Warum ist das Alte Testament so grausam?

„Warum ist das Alte Testament so grausam?“

Eine eher plakative Frage, die aber das Empfinden von manchen Lesern der Bibel gut ausdrückt.
Heute morgen habe im Alten Testament (AT) im Buch 2.Samuel gelesen.
Es wird berichtet, was sich nach dem Tode Sauls, des Königs Israels, zugetragen hat und wie sich die Machtposition von David ausgebaut hat, bis er von ganz Israel als neuer König anerkannt wurde.

Brutales und Ungerechtigkeit

Es ist zu lesen, wie David einen Boten töten lässt.
Wie zwei gegnerische Armee-Oberste ihre Männer gegeneinander antreten lassen und wie diese Männer sterben.
Wie einem Verfolger ein Speer in den Bauch gerammt wird.
Wie jemanden Hände und Füße abgehackt werden oder wie der Kopf eines Toten herumgetragen wird.
Wie David mindestens sechs Frauen hatte und mit jeder von ihnen ein Kind zeugte.
Und wie er als König befiehlt, eine siebte Frau, Michal, zu bekommen.
Wobei zu beachten ist, dass Michal mit einem anderen Mann verlobt war und dieser ihr weinend hinterherlief, als sie ihm weggenommen wurde.

Als ich all das las, dachte ich:
„Wie brutal. Wie menschenverachtend. Was sagt nur Gott dazu?“

Tatsächlich wird in diesen Kapiteln nicht berichtet, was Gott von all diesen Geschehen hält.
So ist das mit vielen Teilen der Bibel: Nur, weil uns ungeschönt alles berichtet wird, heißt das nicht, dass Gott diese Geschehnisse gut findet. Es ist wie mit einem Journalisten, der vom Syrien-Krieg erzählt. Seine Erzählung bedeutet nicht zwangsläufig, dass er diesen Krieg gut findet.
Das ist ein wichtiger Aspekt beim Lesen der Bibel!

Wie steht Gott zu diesem Leid?

Dennoch bleibt die Frage an den allmächtigen Gott bestehen:
„Wieso lässt du das zu?“

Zumal das erschwerend hinzukommt:
Gott hatte sich David als König von Israel berufen!
Gott wollte, dass dieser David König wird!
Der Mann, der in Schlachten andere Menschen getötet hat. Der Mann, dem eine Frau nicht genügte. Der Mann, der das Leben anderer zerstörte.

Natürlich muss man relativieren:
David war ja nicht nur der Zerstörer.
Gott war ihm wichtig.
David’s Charakter zeigt einen Mann, dem Gerechtigkeit, Loyalität und Ehre viel bedeuten. Für manch anderen Menschen war David auch ein Segen.

Dennoch:
In diesen Kapiteln lesen wir nichts davon, wie Gott dazu denkt.
Wir könnten es nur von anderen Bibelstellen herleiten.

Die Frage an Gott wird zur Frage an mich

Nach dem Lesen dieser Geschichten betete ich und fragte Gott, was Er dazu denkt.
Das sind die Gedanken, die mir gekommen sind:

Bin ich denn anders?
Zuerst will ich antworten:
„Natürlich! Ich habe niemanden umgebracht! Ich habe niemanden die Frau weggenommen! Ich bin nicht brutal!“

Ich bin wie der Mörder und Ehebrecher und Lügner

Aber es geht tiefer.
Könnte es sein, dass ich manches davon nicht getan habe, weil ich schlichtweg nicht die Chance dazu hatte?
Nehmen wir an, ich würde dem Mörder eines von mir geliebten Menschen gegenüberstehen und hätte die Möglichkeit, jetzt „Gerechtigkeit“ zu üben… würde ich wirklich widerstehen?
Wenn ich mehr als eine Frau „haben“ könnte – und meine Kultur es auch okay finden würde -, wäre ich dann wirklich nur einer Frau treu?
Ein Sprichwort sagt: „Gelegenheit macht Diebe“.
Wer weiß, ob ich in der Haut von David & Co wirklich anders gehandelt hätte! Vielleicht haben mir bisher nur die Möglichkeiten gefehlt!

Es geht die nächste Stufe tiefer:
Was steckt denn hinter dem Mord?
Dahinter steckt der Wunsch, den anderen Menschen nicht mehr sehen zu müssen. All das, was man an ihm nicht mag, ausradiert zu wissen. Weil es einfacher scheint, ohne diesen Menschen zu leben. Der andere Mensch scheint nicht die gleiche Wertigkeit zu haben, die man sich selbst gibt.
Mord kann von diesen Beweggründen geleitet sein:
– Ich will die Qual, verursacht durch den anderen, nicht mehr haben. Also: Flucht vom Leid.
– Ich stehe höher als der andere. Also: Ich bin Richter über den anderen.
Wenn ich mir das vor Augen male, stelle ich fest:
Klar, ich habe niemanden tatsächlich umgebracht.
Aber ich kenne diesen Wunsch nur zu gut, bestimmte Personen nicht mehr in meinem Leben haben zu wollen. Weil sie mir zu unangenehm sind, weil sie nerven, weil sie mich verletzt haben. Mein Leben schiene einfacher zu sein, wenn es diese Menschen nicht gäbe.
Und ja: ich habe mich schon oft klüger, besser und wichtiger empfunden als andere. Wenn ich z.B. bei einer Diskussion denke, dass der andere es einfach nicht kapiert hat, ich aber schon…, dann stelle ich mich idR höher als den anderen. Ich bin der Checker – und der andere hat keine Ahnung. Das ist im Kern die „Richterposition“.
Somit muss ich bekennen:
Das, was manche Mörder antreibt, steckt auch in mir. In meinem Wesen bin ich nicht so unterschiedlich. Sehr vereinfachend gesagt, aber prinzipiell treffend: Auch in mir steckt ein Mörder, Ehebrecher, Dieb, Verleumder, Lügner.
Ich betreibe all das vielleicht nicht bis zum Letzten. Aber ich kenne diese Regungen und habe manches davon im kleineren Maßstab gedacht oder getan.

Der Heilige Geist macht den Unterschied

Zuletzt:
Die Menschen im AT hatten nicht den Heiligen Geist.
Es gab gottesfürchtige Menschen unter ihnen. David wird später noch als „Mann nach dem Herzen Gottes“ bezeichnet (was m.E. daran liegt, dass David stets bereit war, erkanntes Unrecht sein zu lassen und sich von erkannten Sünden abzukehren).
Aber der Heilige Geist hatte von der Mehrheit dieser Menschen keinen Besitz ergriffen.
Das ist der große Unterschied zu dem, was durch Jesus Christus möglich geworden ist:
Wer zum Nachfolger Jesu wird, hat den Heiligen Geist in sich.
Das ändert alles.
Nun werden wir vor Sünden gewarnt. Wir lernen, Gott und Menschen zu lieben.
Gottes Liebe zu leben, wird uns wichtiger, als unser eigener Chef zu sein.
Sündigen können wir dennoch. Diese Möglichkeit hat jeder Christ und oft nutzen wir auch diese Möglichkeit.
Aber durch den Heiligen Geist lernen wir, anders zu leben. Da hat jeder sein eigenes Lerntempo.
So werden wir vom Geist Gottes verwandelt, hin zu einem Menschen, den sich Gott als Ebenbild gedacht hat.
Aber Menschen, die den Heiligen Geist nicht in sich tragen, können nicht anders handeln als David & Co.
Gewiss: sie können auch lieben. Sie können auch nach edlen Tugenden trachten.
Denn sie sind immer noch Gottes Geschöpfe und Gottes Idee lebt in ihnen.
Aber sind nicht wirklich befreit. Schuld lastet oft auf ihren Seelen. Zwänge bleiben. Sie erleben kaum den inneren Frieden Gottes. Sie sehnen sich danach. Sie suchen danach. Aber solange sie das nicht bei Jesus Christus finden, bleibt es leer in ihnen. Oft auch finster.
Heute haben wir die Chance, zu Gott umzukehren und Jesus nachzufolgen. Wir können den Heiligen Geist empfangen.
Und können damit zu Menschen werden, die sogar ihren Feinden vergeben. Nicht, weil es ethisch besser wäre, sondern weil es ihrem Verlangen entspricht.

Ehrfurcht

Dann kam beim Gebet Ehrfurcht vor Gott auf.
Gott hatte beschlossen, David als König einzusetzen.
In dem Wissen, dass David ein fehlerhafter Mensch war, der auch sündigte.
Gewiss hatte Gott das Problem, dass es keinen anderen Mensch gab, der ohne Sünde war. Es gab niemanden, der perfekt und astrein war. Gott hatte nur die Wahl zwischen Sünder 1, Sünder 2, Sünder 3 und so weiter.
Da aber Sein Entschluss feststand, David zum König zu machen, konnte Ihn auch niemand daran hindern. Trotz aller Sünden, Krisen, Leiden und Ungerechtigkeiten führte Gott Seinen Plan aus.
So gilt das bis heute:
Niemand, keine Sünde, kein Mensch, kein Satan, kann Gott hindern, Seine Pläne auszuführen.
Wir haben nur die Wahl:
Rebellieren wir gegen Seine Pläne oder fügen wir uns ein?

Ein harmloses Beispiel:
Ein Fußball-Nationalspieler der deutschen Mannschaft kann dem Trainingsplan von Joachim Löw folgen. Er muss aber nicht. Bloß, wenn er dem Trainingsplan nicht folgt, wird er aus dem Kader geworfen.
Das ist auch die Position von uns Menschen gegenüber Gott:
Wir können uns Gott unterordnen und Teil Seines Plans werden.
Oder wir spucken darauf und werden rausgeworfen.

Gut, dass wir durch Jesus die Chance bekommen haben, wieder „Spieler“ in Gottes Mannschaft zu werden.

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