Dürfen Christen für den Krieg sein?

Eine simple Frage, die schnell irreführend sein kann. Aber auch eine Frage, mit der wir uns in diesen Tagen öfter konfrontiert sehen. Unser Bundespräsident wurde dafür heftig kritisiert, dass er sich für militärische Gewalt als ultima ratio ausgesprochen hatte (s.a. Artikel in der zeit.de). Nur so sei eine Befreiung von Hitler und dem Nazi-Regime möglich gewesen. Seine Kritiker hielten dagegen: diese Botschaft sei ein Verrat an der friedlichen deutschen Revolution 1989; und viele Konflikte auf dieser Welt seien durch militärische Interventionen verschärft und nicht gelöst worden.
Auch die Bundesleitung der Freien evangelischen Gemeinden hat unlängst das schuldhafte Versagen vieler Freier evangelischen Gemeinden in der Nazizeit eingestanden, um dann noch zu erwähnen, dass Militärgewalt die letzte aller Möglichkeiten sei (s.a. pro-medienmagazin.de).

Wir blicken nach Arabien und sehen die Gewalt des IS. Wir schauen nach Syrien und sehen das Gemetzel zwischen den Rebellen und den Truppen des syrischen Staates. Wir verfolgen nervös das Geschehen in der Ostukraine, wo ebenfalls Menschen sterben. Manch andere Konfliktherde sind nicht immer so medial präsent, wie die Gewalt durch Boko Haram und andere islamische Gruppen; und trotzdem müssen sich täglich Menschen vor den Anschlägen fürchten. Schließlich gibt es militärische Auseinandersetzungen, die sich nicht so einfach auf das Schwarz-Weiße reduzieren lassen, wie z.B. der Konflikt zwischen Israel und der Hamas.
Und?
Sollen wir uns militärisch einmischen?
Sollen wir Gewalt einsetzen, um Gewalt zu beenden?
Oder doch lieber aus der Ferne zusehen und notfalls die Nachrichten ausschalten, weil uns das den Appetit beim Abendbrot verdirbt?
Die Frage, ob wir als Christen für den Einsatz militärischer Gewalt sein dürfen, ist nicht nur eine Frage, die man vom Elfenbeinturm aus stellt. Es war eine Frage, die sich viele Christen in der Nazizeit gestellt haben. Darf man Attentate auf Hitler verüben, um dem Bösen Einhalt zu gebieten oder „beschränken“ wir uns auf das Beten? Wir wissen aus der Geschichte, dass die Antworten der Christen unterschiedlich ausgefallen sind.

Unser Herr Jesus Christus hat von der Nächstenliebe und sogar der Feindesliebe gepredigt. Und doch hat er Gewalt eingesetzt, als es um die Reinigung des Tempels vom puren Kapitalismus ging. Wiewohl er keine Menschen getötet hat, hat er mit der Peitsche doch einigen Sachschaden angerichtet. Aber als es dann direkt gegen ihn ging und er verhaftet werden sollte, da fügte er sich und verwehrte sich gegenüber seinen Jüngern der Gewalt. Hätte Jesus nun militärische Gewalt als ultima ratio eingesetzt?
Es gab eine Szene im Leben Jesu, in der ihm eigentlich eine Falle gestellt werden sollte. Es ging um die Frage, ob man dem römischen Kaiser Steuern zahlen solle. Die Römer waren Besatzungsmacht und keinesfalls zimperlich im Anwenden von Gewalt. Sie kreuzigten Menschen, sie folterten Menschen, sie versklavten Menschen und warfen sie den Tieren zum Fraß vor, während die Zuschauermenge johlte. Die Fragesteller wollten Jesus in die Ecke treiben. Denn wenn er sagen würde, dass man Steuern zahlen solle, dann wäre das ein Verrat an den Juden. Würde er aber die Steuerzahlungen verweigern, wäre das ein Anklagepunkt gegen Jesus, womit man ihn bei den Römern hätte anschwärzen können. Was war nun die Antwort Jesu?
„So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Matthäus 22,21).
War das schon ein indirekter Aufruf an die Trennung von Staat und Kirche?

Doch zugleich macht Jesus etwas deutlich:
Er ruft nicht zur gewaltsamen Revolution auf, wiewohl er phasenweise durchaus Menschenmassen hätte mobilisieren können.
Das müssen wir uns bewusst machen: Er, der Sohn Gottes, der gottgleiche Erlöser der Menschheit, er, durch den diese Welt geschaffen wurde… er zettelt keinen Krieg gegen die brutalen Römer an! Stattdessen lässt er sich von ihnen töten.

Andererseits macht Jesus auch klar, dass eine Regierung bestimmte Befugnisse hat. Sie kann Steuern erheben. Sie kann ihre Macht ausüben. Ob das dann zum Guten oder Schlechten ist, ist eine andere Frage.
Der Apostel Paulus schreibt ebenfalls auf dieser Linie, wenn er weitergibt: „Jedermann sei Untertan der Obrigkeit…“ (Römer 13,1).
Und der Apostel Petrus schrieb: „Ehrt jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrt den König!“ (1.Petrus 2,17).

Das sind keine Aufrufe dazu, in den Krieg zu ziehen bzw. militärische Gewalt einzusetzen.
Aber was ist, wenn die Regierung Soldaten entsenden will und bereit ist, militärische Gewalt einzusetzen?
Seid der Obrigkeit Untertan?!
Also, folgt dann im Gehorsam gegenüber dem König?
Oder müssen wir dann sagen: „Ich bin Gott mehr gehorsam als Menschen und halte am Gebot der Feindesliebe fest! Ich werde nicht Gewalt einsetzen!“?

Diese Spannung werden wir immer haben, denn wir denken auf verschiedenen Ebenen nach.
Die eine Ebene betrifft mich selbst: Will ich als Individuum Gewalt einsetzen, um mich und meine Nahestehenden zu schützen?
Das dürfte für einen Christen die einzig legitime Frage sein, denn der Gewalteinsatz, um persönliche Interessen oder das Christentum durchzuboxen, widerspricht der Lehre Jesu.
Die andere Ebene betrifft einen Staat, von dem ich ein Teil bin. Sofern ich nicht auch Teil der Regierung bin, muss ich die Fragen nach dem Gewalteinsatz nicht beantworten. Das ist Aufgabe der jeweiligen Entscheidungsträger. Und nach 1.Timotheus 2,1 ff. sollen wir für diese Menschen beten, damit schließlich ein friedliches Leben möglich ist.
Auf dieser zweiten Ebene wird es ebenfalls nie einfache Entscheidungen geben. Hier muss zwischen der Schutzpflicht und darüberhinausgehende Aktionen unterschieden werden:
Das eine ist, dass sich ein Staat vor Angreifern schützt. Eine reine Verteidigungsgewalt entspricht der Schutzpflicht des Staates für seine Bürger und hilft, das Böse einzudämmen. Das lässt sich aus dem Römerbrief 13 und dem Friedensziel aus 1.Timotheus 2 ableiten.
Sobald aber das eigene staatliche Territorium verlassen wird und ein Staat Soldaten/Waffen in andere Länder entsendet, wird es schwer, biblische Anhaltspunkte dafür oder dagegen zu finden.
Es greifen dann die genannten Prinzipien, die abgewogen werden müssen:
Hier die „Feindesliebe“, die davor bewahren muss, leichtfertig Gewalt einzusetzen und alles daran setzen muss, um solche Gewalt zu verhindern.
Dort die „Nächstenliebe“, die alles daran setzen muss, um den Leidenden zu helfen.
Es ist, wie es ist: Der Einsatz von Gewalt staatlicherseits kann und darf nur ultima ratio sein, nämlich dann, wenn sich erwiesernmaßen das Böse und Zerstörerische immer mehr Bahn schafft und das Leid der Menschen zunimmt.
Was aber als „böse“ gilt, dürfte je nach Zeitgeist unterschiedlich sein…

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