Die Gemeinde ist keine Familie!

Hier und da höre ich Folgendes von Christen:
„Wir brauchen mehr Miteinander in der Gemeinde! Wir sind doch eine Familie!“

Biblisch ist das Bild von der Gemeinde als Familie schwer haltbar.
Ja, es ist von „Brüdern“ und „Schwestern“ die Rede. Von Gott, dem Vater.
Aber Gemeinde wird an keiner Stelle ausdrücklich als „Familie“ bezeichnet!

Jetzt schaut mancher in seiner Bibel und sagt:
„Aber doch! Hier steht es in Galater 6,10 und Epheser 2,19!“

Nun übersetzen nicht alle Bibelwissenschaftler die genannten Stellen in Gal 6,10 und Eph 2,19 so.
So z.B. auch nicht die recht genaue Übersetzung der Elberfelder Bibel.

Warum nicht?
Weil im griechischen Grundtext das Wort „Familie“ tatsächlich nicht auftaucht, sondern das Wort „Hausgenossen“.

Und dieses Wort klingt nicht nur anders, sondern hat auch einen anderen Inhalt.

Hausgenossen sind gewiss fast genauso beieinander wie eine Familie.
Und dennoch sind sie nicht so verbunden wie eine Familie.
Die Distanz ist im Allgemeinen größer.

Ich vermute hinter dem Wunsch, dass Gemeinde wie eine Familie sein soll, die Sehnsucht nach mehr Miteinander.
Mehr Zeit miteinander verbringen.
Sich gegenseitig mehr helfen.
Mehr Verbundenheit und weniger Distanz.

Diesen Wunsch haben längst nicht alle Christen.
Ich kenne Christen, die im Alltag so ausgelastet sind, dass die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst das höchste ihrer Gefühle ist. Sie haben bedingt durch ihren Beruf mit so vielen Menschen zu tun, dass ihnen am Wochenende mehr nach „Höhle“ als nach „Familienfeiern“ ist. Wer diesen Christen was Gutes tun will, müsste ihnen öfter mal Mut machen, sich am Samstag/Sonntag tatsächlich mal in die Einsamkeit zurückzuziehen.

So ist der Wunsch nach der Gemeinde-Familie ganz unterschiedlich ausgeprägt.

Woran orientieren wir uns also?
Natürlich am Wort Gottes, der Bibel.

Interessanterweise wird uns in der Bibel nicht vorgegeben, wie oft oder unter welchen Voraussetzungen sich Christen zu treffen haben oder wie toll doch alles zu laufen hat.
Es wird von Bräuchen erzählt (s.a. Apg: zu Beginn trafen sie sich täglich; hingegen scheinen sich andere Christen einmal wöchentlich – am Tag des Herrn – getroffen zu haben; Paulus wiederum hatte zwar ein Missionsteam, aber Kontakt zu lokalen Gemeinden war mitunter wochenlang nicht drin). Es wird aber auch von Konflikten der ersten Christen erzählt (s.a. Apg: die Versorgung der jüdischen und griechischen Witwen; der Betrug durch Ananias und Saphira; Konflikte zwischen Petrus und Paulus oder Paulus und Barnabas).

Natürlich geht es um das Miteinander der Christen. Und es geht auch um Gemeinschaft. Es geht um das gegenseitige Dienen.
Aber hat das täglich zu erfolgen? Oder zweiwöchentlich? Sonntags oder Dienstags? Morgens oder Abends? Zu dritt oder zu zehnt? Im Wohnzimmer oder im Café? Für eine Stunde oder für fünf Stunden? Mit Predigt oder ohne?
All das ist nicht ausdrücklich geregelt.

Denn es geht um die Herzenseinstellung. Diese Einstellung des „Ich bin für Jesus und für dich!“.
Und es geht um den eigentlichen Grund des Zusammenkommens: „Zusammen vor Gott durch Jesus und hinausgesandt in die Welt!“.

Wer das versteht, kann zum eigenen Wunsch nach mehr Gemeinschaft „Ja“ sagen. Es ist ein guter Wunsch.
Der kann aber ebenso „Ja“ sagen zu dem Wunsch des anderen, sich in die Höhle verziehen zu wollen.
So drückt man den eigenen Wunsch nicht dem Gegenüber auf und misst nicht eine ganze Gemeinde am persönlichen Wunsch. Sondern man fängt an, dem anderen zuhörender zu begegnen: Wie stellt sich der andere die Gemeinschaft vor?

Das wäre doch mal eine interessante Unterhaltung!

Warum triffst du dich mit anderen Christen?
Was hilft dir bei den oder durch die Treffen?
Inwiefern kannst du anderen helfen?
Wie kann diese Gemeinschaft den Nachbarn bzw. der Gesellschaft helfen?
Was sind deine zeitlichen und kräftemäßigen Möglichkeiten?
Was sind deine Limits?

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