Ebook „Tribes“ – Teil 3 – Einblick in das nächste Kapitel

Nach und nach werde ich ein Kapitel von „Tribes“ – Teil 3 – hier veröffentlichen. Mal sehen. Vielleicht nicht alles, aber doch einiges.
Wer wissen will, worum es eigentlich geht, kann sich die ersten beiden Teile von „Tribes“ kaufen. Erschienen als Ebook beim Midnight-Verlag/Ullstein-Verlag. Wirklich zu einem erschwinglichen Preis: für unter 10,-€ gibt es eine Packung Spannung, Dystopie und ein winzig kleines bisschen Liebe und Gott in Schweden.

Hier ist nun das zweite Kapitel – Entwurf – vom Roman „Tribes“ – Teil 3:

2 Bertram

Den Fluss Indalsälven hatten sie seit Wochen hinter sich gelassen. Straßen und andere offiziell wirkenden Wege hatten sie gemieden. Der Weg durch das Dickicht der Wälder, manch morastiger Gegenden und Landstriche mit etlichen Höhenmetern hatte ihr Tempo verlangsamt. Wiewohl Bertram für sein Alter überragende Leistungen brachte, brauchte er jede Woche einen Ruhetag, um sich zu regenerieren. So hatten sie in den etwas mehr als drei Wochen nur ungefähr vierhundert Kilometer geschafft.

Bertram war immer wieder unzufrieden mit sich. Gerne hätte er mehr auf die Tube gedrückt, aber sein Körper machte das nicht mit. Seit über einen Monat waren sie auf der Flucht, in der Hoffnung, in das „verheißene Land“ zwischen den Verwaltungsbezirken Schweden und Finnland zu kommen.

Doch, was ihm wirklich Stiche in das Herz versetzte, war die Ungewissheit über den Verbleib seines Stammes. Er hatte die kalten Stromschnellen des Flusses überlebt und immer wieder kam die Frage hoch: „Warum?“. Warum war er nicht gestorben? In seinem Alter vor den Schöpfer zu treten, wäre keine Schande gewesen, wenn unter normalen Umständen aber gewiss zu früh. Die Vorstellung, dass Kinder und Familien des Stammes getötet oder gefangen genommen worden sein könnten, ließ ihn Nachts immer wieder aufwachen. Wie ging es den Überlenden? Wurden sie gefoltert? In diesen Momenten der Unruhe betete er. Allerdings fühlte er sich zunehmend hoffnungslos dabei, so dass er in der letzten Nacht beschlossen hatte, die Sache loszulassen. ‚Gott, du weißt darum. Es ist in deiner Hand!‘, hatte er gesprochen und danach eine merkwürdige Mischung zwischen innerer Ruhe und Traurigkeit empfunden.

Wenigstens hatte Xolan es geschafft. Als er ihn am anderen Flussufer erblickt hatte, hatte er es für einen Moment kaum glauben können. Der Junge hatte erzählt, wie er ebenfalls in das Wasser gesprungen war und versucht hatte, so lange zu tauchen, wie es nur ging. Er sei fast ohnmächtig geworden, habe kurz nach Luft geschnappt, und sei dann wieder bis zum Limit unter der Oberfläche geschwommen.

Xolan. Neben ihm der einzig Überlebende bisher, dem Bertram begegnet war. Es war ihr Plan gewesen, den Stamm aufzuteilen, in verschiedene Richtungen zu wandern, aber doch mit dem Ziel, es bis zur Grenze nach Finnland zu schaffen. Aber vor allem zuerst den Verfolgern zu entkommen. Die Angreifer hatten sie bis dahin nur vermutet. Jetzt wussten sie: Man hatte es wirklich auf sie abgesehen. Warum auch immer.

An einem großen, grau-schwarzen Felsen hatten Bertram und Xolan ihr Nachtlager aufgeschlagen. Wenige Meter von ihnen entfernt plätscherte ein Bach. Hinter ihrem Rücken befand sich die kahle Steinwand und vor ihnen standen hohe Tannen und alte Laubbäume. Die Blätter des Herbstes sammelten sich auf dem kalten Boden. Die Sonne war vom Horizont verschwunden und hatte dem Abend Platz gemacht. Vom Wind geschützt, buddelten sie eine kleine Grube und entzündeten dort ein bescheidenes Feuer. Aus Zweigen hatten sie um die Feuergrube einen Sichtschutz gebastelt, der zugleich die Wärme der Flammen an die Felswand reflektierte. Es wurde spürbar ein paar Grad wärmer.

Xolan aß eine Handvoll Blaubeeren, die sie auf ihrer Wanderung gesammelt hatten. Bertram kaute auf einer Birkenrinde herum.

Es wird Zeit, dass wir Fleisch bekommen!“, sagte Bertram.

Xolan stimmte sofort mit ein:

Mindestens! In der Stadt gab es so viel leckere Dinge! Kuchen, Pommes, Schokolade… mir läuft das Wasser im Mund zusammen!“

Ja, in solchen Zeiten mag die Stadt verführerisch sein. Kekse tauscht man gegen die Freiheit ein. Für eine Tafel Schokolade lässt man sich zensieren und überwachen. So sind wir Menschen.“, reagierte Bertram. Eigentlich hatte er nicht sarkastisch klingen wollen, aber der Kommentar war einfach aus ihm heraus gerutscht.

Xolan nahm noch mehr Beeren und schluckte sie hinunter.

Ich glaube,“, sagte er, „ich werde morgen blau kacken.“

Er grinste.

Dann fragte er Bertram:

Hast du nie überlegt, wieder in die Stadt zurück zu gehen?“

Bertram brauchte nicht lange, um zu antworten. Sein weißer Bart glänzte leicht im Schein des Lagerfeuers.

Überlegt habe ich schon, doch meine Antwort ist immer die gleiche. Erstens müsste ich damit rechnen, als Stammesanführer verhaftet zu werden. Die Frage wäre also nicht, ob ich statt in der Natur in der Stadt leben möchte, sondern ob ich statt in der Natur im Gefängnis leben will. Und das kann ich dir mit Gewissheit sagen: Im Gefängnis will ich nicht sein. Zweitens hatte ich damals genügend Zeit, um die Gründe für das Stammesleben zu bedenken. Natürlich wäre mir am liebsten beides gewesen: das freie Leben in der Natur mit den Annehmlichkeiten der Stadt. Doch diese Wahl hatte ich nicht. Die Wahl war die: Das Kämpfen um das Überleben, aber dafür frei zu sein, oder die angeblichen Vorteile der Stadt zu haben, dafür aber kontrolliert zu werden. Und mal ehrlich, Xolan! Die Vorteile der Stadt haben mir nie inneren Frieden gebracht. Um das Gute der Stadt haben zu können, muss man hart schuften… und was ist das Gute? Es sind rein materielle Dinge. Ein Bett. So ein komisches Mini-Auto. Elektronische Unterhaltung. Eine Wohnung oder wenigstens ein Zimmer. Zehn verschiedene Kleidungsstücke oder noch mehr. Aber wozu das alles? Ja, es mag das Leben hier und da angenehmer machen, aber erkauft mit dem Preis von mehr Stress und Zensur. Ich weiß, dass das Leben im Stamm seine eigenen Schwierigkeiten hat: Es geht um das Überleben. Und wir können dem anderen Stammesmitglied nicht einfach ausweichen. Konflikte werden schneller deutlich. Die Kälte im Winter ist absolut hart. Und wir haben nicht für jede Krankheit eine schnell wirkende Medizin. Ja, hier draußen ist es härter. Aber weißt du, was ich dafür bekomme? Atemberaubende Sonnenaufgänge und nicht nur Romantik-Gefusel in Holo-Filmen. Das unfassbare Glücksgefühl, wenn der Elch erjagt ist und man den ersten Bissen vom Braten im Mund hat – und nicht das wässrige Zeugs aus der Plastikschale vom Lebensmittelhandel. Die tiefe Zufriedenheit, wenn der Unterschlupf fertig gebaut ist. Das gemeinsame Singen vor dem Feuer und dem Lauschen von Geschichten, die die anderen erzählen – und nicht, das Sich-Einlullen-Lassen durch die Medientechnik. Das Empfinden von Luxus, wenn man in einer beschichteten Holzwanne sitzt, die mit warmen Wasser gefüllt ist. Die Saunahütte zu nutzen, wenn es draußen bitterkalt ist. Und schließlich zu wissen, dass wir ein Stamm sind. Wir halten zusammen, auch, wenn mir die Nase des anderen nicht immer passt. Wir gehören zusammen.“

Mit den letzten Worten wurden Betram und Xolan still. Unweigerlich kamen die Gedanken an die anderen Stammesleute hoch. Das Wehen des Windes drang im leisen Rauschen in den Zweigen der Bäume zu ihnen hindurch, unterbrochen vom fast stillen Kampf der schmalen Holzäste in der Hitze des Feuers, während das Bachwasser in beruhigender Regelmäßigkeit gegen kleine Steine klatschte. Die Nacht brach herein und forderte stumm den Schlaf der Lebewesen ein.

Bertram wollte sich nicht den schwermütigen Gedanken an den verlorenen Stamm hingeben, und so sprach er beherrscht zu Xolan:

Morgen werden wir vier Tierfallen bauen. Wir werden hier ein bis zwei weitere Nächte verbringen und können dafür beten, dass Gott uns versorgt. Dann werden wir mit mehr Kraft und vielleicht sogar mit dicken Fellen weiter marschieren können.“

Xolan wirkte noch hellwach:

Bertram, mit allem Respekt, aber wie soll uns Gott versorgen? Wir müssen doch die Fallen bauen! Selbst ist der Mann, würde ich sagen.“

Der alte Mann schaute den Teenager Xolan für einen Moment an, bis er antwortete:

Mein Meister erzählte von den Vögeln, die Gott versorgt. Diese Vögel bauen keine Äcker. Sie ziehen keine Anzüge an und erledigen ihren Job in der Firma. Trotzdem werden sie mit Nahrung versorgt. Aber weißt du was? Das Essen kommt ihnen nicht in den Schnabel geflogen. Sie müssen es suchen. Und dann finden sie.“

Xolan runzelte seine Stirn.

Werd‘ ich mal drüber nachdenken.“

Tu‘ das!“, sagte Bertram. „Ich werde mich schlafen legen. Weck‘ mich, wenn deine Nachtwache vorbei ist… oder, wenn du merkst, dass du müde wirst. In Ordnung, Xolan?“

Der Junge nickte.

Alles klar!“

Bertram legte das ausgestochene Moos und die Äste nochmal zusammen, bevor er sich darauf legte. Aus Grasbüscheln, die durch dünne, fasrige Rindenstrippen zusammengehalten wurden, hatte er sich Fuß- und Wadenwärmer gebastelt. Auch unter seine Kleidung packte er weitere Moosstücke und Laub. Eine Notwendigkeit in den kalten Nächten.

Schlaf‘ gut, Bertram!“, flüsterte Xolan.

Danke!“, erwiderte Bertram.

Er wendete sich einige Male, um die richtige Schlafposition zu finden, und war dann innerhalb weniger Minuten tief und fest eingeschlafen.

Xolan hatte sich gegen die Felswand gelehnt, den Blick auf das mickrige Feuer gerichtet. Mit seinen Sinnen war er zur Hälfte im Wald. Unbekannte Geräusche ließen ihn schnell aufhorchen. Aber mit der anderen Hälfte dachte er immer wieder an die eine Nacht, als der Geheimdienst ihn vernommen hatte. Sie hatten ohne Probleme herausgefunden, dass er Stammesmitglied war. Aber was sie mit ihm gemacht hatten, nachdem er die Betäubungsspritze bekommen hatte, wusste er einfach nicht. Hätte er Bertram und den anderen davon erzählen sollen? Aber was hätte es geändert? Xolan war es lieber, nicht weiter darüber nachzudenken. Und erst recht nicht, darüber zu reden. Und doch konnte er den Gedanken an das Vergangene nicht abschütteln. Er wusste nicht, wie unangenehm die Nacht noch werden würde.

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