Gemeindegründung in Berlin – Teil 2

– Fortsetzung von „Gemeindegründung in Berlin – Teil 1“ –

Der Gedanke hatte mich gepackt:
Mitten in einem Berliner Problemkiez entsteht eine Gemeinde, zu der Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Kulturen und Biografien strömen, dort zu Gott finden, Gott anbeten und erneuert in ihre Wohnungen gehen, um von dort aus den Kiez zum Guten zu verändern.
Denn, wenn es eine Kraft gäbe, die eine Gegend so verändern kann, dann doch Gottes Kraft!

Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie man das macht.
Das war mir dennoch schnell klar:
Eigentlich will ich keine fertigen Christen erreichen, sondern Menschen, die noch keine Beziehung zu Gott haben.
Sozusagen ein Start von Null an.

Diese Überlegungen fielen in den gleichen Zeitraum, in dem klar wurde, dass ich doch in Berlin bleiben würde. Und mit meinem neuen Arbeitsvertrag wurde auch geklärt, dass solch missionarische Projekte angegangen werden dürfen.

Also, ging es neben Studium, der regulären Gemeinde- und Vorstandsarbeit mit den ersten missionarischen Bemühungen los. Mit jeweils ein, zwei, manchmal drei anderen ging ich verschiedene Versuche an:

– Wir gingen von Haustür zu Haustür.
Mir war klar, dass es nicht darum gehen konnte, Menschen an Ort und Stelle zu „bekehren“. Das könnte ich eh nicht. Ich mag es ja selbst nicht, wenn sich Werbeleute aufdrängen. Aber der Kontakt musste her. Ich entwarf Fragebögen, um die Meinungen der Anwohner notieren zu können. Oder wir gingen von Tür zu Tür, einfach nur, um etwas zu verschenken. Natürlich jeweils mit Kontaktadresse, für den Fall, dass jemand Interesse an mehr haben sollte.
Resultat: Etliche Menschen waren nicht da oder öffneten nicht ihre Türen.
Allerdings gab es ein paar Einzelne, die uns sogar in ihre Wohnung baten.
Das waren einsame Menschen. Die wegen ihrer Krankheit mehr drinnen als draußen waren. Sie freuten sich einfach über einen Kontakt. Wir durften auch mal für solche Menschen beten. Aber, dass jemand deswegen zu Jesus gefunden hätte, könnte ich nicht behaupten.

– Wir stellten (Tapezier-) Tische vor dem Einkaufszentrum auf.
Dort lagen CD’s, Bücher und andere Dinge, die auf Jesus verwiesen. Manchmal garnierten wir die Tische mit Luftballons. Manchmal verschenkten wir Getränke an warmen Sommertagen. Ein richtiges Gespräch kam nicht in Gang. Einmal durfte ich für einen Mann beten, der offenkundig stark krank war. Er weinte vor Rührung. Mehr passierte nicht.
Ein anderes Mal nahmen sich, m.E. moslemische, Teens einige der CD’s und warfen sie auf den Boden.
Für mich persönlich bemerkte ich einen wichtigen Unterschied:
Wenn ich mit wenig oder keiner Gebetsvorbereitung in einen solchen Einsatz ging, war ich sehr verkrampft. Aber mit der Gebetsvorbereitung war ich friedlicher. Leicht aufgeregt, aber ruhiger.

– Wir verteilten Tausende von Flyern.
Das Gute in diesem Kiez ist, dass es viele Außen-Briefkästen gibt. Mal eben 1000 Fler zu verteilen, ist kein großer Akt. Also, haben wir zig Anwohner mit christlichen Flyern „beschenkt“. Jeweils mit den Kontaktdaten der damaligen Gemeinde (LKG Radelandstraße) drauf. So weit ich es sehe, ist deswegen niemand zu dieser Gemeinde gekommen.

Später, auch nach der offiziellen Gemeindegründung, folgten weitere und ähnliche solcher Aktionen:
Teilnahme an Stadtteilfesten, Putzaktion im Kiez, Sport- und Spielaktionen, Waffelverschenk-Aktionen, das Verschenken von Unikat-Karten, Grillfest für die Nachbarn u.ä.
Ich will das alles nicht kleinreden, aber „gebracht“ hat es wenig.
Ja, wir haben uns als Gemeinde blicken lassen. Auch nicht schlecht.
Ja, wir wurden mit der Zeit auch von den Offiziellen registriert und etwas ernster genommen.
Doch, wenn man den Menschen wünscht, dass sie durch Gottes Liebe zu Jesus finden, dann muss ich festhalten, dass diese Aktion – zumindest nach meiner begrenzten Sicht – nichts gebracht haben.

Warum war das so?
Ich finde nach wie vor nicht DIE EINE ANTWORT.
Vielmehr verstehe ich mittlerweile, dass der Kiez aus sehr verschiedenen Menschen besteht.
Es gibt Russen, Türken, Polen, Araber, Deutsche, Afrikaner usw.
Es gibt durchaus noch den bürgerlichen Mittelstand, aber auch mehr und mehr finanziell, sozial Abgehängte.
Es gibt Kinder, Senioren, Arbeitslose, Arbeitende, Ehrenamtliche.
Es ist unmöglich, mit dem einen Flyer oder dem einen Einsatz alle Menschen gleichermaßen anzusprechen. Vielleicht wird man vereinzelt eine Person damit berühren, aber dafür zig andere nicht. Im „besten“ Fall reagieren diese dann gleichgültig. Im schlechtesten Fall ist das für sie ein gefundenes Fressen und sie positionieren sich deswegen umso mehr gegen Kirche und Christentum.
Es hilft enorm, sich vorher bewusst zu machen, wen genau man ansprechen möchte.
Klar, am liebsten alle. Aber faktisch tut man das nicht. Man grenzt eben auch aus.
Dann doch lieber zielgerichtet vorgehen und nicht mit der Gießkanne einmal rübergehen.
Biblisches Motto: „Den Juden ein Jude sein und den Griechen ein Grieche.“

Ferner haben wir die Offiziellen nicht gleich im Blick gehabt.
Organisationen wie ein Gemeinwesenverein, die Kirche vor Ort, die Managerin des Einkaufszentrums usw., sind mitunter federführende Einrichtungen. Sie können Türen öffnen und schließen. Sie können sich gegen neue Projekte stellen, sie aber auch fördern. Mit der Zeit bekamen wir einige dieser Kontakte. Und wir entdeckten sehr viele engagierte, offene und freundliche Menschen. Es ist für so ein kleines christliches Projekt gut zu wissen, wenn die Offiziellen zumindest nicht gegen einen sind und man sich auf der Straße freundlich grüßen kann.

Und schließlich gibt es zwei Sprachen, die alle verstehen:
1. Helfen.
2. Verlässlichkeit.
Nahezu jeder Mensch schätzt es, wenn das Gegenüber zuverlässig und hilfsbereit ist.
Und m.E. ist das umso wichtiger, je gottfremder eine Gesellschaft ist.
Wo der Kirche gleichgültig oder gar ablehnend begegnet wird und wo die Menschen mehr am Fernseher oder Handy kleben statt die Bücherei zu bevölkern, richtet man mit dem Verteilen von Bibeln meist wenig aus. Das bestärkt eher die Gegenwehr.
Aber wo die Kirche hilft und am Ball bleibt, öffnet man auch Herzenstüren.
Vor allem in einer Gegend, wo viele Abgehängte und Einsame leben.
Dabei geht es um sehr viel Beziehungsarbeit. Vertrauen wächst nicht von Heute auf Morgen.
Natürlich gibt es auch Ausnahmen davon: es gab einzelne Begegnungen, wo sich Menschen schnell geöffnet haben. Vielleicht auch wegen ihrer Einsamkeit. Aber vermutlich ist das nicht der Normalfall.
Ich bin absolut ein Verfechter davon, dass Gottes Wort ausgesprochen (gesungen, verschriftlicht, dargestellt) werden muss. Aber in diesem Kiez muss die Tat der Liebe lauter sein.
Auch das hätte ich zu Beginn mehr bedenken können.

Die einzige Aktion, die uns den Menschen wesentlich näher gebracht hat, waren Gebetsspaziergänge.
Dazu im nächsten Teil mehr.

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Gemeindegründung in Berlin – Teil 1

Heute starte ich mit meiner Geschichte der Gemeindegründung in Berlin. Regelmäßig werde ich von meinen Erfahrungen der letzten 12-13 Jahre berichten. Eine Geschichte, die voll mit Fehlern, starken Erlebnissen, vielen Experimenten ist und die eine Menge von Gottes Gnade enthält.

Eine Geschichte, die mit drei, vier Personen angefangen hat. In der ca. 90 Personen direkt beteiligt waren. In der es etliche Menschen wieder woanders hingezogen hat. Und eine Geschichte, die zwischenzeitlich auf eine Gemeinde im Westen Berlins verweist, der sich ungefähr 50 Menschen nahe wissen.

Letztlich ist es Gottes Geschichte mit uns Menschen. Und, wenn man es ganz genau nehmen wollte, müsste man wirklich bei Adam und Eva anfangen.
Um aber den Prozess abzukürzen, fange ich hier an:

Es war klar für mich, dass ich in Berlin keine berufliche Perspektive als Pastor haben würde. Gemeinden wachsen hier nicht wie Sand am Meer. Und Pastoren wechseln nicht jedes Jahr ihre Stelle. Ganz anders in Süddeutschland: Dort gab es immer wieder Stellenausschreibungen (damit will ich nicht sagen, dass dort Pastoren jährlich die Gemeinde wechseln oder dass es dort den „Gemeinde-Sand“ geben würde). Die Zeit lief und ich musste mich entscheiden: Sollte ich in Berlin bleiben oder den Schritt in den Schwarzwald wagen, wo ich schon ein Angebot in Aussicht hatte?

In diesen Tagen der Entscheidung musste ich am Gebiet Heerstraße Nord in Berlin-Spandau vorbei. Eine Hochhausgegend mit damals ungefähr 16.000 – 17.000 Menschen. Und es geschah etwas mit mir, womit ich nicht gerechnet hatte: Plötzlich – und ich kann es nicht anders beschreiben – fuhr eine Idee in mich. Und zwar die Idee der Gemeindegründung. Eine Gemeinde mittem im Kiez. Eine Oase, zu der jeder kommen darf. Auftanken kann. Gott lobt. Und gestärkt weiter in den Alltag geht. Eine Stätte der Heilung.
Ich war so gepackt von dieser Idee, dass ich ein paar Nächte kaum einschlafen konnte, weil ich so viele Gedanken hatte. Ich war schnell dabei, Pläne zu schmieden.

Bis dato hatte ich im Rahmen meiner theologischen Ausbildung nur ein kleines Seminar zum Thema „Gemeindegründung“ besucht. „Gemeindegründung“ – das war was für Freaks… aber nicht für mich!
Doch in diesen Tagen war mir das egal. Ich war fasziniert. Ängstlich. Begeistert. Spürte eine enorme Motivation. Und hatte zugleich keine Ahnung, wie man das macht – Gemeinde zu gründen.

Egal.
Ich wollte starten.

Was ist wichtig für Gemeinden und Kirchen? Teil 1

Es ist schon erstaunlich! Die Gemeinde Jesu gibt es seit ca. 2000 Jahren. Ein Modell, das einige Menschen der Weltgeschichte vernichten wollten – und sie haben es nicht geschafft. Erstaunlicherweise entwickelt sich Gemeinde gerade dort besonders stark, wo sie unterdrückt und verfolgt wird. Während Kirchen in Europa eher schrumpfen, wachsen sie in Ländern wie China oder im arabischen Raum, also in Regionen, in denen das Christsein oft unter Repressalien leidet.

Mancher Christ meint daraufhin: „Durch Verfolgung wächst Gemeinde!“
Die Schlussfolgerung wäre: „Wir brauchen Verfolgung!“
Oder anders gesagt: Wir bräuchten dann eine Gesetzgebung, die Christen diskriminiert; eine Gesellschaft, die den Jesus-Nachfolger beschimpft, foltert, in das Gefängnis wirft oder sogar tötet.
Ich bin mir recht sicher, dass das niemand wirklich will, so toll ein Wachstum von Gemeinden auch sein mag.
(Wahlweise könnten wir auch in Frage stellen, ob ein Wachstum erstrebenswert ist.)

Ich bin überzeugt, dass äußerer Druck kein „Gemeindegründungsmittel“ ist.
Aber: äußerer Druck kann dazu führen, sich auf das Wesentliche von Gemeinde zu konzentrieren.
Plötzlich muss man sich Fragen stellen:
Wie lebe ich meinen Glauben, wenn ich mich nicht offiziell mit anderen Christen treffen darf?
Wie, wenn wir kein Kirchengebäude besitzen dürfen?
Wie, wenn kein Geld für einen Pastor vorhanden ist?

In diesen Fragen steckt die Chance, sich auf das Wesentliche von Gemeinde zu besinnen.
Und das Wesentliche von Gemeinde habe ich versucht, in der angefügten Skizze darzustellen:
Gemeinschaft im Sinne Jesu - SkizzeDa diese Skizze hier und da erklärungsbedürftig ist, werde ich in den folgenden Beiträgen entsprechende Erklärungen abgeben.

Hilfe für Kinder und Gemeinde

Seit Beginn der Gemeindegründung in Berlin-Spandau hat mich eine Vorstellung begleitet: irgendwie soll den Kindern im Kiez geholfen werden.
Es gibt viele Sozialpädagogen, Erzieher, Lehrer und Ehrenamtliche, die sich bereits für diese Kinder einsetzen. Es gibt bereits Vereine und Institutionen, die sich für Kinder einsetzen. Und fachlich gesehen machen sie sicherlich oft genauso gute oder gar bessere Arbeit als Gemeinden und Kirchen.

Und trotzdem hat Gott mich in den letzten Jahren immer wieder daran erinnert: Es geht um die Kinder im Kiez.
Wenn man sich den Kiez Heerstraße Nord anschaut, dann ist das trotz der bereits geleisteten Hilfe auch nötig. Der Kiez ist wirtschaftlich und sozial weiterhin auf einem absteigenden Ast. Hier gibt es mit die größte Kinderarmut Berlins. Der Anteil der Arbeitslosen und der Migranten ist ebenfalls sehr hoch. Keine Frage: hier ist jeder Mitarbeiter wichtig!

Eine Frage, die mich ebenfalls bewegte, ist die:
Muss sich nun eine ganze Gemeinde auf die Kinder einstellen?
Oder abstrakter gefragt:
Muss sich eine ganze Gemeinde einem bestimmten Dienst verpflichtet sehen?
Eine nicht unberechtigte Frage, da es ja durchaus Gemeinden gibt, die z.B. die Berliner Singles als Zielgruppe haben. Oder es gibt Gemeinden, die sich nur den Russen verpflichtet sehen oder den Jugendlichen oder den Bildungseliten.

Klar wurde mir das:
– Die Gemeinde als Gemeinschaft der Christen untersteht dem Doppelgebot der Liebe. Wir sollen Gott lieben und den Nächsten wie uns selbst – bis hin zur Feindesliebe. Grundlage ist Gottes Liebe zu uns.

– Die Gemeinde untersteht dem Hauptauftrag: Geht hin zu allen Völkern und macht sie zu Nachfolgern Jesu…
Es geht darum, dass jeder Mensch die Chance haben soll, in die rettende Gemeinschaft mit Gott zu kommen, darin zu bleiben und befähigt zu werden, andere auf diesem Weg zu begleiten.

– Das genannte Doppelgebot und den Hauptauftrag nenne ich einfach mal „die Essentials„.

Es gibt aber keine biblische Weisung, wonach eine Gemeinde nur einer bestimmten Zielgruppe dienen soll. Es wird auch nicht verboten, aber zentral bleiben immer die Essentials.

Abgeleitet aus den Essentials wird deutlich, dass eine Gemeinde stets für „Jedermann“ offen sein muss. Es ist biblisch nicht denkbar, dass sich eine Gemeinde nur auf Kinder konzentriert und alle anderen ausgrenzt. Dies widerspräche den Essentials. Was wäre das sonst für eine Nächstenliebe? Was bliebe vom Hauptauftrag, zu „allen Völkern“ zu gehen?

Allerdings halte ich es biblisch für denkbar, dass einzelne Christen eine persönliche Beauftragung von Gott haben, sich um eine bestimmte Gruppe von Menschen zu kümmern. So war Jesus zuerst den Juden verpflichtet. Der Apostel Paulus war zuerst als „Heidenapostel“ berufen. Allerdings half Jesus auch einzelnen Heiden und Paulus war noch immer mit dem jüdischen Volk verbunden. D.h. selbst die Beauftragung für eine bestimmte Menschengruppe kann und darf vor dem Hintergrund der Essentials nie andere ausschließen. Es geht somit nur um eine Frage des Dienstschwerpunktes.

– Wenn einzelne Christen eine solche persönliche Beauftragung haben, dann sind sie nach wie vor Teil der Gemeinde. Sie tauchen in der Gemeinde auf, empfangen und geben. Aber ihr Dienstschwerpunkt liegt in ihrer persönlichen Beauftragung. Dafür sollte die Gemeinde diese Mitarbeiter „freistellen“, d.h. möglichst nicht mit anderen Aufgaben beladen, sondern ihnen vielmehr helfen, die persönliche Beauftragung umzusetzen.

Kurzum:
M.E. kann und darf sich eine Gemeinde nie nur einem bestimmten Dienst verpflichtet sehen. Gemeinde ist bunter und vielfältiger. Und eben diese Vielfalt sollte entdeckt und bejaht werden, damit den Menschen im Namen Gottes geholfen werden kann.

Lektionen aus der praktischen Gemeindegründungssarbeit

Mit hehren Vorsätzen bin ich in die Gemeindegründungsarbeit gegangen. Null Erfahrung in der Hinsicht, aber viel Passion. Eines war mir dabei klar: Ich will keine Christen aus anderen Gemeinden, sondern Menschen aus dem Kiez erreichen. In der ersten Zeit habe ich mit anderen zusammen das getan, was ich von Evangelisten gesehen hatte, wenn sie denn Menschen auf Jesus hin ansprechen wollen:
– Büchertisch
– Interviews führen
– Von Tür zu Tür gehen
– Verschenken von Getränken
– Verteilen von Abertausenden von Flyern
– Verschenken des Jesus-Films

Nach menschlichen Ermessen passierte so gut wie nichts. Niemand hatte Interesse an mehr von Jesus.
War der „Boden“ also zu hart?
Waren die Herzen der Menschen zu verschlossen?

Mittlerweile denke ich, dass ich zu dumm war.
Ich kann noch immer nicht behaupten, alles verstanden zu haben.
Aber das ist mir deutlicher geworden:

Es geht nicht um das Schaffen eines Angebots.
Es geht um Beziehungen.
Es geht nicht um kluge Reden.
Es geht um das Zuhören.
Es geht nicht darum, etwas Neues zu schaffen.
Es geht darum, im Bestehenden zu sein.
Es geht nicht darum, das große Projekt zu stemmen.
Es geht um die Mini-Schritte, die zur Vision passen.
Es geht nicht um meinen Zeitplan.
Es geht um Gottes Zeitplan.

All das andere (Teilnahme an Stadtteilfesten, Durchführen von Glaubenskursen, Bastelangebote für Kids…) hat seinen Stellenwert und kann punktuell auch sinnig sein.
Aber viel mehr geht es noch darum, Zeit für mein Gegenüber zu haben.
Es geht um den Menschen, der mir nahe ist (oder nahe werden soll) und nicht um das Schaffen eines Programms.

Ich bin gut im Erstellen von Plänen und Programmen. Das liegt mir. Und hin und wieder braucht man das auch.
Aber vielmehr will ich lernen, Zeit für den Nächsten zu haben.

Ich sehe das in der Entwicklung unserer Gemeindearbeit.
Wir haben viele Christen angezogen. In etlichen Fällen war das wirklich gut. Manche Christen waren seit längerer Zeit ohne Gemeinschaft mit Brüdern und Schwestern. Dabei sind wir doch ein Leib und brauchen einander! An dieser Stelle konnte unsere Gemeinde eine Hilfe sein. Und diese Christen sind uns zur Hilfe geworden, so dass ich nun sagen kann: mit ihnen zusammen sind wir Gemeinde.
Doch die Frage blieb (und bleibt): Wie können wir den Menschen um uns herum das Evangelium bringen?
Das sind meine Erfahrungen:

– Bleiben.
Nicht nach dem besseren Gemeinderaum suchen. Sondern dort bleiben, wo man etwas gefunden hat. Stabilität und Verlässlichkeit sind eine Botschaft für sich. Eine Gemeinde, die nach ein paar Jahren wieder in eine andere Straße zieht, weil das Haus dort schöner ist, der wird es kaum gelingen, Beziehungen in der Nachbarschaft zu bauen. Mitterweile bin ich dafür, „für immer“ in dem begrenzten Raum zu bleiben, in dem wir als Gemeinde nur Untermieter sind. Gemeindewachstum muss dann über zusätzliche Stationen/Räume geschehen, aber nicht durch das Verlassen des jetzigen Standortes. Es sollte nicht die Zentralisierung gesucht werden, sondern die Multiplikation.

– Lieber schwach sein als stark sein.
Jesus wurde in einem Stall geboren und war später oft unterwegs, ohne eine feste Bleibe zu haben. In der Hinsicht war Er schwach bzw. arm. Für uns heißt das: Wir müssen nicht alles stemmen. Wir brauchen keine durchgestylten Räume. Ja, es darf praktisch sein. Aber der Fokus ist nicht die Schaffung einer starken Gemeinde, die für jeden und alles ein Angebot hat und die größten und schönsten Räume der Gegend aufweisen kann. Vielleicht passt das in eine Gegend mit Millionären. Aber in einem Kiez, in dem über die Hälfte der Menschen Leistungen vom Jobcenter bekommen oder bestimmte soziale Leistungen beziehen, da brauchen wir das nicht. Dann lieber als Gemeinde ebenso abhängig und begrenzt sein. Nix gegen schöne Räume oder Zielgruppenarbeit. Aber wichtiger ist das Herz für Gott und Menschen. Das sollte nie verwechselt werden. Und möglicherweise hilft die eigene Begrenzung dazu, sich nicht zu überheben, sondern demütig zu bleiben.

– Langsam sein.
Nun, Jesus und Seine Leute waren beim Wandern langsam. Das muss kein göttliches Prinzip sein, sondern ist einfach dem technischen Fortschritt geschuldet. Und dennoch: auch, wenn uns Waschmaschine, Online-Banking und Handys helfen können, Zeit zu „sparen“ (geht ja nicht wirklich, da diese Zeit nicht zu einem Zeitpunkt beliebig abrufbar ist), so führen diese Tools auch dazu, dass wir in der gleichen Zeit mehr tun. Früher gab es den Waschtag. Heute wird an einem Tag nicht nur Wäsche gewaschen, sondern werden noch zig andere Dinge erledigt. Wir werden unruhig, wenn wir im Restaurant länger als 30 Minuten auf das Essen warten müssen. Das Problem ist, dass wir dieses Denken oft auf Lebensprozesse übertragen. Aber das funktioniert nicht. Beziehungsbau zu Nachbarn braucht Zeit. Da reicht es nicht, einen Glaubenskurs anzubieten und bei Nicht-Gelingen, aufzugeben. Es geht darum, beständig in Beziehungen zu investieren. Als Kiezgemeinde haben wir u.a. Grillfeste für die Nachbarn durchgeführt. Einfach miteinander essen und miteinander reden. Da muss nicht gleich beim ersten Mal was Großartiges geschehen. Wenn Jesus in unseren Herzen ist, dann wird Jesus irgendwann automatisch zum Thema werden. Ja, das braucht Zeit. Aber alles andere wirkt oft wie das Angebot für eine Clubmitgliedschaft und nicht wie echte Liebe zum Nächsten. Natürlich haben manche einen evangelistischen Drang in sich und würden am liebsten jedem sofort das Evangelium sagen… und manchmal gibt es ja wirklich Momente, in denen JETZT die Chance ist. Aber hier, in unserem Kiez, da würde das permamente Raushauen des Evangeliums wohl eher dazu führen, dass Menschen die Schotten dicht machen, weil eben der Eindruck schnell entsteht: „Die wollen ja nur mehr Mitglieder für ihren Verein haben!“ Stattdessen sollen die Menschen erfahren, dass das Evangelium wirklich der Liebe Gottes entspricht: „Nein, wir wollen nicht Dein Geld! Nein, wir wollen nicht mehr Mitglieder haben! Sondern Du sollst befreiter leben können! Du sollst wissen, dass Du von Gott geliebt bist!“
Und viele erfahren das nicht zuerst an unseren Worten (davon hören sie genügend in den Medien). Sie erfahren das zuerst an unserem Leben und Handeln. Sie brauchen die Chance, uns zu erleben. Nicht, dass wir alles richtig machen würden. Darum geht es gar nicht. Aber sie sollen erfahren können, dass wir selbst die Krisen und Macken mit Gottes Gnade und Kraft meistern können. Sie sollen erfahren können, dass wir nicht nur von Gottes Liebe reden, sondern sie wirklich Bestandteil unseres Lebens ist. Aber genau das braucht Beziehungen. Und Beziehungen brauchen Zeit. Lieber langsam sein!

– Kleiner denken.
Das korrespondiert mit der o.g. Schwäche. Aber ich möchte damit noch etwas anderes betonen: vor der eigenen Haustür starten! Ich bin visionär begabt und produziere mit Leichtigkeit große Ideen und Wünsche. Es ist kein Ding für mich, mir vorzustellen, wie Erweckung ausbricht und ganze Stadtteile radikal zum Guten verändert werden. Doch in der Praxis kann ich mich damit selbst erschlagen. Die große Idee ist da, aber wenn ich dann den Kiez sehe, dann fühle ich mich schnell ohnmächtig. Wie soll eine Gemeinde mit zwei Dutzend Mitgliedern einem Kiez dienen, der 17.000 Menschen umfasst? Es ist unmöglich. Die Probleme wie Arbeitslosigkeit, Bildungsmangel, häusliche Gewalt, Süchte usw. sind so vielfältig und wir sind froh, wenn wir unsere eigenen Herausforderungen gebacken kriegen. Die Folge von großen Ideen kann also sein, dass man dann lieber passiv bleibt oder sich in sein Schneckenhaus zurückzieht. Hilfreicher ist das: Ja, die Vision muss sein. Sie ist Herzstück der Motivation. Aber praktisch geht es nicht zuerst um den gesamten Kiez. Praktisch geht es zuerst um die direkten Nachbarn; bei uns als Gemeinde: um die Menschen in dem Haus, in dem wir Mieter sind. Es geht um den Menschen, den ich im Treppenflur treffe. Das reicht als Aufgabe. So kann man als Gemeinde ein anderes Wohnhaus geistlich adoptieren. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Gegen Gemeindegründung!

Lasst uns gegen Gemeindegründung sein!

Zugegeben: Ein provokanter Titel.
Und natürlich einseitig.

Aber verständlicher, wenn wir uns bewusst machen, dass
1. wir nicht Gemeinde gründen sollen
2. Jesus den Schwerpunkt für uns auf die Nachfolge legt!

In Matthäus 16,18 sagt Jesus den wohlbekannten Satz:
„Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“

Wer baut Gemeinde?
Jesus will Seine Gemeinde bauen!
Und das tut Er!
So steht z.B. in Apg 2,47: „Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“
Nicht die Christen haben Menschen bekehrt.
Gott selbst hat hinzugefügt!

Selbstverständlich sollen sich Christen für die Gemeinde einbringen.
Die Anweisungen von Paulus dazu sind zahlreich.
Damit bauen aber nicht wir Gemeinde.
Wir sind zwar Mitarbeiter Gottes, aber Er ist der Erbauer.

Interessant ist, was Paulus zu einem ähnlichen Thema in 1.Korinther 3,5 ff. schreibt:
„Wer ist nun Apollos? Wer ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben.So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt.Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

In diesem Text geht es um die Frage, wer in der Gemeinde denn besonders hervorgehoben werden sollte. Die Christen in Korinth waren darüber unterschiedlicher Meinung. Paulus aber stellt sich dagegen: Eben genau darum geht es nicht! Er stellt sich gegen jegliche Cliquenwirtschaft.
Man könnte fast sagen: Er stellt sich gegen denominationielles Denken.
Paulus betont, dass Gott das Gedeihen gibt.
All unser Tun und Machen hilft gar nichts, wenn nicht Gott das Leben und das Wachstum schenkt!
Oder so formuliert: Gott baut die Gemeinde!

Aber was ist mit der Aussage von Paulus, wonach er sich als „Baumeister“ bezeichnet? Heißt das nicht, dass er also doch Gemeinde baut?
Nein und Ja.
Nein, weil Paulus ja deutlich gemacht hat, dass nur Gott Gemeinde bauen kann.
Er, Paulus, hat sich nur diesbezüglich als Baumeister dargestellt:
Er hat Jesus Christus verkündet und er hat darüber gelehrt, was Jesus gelehrt hat.
Ja, weil Paulus ebenfalls deutlich macht, dass er Mitarbeiter Gottes ist.

So können wir sicherlich sagen:
„Wir haben Gemeinde mitgebaut!“
Aber es wäre vermessen zu sagen, dass wir Gemeinde gegründet/gebaut hätten.
Dann nämlich würden wir Gott als den Lebensgeber und Gemeindebauer außer acht lassen.

Es gibt in der Bibel keine Aufforderung an uns, dass wir Gemeinde gründen oder bauen sollen. Wir sollen auch nicht beten „Deine Gemeinde komme“!

Wir haben nur einen „Job“:
Gemäß Matthäus 28,18 ff. in diese Welt zu gehen, alle Nationen zu Nachfolgern Jesu zu „machen“, sie zu taufen und im Sinne Jesu zu lehren.
Um den Rest – sprich: Gemeindegründung/Gemeindebau – kümmert sich Jesus.

So wird deutlich, dass es natürlich um Gemeindegründung und Gemeindebau geht. Na, klar!
Aber das ist nicht unser erster Auftrag. Und wenn, dann nur als Mitarbeiter einer bestehenden Gemeinde (die Gott schon gebaut hat).

Wir sollten daher weniger überlegen, wie wir Gemeinde bauen können, wiewohl ich das Thema liebe.
Wir sollten vielmehr überlegen, wie wir in der Nachfolge Jesu sein können.
Dann kommen wir auch zu einer harmonischen Arbeitsteilung zwischen Gott und uns.

Liebe geht vor!

Die Story klingt fast unglaublich:
Ying Kai und seine Ehefrau arbeiteten in einer asiatischen Stadt und gründeten jedes Jahr eine neue Gemeinde.

Sicherlich darf man hinterfragen, was im Einzelfall unter „Gemeinde“ verstanden wird.*

Dennoch:
Jedes Jahr eine Gemeinde zu gründen… das erscheint uns im „Westen“ fast unerreichbar.

Ying Kai war allerdings nicht zufrieden. Er hatte vor, eine Gegend mit 20 Millionen Menschen mit Gott bekannt zu machen. Die Rechnung lässt sich schnell machen:
Wenn pro Jahr eine Gemeinde gegründet wird, dann würde diese Arbeit Tausende von Jahren dauern!

Die Frage war also die:
Wie können 20 Millionen Menschen die Chance bekommen, sich für oder gegen Jesus Christus zu entscheiden?

Nachdem er und seine Frau Matthäus 28,18 ff. nochmals studiert hatten und entsprechend der biblischen Prinzipien ihre bisherigen Methoden verändert hatten, hatten sie eines Tages 20-30 Gruppen von Menschen pro Woche. Diese Gruppen wurden in den Lektionen des Christseins sehr praktisch unterrichtet.

Irgendwann entwickelten etliche dieser Gruppen ihre eigene Dynamik:
Manche blieben so, manche gingen ein, aber etliche wuchsen und einige begannen, sich fortzupflanzen.
Dieser „Fortpflanzung“ Raum zu geben, war einer der Schlüssel für das nachfolgende Wachstum.

Es wird geschätzt, dass Ying Kai und seine Frau auf diese Weise direkt oder indirekt dazu beigetragen haben, dass ca. 1,7 Millionen zum Glauben fanden und getauft wurden sowie ca. 140.000 Hausgemeinden gegründet wurden. Weltweit. Innerhalb von ca. 10-11 Jahren.

Ying Kai und Steve Smith haben zu diesen biblischen Prinzipien ein Buch veröffentlicht (T4T – will heißen: „Training for Trainers“). Dabei geht es nicht um den Namen T4T. Es geht um den Inhalt. Und für viele dürfte es ein Neu-Entdecken von biblischen Prinzipien für Jüngerschaft und Gemeindegründung gehen.

Seitdem ich mich mit diesen Prinzipien auseinandersetze (ca. seit Mitte 2012), habe ich einiges dazu gelernt und vieles noch nicht gelernt. Aber das bleibt für mich das Wichtige:
Die Liebe geht vor!

Hier geht es nicht um „mal wieder“ eine neue Methode, die sich nun verkaufen soll.
Es geht um die Liebe Gottes zu uns.
Seine leidenschaftliche Liebe, die zum Tod und zur Auferstehung von Jesus Christus geführt hat.
Es ist Gottes Liebe, die berührt und verändert und die wiederum zur Nächstenliebe führt.
Wer sich unter diesem Gesichtspunkt mit dem Konzept von T4T beschäftigt, der kriegt die Sache in den „richtigen Hals“.
Wer aber nur technisch ein angebliches Erfolgskonzept umsetzen will, der wird sich selbst und anderen das Leben ziemlich schwer machen.

Die Liebe geht vor!

In Berlin wird es am 28.09.2013 ein Seminar zu „T4T“ geben.
Mehr Infos dazu gibt es hier: http://www.inmeinerstrasse.de/t4t-seminar-28-september/

* Nach meinen Beobachtungen geht es bei Gemeinde weniger um die Anzahl der Mitglieder oder um die Existenz eines eigenen Gemeindehauses. Es geht um den Inhalt und die Werte, die eine Gruppe von Menschen zusammenhalten. Gemeinde kann dann u.U. schon mit drei Menschen beginnen. Ich persönlich finde die Orientierung an den 12’en hilfreich. Jesus hatte 12 Apostel berufen. 12 Leute im Team zu haben, sorgt für eine gewisse Stabilität und erhöht die Chance auf weiteres Wachstum. Das kann ich statistisch nicht belegen und verstehe es daher auch nur als Wegmarke.