Evangelisation: Das unvollkommene und das bessere Bild vom Wasserfall

Es ist ein Bild, das seit langer, langer Zeit in den Köpfern mancher Christen herumschwirrt:
Das Bild vom Wasserfall.

Praktikabel wird das Bild im Kontext von Mission und Evangelisation. Das herkömmliche Bild sieht ungefähr so aus:
Die Christen sind die, die am rettenden Ufer stehen. Aber die Nichtchristen sind die, die auf dem strömenden Fluss treiben und direkt in den tödlichen Wasserfall gelangen werden.
Das Bild soll die Tragik und die absolute Notwendigkeit der Evangeliumsverkündigung nahe legen.

Das Bild wird aber oft unvollkommen angewandt. Mit diesem Bild wird intern als auch extern schnell Druck aufgebaut. Wenn man nicht sofort und möglichst intensiv das Evangelium in der ganzen Breite und Tiefe verkündet, dann spiele man mit dem Leben der Nichtchristen. Und weil wir doch alle die Nichtchristen so lieben würden, deshalb müsse man ihnen an Ort und Stelle, jetzt und sofort, die rettende Botschaft bringen, um sie vor dem Verderben des Wasserfalls zu retten.

Dieses Bild ist aber unvollkommen.
Und zwar aus mehreren Gründen:

1. Es verkennt die Liebe Gottes.
Das Bild suggeriert das Drohende und das Schreckliche. Es spielt mit dem Empfinden von Angst. Daher kann es sehr manipulativ wirken. Die Liebe Gottes wird dabei völlig verkannt bzw äußert sich nur darin, dass Gott einige Retter an das Flussufer gestellt hat, die ihre Rettungsringe werfen. Besser wäre das Bild so:
Gott hat einen See geschaffen, in dem es einfach wunderschön ist. Perfekte Badetemperatur, keine Todesgefahr. Leckere Früchte hängen am Ufer, die Sonne scheint und die Stimmung ist fröhlich und entspannt. Gott freut sich, wenn Seine Menschlein diesen Ort und Zustand dankbar genießen. Doch was haben die Menschen gemacht? Sie sind dem Gerücht in die Falle getappt, dass dieses Wasser gefährliche Keime enthalte. Sie haben den See verlassen, haben sich in Gebüschen vor Gott versteckt, sind gegenüber Gott und ihresgleichen misstrauisch geworden und wollten den lebensspendenden See mit Erde zuschütten. Gott musste das verhindern und wies die Menschen von diesem Ort ab, damit sie ihr tragisches Vorhaben nicht vollenden. Gottes leidenschaftlicher Wunsch ist aber der: dass die Menschen wieder Vertrauen zu Ihm fassen und eines Tages an den herrlichen Badeort zurück kehren können.
Das Bild des Wasserfalls zeichnet ein Drohszenario und die Liebe Gottes verblasst vor diesem Hintergrund.

2. Es verkennt die zeitliche Dimension.
Das unvollkommene Bild vom Wasserfall unterstellt eine enorme Dringlichkeit. Wenn man nicht jetzt und sofort, hier und gleich, das Evangelium verkündet, dann wird alles zu spät sein. Tatsache aber ist die: Keiner weiß, an welchem Punkt der Wasserfall entsteht. Denn wer wirklich im Wasserfall landet, hat keine Chance mehr, diesen Ort und Zeitpunkt anderen zu vermitteln. Und wie sollte man auch? Manche Menschen sind, wenn man mit diesem Bild weiterspielt, noch Kilometer vom Wasserfall entfernt. Andere sind vielleicht 10 Meter davor. Doch auch diese Meterangaben sagen noch nichts über den Zeitpunkt aus. Denn die Strömungen im Wasser sind unterschiedlich. Es können (erschlagende und rettende) Äste herumtreiben. Man kann sich an einzelnen Felsen festhalten. Menschen können sich im Wasser gegenseitig runterziehen, aber auch gegenseitig helfen. Kurzum: Es ist für keinen Menschen bekannt, wie dringlich der Moment wirklich ist. Für die Praxis heißt das: Es mag sein, dass manche Menschen das Evangelium sofort hören sollten ( oft sind das tatsächlich Sterbende). Es mag aber sein, dass manche Menschen noch viel Zeit haben und somit auch die Zeit haben, in einen Prozess des Nachdenkens zu gehen, um dann schließlich eine freie Entscheidung zu treffen.
Der Rettungsring ist natürlich richtig und gut. Aber bevor er geworfen wird, muss der Retter erkennen, ob der zu Rettende aufmerksam ist. Und so ist es schon vorgekommen, dass Hilfsbedürftige mit dem Rettungsring erschlagen worden sind oder Gehirnerschütterungen davon getragen haben… Die Zeit sollte also da sein: Erstmal einen vertrauensvollen Kontakt mit dem Gefährdeten herstellen. Sieht er überhaupt den Helfer? Und misstraut er diesem oder vertraut er seinen Worten? Weiß er überhaupt, wie man den Rettungsring benutzt? Hat er alleine die Kraft, um sich am Ring festzuhalten oder sollte der Helfer womöglich selber in die Fluten springen, um den Ertrinkenden herauszuziehen (m.E. hat Jesus das so getan…)? Die Antworten auf diese Fragen sind lebensnotwendig. Dafür muss aber Zeit vorhanden sein, um all das zu klären, um dann wirklich auch effektiv helfen zu können.
Das Bild des Wasserfalls setzt also fälschlicherweise unter Druck und erlaubt nicht, sich die nötige Zeit zu nehmen.

3. Es verkennt die Art und Weise Jesu.
Jesus hatte ganz sicher ein hohes Empfinden von Dringlichkeit. Wenn wir davon ausgehen, dass Er als Sohn Gottes zu den Menschen gekommen ist, um sie in die versöhnliche Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater zu begleiten, dann wissen wir, dass Er dafür allen himmlischen Reichtum verlassen hat und sich „klein“ gemacht hat. Wenn das nicht „Dringlichkeit“ ist, was dann?
Und doch ging Jesus auf die Menschen sehr unterschiedlich zu, wobei man durchaus zwei Handlungsstränge unterscheiden kann:
a) Mit den Religiösen war Jesus oft streng.
Er hat sie oft wegen ihrer engen und versklavenden Maßstäbe kritisiert.
b) Mit allen anderen war Jesus sehr mild, freundlich und gnädig.
Dem Gelähmten vergibt Er, ohne dass dieser ein offenkundiges Bußgebet gesprochen hätte. Die Ehebrecherin spricht Er frei, obwohl ebenfalls nicht klar ist, ob sie denn gründlich Buße geübt hat. Er feiert mit den Betrügern und Außenseitern des Gesellschaft und sieht sie mehr als verlorene Schafe an, denn als Menschen, die nur noch zwei Schritte vom Galgen entfernt sind. Und die Menschen, die keine Lobby haben, die Kinder, umarmt Er und stellt sie als Vorbild für die anderen dar. Anscheinend hatte Jesus viel Zeit, um auf die einzelnen Menschen einzugehen und offenbar hat Er nicht ständig ein Drohszenario gemalt, sondern handelte sehr nett.
Natürlich hat Jesus auch von der Verdammnis gesprochen. Natürlich geht es nicht darum, das Bewusstsein der ewigen Verlorenheit auszuklammern. Auch das hat seinen Platz in der Verkündigung Jesu. Doch stärker ist die gute Botschaft: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!“ / „Deine Sünden sind dir vergeben!“ / „Du bist geheilt!“ / „Ihr seid meine Freunde!“… die Sünder sind NICHT deshalb zu Jesus gegangen, weil Er mit Methoden der Angst gearbeitet hat, sondern weil Er ihnen die Liebe des himmlischen Vaters in Wort und Tat erklärt hat!
Das Bild des Wasserfalls eröffnet keinen Platz für die Einzigartigkeit des Menschen und dessen Situation, setzt auf die Angst und unterstreicht nicht die Liebe des himmlischen Vaters.

Und?
Würde ich nun noch das Bild des Wasserfalls verwenden?
Eher nicht. Und wenn, dann mit Zusatzerklärungen. Und auch nur, wenn ich spüren würde, dass das Bild meinem Gegenüber hilft und nicht abschreckt.
Und wenn, dann am liebsten mit der Betonung darauf, dass da kein christlicher Strahlemann am trockenen Ufer steht und wahllos Rettungsringe herumwirft, sondern dass da der Sohn Gottes ist, der in die Fluten springt, das Treibholz einsammelt und es zwischen die Felsen am Wasserfall klemmt, damit sich die Menschen dort festhalten. Er selbst stirbt bei diesem Einsatz. Sein Vater lässt ihn dann aus den tosenden Fluten bergen und kann ihn wundersam reanimieren.

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