Gemeindegründung in Berlin – Teil 2

– Fortsetzung von „Gemeindegründung in Berlin – Teil 1“ –

Der Gedanke hatte mich gepackt:
Mitten in einem Berliner Problemkiez entsteht eine Gemeinde, zu der Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Kulturen und Biografien strömen, dort zu Gott finden, Gott anbeten und erneuert in ihre Wohnungen gehen, um von dort aus den Kiez zum Guten zu verändern.
Denn, wenn es eine Kraft gäbe, die eine Gegend so verändern kann, dann doch Gottes Kraft!

Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie man das macht.
Das war mir dennoch schnell klar:
Eigentlich will ich keine fertigen Christen erreichen, sondern Menschen, die noch keine Beziehung zu Gott haben.
Sozusagen ein Start von Null an.

Diese Überlegungen fielen in den gleichen Zeitraum, in dem klar wurde, dass ich doch in Berlin bleiben würde. Und mit meinem neuen Arbeitsvertrag wurde auch geklärt, dass solch missionarische Projekte angegangen werden dürfen.

Also, ging es neben Studium, der regulären Gemeinde- und Vorstandsarbeit mit den ersten missionarischen Bemühungen los. Mit jeweils ein, zwei, manchmal drei anderen ging ich verschiedene Versuche an:

– Wir gingen von Haustür zu Haustür.
Mir war klar, dass es nicht darum gehen konnte, Menschen an Ort und Stelle zu „bekehren“. Das könnte ich eh nicht. Ich mag es ja selbst nicht, wenn sich Werbeleute aufdrängen. Aber der Kontakt musste her. Ich entwarf Fragebögen, um die Meinungen der Anwohner notieren zu können. Oder wir gingen von Tür zu Tür, einfach nur, um etwas zu verschenken. Natürlich jeweils mit Kontaktadresse, für den Fall, dass jemand Interesse an mehr haben sollte.
Resultat: Etliche Menschen waren nicht da oder öffneten nicht ihre Türen.
Allerdings gab es ein paar Einzelne, die uns sogar in ihre Wohnung baten.
Das waren einsame Menschen. Die wegen ihrer Krankheit mehr drinnen als draußen waren. Sie freuten sich einfach über einen Kontakt. Wir durften auch mal für solche Menschen beten. Aber, dass jemand deswegen zu Jesus gefunden hätte, könnte ich nicht behaupten.

– Wir stellten (Tapezier-) Tische vor dem Einkaufszentrum auf.
Dort lagen CD’s, Bücher und andere Dinge, die auf Jesus verwiesen. Manchmal garnierten wir die Tische mit Luftballons. Manchmal verschenkten wir Getränke an warmen Sommertagen. Ein richtiges Gespräch kam nicht in Gang. Einmal durfte ich für einen Mann beten, der offenkundig stark krank war. Er weinte vor Rührung. Mehr passierte nicht.
Ein anderes Mal nahmen sich, m.E. moslemische, Teens einige der CD’s und warfen sie auf den Boden.
Für mich persönlich bemerkte ich einen wichtigen Unterschied:
Wenn ich mit wenig oder keiner Gebetsvorbereitung in einen solchen Einsatz ging, war ich sehr verkrampft. Aber mit der Gebetsvorbereitung war ich friedlicher. Leicht aufgeregt, aber ruhiger.

– Wir verteilten Tausende von Flyern.
Das Gute in diesem Kiez ist, dass es viele Außen-Briefkästen gibt. Mal eben 1000 Fler zu verteilen, ist kein großer Akt. Also, haben wir zig Anwohner mit christlichen Flyern „beschenkt“. Jeweils mit den Kontaktdaten der damaligen Gemeinde (LKG Radelandstraße) drauf. So weit ich es sehe, ist deswegen niemand zu dieser Gemeinde gekommen.

Später, auch nach der offiziellen Gemeindegründung, folgten weitere und ähnliche solcher Aktionen:
Teilnahme an Stadtteilfesten, Putzaktion im Kiez, Sport- und Spielaktionen, Waffelverschenk-Aktionen, das Verschenken von Unikat-Karten, Grillfest für die Nachbarn u.ä.
Ich will das alles nicht kleinreden, aber „gebracht“ hat es wenig.
Ja, wir haben uns als Gemeinde blicken lassen. Auch nicht schlecht.
Ja, wir wurden mit der Zeit auch von den Offiziellen registriert und etwas ernster genommen.
Doch, wenn man den Menschen wünscht, dass sie durch Gottes Liebe zu Jesus finden, dann muss ich festhalten, dass diese Aktion – zumindest nach meiner begrenzten Sicht – nichts gebracht haben.

Warum war das so?
Ich finde nach wie vor nicht DIE EINE ANTWORT.
Vielmehr verstehe ich mittlerweile, dass der Kiez aus sehr verschiedenen Menschen besteht.
Es gibt Russen, Türken, Polen, Araber, Deutsche, Afrikaner usw.
Es gibt durchaus noch den bürgerlichen Mittelstand, aber auch mehr und mehr finanziell, sozial Abgehängte.
Es gibt Kinder, Senioren, Arbeitslose, Arbeitende, Ehrenamtliche.
Es ist unmöglich, mit dem einen Flyer oder dem einen Einsatz alle Menschen gleichermaßen anzusprechen. Vielleicht wird man vereinzelt eine Person damit berühren, aber dafür zig andere nicht. Im „besten“ Fall reagieren diese dann gleichgültig. Im schlechtesten Fall ist das für sie ein gefundenes Fressen und sie positionieren sich deswegen umso mehr gegen Kirche und Christentum.
Es hilft enorm, sich vorher bewusst zu machen, wen genau man ansprechen möchte.
Klar, am liebsten alle. Aber faktisch tut man das nicht. Man grenzt eben auch aus.
Dann doch lieber zielgerichtet vorgehen und nicht mit der Gießkanne einmal rübergehen.
Biblisches Motto: „Den Juden ein Jude sein und den Griechen ein Grieche.“

Ferner haben wir die Offiziellen nicht gleich im Blick gehabt.
Organisationen wie ein Gemeinwesenverein, die Kirche vor Ort, die Managerin des Einkaufszentrums usw., sind mitunter federführende Einrichtungen. Sie können Türen öffnen und schließen. Sie können sich gegen neue Projekte stellen, sie aber auch fördern. Mit der Zeit bekamen wir einige dieser Kontakte. Und wir entdeckten sehr viele engagierte, offene und freundliche Menschen. Es ist für so ein kleines christliches Projekt gut zu wissen, wenn die Offiziellen zumindest nicht gegen einen sind und man sich auf der Straße freundlich grüßen kann.

Und schließlich gibt es zwei Sprachen, die alle verstehen:
1. Helfen.
2. Verlässlichkeit.
Nahezu jeder Mensch schätzt es, wenn das Gegenüber zuverlässig und hilfsbereit ist.
Und m.E. ist das umso wichtiger, je gottfremder eine Gesellschaft ist.
Wo der Kirche gleichgültig oder gar ablehnend begegnet wird und wo die Menschen mehr am Fernseher oder Handy kleben statt die Bücherei zu bevölkern, richtet man mit dem Verteilen von Bibeln meist wenig aus. Das bestärkt eher die Gegenwehr.
Aber wo die Kirche hilft und am Ball bleibt, öffnet man auch Herzenstüren.
Vor allem in einer Gegend, wo viele Abgehängte und Einsame leben.
Dabei geht es um sehr viel Beziehungsarbeit. Vertrauen wächst nicht von Heute auf Morgen.
Natürlich gibt es auch Ausnahmen davon: es gab einzelne Begegnungen, wo sich Menschen schnell geöffnet haben. Vielleicht auch wegen ihrer Einsamkeit. Aber vermutlich ist das nicht der Normalfall.
Ich bin absolut ein Verfechter davon, dass Gottes Wort ausgesprochen (gesungen, verschriftlicht, dargestellt) werden muss. Aber in diesem Kiez muss die Tat der Liebe lauter sein.
Auch das hätte ich zu Beginn mehr bedenken können.

Die einzige Aktion, die uns den Menschen wesentlich näher gebracht hat, waren Gebetsspaziergänge.
Dazu im nächsten Teil mehr.

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