Der Arzt und die Abtreibung

Hier und da hat das Thema hohe Wellen geschlagen:
Ein Chefarzt einer deutschen Klinik verweigert aus Gewissensgründen Abtreibungen (z.B. ist hier mehr zum Thema zu finden).

Auf manchen Medienplattformen erhitzen sich die Gemüter.

Ich finde es hilfreich, sich die Sach- und Ethiklage genauer anzuschauen:

– Abtreibung ist grundsätzlich gesetzlich verboten. Es ist ein Straftatbestand.
Und zwar nicht, um Frauen zu gängeln, sondern weil der Gesetzgeber das ungeborene Wesen als Lebewesen ansieht. Und menschliche Lebewesen hat man nicht zu töten.

– In gewissen Ausnahmefällen wird Abtreibung aber nicht bestraft.
So z.B. bei Gefährdung der Mutter oder in Fällen der Vergewaltigung.
So schlimm es ist, das ungeborene Leben zu töten… aber es kann Situationen geben, in denen andere schlimme Wirkungen drohen. Natürlich darf keine Frau zu einer Geburt gezwungen werden, wenn sie dabei selbst schweren Schaden oder gar den Tod erleiden könnte. Und auch der Fall einer Vergewaltigung ist seelisch so grausam, dass es schwer nachvollziehbar ist, wieso man eine Frau zwingen sollte, diese Schwangerschaft zu erleben. Extrem tapfer, wenn manche Frauen sich dennoch für das Kind entscheiden.

– Die Klinik wird auch künftig Abtreibungen durchführen, wenn sie medizinisch nötig sind. Ob der betroffene Arzt das auch tun würde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das sind die Fakten und die dürften hoffentlich unstrittig sein.

Was mich aber emotional anspricht, sind manche Argumente von Abtreibungsbefürwortern.
Deshalb hier einige ethische Überlegungen:

Ein Argument, das oft gebracht wird, ist dieses:
Frauen dürfen über ihren Körper bestimmen.
Sehe ich genauso.
Ich beziehe das sogar auf alle Menschen. Kein Mensch sollte über den Körper des anderen bestimmen dürfen.
Es ist nur konsequent, diese Sichtweise dann auch auf das ungeborene Leben zu beziehen. Denn – wenn auch absolut klein – es ist ein eigener Körper. Kein Mensch sollte über diesen kleinen Körper bestimmen dürfen.

Natürlich ist dieses Mini-Lebewesen abhängig vom Körper der Mutter.
Entsteht daraus das Recht der Mutter, über das andere Leben entscheiden zu dürfen?
Wenn wir konsequent die Körper anderer Menschen achten wollen, müssen wir auch den des kleinen Lebewesens achten. Die Mutter dürfte nicht einfach über den anderen Körper verfügen.
Wenn wir meinen würden, dass die Mutter über den Körper des Kindes entscheiden darf, dann entsteht diese Frage:
Was ist die Begründung dafür?

Dass es sich beim Embryo nicht um ein Lebewesen handelt?
Das wäre biologisch falsch. Es handelt sich um ein Lebewesen.

Dass der Körper nicht voll ausgebildet ist?
Das ist im Kern auch falsch, weil genetisch alles vorhanden ist, damit sich dieser Körper weiter entfaltet. Er braucht nur Zeit und Schutz.

Dass der Körper ohne die Mutter nicht lebensfähig ist?
Das stimmt natürlich. Doch mit dieser Sichtweise dürfte eine Mutter auch die schon geborenen Kinder töten, weil diese in den ersten Monaten/Jahren noch immer sehr abhängig von der Mutter sind. Aber ich behaupte mal, dass das niemand wirklich meint und will.
Wenn doch, dann könnten wir daraus auch ableiten, dass jeder Mensch, der ohne einen anderen Menschen nicht lebensfähig ist, getötet werden darf. Brutal gesagt: Willkommen im Nazi-Reich!

Kurzum:
Außer den Gründen der medizinischen Notwendigkeit (Schaden/Tod der Mutter) und ggf. im Fall einer Vergewaltigung kann ich mir keinen Grund vorstellen, weshalb jemand das Recht haben sollte, das ungeborene Leben zu töten.

Deshalb sind angebliche Äußerungen wie diese mehr als irritierend (Zitat vom NDR):
Es könne nicht angehen, dass ein „ganz wesentliches Recht, für das Jahrzehnte lang gestritten wurde“, aus religiösen Gründen beschnitten werde, heißt von Seiten der FDP-Landtagsfraktion.

Abtreibung als Recht?
Nein.
Das ist die Verkennung der rechtlichen Lage in Deutschland.
Es handelt sich nicht um ein Recht, sondern um eine absolute Ausnahme vom Tötungsverbot!

Oder diese Bemerkung (ebenfalls NDR – s.o.):
„Rechtlich nicht zu beanstanden, aber bedauerlich“, nannte Thomas Schremmer von der Grünen-Landtagsfraktion die Entscheidung der Dannenberger Klinik.

Bedauerlich?
Die nicht-durchgeführte Tötung menschlichen Lebens ist „bedauerlich“?

Oder im Bezug auf die Zusammenlegung von Kliniken in der Region schreibt NDR selbst (Zitat – s.o. der Link):
… gab es eine für die betroffenen Frauen erfreuliche Entwicklung: Im neuen kommunalen Klinikum bestimmt die katholische Kirche nun nicht mehr über die Richtlinien. Laut Gesetz dürfen dort seit Ende 2014 nun auch Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden.

Erfreuliche Entwicklung?
Endlich dürfen Abtreibungen vorgenommen werden?

Nein, ich will hier nicht gegen notleidende Frauen schreiben.
Und will mir auch nicht anmaßen, was die einzelne Frau persönlich als Leid empfinden darf oder was nicht.

Aber der Fakt bleibt doch:
Der Embryo ist ein menschliches Lebewesen in Kleinstform, mit allen nötigen genetischen Mittteln ausgestattet, um dann auch als geborener Mensch leben zu können.
Dieses Leben zu beenden ist und bleibt ein sehr harter Einschnitt. Deshalb hat der Gesetzgeber das in den Rahmen der Tötungsdelikte einsortiert.
Wie kann man da von „erfreulichen Entwicklungen“ schreiben, wenn endlich noch mehr Abtreibungsmöglichkeiten möglich sind?
Eine Abtreibung ist ein Drama. Oft für alle Beteiligten.

Schließlich habe der Konzern darauf verwiesen weltanschaulich neutral zu sein (Zitat NDR):
Bei Capio hieß es bereits kurz nach der Ankündigung der Chefarztes: Man sei ein politisch und weltanschaulich neutraler Konzern.

Mal ganz philosophisch habe ich da meine Zweifel.
Keiner kann neutral sein.
Wir treffen immer Entscheidungen. Und diese Entscheidungen sind immer an bewusste oder unbewusste Wertvorstellungen geknüpft.
Wer sich dafür entscheidet, abzutreiben, trifft auch eine Werteentscheidung. Sei es, dass es wertvoller sei, die Mutter statt des Kindes am Leben zu halten. Sei es, dass es wertvoll sei, dass es Eltern nicht zugemutet werden könne, Kinder mit einem Down-Syndrom zu haben.
Was ist das, wenn nicht eine Werteentscheidung?
Wenn es aber eine Werteentscheidung ist, dann besteht keine Neutralität!
Es gibt keine Neutralität, bei der jeder machen darf, was er will.
Es gibt auch keine Neutralität, bei der alle und immer gleich behandelt werden können.
(Hier könnte man einen Exkurs hinsichtlich weiterer Werteentscheidungen öffentlicher Einrichtungen betreiben, die meinen würden, „neutral“ zu handeln, was sie faktisch gar nicht tun können, weil sie alleine mit einer solchen Aussage eine Werteentscheidung treffen und damit andere Werte als weniger wichtig ansehen.)

Traurig, dass es so einen breiten Konsens über die legitime Tötung von ungeborenen Lebewesen gibt.

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Ein Gedanke zu „Der Arzt und die Abtreibung

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