Terror in Paris

Natürlich macht es mich betroffen, dass es im postmodernen Europa, in Frankreich, diese grausamen Anschläge auf nichtsahnende Menschen gab. Über 120 Menschen, die schlagartig dem Leben entrissen wurden und viele Schwerverletzte, deren Leben fortan seelisch und körperlich gezeichnet sein wird.

Während ich das schreibe, bin ich in vermeintlicher Sicherheit. Ich schreibe aus der Distanz. Würde ein leidender Angehöriger in meiner Nähe sein, würde ich alles versuchen, um diesen Menschen zu trösten. Ich weiß nicht, ob ein „Herzliches Beileid“ oder ein Facebook-Bild in den Farben der französischen Nationalflagge mehr mir helfen würden oder den Angehörigen. Es ist dieser merkwürdige Gedankenmix zwischen „In solchen Notlagen äußert man nur Beileid – mehr nicht“ und „Ich kann eh nichts ändern“ und „Aber es berührt mich und ich möchte mich dazu äußern“.

Was mich besonders trifft, ist die geografische Nähe und, dass es in einer Stadt passierte, die kulturell gesehen die meine hätte sein können. Ganz klar muss ich feststellen: ich habe diese Betroffenheit nicht im gleichen Maße, wenn Menschen in Syrien zwischen den Assad-Soldaten und den vielen islamischen Rebellen-Gruppen zerrieben werden. Ich habe nicht die gleiche Betroffenheit, wenn irgendwo in Afrika wieder mal ganze Dörfer von Milizen und militanten Moslems abgefackelt werden, Frauen entführt werden, Kinder abgeschlachtet werden und Männer hingerichtet werden. All das scheint so weit weg zu sein.
Und nun geschieht diese Art von Terror „nebenan“.

Damit will ich das Leid nicht klassifizieren. Das Gefühl ist nur ein anderes. Es ist völlig menschlich-beschränkt.
Deswegen ist mir nicht danach, mein Facebook-Profilbild französisch zu färben. Schon morgen könnte ich es in den Farben Mexikos untermalen, weil es dort täglich Tote im Drogenkrieg gibt. Und übermorgen könnte ich die Farben der Zentralafrikanischen Republik hinzunehmen, wo es Tote in einem Flüchtlingscamp gab. Andererseits will ich damit nicht die Betroffenheit derjenigen schmälern, denen gerade danach zumute ist, auf diese Weise ihr Mitgefühl zu demonstrieren. Da hat jeder seine eigene Wege.

Bei alledem gibt es für mich nicht „DIE EINE“ Erklärung für das Leid der Menschen in Paris.
Manche fangen schon an, vor den Hundertausenden von moslemisch geprägten Flüchtlingen zu warnen, als seien sie die „Geheimarmee des IS„. Ich verstehe die Ängste dahinter. Aber es sind nur Ängste und es handelt sich nicht um Fakten. Zumindest kenne ich keine Untersuchungen zur Zahl der IS-Kämpfer unter den Flüchtlingen. Es sind nur Vermutungen. Und mit Vermutungen können wir in jederlei Hinsicht falsch liegen. Und sobald wir anfangen, ganze Menschengruppen allein aufgrund ihrer geografischen oder kulturellen Herkunft zu verdächtigen, beschreiten wir gefährliche Wege. Schließlich sind ja auch nicht alle Deutschen Nazis, oder?

Ich kenne nicht die eigentlichen Ursachen dieser Terrorattacken. Ich meine nur, wahrzunehmen, dass das Bild dann doch komplexer ist, als uns in den nächsten Tagen viele Berichterstatter und Politiker und „Otto Normalverbraucher“ weismachen werden wollen.

Denn wir haben ein „unendliches“ Kumulieren von Geschichten.
Da sind die grausamen Feldzüge Mohammeds, dem Begründer des Islam. Er ist das große Vorbild vieler ernsthafter Moslems. Es ist für sie richtig, dem Propheten nachzuahmen. Wer auch immer die Friedfertigkeit des Islam betont, müsste mir dann auch erklären können, wie das mit dem Gewaltakten des Propheten zusammenpasst. Damit stelle ich lediglich eine Tatsache über das Wesen des Islam dar. Ich betone ausdrücklich, dass es unterschiedlichste Moslems gibt, die ihren ganz eigenen Weg gehen und manchmal mehr dem „Weihnachtschristen“ ähneln, der offiziell noch Kirchenmitglied ist, aber selbst nicht weiß, warum es Pfingsten gibt. Ihr Grund, sich als Moslem zu identifizieren, ist oftmals mehr in der Familientradition oder einem gesellschaftlichen Gefüge begründet als in einer persönlichen Überzeugung. Vor diesen Menschen müssen wir keine Angst haben. Sie sind Menschen wie du und ich (eigentlich schon krass, dass es wieder Zeiten in Deutschland gibt, in denen man darauf hinweisen muss). Und wenn diese Menschen vor militanten Moslems flüchten, dann finden wir in ihnen sogar Verbündete!

Dann haben wir da die Kreuzzüge: Armeen vermeintlicher Christen, die Jerusalem wieder von den Moslems befreien wollten. Vielleicht wiederholt sich Geschichte ja doch…
Den Christen werden diese Kreuzzüge oft vorgeworfen, ohne, dass die Meckerer die wirklichen historischen Hintergründe kennen; und oftmals von Menschen vorgeworfen, die scheinbar bedenkenlos davon profitieren, dass ihr Handy von modernen Arbeitssklaven aus China hergestellt wurde; dass ihre Kleidung von ebensolchen Sklaven aus Thailand produziert wurde; dass sie durch ihre Steuergelder und ihr Nichts-Tun indirekt dazu beitragen, dass deutsche Waffen in die (künftigen) Krisenherde dieser Welt verkauft werden.
Wie dem auch sei: die Begegnung zwischen dem scheinbar christlichen Abendland und dem dann moslemisch geprägten Orient war schnell von Gewalt charakterisiert.

Später kommt der Kolonialismus auf, mit dem ganze Kontinente für Europa und die USA ausgebeutet werden. Es wurde eine historisch verankerte Armut in vielen dieser Länder geboren, aus der es so schnell kein Entrinnen gibt. Dass Menschen aus diesen Ländern irgendwann denken „Lieber versuche ich die Flucht in eines der Ausbeuterländer statt hier vor mich hin zu darben“, ist ziemlich nachvollziehbar.

Verstärker sind Waffenlieferungen in diverse Staaten durch Europa und die USA. Es bleibt für mich unfassbar, wie manche deutschen Politiker (bei allem Respekt vor sonstigen Leistungen) auf der einen Seite von Frieden und „Bekämpfung der Flüchtlingsursachen“ reden und auf der anderen Seite Waffen nach Saudi-Arabien liefern. Damit schaufeln diese Politiker aktiv am Grab der politischen Glaubwürdigkeit. Kein Wunder, wenn es dann Politikverdrossenheit gibt. Die Folge der Waffenlieferungen sind nicht selten bewaffnete Konflikte. Ich glaube, dass Waffen dazu geschaffen wurden. Und wer Waffen in die Hände eines islamischen Staates gibt und sich dann wundert, dass es aktiv-militante Moslems gibt, der…äh… naja…da fehlen mir die Worte.

Beachtlicherweise ist es keine Verschwörungstheorie mehr, dass es westliche Staaten gibt, die Rebellengruppen jeglichen Bekenntnisses unterstützen. Ob es dann direkte Waffenlieferungen sind, militärische Ausbildungsprogramme oder zumindest Geldspenden, ist fast egal. Einige – auch westliche – Staaten haben Terrorgruppen in Afrika und in Arabien herangezüchtet oder wenigstens mitgefüttert.

Und schließlich denke ich an die Vernichtungskriege des Westens im Irak und in Afghanistan. Man stelle sich vor, zehn Deutsche hätten in Syrien ein Attentat verübt. Und nun marschieren syrische Truppen in Deutschland auf, richten Militärlager ein, verhaften jeden verdächtigen Deutschen, entführen sie in Geheimgefängnisse im Orient, foltern, werfen Bomben auf Hochzeitsgesellschaften in Frankfurt und Berlin… der einzige Unterschied ist, dass die meisten Staaten dieser Welt solche Kriege nie geführt haben. Es gibt ein paar Ausnahmen… und leider gehören wir Deutsche dazu.

Und jetzt gibt es diesen islamischen Terror auch auf europäischen Boden.
„Man erntet, was man sät.“, geht es mir durch den Kopf. Aber die gestrigen Opfer können dafür nichts. Und auch nicht die vielen Flüchtlinge aus Krisengebieten. Da ziehen ganz andere Menschen die Fäden. Vor diesen Menschen könnten wir Angst haben. Vor denen, die einen militanten Islam lehren. Vor denen, die Waffen liefern. Vor denen, die ganze Regionen wirtschaftlich ausbeuten. Vor denen, die von Krisen finanziell kräftig profitieren. Auf diese Menschen sollten wir unser Augenmerk richten.

Das wäre mal eine lohnenswerte Ursachenbekämpfung!

Doch vermutlich werden nun schärfere Geschütze aufgefahren.
Grenzkontrollen sind vergleichsweise kein Übel.
Es wird mehr Überwachung geben.
Mehr militärische und paramilitärische Präsenz im zivilen Raum.
Mehr Vernichtung hier und da.
Es bleibt wohl ein Ping-Pong-Spiel mit Granaten.

Bis Jesus Christus wiederkommt und endgültig Gerechtigkeit und Frieden schaffen wird.
Selig sind die Friedensstifter!

Und gibt es eine Lösung?
So komplex die Sache ist: es gibt wohl nicht DIE Lösung.
Es gibt nur Wege des Friedens.
Ein Verbot von Waffenlieferungen.
Eine Strafbarkeit von Aktionen, die das Militant-Islamische fördern.
Eine nachhaltige, bedachte und gut organisierte Entwicklungshilfe sowie aktuell eine entsprechende Unterstützung von den Erstflüchtlingsunterkünften in anderen Ländern.
Maßnahmen, die eine menschenwürdige Fairness in den Handel mit Drittstaaten bringen.
Jegliches Unterlassen der Unterstützung von Rebellengruppen in anderen Staaten.
Aktive, diplomatische Friedensaktionen in Krisengebieten.
Und… und… und…

Das würde mir mehr gefallen als der Ausruf des Nato-Bündnisfalls.

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Ein Gedanke zu „Terror in Paris

  1. Ein Artikel – unter der Flut aller Mitleidsbekundungen, Meinungen, Nachrichten und Betroffenheiten – der tiefer blickt und den Blick für die Realität weitet. Danke, dafür 🙂

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