Ein Toter, Chemnitz und die Toten Hosen

Ein Mann wird in Chemnitz getötet. Es gibt zwei Tatverdächtige. Beide stammen aus dem Ausland (Syrien/Irak). Es folgen Demonstrationen in Chemnitz. Ein Mix aus normalen Bürgern, denen „es“ reicht, und Rechtsradikalen. Ausländisch aussehende Menschen werden in Chemnitz niedergemacht. In „den“ Medien wird analysiert: „Wie kommt es nur zu dieser rechten Gewalt?“ Und die „Toten Hosen“ samt einiger anderer Künstler wollen in Chemnitz ein Konzert gegen Rechtsradikale geben.

Ein Gemengenlage, das letztlich keiner bis in das Detail durchschauen kann, und das deshalb zu Pauschalisierungen und Verurteilungen verleitet.

Ist das Geschehen in Chemnitz auch ein Synonym für das, was sich in Deutschland in den letzten Jahren entwickelt hat?
Eine Bewegung, die mancher noch nicht wahr haben will?

Doch vorher noch:
Ein Mann, Ehemann, Vater, Freund, Sohn, Kollege… wurde umgebracht. Einfach aus dem Leben gerissen. Wahrscheinlich wegen Nichtigkeiten. Wer tut so etwas? Warum sticht man jemanden nieder? Was ist das für ein Mensch, der im Konfliktfall einfach ein Messer zückt und rücksichtslos tötet?
Unfassbares Leid muss die Ehefrau und die Kinder getroffen haben. Dabei war der Vater doch einfach nur feiern gegangen…

Ja, wir müssen über die Entwicklung der rechten Szene reden und was Sinnvolles dagegensetzen.
Aber wir müssen auch über die Menschen reden, die als Gast hier sind und bösartig Gewalt gegen andere Menschen einsetzen.

Mein Eindruck ist, dass es in vielen Medien und bei manchen Politikern mal wieder nicht gelingt, eine Sprache zu sprechen, die von „Otto Normalverbraucher“ verstanden wird. Meines Erachtens wird wieder einmal Distanz erzeugt. Es wird auf die „rechten Ostdeutschen“ gezeigt. Aber die „rechten Ostdeutschen“ fragen sich, weshalb die „Toten Hosen“ nicht ein Konzert gegen Gewalt durch Ausländer geben.
Vielleicht sollten wir auch über das Medienverhalten von Politikern, Künstlern und Journalisten reden. Wie kann es gelingen, ehrlich und zugleich versöhnend zu kommunizieren? Wo werden auch die Medien, Künstler und Politiker zu Brandstiftern?
Im schlimmsten Fall haben wir Zündler aus allen Richtungen: gewaltbereite Ausländer und Rechtsgesinnte, Politiker, Künstler, Linksgerichtete und Journalisten… alle zündeln herum und fangen an, einen Flächenbrand auszulösen. Dabei verfahren sie wie Adam und Eva: „Ich war es nicht! Die anderen sind schuld!“

Wenn wir tiefer blicken, könnten wir vielleicht sehen, warum ein Ausländer gewalttätig ist.
Warum es in seiner Kultur normal ist, weil man sich dort als Mann bewähren muss und der Rechtsstaat nicht existiert, man der Polizei nicht trauen kann und sich selbst verteidigen muss, wenn man überleben will. Warum es traumatisierend sein kann, die eigene Heimat und Familie zurückzulassen und in der Fremde mit wenig Perspektive geduldet wird. Wie der Rest der Familie in der Heimat darauf wartet, dass man es endlich zu wirtschaftlichen Erfolg bringt, damit man den eigenen Stamm versorgen kann.

Wenn wir tiefer blicken, könnten wir vielleicht sehen, warum Menschen eine rechte Gesinnung entwickeln und dann gewalttätig werden.
Wir würden vielleicht verstehen, weshalb manch Deutscher frustriert ist. Statt eines blühenden Paradieses, das den Ostdeutschen nach der Wende versprochen wurde, kam die Arbeitslosigkeit. Wie man sich um Arbeit bemüht, aber außer Toilettenmann zu sein, findet man nichts. Vor allem nichts, um die Miete zu bezahlen und die eigene Familie zu ernähren. Da arbeitet man tüchtig und dann muss man dennoch mit Sozialleistungen aufstocken. Wie erniedrigend, wenn es trotz aller Mühe doch nicht reicht. Und dann kommen „die“ Politiker mit ihren Bodyguards und schicken Autos und halten kluge Reden, nach denen doch nichts besser wird. Aber die Ausländer! Die kommen her, haben nichts geleistet und erhalten ebenso Sozialhilfe wie der Familienvater, der sich mit den zwei Jobs fast kaputt rackert.

Tja, und dann die anderen:
Die unter dem Druck stehen, die nächste Wahl zu gewinnen. Die innerparteiliche Feinde haben. Die fast 24 Stunden lang um ihr Image kämpfen müssen und deren Bemerkungen ständig in der Presse zerrissen werden. Die eigentlich mit Idealen gestartet sind. Sie wollten helfen. Ihrem Land dienen. Etwas verbessern. Und dann sind sie im Getriebe und werden zerrieben, wenn sie nicht ständig mit einer inneren Alarmsirene unterwegs sind. Sie wollten helfen, diese Politiker, und dann befinden sie sich nur noch in Konflikten.
So manche Künstler, die mit ihrer Musik anderen Freude machen wollen. Die merken: Geld und Ruhm sind nicht alles. Die ihren Ruhm nutzen wollen, um sich für Gutes einzusetzen. Die auch mal ein Zeichen setzen wollen, weil sie Sorge um Entwicklungen in ihrem Land haben.
Journalisten, die oft als Freischaffende ihr tägliches Brot verdienen müssen. Die eher schlechte Nachrichten verkaufen, weil wir schlechte Nachrichten spannender finden als schöne Nachrichten. Nachfrage und Angebot. Anders können sie ihr Geld nicht erarbeiten. Deren Chefredakteure eine eigene Gesinnung haben. Da muss der Artikel schon reinpassen, sonst wird er nicht genommen. Vielleicht würde mancher Journalist noch ganz anders berichten, aber dann hätte er kein Einkommen mehr.

Ein Gemengenlage.
Ein Boden, bereitet für einen Flächenbrand.
Noch können einzelne Glutnester – vorerst – gelöscht werden.
Aber im Untergrund schwelt es weiter.
Denn viele zündeln noch.

Wir brauchen wieder eine Vision.
Etwas Gutes, für das wir aufstehen.
Nichts, was über Distanzierung und Hass definiert wird.
Sondern etwas, was größer, schöner und begeisternder ist als alles andere.

Wir brauchen das Evangelium.

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