Ebook „Tribes“ – Teil 3 – die Fortsetzung – Kapitel 1

Hier folgt gleich das erste Kapitel von „Tribes“, Teil 3.
Wer an dieser Stelle zum ersten Mal bei „Tribes“ einsteigen will, dem empfehle ich weniger aus kapitalistischen, sondern vielmehr aus inhaltlichen Gründen, sich vorab „Tribes 1“ und „Tribes 2“ zu kaufen. Ist nicht teuer. Leider nur als Ebook erhältlich. Aber ohne diese ersten beiden Teile dürfte der dritte Teil eher schwer verständlich sein. Wer also den vollen Lesegenuss haben will, möge das nötige Kleingeld in die ersten beiden Teile investieren (erhältlich bei Amazon, Thalia u.a.).

Und das noch vorab: Es handelt sich um eine Dystopie. Ein Zukunftsszenario, das realistisch sein soll, aber einen Hauch von Not verbreitet. Das Leben ist ja kein Ponyhof. Und kein Zuckerschlecken.
Über Kommentare und Anmerkungen zum ersten Kapitel freue ich mich. Noch ist alles in der Entwurfsphase und wahrscheinlich dauert es etliche Wochen oder gar Monate, bis auch der dritte Teil von „Tribes“ fertig sein wird.

So – und jetzt gibt es hier den ersten Einblick in „Tribes 3“:

1 Sem

Krokom…woah…woah…Krokom…woah…woah!“, sang Sem mit einem breiten Lächeln vor sich hin, während sie die alten Häuser des verlassenen Ortes vor sich sahen, der eingebettet von der hügeligen Waldgegend der ehemaligen Provinz Jämtland war. Nur noch zweihundert Meter Fußweg trennten sie vom verrosteten Metall-Schild mit dem Namen „Krokom“.

Vielleicht ein halbes Dutzend größere Gebäude waren aus der Ferne zu erblicken: ein ehemaliger Supermarkt, Industriehallen, ein alter Bahnhof, dessen Fenster allesamt zerstört waren, und einige nicht identifizierbare Bauten, die im schwachen Licht der untergehenden Sonne ihre Schatten auf die öden Straßen warfen.

Der Herbstwind war stärker geworden und die Kälte des nahenden Abends wollte sich unter den Hemden und Jacken von Sem, Johannes und Carin breit machen.

Seit drei Wochen waren sie jeden Tag gewandert, oft neun Stunden hintereinander, nur mit kleinen Pausen zwischendurch. Noch bevor es hell geworden war, waren sie losgelaufen. Das Frühstück hatten sie beim Laufen gegessen. Sem mochte diese Frühaufsteherei immer weniger. Der einzige Vorteil bestand für ihn darin, dass der Körper durch das Marschtempo schnell warm wurde. Denn trotz der verschiedenen Kleidungsschichten und den Rettungsdecken, waren die Nächte mittlerweile so frostig, dass Sem in der Nacht mehrmals aufgewacht war, weil er dachte, der Erfrierungstod würde an die Tür klopfen.

Johannes legte sanft seine Hand auf Sem’s Schulter. Der Junge blickte ihm fragend in das vollbärtige Gesicht. Johannes zeigte auf den Ort und deutete an, von nun an still zu sein. Carin bewegte sich währenddessen hinter einige Sträucher und nahm die gewohnte Beobachtungsposition ein. Zwei Wochen nach der Chipentfernung war ihre Wunde am Bein verheilt und sie konnte sich schmerzlos niederknien. Ihre blonden Haare waren länger geworden und wurden von einem Lederband zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammengehalten.

In der letzten Zeit waren sie an drei kleineren Dörfern vorbeigekommen. Es war jedes Mal dasselbe: Ein paar Hundert Meter davor war Ruhe angesagt. Dann wurden die Gebäude und Straßen aus einem Versteck heraus mit den beiden Ferngläsern mindestens eine Stunde lang observiert. Bislang waren alle Orte einsam und verwildert gewesen. Doch überall konnte es alte Video-Cams an den Laternen und Häusern geben. Vielleicht sogar Sensor-Schranken. Es war nicht auszuschließen, dass manche dieser Installationen noch funktionierten. Unwahrscheinlich, dass es an den Orten noch Menschen gab. Eher war mit wilden Tieren zu rechnen, die eine alte Hütte als Zuflucht nutzten. Wie auch immer: Es gab genügend Gründe, Vorsicht walten zu lassen.

Die beiden folgten Carin, hockten sich hinter die kargen Gebüsche, und starrten nun in Richtung Krokom. Sem spürte, wie die ruhige Körperhaltung der Kälte umso mehr Aufschwung gab, als wäre eine Einladung zu einem kostenlosen Bankett ausgesprochen worden. Meistens schauten Carin und Johannes durch die Gläser. Nur, wenn Sem einen von beiden antippte, durfte er ein Fernglas benutzen. Allerdings hatte er zur Zeit wenig Lust dazu. Besser war es, sich zwischen die beiden Erwachsenen zu setzen, von beiden Seiten einen Hauch von Körperwärme zu erhaschen und für ein paar Minuten die Augen zu schließen.

Der Wind ebbte unregelmäßig ab und schwoll dann wieder an. Hin und her, als wüsste er selbst nicht, ob er nun endlich den ersten Schnee bringen sollte oder lieber etwas Erbarmen mit den Wanderern haben sollte. Sem verschränkte seine Arme, in der Hoffnung, dass diese Maßnahme die sinkenden Temperaturen aufhalten könnte. Er wurde jedes Mal enttäuscht. ‚Hoffentlich können wir bald in einen Unterschlupf!‘, dachte Sem. So hatten sie es bei den anderen Dörfern gemacht. Wenn keine Cams, Sensoren oder andere Auffälligkeiten zu bemerken gewesen waren, waren sie in eines der Häuser gegangen und hatten ein kleines Feuer entzündet. Nicht so warm wie im Heim-Bett, aber immerhin windgeschützt und tauglich genug, um Hände und Füße auf Normaltemperatur zu bringen.

Das Heim Nr.473 spielte in seinen Gedanken kaum noch eine Rolle. Ja, es schien sogar Ewigkeiten entfernt zu sein, gleich einem anderen Leben, wenn sich nicht immer wieder Erinnerungen an Tricy hineingeschlichen hätten, wie sie ihn mit ihren blauen Augen angesehen hatte. Irgendwie ärgerte es ihn, dass er ihr Bild nur noch schwammig vor sich sah. Aber er wusste zumindest das: sie war schön gewesen. Und eines Tages würde er zurück gehen und sie aus dem Heim befreien. Jeder andere Erinnerungsfetzen an das Heim widerte ihn an. Abgesehen von der Vorstellung, unter einer warmen Decke liegen zu können.

Kurz bevor er eingeschlafen war, vernahm er die leise Stimme von Carin:

Ich kann nichts Auffälliges entdecken. Der Ort scheint sicher zu sein.“

Ohne von dem Fernglas abzulassen, flüsterte Johannes:

Sehe ich auch so. Sollen wir die Stadt von der Südseite nochmal beobachten?“

Für einen Moment war es still. Dann antwortete Carin:

In spätestens einer halben Stunde wird es dunkel sein. Dann sehen wir eh nichts mehr. Entweder wir wagen es jetzt oder wir bleiben hier.“

Sem merkte, wie Johannes leicht nickte.

Du hast Recht, Carin. Dann wagen wir es mal!“

Johannes stand langsam auf. Auch Carin regte sich. Sem wollte es ihnen gleich tun, aber sein Körper war kalt geworden. Es ging nur im Zeitlupentempo.

Carin grinste ihn an:

Ich dachte, wir sind die Alten! Du wirkst ja wie gebrechlicher Opa, Sem!“

Sem verzog sein Gesicht zu einem schiefen Lächeln.

Sie liefen hintereinander, Johannes an erster Stelle, nicht direkt auf der Zufahrtsstraße, sondern ein paar Meter daneben im Gras, das vom letzten Regen noch nass war. Sem fühlte, wie die Feuchtigkeit durch seine Schuhe drang. Er hasste es. Im warmen Sommer war das was anderes, aber bei diesen Temperaturen!

Je näher sie den ersten Häusern kamen, desto deutlicher wurde, wie sich die Natur die Gegend zurück erobert hatte. Die roten Holzhäuser waren verwittert, Moos hatte angefangen ,sich auszubreiten. Durch den Asphalt hatten sich Pflanzen den Weg gebahnt und an vereinzelten Stellen wuchsen sogar kleine Tannen. Steinerne Gebäude wirkten gespenstisch leer und an vielen Fenstern waren die Glasscheiben zerbrochen. Die schlanken, grauen Laternen standen wie stumme Wächter an den Straßen, ohne jedoch einen Funken Licht von sich zu geben. Eine kleine Tankstelle namens OKQ8 mit vier Zapfsäulen zeugte von den alten Zeiten, als es noch keine solarbetriebenen Bikes oder E-Mikz gegeben hatte.

Der Ort schien nicht groß zu sein. Vielleicht hatte es hier mal ein paar Hundert Einwohner gegeben, höchstens ein- bis zweitausend, wenn man die Häuser außerhalb des Ortskerns mitzählte. Johannes hatte erzählt, dass die meisten Dorfbewohner schon vor den Stammesverboten freiwillig in die Städte gegangen waren, weil die Regierung die ländliche Infrastruktur nicht mehr unterstützt hatte. Sem fragte sich, ob es in Krokom auch Widerständler oder sogar Stammesleute gegeben hatte. Auch, wenn Krokom menschenleer war und die Bauten niemanden mehr gehörten, so hatte Sem doch Respekt. Was wäre, wenn plötzlich ein ehemaliger Eigentümer vorbeikäme und sich beschweren würde, dass die drei Wanderer in sein Haus gegangen waren? Sem wusste, dass das ziemlich unrealistisch war. Trotzdem ließ ihn der Gedanke nicht los.

Johannes blieb vor einem großen Backsteinhaus stehen. Auf einem weißen Schild, das oben an der Mauer befestigt war, stand „Krokoms Kommun“ in blauer Farbe.

Ich denke, dass das ein Rathaus war. Die Behörde für die Region. Lasst uns hineingehen und dort einen Schlafplatz suchen!“, sprach er zu den anderen.

Carin und Sem folgten ihm. Die Sonne war mittlerweile untergegangen und nur noch ein Schimmer trennte den abtrünnigen Tag von der finsteren Nacht. Keiner hatte mehr Lust, weiterzugehen. Die Körper verlangten nach Ruhe. Der stärker gewordene Ostwind trieb sie an, die letzten Meter ihr Tempo zu erhöhen.

Die gläserne Seitentür war noch intakt und ließ sich problemlos öffnen. Sobald sie den Eingangsbereich betreten hatten, verstummte der Wind, ließ sie in Frieden und konzentrierte sich darauf, die Straßen und Flächen zu durchfluten.

Vor ihnen tat sich ein Treppenhaus auf. Sem hatte für einige Sekunden Mühe, sich an das Dunkel im Inneren des Gebäudes zu gewöhnen. Es roch modrig, und auch, wenn der Wind hier seine Macht nicht entfalten konnte, so hatte sich zumindest die Kälte breit gemacht. Er vernahm die Stimme von Johannes:

Kommt! Wir bleiben im Erdgeschoss und nehmen uns dort einen Raum. Morgen früh können wir mal nach oben gehen und uns die Umgebung bei Tageslicht angucken.“

Wohin auch immer, Hauptsache, wir haben bald unser Lager!“, fügte Sem hinzu.

Johannes marschierte voran, an den Treppen vorbei und steuerte auf eine Tür zu. Sem erahnte seine Silhouette mehr als er sie wirklich sah. Carin folgte beiden.

Die Lichtstrahler aus den Rucksäcken setzten sie möglichst selten ein. Zwar sollten sich diese mit Sonnenenergie und Körperwärme immer wieder aufladen, aber sie brauchten eine Stunde dafür, und bei der zunehmenden Kälte der letzten Tage schied die Körperwärme als Energielieferant fast aus.

So tappten sie durch das Dunkle des Flurs und blieben dann vor der Tür stehen. Es war eine Tür alten Formats, stabil und aus dickem Metall, ohne Sensor, sondern mit einer schlichten Klinke und einem Schloss versehen. Johannes machte die Tür auf. ‚Nicht verschlossen! Puh!‘, ging es Sem durch den Kopf.

Jetzt befanden sie sich in einem weiteren Flur, der sowohl in die linke als auch die rechte Richtung verlief, und von dem auf der gegenüberliegenden Seite mehrere Türen zu vermuten waren.

Links oder rechts?“, fragte Johannes.

Links!“, sagte Carin, während Sem gleichzeitig „Rechts“ erwiderte. Er hörte, wie Carin einen kurzen Lacher von sich gab. „Naja, ist mir dann doch egal!“, setzte sie fort.

Johannes ging vorsichtig, Schritt für Schritt, nach rechts. Nur, weil es von einem Ende des Flurs irgendwo Außenfenster geben musste, waren sie noch nicht von völliger Finsternis umgeben. Sem versuchte, möglichst dicht an Johannes zu bleiben, ohne ihm in die Hacken zu laufen. Carins leise Atemzüge hörte er hinter sich.

Johannes steuerte auf einen Raum zu, dessen Tür nur angelehnt war.

Okay, den nehmen wir!“, sprach er und stieß die Tür auf.

Sem wollte folgen, aber irgendwas hielt ihn ab.

Es roch hier so merkwürdig. Sem blieb stehen.

Riecht ihr das auch?“, fragte er.

Er merkte, wie Carin und Johannes ebenfalls stehen blieben.

Wenige Sekunden verstrichen, in denen kein Laut zu hören war.

Du hast Recht, Sem!“, sagte Carin. „Es riecht nach…“, sie überlegte.

Plötzlich fing Johannes wieder zu flüstern an. Seine Stimme klang aufgeregt. Er redete schnell:

Wölfe! Es riecht nach Wölfen!“

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