Sieht er das nicht? Warum lässt er es zu? Kennt er die Schriften nicht? Wie kann er sich so gegen Gott und seine Gebote stellen!?
So jemand kann nicht wirklich gottesfürchtig sein!

Wir kennen diese Gedankengänge nur zu gut!
Einerseits aus christlicher Sicht: Der Christ XY spielt gerne Computer und liest kaum in der Bibel…na, dessen Leben mit Gott ist offensichtlich auf Null-Niveau! Diese Christin hat beim Beten die Hände in den Hosentaschen… die hat offensichtlich keine Ehrfurcht vor Gott!
Welche Beispiele fallen dir noch ein?
Andererseits aus nicht-christlicher Sicht: Der Christ hat kein Geschenk gemacht, ist offensichtlich geizig… und der will Christ sein!? Diese Christin hat sich irgendwie rausgeredet, dabei wissen alle, dass sie mit drin steckt… und die will Christin sein!?

Wir sehen das Äußere und ziehen unsere Schlussfolgerungen. Ganz normal. Aber leider oft einseitig und mitunter auch verurteilend.

Jesus aber ist sich durchaus bewusst, was hier geschieht.
Und so verweist er auf eine jahrhundertealte Begebenheit: Als der König David auf der Flucht war und seine Leute Hunger hatten, nahmen sie sich mit Erlaubnis des Priesters die alten Schaubrote (1.Samuel 21,7). Diese Schaubrote waren ursprünglich für die Priester gedacht und nicht für Normal-Sterbliche. Aber da die Schaubrote alt waren und die neuen hingestellt wurden und es der Priester sogar erlaubte, füllten Davids Leute ihre Mägen mit den Priesterbroten.
In der Bibel wird nicht berichtet, wie Gott das fand. Auf jeden Fall gab es dafür keine Strafe. Klar, es war eine absolute Besonderheit. Aber irgendwie war es auch richtig. Die Schaubrote hatten keinen Selbstzweck. Sie waren für die Menschen – die Priester – da.

Jesus macht deutlich, dass also auch der Sabbat für den Menschen da ist und nicht umgekehrt. Gottes Weisungen sollen uns zum Leben helfen und nicht knechten! Diese „Leitplanken“ Gottes sind Schutzplanken, aber keine Planken, mit denen man andere verkloppen soll! Die Schaubrote bei David waren alt und man hätte sie entsorgt. Warum dann nicht den Hungrigen geben? Und das Sabbatgesetz verbot auch nicht, dass sich Hungrige sättigen dürfen!
Hätten die Pharisäer ihre Rechtgläubigkeit beweisen wollen, hätten sie den Jesus-Leuten etwas zu essen geben müssen, statt zu meckern.

Schließlich sagt Jesus: Der Menschensohn (ein Titel für den Messias!) ist Herr über den Sabbat!
Damit zieht er eine Parallele zum Priester, der es David gestattete, die Schaubrote zu essen. Jesus ist wie dieser Priester. Wenn er sagt, dass es okay ist, am Sabbat Ähren zu raufen, um sich zu sättigen, dann ist das eben okay.

Jesus bringt die Sachen auf den Punkt.
Auch wir haben das immer wieder zu lernen, das Wesentliche zu sehen. Unsere Vereinssatzungen, unsere Familienregeln, unsere Staatsgesetze, unsere Liturgien, Erfahrungssätze und unsere Traditionen dürfen nie zu Regeln werden, die die Menschen knechten. Sie sollen stattdessen dem Leben helfen und es schützen und fördern. Es darf dabei keinen Selbstzweck der Regeln geben. Sobald das der Fall ist, müssen wir nach dem Wesentlichen dahinter fragen und die Regeln im Zweifel auf die Müllhalde werfen.

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