Weder groß noch klein – Warum unsere Maßstäbe oft nichts taugen,

zumindest bezogen auf unser Christsein und das Gemeindeleben.

Ich gebe zu:
Lange Zeit inspirierten mich die Biografien von Pastoren, die eine Gemeinde gründeten, welche dann enorm wuchs. Geschichten von Willow Creek, vom „Dream-Center“, von der „Mars Hill Chuch“, von David Wilkerson oder von „Metro Child Ministries“ beeinflussten mich. Oft verlaufen diese Geschichten so:
Ein Mann Gottes spürt, dass Gott ihn für einen bestimmten Dienst beauftragt hat.
Er fängt an. Betet. Tritt in Aktion. Macht Fehler. Steht wieder auf.
Und aus einem Mini-Start wird irgendwann ein großer Dienst oder eine große Gemeinde.

Das berührte mich, zumal in diesen Biografien zugegeben wird, dass die Protagonisten oft genug „Staub fressen“ mussten. Sie verkaufen kein „10-Punkte-Erfolgsprogramm“, sondern beschreiben ehrlich, wie schwierig manche Weg-Etappe war.

Mein Problem war das:
Diese Geschichten wurden für mich zum Maßstab.
Wenn ich mehr bete, wenn ich mehr Einsatz bringe, wenn ich die zündende Idee habe… dann wird aus einem kleinen Anfang etwas Großes, Starkes und Bewundernswertes.

Vielleicht ist das sogar eine urchristliche Idee?
Jesus, geboren als unscheinbares Baby.
Wird getötet.
Aufersteht.
Und wird dann zum König der Könige erklärt.
Aus einer Gefolgschaft von zwölf fehlbaren Männern und einigen Frauen, wird eine Weltbewegung.

Was ich aber lange Zeit übersehen hatte, war das:
1. Es ist nicht jedem gegeben, eine „riesige“ Gemeinde zu leiten.
2. Es braucht die anderen.

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass nicht jeder die Fähigkeiten hat, um eine große Gemeinde zu leiten.
Mir fällt spontan eine ältere Dame ein, mittlerweile Witwe, die sich um eine kleine Schar von Christen in Brandenburg kümmert. Sie hat selber zig körperliche Beschwerden und hätte alles Recht, sich zurückzulehnen. Aber ihr ist die Gemeinschaft der Christen wichtig. Deshalb kümmert sie sich. Sie hat Kraft, um die 10-20 Menschen zu begleiten und das Nötigste zu managen. Mehr geht nicht. Es ist gut, dass sie es macht und wie sie es macht. An der Stelle bräuchte man keinen, der eine Tausend-Mann-Gemeinde aufbauen will.

Ich denke daran, dass der Durchschnitt der Gemeinden in  Deutschland und wohl auch in den USA oft aus Gruppen von ca. 40-80 Personen besteht. Alles darunter und alles darüber ist eher die Ausnahme. Es handelt sich um eine Gruppengröße, die für uns Menschen okay ist. 40-80 Personen kann man noch überschauen. Man kann noch die Namen der Einzelnen kennen. Man verliert sich nicht in der Masse, aber man rückt sich auch nicht zu sehr auf die Pelle.

Und vor allem verstehe ich mehr und mehr:
Niemand hat die Gaben und den Dienst des anderen.
Ja, die Geschichte von Jesus ist letztlich eine Erfolgsgeschichte.
Aber es war SEIN Dienst – nicht der von jedem Christen.
Sein Opfertod am Kreuz war und ist einzigartig. Das darf und muss niemand kopieren.
Genauso muss niemand das Leben vom Apostel Paulus kopieren oder das Leben von Tabitha oder Barnabas.
Jeder hat spezielle Fähigkeiten und eine spezielle Geschichte.

Wenn dann die „Erfolgsgeschichten“ der Mega-Gemeinden auftauchen, dann weiß ich nun:
Es ist gut, dass es diese Gemeinden gibt und dass es Leute gibt, die entprechende Fähigkeiten haben, um solche Gemeinden zu leiten. Aber weder diese Gemeinde noch diese Führungskräfte sind mein Maßstab.

Denn:
Auch sie leben „von den anderen“!
Führungskräfte von Mega-Gemeinden sind oft mehr Manager und Repräsentanten.
Doch genauso brauchen wir diejenigen, die die Toiletten putzen.
Wir brauchen die, die sich in der Seelsorge monatelang um eine Person kümmern.
Es sind die nötig, die einen Hauskreis leiten, in dem sich Menschen öffnen können und ehrliche Fragen stellen können.
Es braucht die Musiker, die sich auf ihren Dienst vorbereiten.
Oder die Menschen, die in der Küche helfen.
Der Homepage-Programmierer ist mittlerweile wichtig.
Die Beter.
Und natürlich der Kassen-Wart der Gemeinde.
Es braucht die Leute, die ein Herz für Kinder haben und ihnen Vorbilder sind.
Und manchmal braucht es einfach nur die Christen, die keinen offiziellen Dienst inne haben, sondern schlichtweg konstruktiv dabei sind mit ihren Gebeten und ihrer Einstellung des „Ich bin für dich!“.

Ohne all diese Menschen könnte die Führungskraft der Mega-Gemeinde nichts bewegen. Er stünde mutterseelenallein auf weiter Flur und würde sich nutzlos fühlen.

Was ist also der Maßstab, der gilt?
Der Maßstab sind nicht die anderen.
Der Maßstab sind die anderen.

Es geht nicht darum, andere zu kopieren. Jeder hat seine eigene Geschichte.
Aber es geht darum, den anderen zu dienen.
Mit den Fähigkeiten, die in uns stecken. Nicht mehr, nicht weniger.
Nix mit Verbiegen. Nix mit Höhenflügen.
Sondern der sein, der man ist, indem man sich für das Miteinander einbringt.

Natürlich ist diese Idee nicht neu.
Ich merke nur, dass ich die alten Ideen erstmal verstehen muss.
Diese Idee, die von Jesus kommt: Setzt Eure Gaben ein! Kümmert Euch umeinander!
Damit Gott geehrt wird, damit dem anderen geholfen wird und die Welt daran erkennt, dass wir zu Jesus gehören.
Das ist der Maßstab der Maßstäbe.

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2 Gedanken zu „Weder groß noch klein – Warum unsere Maßstäbe oft nichts taugen,

  1. Sehe ich vieles sehr ähnlich. Ausserdem ist das auch eine Mentalitätsfrage. Ich bin überzeugt, viele Deutsche wollen gar nicht allsonntäglich in eine Mega-Chruch gehen, höchstens zu einem besonderen Anlass bspw. einem Konzert. Und je attraktiver aufgrund von „coolen Angeboten“ eine Großkirche für „Harry & Mary Glaubensfern“ ist, desto höher ist m. E. auch die Wahrscheinlichkeit, dass dort theologische Kompromisse eingegangen werden, um nicht zu stark zu verprellen o. polarisieren.
    Klar, dieses Prinzip bzw. diese Gefahr gilt genauso für kleine Gemeinden, die gesellschaftlich durch Events relevant werden möchten, aber hast du erstmal eine Mega-Church mit Gemeindezentrum, das abbezahlt werden will, Gehaltsverpflichtungen gegenüber 15 Vollzeitmitarbeitern etc., dann überlegst du es dir vielleicht dreimal, deine Spender potentiell durch toughe Predigten zu verprellen bzw. auf Fehlverhalten hinzuweisen.
    Und auch sind viele US-Mega-Churches sehr personenzentriert; es gibt einen bekannten Namen an der Spitze, der sehr viel Einfluss hat und damit steigt m. E. wiederum die Gefahr, dass zuviel persönlicher Glauben an den Worten und Taten dieses Menschen festgemacht ist und wenn jener nicht mehr da ist oder in Sünde fällt, eine starke Krise in der Kirche auslöst. Wie gesagt, gibt’s auch in kleinen Gemeinden, aber so wie man zu vielen ggf. viel Gutes reißen kann, so ist das Risiko für Schlechtes in meinen Augen ebenso groß.

    Mein Vorschlag für kleine Gemeinden: größere Projekte gemeinsam mit glaubensverwandten Gemeinden stämmen und aktiv einem Personenkult entgegenwirken, indem alle Gläubige gefördert werden, nach ihren Gaben Verantwortung in der Gemeinde zu übernehmen. 🙂

    • Wie du schon schreibst: ich vermute auch, dass es all die Fehlentwicklungen ebenso in kleineren Gemeinden gibt. Bei den größeren Gemeinden ist jedoch oft für mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Der Schaden kann größer sein. Natürlich können auch die positiven Gestaltungsmöglichkeiten umfangreicher sein. So bekommt eine kleine Gemeinde vielleicht gerade mal ihr „Kerngeschäft“ hin, hätte aber nie die Kraft und das Geld, eine Suppenküche oder ein Kinderheim aufzubauen.

      Deine Idee von der gemeinsamen Kraft vieler kleinerer Gemeinden gefällt mir sehr.
      Kennst du Dienste/Projekte, die dauerhaft von mehreren kleineren Gemeinden getragen werden?

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