Das Problem mit der christlichen Ethik und Moral

Viele kennen Sprüche wie diese:
„Das tut ein Christ nicht!“
Oder:
„Wenn du wirklich Christ wärst, würdest du das nicht machen!“

Und vielleicht ist etwas dran: Vielleicht würde in Christ wirklich nicht so handeln.
Aber was, wenn doch?

Und was wäre, wenn unsere „christliche Moral und Ethik“ – zumindest in der oben dargestellten Weise – nicht hilft („Moral“ ist hier als Gesamtheit eines „richtigen“ Verhaltens zu sehen und „Ethik“ als die entsprechende Theorie/Lehre)?

Besonders problematisch ist es, wenn die Kirche bzw. die Christen selbst mit moralisch-ethischen Forderungen auftreten und diese gegen Interne oder gegen die säkulare Gesellschaft richten.
Wenn wir als Christen die „Moralapostel“ spielen.

Ein ungutes Gefühl beschleicht mich dann, ohne gewiss sagen zu können, dass es falsch wäre, bestimmte moralische Ideale hochzuhalten.
Natürlich: solche Ideale können im positiven Sinne Ziele sein und die Motivation zur Aktion wecken.
Sie können aber auch zu Druckmitteln werden, die belasten.
Und womöglich empfindet jeder Mensch ein und dasselbe Ideal als unterschiedlich. Während die einen längst entsprechend diesem Ideal leben, fühlt es sich für die anderen wie ein Gerichtsurteil an.

Beispiele gibt es einige dazu: heutzutage können das Fragen zur Homosexualität sein; vor sechzig Jahren waren es Fragen zum unehelichen Zusammenleben. Heutzutage können es Fragen zur Raubkopien und illegalen Streams im Internet sein; vor sechzig Jahren waren es Fragen zu Kinobesuchen und der Teilnahme an Tanzveranstaltungen.

Wenn wir diese Jahrzehnte der christlichen Moral und Ethik in unseren Breitengraden anschauen, dann muss auffallen, wie sehr sich manche Vorstellungen gewandelt haben. Wenn es für manchen Christen damals zum Gemeindeausschluss führen konnte, wenn er am „Tag des Herrn“ mit der Straßenbahn gefahren ist (denn u.U. könnte das ja Arbeit sein), so macht sich heutzutage wohl kaum ein Pastor darüber Gedanken, ob das Bedienen des Autos Arbeit am „Tag des Herrn“ sein könnte. Oder wenn das gemeinsame Übernachten eines unverheirateten Paares im Hotelzimmer damals gesamtgesellschaftlich unsittlich war, so wird es sogar in evangelikalen Kreisen heutzutage oft geduldet.

Ob das immer alles so richtig war und ist, ist schwer zu beurteilen – und vielleicht geht es auch gar nicht zuerst darum.
Vielleicht verfehlt die Frage nach einer gesamtverbindlichen christlichen Ethik und Moral das Ziel.
Zumindest dann, wenn sie ohne die Liebe Gottes entsteht.

Denn nach christlicher Weltanschauung ist der Kern des Ganzen die Liebe Gottes.
Er liebt diese Welt (Joh 3,16). Er hat die Menschen als Ebenbild geschaffen. Ein Ausdruck der Partnerschaftlichkeit, der Beziehung und Gemeinschaft. Er sendet Seinen Sohn Jesus Christus in diese Welt, um sie vom Bösen und Destruktiven zu erlösen. Um die Welt in die Gemeinschaft mit sich zu ziehen. Und der Sohn Gottes – das perfekte Ebenbild Gottes – lässt sich von den Menschen hinrichten statt sich zu wehren. Er lässt sich töten statt eine Revolution zu starten. Weil Er sie liebt.
Und so ist der Verweis Jesu Christi auf das höchste Gebot (die höchste Moral und Ethik) nur konsequent: Das Höchste ist es, Gott zu lieben und den Mitmenschen ebenso wie sich selbst. Bis hin zur Feindesliebe.
Der Apostel Paulus greift das auf, wenn er im 1.Korintherbrief 13 davon schreibt, dass „Glaube, Liebe, Hoffnung“ die wichtigsten Elemente des Christentums sind.

Von dieser Liebe her zu denken, befreit.
Das ermöglicht den Blick auf das Leben des Einzelnen.
Das sind doch die normalen Geschichten der „normalen“ Christen:
Anfänglich konnten sie nichts mit diesem Jesus anfangen.
Doch irgendwann in ihrem Leben macht es „Klick“ und sie lassen sich bewusst auf dieses Leben mit Jesus ein.
Damit beginnt der Lernprozess. Damit beginnt der Weg.

Und die einen lernen schnell. Die anderen langsamer.
Den einen fällt es leicht, zu einem dienenden Leben zu gelangen, das für Mitmenschen zunehmend eine Bereicherung ist. Und andere konsumieren mehr als sie dienen. Sie sind noch am Anfang.
Die einen leben moralisch nahezu einwandfrei.
Die anderen sind noch gefangen in ihren alten Mustern und gleichen mehr einem Süchtigen denn einem glänzenden Jesus-Nachfolger.

Da ist dann der „Otto-Normalchrist“, der als Handwerker seine Brötchen verdient, sich nicht mehr auf Schwarzgeschäfte einlässt, der sich Zeit für seine Kinder nimmt und seiner Frau regelmäßig Blumen schenkt und ein offenes Ohr für sie hat. Der seine Steuern zahlt und seinen Nachbarn bei der Gartenarbeit hilft. Der im Rahmen der Gemeinde gerne überall mitanpackt, wo gestrichen, gezimmert und gebaut werden muss.
Einer, der oft ein Lächeln im Gesicht hat – und das wirklich ernst meint.
So einen Christen wünscht man sich. Ein Vorzeige-Exemplar. Moralisch gut.

Dann gibt es aber diese Christin:
Sie, die sich am Wochenende immer noch besäuft.
Die mit anderen Männern flirtet, obwohl sie verheiratet ist.
Die zwar zu den Gottesdienstfeiern kommt, sich aber nur bedienen lässt: man darf für sie beten und außerdem isst sie gerne den dort angebotenen Kuchen.
Von Außen betrachtet würde man ihr nicht gleich eine Christin sehen.
Aber wer mit den Augen der Liebe blickt, erkennt Folgendes:
In ihrer Kindheit wurde sie missbraucht. Um die Schmerzen zu übertünchen, entwickelte sie ein Sucht-Muster, von dem sie auch heute noch nicht ganz frei ist. Sie versucht es immer wieder und tatsächlich schafft sie es, in der Arbeitswoche von Montag bis Freitag abstinent zu sein. Aber dann, wenn die Ruhe einkehrt und die Gefühle hochkommen, dann schlägt das Muster durch und sie greift zu Flasche.
Durch ihre Kindheit wurde ihr Selbstwertgefühl stark beschädigt. Eigentlich fühlt sie sich hässlich und ungeliebt. Deshalb versucht sie sich aufzuwerten, indem sie mit Männern flirtet. Sie liebt das nicht, aber sie hat noch nicht verstanden, nur aus der Liebe Gottes zu lieben (wie wohl die meisten der Christen). Irgendwie fühlt sie sich nach diesen Flirtversuchen „dreckig“ und sie bittet Gott jedes Mal um Vergebung, wenn es geschehen ist. Manchmal denkt sie, sie wäre jetzt frei von diesem Verhalten, wenn sie mal einen Tag nicht geflirtet hat.
Im Rahmen der Gemeinde weiß sie einfach nicht, wie sie anderen helfen kann. Bisher hat ihr keiner Mut gemacht. Die anderen Frauen meiden sie sogar, weil sie von ihrem Ruf wissen. Und jeder Mann, der mit ihr redet, wird ebenfalls schnell argwöhnisch angeblickt. Keiner will gegen sie sein, aber es gibt auch kaum jemanden, der für sie ist. Deshalb isst sie nur den Kuchen nach dem Gottesdienst, würde aber gerne helfen. Allerdings glaubt sie nicht, dass sie was auf dem Kasten hat. Und die anderen scheinen das auch nicht zu glauben.

Anhand moralisch und ethischer Vorstellungen ist klar, wer hier der Gewinner ist: der Handwerker-Mann.
Er verhält sich wie ein Christ. So müssen Christen sein. Das ist einer, dem man seinen Glauben abnimmt. Naja, und diese „Dame“ wirkt doch arg wie eine Ungläubige.

Aber könnte es sein, dass die Liebe Gottes anders guckt?
Gottes Liebe ist immer im Gleichschritt mit Gottes Wahrheit. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar.
Und so sieht diese Liebe Gottes, dass der Handwerker-Mann heimlich Probleme mit der Pornografie hat. Dass er unter dem ständigen Gemecker seiner Frau leidet. Dass er manche seiner guten Verhaltensweisen auch schon vor seinem Christenleben aufwies. Und dass er in seinem Inneren immer wieder unzufrieden und undankbar ist.

Und die Liebe Gottes sieht, dass die süchtige Frau ihren Kindern gerne Geschichten vorliest und sogar schonmal angefangen hat, eine eigene Geschichte zu schreiben. Dass sie ihren Kindern zur guten Nacht Lieder vorsingt und dass ihre Stimme so schön ist, dass selbst ihr Mann gerne zuhört. Dass sie früher jeden Tag gesoffen hat und sie drei Jahre daran gearbeitet hat, um nur noch am Wochenende zu trinken. Aber auch das will sie angehen. Dass sie zwischendurch immer wieder ganz still für andere betet. Keiner weiß es und es wäre ihr auch unangenehm, wenn andere das wüssten. Trotzdem betet sie jede Woche für ihre Nachbarn und für fast jedes Gemeindemitglied.

Mein Empfinden ist, dass wir hier mit feststehenden moralischen Vorstellungen wenig weiterkommen.
Natürlich implizieren diese Geschichten auch eine Moral. Natürlich heiße ich es auch gut, von einer Sucht frei zu werden; Zeit für Kinder zu haben; den Ehepartner zu schätzen; zuverlässig und freundlich zu sein.
Aber nicht diese Moral steht an vorderster Front, sondern die Liebe.

Und vielleicht würden Moral und Liebe auch ganz anders sprechen.
Die Moral würde sagen: „Du musst! Sonst bist du ein schlechter Christ!“
Die Liebe würde sagen: „Gut, dass du es bis hier geschafft hast. Wage den nächsten Schritt! Ich bin mit dir, auch, wenn du hinfällst. Dann stehe wieder auf! Ich verlasse dich dabei nicht und mache dir keine Vorwürfe. Sondern ich glaube, dass es für dich weitergeht und du das Potential hast. Und übrigens: Wer ein schlechter oder guter Christ ist, das beurteilt nur Gott. Ein Mensch kann das nicht beurteilen. Wichtig ist, dass du lernst, aus der Liebe Gottes zu leben.“

Das mag der Unterschied sein:
Vielleicht kann es keine „christliche“ Moral an sich geben.
Vielleicht kann es nur die Liebe Gottes geben und jegliche Moral und Ethik sind die Folge dieser, aber nie der Anfang und auch nie der Ersatz.

Vielleicht tut es uns gut, wenn wir so die Bibel lesen und so unsere Mitmenschen anschauen.
In der Bibel entdecken wir den Weg. Und wir erkennen, wohin diese Liebe Gottes führt: zu einem Leben, das voller wird mit Liebe, Freundlichkeit, Geduld und Sanftmut. Aber wir erkennen auch, dass es sich dabei um eine „Frucht“ handelt – nicht um die Bedingung.
Und wenn wir dann „die anderen“ anschauen, fangen wir an zu verstehen, dass jeder sein eigenes Tempo hat, seine eigene Geschichte hat, eigene Stärken und Schwächen hat – und dass keiner vor Gott besteht, weil wir mit einer Unmenge theologischem Wissen aufwarten können oder „gemeindlichen Heldentaten“, sondern dass ausnahmslos jeder nur deshalb vor Gott bestehen kann: weil Er gerne gnädig ist und Jesus den Weg für uns frei gemacht hat!

So könnte das ein praktischer Schritt sein:
Wenn wir mal wieder dabei sind, den anderen in eine Schublade zu stecken, dann können wir überlegen „Wie sehr liebt Gott diesen Menschen?“

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Ein Gedanke zu „Das Problem mit der christlichen Ethik und Moral

  1. Hey mein lieber Bruder,
    ich mag deinen Kommentar und viele Gedankenanstöße geben wider, was ich mir auch manchmal denke. Danke dafür!

    Ein von vielen Christen/Gemeinden als gut und wünschenswert angesehenes Verhalten wird natürlich oft (je öfter desto besser!) von biblischen/göttlichen Werten abgeleitet. Und das ist richtig so: Christen als grundsätzlich durch Christus errettet, Gott liebende und im lebenslangen Prozess der Heiligung (=Jesus charakterlich ähnlicher werden) steckende Menschen sollten anders ticken als Menschen, die nicht einen derartigen Glauben haben. Das Neue Testament ist voller Bespiele hierfür.

    Das Problem ergibt sich u. a. aus der Unterschiedlichkeit und Einzigartigkeit der verschiedenen Menschen, ihrer Persönlichkeit, ihrer (kindlichen) Prägung und auch den (landesspezifischen) gesellschaftlichen Werten und unserer Kultur, die in der Gemeinde leider allzu oft Hand in Hand mit den biblischen gehen und ein Selbstverständnis dessen bilden, was dann als Ganzes als „biblisch korrekt“ interpretiert und selten hinterfragt wird.
    Denkwürdig in diesem Zusammenhang ist, dass wir selten ein Problem damit haben, wenn chinesische oder afrikanische Christen ihre eigene Art von Gottesdienst oder Gemeinde-zusammen-leben pflegen. Aber wehe, bei uns tanzt ein Deutscher derart aus der Reihe…“Mit dem stimmt doch was nicht!“ 😉 Es wird also (unausgesprochen) erwartet, dass jemand als Christ bei uns bestimmte Dinge „gewuppt“ kriegt, die weitgehend auch dem deutschen Ideal entsprechen. Krasse lange Hochzeiten und Feiern wie im AT sind eher out, fleissiges Arbeiten eher in.

    Ebenso ist ein dickes Auto in vielen Gemeinden kein Problem mehr (Argument:“Sicherheit für die Familie!“ – leider steht in der Bibel nicht viel davon, dass wir uns Sicherheitszonen aufbauen sollen…), dafür ist aber der Künstlertyp ohne musikalische Begabung ein Problem, weil wir den gemeindlich unter Umständen nicht einfach in die Kinderarbeit stecken können oder sie sich nicht als Kleingruppenleiterin aufbauen lässt. Wir sehen, dass diese Person weltlich nicht viel erreicht und raten schnell zum Wechseln der Profession – egal ob der Herr spezifisch diese Begabungen geschenkt hat und diese halt in unserer Finanz-Konsumgesellschaft gegen den Mainstream laufen und die Menschen dafür natürlich abgestraft werden. Dabei sind wir als Gemeinden einfach die, die es nicht „gewuppt“ kriegen, diese Menschen zu integrieren.

    Wir wünschen uns ansehnliche Mittelschicht mit Bildung und Gönnerherz, kinderfreundlich und vortrags-affin. Manchmal dünkt mich, Jesus würde schleunigst Reiß aus nehmen bei Anblick dieser ggf. erschreckend selbstgefälligen Monokultur, die ihr (finanziellen) Wohlbefinden mit nur zu gern unausgesprochen mit Gottes Segen gleichsetzt. Und nen schlauen Bibelvers gibt’s gratis dazu für jeden neuen Jungschen, der mit komplexen biblischen Wahrheiten ringt.

    Ich denke, wir müssen alle stetig an unserer Demut arbeiten. Gott hat uns erlöst, weil wir Erlösung brauchten und brauchen, solange wir nicht verherrlicht sind. Wir sind nur deshalb „toll“ weil Gott uns „toll“ gemacht hat. Und auch unsere Erkenntnis von biblischen Wahrheiten wird immer bruchstückhaft und fehlerbehaftet sein und je intellektueller wir sind, desto gefährlicher ist für uns die Versuchung zu meinen, wir hätten die letztlich „nach xx Jahren Christsein“ die Weisheit gefressen und sollten zum Wohle unserer Mitmenschen nur noch verkündigend (als Lebensstil, nicht aufs Predigen von der Kanzel reduziert) tätig sein.

    Ein großer Baustein, den ich deinen Gedanken hinzufügen möchte, gerade im Hinblick auf den Handwerker und die Frau, ist der der Kommunikation. Je mehr wir über einander wissen, desto mehr können wir uns in einander hineinversetzen, einander verstehen und letztlich auch wertschätzen.
    Die Frau braucht Menschen, denen sie sich mit ihren Kämpfen und Erfolgen anvertrauen kann, ebenso der Handwerker eine (Männer-)Gruppe, wo seine Probleme zutage kommen und er als Mensch mit Stärken uns Schwächen wahrgenommen werden kann.

    Auf beiden Menschen lastet ein Druck, beide kommen nicht aus ihrer (von aussen, aber vllt, auch durch Prägung von ihnen selbst) zugewiesenen Rolle raus. Wir brauchen diese Liebe Gottes für das Interesse an einander und für die Wertschätzung des Fremden, das mich aus meiner Komfortzone holt, in der ich natürlicherweise gerne verharren möchte. Ausser für sehr extrovertierte Menschen, die ständig Neues und neue Leute kennenlernen wollen, wird das für 90%+ von uns wohl nie zu einer äußerst angenehmen Sache werden. Aber vielleicht zu einer guten Angewohnheit und die positive Erkenntnis und Freude, sich auf Jesu Pfaden zu befinden. Um Jesu Reich voran zu bringen und Gott ähnlicher zu werden, ist das Zugehen auf andere wohl alternativlos. Jeder auf seine Art, aber um Menschen kommen wir biblisch gesehen nicht rum. Und das kommt hier von jemand, der gerne alleine ist oder in kleiner Gesellschaft mit möglichst vertrauten Personen… 🙂

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