Dürfen Christen reich sein?

Shane Claiborne lebt ein modernes Mönchsein mit einer Gemeinschaft in Philadelphia, USA, die eine Homepage mit dem Namen „The Simple Way“ hat (so heißt auch die Gemeinschaft). Er hatte Begegnungen mit Mutter Teresa, war als Amerikaner im Irak, um für Versöhnung und Frieden einzutreten und ist politisch eher links einzuordnen, was eine interessante Mischung für amerikanische Verhältnisse ist: evangelikal und links!

In einem seiner Facebook-Artikel äußert er einige Gedanken zur Frage: „Dürfen Christen reich sein?“
Das ist deshalb eine spannende Frage, weil sie uns der westlichen Hemisphäre besonders betrifft. Ja, wir haben hierzulande ärmere und reichere Menschen. Es gibt etliche Schicksale, wonach sich in diesem reichen Deutschland manche die Stromkosten nicht mehr leisten können und den Strom abgestellt bekommen. Menschen, die dankbar für die „Berliner Tafel“ sind, weil das zumindest für den Moment weiterhilft. Und vermutlich wird die Schere zwischen Armen und Reichen weiter wachsen, was für viele unverständlich ist, weil es so leicht zu sein scheint, Banken, die mit unserem Geld spekulieren, mit Milliarden Beiträgen staatenübergreifend zu helfen – wiewohl so manche Krise in der Regel selbstverschuldet war -, während es kaum möglich zu sein scheint, Flüchtlingen eine angemessene Zuflucht zu geben, Hartz4-Beträge ein klein wenig den Diäten der Volksvertreter anzupassen (natürlich nur proportional gesehen) oder für eine ordentliche Ausstattung von Schulen zu sorgen. Relativ gesehen haben wir Armut in Deutschland und erst recht in Europa.
Andererseits: Wie arm sind diese Armen im Vergleich zu den Armen in Indien, Afrika, Arabien, Südamerika… oder den USA? Viele Bezieher von Sozialleistungen in Deutschland besitzen nicht nur einen Bildschirm, sondern auch Handys und manch anderes. Unser Staat hilft ihnen, um nicht unter der Brücke zu landen, sondern um einigermaßen über die Runden zu kommen: es gibt eine Wohnung, das Recht auf den Fernsehbildschirm, eine Erstaustattung usw. Klar, dieses System ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Aber selbst die Armen in unserem Land sind noch immer reicher als die meisten Menschen auf dieser Welt. Kein Wunder, wenn die Weltbürger nach Deutschland wollen!

Aber darf ich überhaupt darüber urteilen?
Mir geht es materiell ja noch viel besser als anderen. Der Jahresurlaub ist drin, der Unterhalt eines Autos auch, fast jeden Monat haben wir Geld, um neue Klamotten zu kaufen… und natürlich: einen Fernsehbildschirm haben wir auch. Damit gehöre ich zu den Privilegierten dieser Welt. Zu der Minderheit, die sich nicht keinen Kopf darüber machen muss, ob ich nächste Woche genügend zu essen haben werde und wo ich wohnen werde.
Relativ gesehen bin ich wirklich reich!

Dann gibt es aber die Notwendigkeiten des Lebens:
In dieser Gesellschaft gibt es Arbeitsverhältnisse, bei denen Mobilität erwartet wird. Ein Auto ist dann fast ein Muss. Die Teilnahme an dieser Gesellschaft ist ohne Telefon und Internetanschluss kaum noch denkbar. Per Gesetz sind uns bestimmte Versicherungen vorgeschrieben, nix mit Wahlfreiheit, nur die zwischen den Versicherungen. Um überhaupt in „Lohn und Brot“ zu kommen, muss Geld für die Ausbildung investiert werden. D.h.: wir müssen eine gewisse Summe an Geld aufbringen, um in dieser Gesellschaft überhaupt existieren zu können. Und natürlich liegt diese Geldsumme höher als in anderen Ländern, auch deshalb, weil die Lebenshaltungskosten hier höher sind.

Hinzu kommt das:
In der Bibel werden wir aufgefordert, nicht faul zu sein, sondern zu arbeiten, damit wir anderen nicht auf der Tasche liegen (Sprüche 6,6; Epheser 4,28). Wir müssen also feststellen, dass es beim Christsein nicht um ein Armutsgelöbnis geht. Besonders die Ältesten einer Gemeinde werden daran gemessen, ob sie für ihre Familie sorgen können (1.Timotheus 3,4-5).
Auch, wenn wir in das Leben Jesu blicken, dann wissen wir: vieles von dem, was er tat, war nur möglich, weil es im Hintergrund Menschen gab, die gewirtschaftet haben. Von ihnen bekamen er und seine Jünger materielle Unterstützung. Es gab also im Vergleich zu Jesus „reichere“ Menschen, die in der Lage waren, abzugeben.

Und das ist ein wichtiger Punkt:
Reichtum an sich kann nicht schlecht sein (zumal eine exakte Definition von „Reichtum“ nicht möglich ist)! Fraglich ist vielmehr, wozu dieser Reichtum dient!

Entscheidend ist dabei unsere Gesinnung:
Will ich meinen Besitzstand unbedingt bewahren?
Will ich meinen Besitz mehren und mir öfter mal was Neues gönnen?
Oder steht mein Besitz Gott und Menschen zur Verfügung?

Nein, hier geht es nicht um Askese. Aber es geht auch nicht um das, was in unserer Gesellschaft normal ist. Besitz darf sein – aber er ist dazu da:

1. Die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse:
Etwas am Leib zu haben, Essen zu haben, ein Dach über dem Kopf zu haben… relativ gesund leben zu können.
2. Die Versorgung unserer nächsten Angehörigen:
Das können unsere Kinder sein, unsere Ehepartner, unsere Eltern, Geschwister… und eben auch die Brüder und Schwestern Jesu. Wir haben vor Gott Verantwortung füreinander. Wir können nicht sagen „Ich liebe Gott“, wenn ich mich nicht angemessen um meine Familie kümmere. Gott zu ehren, heißt auch, meine Verantwortlichkeiten wahrzunehmen.
3. Die Teilnahme an dieser Gesellschaft:
Wenn Jesus sagt, dass wir in dieser Welt sein sollen, dann geht es um den Zugang zu dieser Welt. In Deutschland kann das heißen, ein Telefon und einen internetfähigen Computer zu haben. Doch die Prämisse dabei ist deutlich: die Teilhabe an der Gesellschaft ist nichts, was meinem Ego dienen soll, sondern es geht darum, wie ich damit den Menschen dienen kann und Gott ehren kann. Diese Dinge sind „Werkzeuge“, die zu anderen Zeiten und an anderen Orten total unbrauchbar sein können. Kurzum: Wie kann „mein“ Besitz anderen zur Ehre Gottes helfen?
Und das haben wir im gleichen Atemzug zu lernen: Wir kommen dabei nicht zu kurz! Denn das erfüllendere Leben ist nicht das, in dem ich mir immer mal wieder was gönne. Das erfüllendere Leben ist das, das für Jesus und den Nächsten hingegeben ist!
4. Die Unterstützung anderer:
Es gibt immer Menschen, denen es schlechter geht als mir. Mein Reichtum kann dafür eingesetzt werden, um ihre Situation zu verbessern. Und damit meine ich nicht, dass ich meinen Jahresurlaub opfern muss, damit jemand anderes endlich sein erstes Handy bekommt. Sondern damit ist gemeint, dass ich genau hinschaue, wer wirklich in Not ist. Wer kann aus eigener Kraft seine Grundbedürfnisse nicht erfüllen? Wem könnte „mein“ Besitz helfen, damit diese Person besser die Verantwortung gegenüber Angehörigen wahrnehmen kann? Wie kann „mein“ Geld dazu beitragen, dass andere an dieser Gesellschaft teilnehmen können?

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4 Gedanken zu „Dürfen Christen reich sein?

    • Danke für dein Feedback! Ist natürlich nur ein Exkurs: Was ist „evangelikal“?
      Aber abgesehen davon, tut er den sogenannten Evangelikalen auf jeden Fall gut!

  1. Ich würde noch einen 5. Punkt hinzufügen. Und zwar, dass Christen von Gottes Seite her das Leben ab und an auch bewusst sinnlich genießen sollen – wenn halt die Grundprioritäten stimmen, natürlicherweise die Möglichkeit besteht und es nicht gegen Gottes klare Gebote verstößt. Während Gott uns im NT ja Grundversorgung zuspricht und wir uns primär um das Bauen seines Reiches kümmern sollen, haben wir doch einen Gott, der gerne zum Genuß im Überfluss gibt.
    Natürlich umschließt „Gott(es Gaben) genießen“ alle Komponenten, also seelische, geistige, (Stichwort bspw. auch die Freude an Kunst, Musik) aber eben auch die körperliche. Der Geber, der uns versorgt, will nicht, dass wir „Moleküle absorbieren“ um zu überleben, sondern auch Speisen genießen und uns an der Vielfalt seines Schaffens dadurch freuen.

    Ich denke, dahinter steckt erstens wie gesagt, der über die Maßen gebende Gott, der uns seine Güte demonstriert, andererseits aber auch der eifersüchtige (bei ihm positiv!) Gott, der niemandem erlaubt, ihm Ehre zu nehmen. Und wer sich als Christ sein Leben lang knechtet, nie was gönnt, immer dient… der läuft Gefahr, sich zu erhöhen („Immer habe ich Gott zuliebe auf alles verzichtet…“) oder auf andere niederzublicken. Der ältere Bruder im Gleichnis des verlorenen Sohnes ist ein Beispiel für den, der sich nichts gönnte, immer versuche brav zu dienen und dennoch frustriert über die gute Behandlung seines Bruders war, obwohl er jederzeit alles hätte vom Vater haben können (bspw. einen fetten Ochsen wie der jüngere). Natürlich ist auch dort die Quintessenz eine theologische, aber das Prinzip bleibt auch fürs körperliche erhalten.

    Feste und überhaupt Essen und Trinken ist ein zentraler Punkt der Bibel, von den AT-Festen, Jesu Abendmahl bis zum Hochzeitsmahl des Lammes. Zwar jedes Mal mit Symbolik, aber nichtsdestotrotz haben wir einen Gott, der schon seit jeher den Menschen Weisung gibt, aber auch freudvollen Genuss seiner Gaben gönnt. Er ist definitiv kein Knauser. Die folgenden Verse illustrieren das klasse:

    5.Mose 14,22-26
    Du sollst gewissenhaft allen Ertrag deiner Saat verzehnten, was auf dem Feld wächst, Jahr für Jahr, und sollst essen vor dem HERRN, deinem Gott, an der Stätte, die er erwählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen, den Zehnten deines Getreides, deines Mostes und deines Öles und die Erstgeborenen deiner Rinder und deiner Schafe, damit du lernst, den HERRN, deinen Gott, alle Tage zu fürchten.
    Wenn aber der Weg zu weit für dich ist, daß du es nicht hinbringen kannst, weil die Stätte für dich zu fern ist, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, um seinen Namen dort hinzulegen, wenn der HERR, dein Gott, dich segnet: dann sollst du es für Geld geben. Und dann binde das Geld in deine Hand zusammen und geh an die Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird!
    Und gib das Geld für alles, was deine Seele begehrt, für Rinder und Schafe, für Wein und Rauschtrank und für alles, was deine Seele wünscht! Und iß dort vor dem HERRN, deinem Gott, und freue dich, du und dein Haus!

    • Ja, ein guter Hinweis von dir: Genießen, was Gott schenkt!
      Ich bin der Überzeugung, dass auch das Geben und teilen nur vor diesem Hintergrund richtig vonstatten geht: Weil ich weiß, dass mich mein himmlischer Vater nie im Stich lässt und mir alles gibt, was ich brauche – gerade deshalb kann ich loslassen und weiterverschenken! Das ist dann ein Teilen aus Dankbarkeit und Vertrauen und nicht aus einem religiösen „Ich muss ja!“.

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