Wie eine Gottesdienstfeier – nur besser!

Bevor ich Christ geworden bin, war Kirche für mich etwas Verstaubtes, Antikes… im Grunde Unbedeutendes. Wie alle anderen auch, verband ich damit eher die dunklen Kapitel der Geschichte. Im besten Fall war sie eine Versammlung von ein paar harmlosen, gutmeinenden Menschen, in der Regel höheren Alters.
Dann stieß ich auf die Person Jesus Christus. Und ich sah: Das, was Jesus tat und sagte, war oft ganz anders als das, was ich für „die Kirche“ hielt. Und heute würde ich sagen: Zwischen Jesus und der normalen Kirche in Deutschland gibt es noch immer einige große Unterschiede, die oft mit unserer puren menschlichen Fehlbarkeit zusammenhängen.

Einen Unterschied meine ich hier zu sehen:
Die normale deutsche Gemeinde trifft sich am Sonntag-Vormittag, um gemeinsam einen Gottesdienst zu feiern. Dieser Gottesdienst ist das Zentrum der Gemeinde. Wer sich dort regelmäßig sehen lässt, gehört dazu. Im Gottesdienstablauf gibt es Musik, Redebeiträge von der Begrüßung, über die Predigt bis hin zum Segenszuspruch. Manchmal gibt es kreative Elemente, wie ein kleines Theaterstück oder einen winzigen Filmbeitrag. Das Treffen wird von einigen wenigen Gemeindeleuten vorbereitet und durchgeführt. Die Mehrheit sitzt auf dem Stuhl und wartet ab, was „da vorne“ passiert. Im besten Fall hat die Musik die Seele berührt, enthielt die Predigt einen interessanten Gedanken (den man meistens am Tag danach wieder vergessen hat), war der Gottesdienst nicht zu lang und gab es ein nettes Gespräch bei Kaffee & Keks danach. Viele Gemeindemitglieder erhoffen sich von diesem Treffen das „Auftanken“ für den Rest der Woche.

Dieses Konzept hat in Deutschland so lange funktioniert, wie die Kirche ein allgemeiner kultureller Faktor war. Also, in einer Zeit, in der man natürlich und selbstverständlich Kirchenmitglied war, Babys getauft wurden, Teens konfirmiert wurden, Paare kirchlich getraut wurden und die Alten kirchlich bestattet wurden.
Es ist offensichtlich, dass wir in Deutschland nicht mehr in dieser Zeit leben.

Die normale Gemeinde hat damit diese zwei Probleme bekommen:
1. Das Modell der Gottesdienst-Gemeinde lockt kaum noch jemanden hinter dem Ofen vor.
Dass ein Nichtchrist in eine Gottesdienstfeier geht, ist genauso wahrscheinlich wie, dass ein Christ in eine Moschee geht. Dazwischen liegen Welten, zumindest viele gedankliche Hindernisse. In der Folge wachsen viele Gemeinden nur noch durch den Zuzug von anderen Christen – aber selten bis gar nicht durch Menschen, die anfangen wollen, Jesus nachzufolgen.
Das ist schon bedenklich genug. Dennoch könnte man es damut abtun, dass Kirche eben zunehmend irrelevant sei und mit der Zeit aussterben wird. So sei es eben vielen Institutionen ergangen. Und wer weiß? Vielleicht wird ja Kirche irgendwann wieder retro-chick sein…

2. Das eigentliche Problem ist m.E. das: Mit dem Modell der Gottesdienst-Gemeinde wird die Ausführung des Auftrages von Jesus an Seine Nachfolger schwerer gemacht!
Dazu muss verstanden werden, dass das Zentrum des Wesens Gottes die Mission ist.
Nein – nicht die Zwangstaufen und manipulative Techniken sind damit gemeint.
Nachvollziehbar wird die Mission, wenn erkannt wird, dass Gott ein Gott der heiligen Liebe ist, dessen größter Wunsch es ist, dass diese Liebe weltweit verbreitet wird. Gott will, dass Menschen weltweit Frieden mit Ihm und miteinander haben. Dass es Vergebung gibt. Dass Menschen aus der Gottesferne in die Gottesbeziehung finden. Von der Verlorenheit in die Rettung. Dass Gutes geschieht. Dafür hat Er durch Jesus Christus alles geopfert – bis zum Tod Jesu. Dafür hat Er Jesus auferstehen lassen. Deshalb hat Jesus Seine Nachfolger trainiert, zu den Menschen zu gehen, um eben diese Botschaft von Gott zu verbreiten, Kranke zu heilen und Belastete zu befreien. Deshalb hat Jesus gesagt, dass auch die künftigen Nachfolger von Ihm genau das gleiche lernen und lehren sollen.
Jesus sprach von einer Dynamik. Von einer Bewegung der Kraft und Liebe Gottes.
Jesus sprach von vertrauensvollen Beziehungen und Teams, die sich gegenseitig ermutigen, um in dieser Mission zu leben.
Jesus sprach von einer großen Vision: dass alle Völker von Gottes Liebe verändert werden.
Das ist die Mission. Der Auftrag. Das hat Gott bewegt. Das hat Jesus getrieben. Das sollte auch Seine Nachfolger – die Kirche/Gemeinde – treiben. Die Liebe von Gott her, die Liebe zu Gott hin und die Liebe zum Nächsten und zu dieser Welt.

Nun steht da also dieser große Auftrag an die Kirche.
Und worauf konzentriert sich die normale Gemeinde?
Auf die Durchführung des Sonntagsgottesdienstes. Das ist ihr Zentrum. Und im Idealfall gibt es noch einige weitere Rahmenangebote wie Jugendtreffen, den Kirchenchor und eine Gruppe, die zusammen regelmäßig in der Bibel liest. Doch das größte Augenmerk liegt auf der Gottesdienstfeier. Dorthin gehen etliche zeitliche Ressourcen. Dafür muss geplant werden, organisiert werden, geprobt werden.
Und was dann dort geschieht gleicht eher einer „die Zuschauer einzubeziehenden Aufführung“. Die Zuschauer sollen natürlich mitsingen. Sie sollen der Predigt lauschen. Das alles mag durchaus inspirierend sein. Mancher fühlt sich danach besser.

Was aber hat das für den Auftrag der Kirche bewegt?
– Die „Welt“ wurde zumeist nicht angesprochen, schlichtweg, weil sie nicht da war.
– Die Christen tun sich schwer damit, etwas aus der Predigt zu lernen, weil die Predigt ein Monolog ist und der Monolog einer der schlechtesten Lernformen ist, die es gibt. Kein Wunder, dass die meisten Predigten schon am Folgetag in Vergessenheit geraten sind. Das menschliche Gehirn kann so nicht lernen.
– Dass der Einzelne direkt in seiner Lebenssituation ermutigt wurde, ist mit einem Kunststück vergleichbar. Wie wahrscheinlich ist es, dass die vorher ausgewählten Lieder und die thematisch begrenzte Predigt genau die Lebenssituation treffen, in der der einzelne Gast steckt? Und wie wahrscheinlich ist es, dass zeitgleich alle Gäste berührt werden, ermutigt werden und daraus lernen? Antwort: Es ist eher unwahrscheinlich und daher ist es ein Kunststück, wenn es doch mal gelingt.
Im Idealfall – und da lasst uns mal ehrlich sein – gehen die meisten Gemeindemitglieder mit diesen Gedanken nach Hause: „Die Musik hat mir heute gefallen! Die Predigt war unterhaltsam. Die Sitznachbarn waren nett und der Kaffee hat für alle gereicht. Jetzt bin ich froh gelaunt… bis morgen der nächste Arbeitstag wieder beginnt.“ Im Normalfall gibt es nur für 1-2 Aspekte der Gottesdienstfeier die Note „gut“.

Der Effekt für den Grundauftrag und für eine der wesentlichsten Daseinsberechtigungen von Kirche auf der Erde, die Mission Jesu, ist extrem gering. Dafür wurde aber recht viel Aufwand betrieben.

Ich persönlich empfinde es als so ein Missverhältnis, dass ich sogar sagen würde:
Auf diese Weise kann die übliche Gottesdienstfeier sogar ein Hindernis für die Ausführung des Auftrages Jesu sein!
Denn mit dem üblichen Ressourceneinsatz und der Betonung der Gottesdienstfeier wird der Eindruck erweckt, als wäre die Hauptaufgabe der Gemeinde die Gottesdienstfeier am Sonntag-Vormittag… und nicht die Mission Jesu.
Vergleich: Wenn sich jemand jede Woche stundenlang mit dem Basteln von Plastikflugzeugen beschäftigt, dann wird man ja auch annehmen, dass ihm das Basteln ziemlich wichtig ist – aber nicht das Fliegen selbst. Wie verwirrend wäre es, wenn der Bastler von seinen Mitbastlern nun jede Woche verlangen würde, dass sie endlich das Fliegen lernen und von ihren Flugversuchen erzählen… während er eigentlich nur rumbastelt.

Ich bin der Überzeugung, dass all das, was es Gutes bei einer Gottesdienstfeier gibt, sich noch ganz anders leben lässt – nur viel besser und effektiver.
Und das ist in einer Kleingruppe (Hauskreis/Hausgruppe/…).
Dort kann es ebenso Lieder und Kaffee geben. Vielleicht sogar ein Frühstück oder gemeinsames Mittagessen.
Der große und bedeutende Unterschied ist aber der:
Hier herrscht das Dialogprinzip. Selbst, wenn es in einer Gruppe den „Vortragenden“ geben sollte, besteht in einer Gruppe die Möglichkeit, nachzufragen und in das Gespräch zu kommen. Und schon wird der Lerneffekt durch den Dialog vervielfacht.
Hier kann wirklich der Einzelne gesehen werden. Nicht jedes Mal muss sich auch jeder ausmehren. Aber eine Kleingruppe kann sich der Situation einfacher anpassen als eine große Gruppe. Und so kann vielmehr auf die Bedürfnisse des einzelnen Teilnehmers eingegangen werden. Wenn jemand traurig ist, wird das gesehen. Dann kann zugehört werden und getröstet werden. Wenn jemand was Schönes erlebt hat, kann das erzählt werden. Gäste können viel schneller einbezogen werden. Es wächst das, was Gemeinde im Kern ausmachen soll: Es wächst eine Gemeinschaft des Vertrauens. Es wächst ein Team heran, in dem sich die Mitglieder gezielt begleiten können, um ihr Leben und den Auftrag Jesu zu meistern.

Kurzum:
In der Kleingruppe sind sowohl der Lerneffekt und der Beziehungsaspekt bedeutend ausgeprägter als bei einer normalen Gottesdienstfeier. Das sind Kernelemente der Nachfolge – der Jüngerschaft. Damit dient die Kleingruppe ausschlaggebend mehr der Mission Jesu als die normale Gottesdienstfeier. Immer vorausgesetzt, dass die Notwendigkeit der Mission den Teilnehmern bewusst ist.

Aus meiner Sicht ist es daher folgerichtig, die Ressourceneinteilung umzukehren:
Die Kleingruppe muss den Schwerpunkt der Gemeindestruktur darstellen und die Gottesdienstfeier muss das Beiwerk sein (dass nicht nur die Kleingruppe, sondern das gesamte Leben eines Christen „Gottesdienst“ sein soll und sich der Begriff biblisch nicht allein auf das Treffen am Sonntag reduzieren lässt, sei hier nur am Rande erwähnt).
Wer dazu gehören will, muss also Teil einer Kleingruppe sein – und nicht Besucher einer Gottesdienstfeier.
Die Kleingruppe sollte das Verbindende sein und regelmäßig stattfinden – die Gottesdienstfeier muss nicht wöchentlich stattfinden. Und vielleicht ist es sogar besser, wenn sie höchstens zweimal monatlich stattfinden würde, weil damit Ressourcen frei werden, die für die Mission investiert werden können.
Damit hätte die Kirche die Chance, wieder mehr in Richtung „Bewegung Jesu“ zu gehen.

Damit wird die Gottesdienstfeier nicht entbehrlich. Sie kann noch „Schaufenster“ in die Gemeinde sein. Sie kann noch immer Bindeglied zwischen Interessenten und der Gemeinde sein. Sie kann noch immer Ausdruck der Zusammengehörigkeit verschiedener Christen und Gruppen sein.
Aber sie darf nicht mehr das Hauptelement der Gemeinde sein.

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2 Gedanken zu „Wie eine Gottesdienstfeier – nur besser!

  1. Hallo Dirk, gute Worte, gute Ansätze. Anmerkung dazu: Wenn die Kleingruppen dann doch wieder nur Kleingottesdienste werden, nützt es auch wieder nichts 😉

  2. Das stimmt – eine Kleingruppe kann ähnlich wie die sonntägliche Gottesdienstfeier ablaufen.
    Die Wahrscheinlichkeit dafür ist etwas geringer, weil die Chance, dass jemand in den Dialog tritt, größer ist. Damit ist auch die Chance des Lernens größer.

    Aber in der Tat:
    Der Gruppe oder zumindest dem Gruppenleiter, wenn es denn einen gibt, muss die Mission Jesu bewusst sein. Wenn das der Fall ist, dann haben wir wesentliche bessere Lern- und Ermutigungsbedingungen mit zumeist weniger Aufwand als bei einer klassischen Gottesdienstfeier.

    Wenn aber nicht klar ist, weshalb wir uns treffen – naja, dann müssen wir uns überhaupt nicht treffen.

    M.E. hängt daher sehr viel an den Initiatoren-Pionieren-Leitern… der Fisch stinkt vom Kopf her.
    Diese brauchen gewisses Grundverständnis von alledem, dann kann sich eine Gruppe gut entwickeln.
    Die Alternative ist, dass nahezu jedes Gruppenmitglied dieses Verständnis hat, dann kann die Leitung im Miteinander geschehen.

    Rein methodisch gesehen, muss also bei den Leitern, Hirten, initiativen Menschen, die auch andere mitziehen können, angesetzt werden.

    Im Idealfall haben diese Menschen dann auch Begleitung oder Netzwerktreffen, um gestärkt zu werden und um auf Kurs zu bleiben.

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