Warum ist das Alte Testament so grausam?

„Warum ist das Alte Testament so grausam?“

Eine eher plakative Frage, die aber das Empfinden von manchen Lesern der Bibel gut ausdrückt.
Heute morgen habe im Alten Testament (AT) im Buch 2.Samuel gelesen.
Es wird berichtet, was sich nach dem Tode Sauls, des Königs Israels, zugetragen hat und wie sich die Machtposition von David ausgebaut hat, bis er von ganz Israel als neuer König anerkannt wurde.

Brutales und Ungerechtigkeit

Es ist zu lesen, wie David einen Boten töten lässt.
Wie zwei gegnerische Armee-Oberste ihre Männer gegeneinander antreten lassen und wie diese Männer sterben.
Wie einem Verfolger ein Speer in den Bauch gerammt wird.
Wie jemanden Hände und Füße abgehackt werden oder wie der Kopf eines Toten herumgetragen wird.
Wie David mindestens sechs Frauen hatte und mit jeder von ihnen ein Kind zeugte.
Und wie er als König befiehlt, eine siebte Frau, Michal, zu bekommen.
Wobei zu beachten ist, dass Michal mit einem anderen Mann verlobt war und dieser ihr weinend hinterherlief, als sie ihm weggenommen wurde.

Als ich all das las, dachte ich:
„Wie brutal. Wie menschenverachtend. Was sagt nur Gott dazu?“

Tatsächlich wird in diesen Kapiteln nicht berichtet, was Gott von all diesen Geschehen hält.
So ist das mit vielen Teilen der Bibel: Nur, weil uns ungeschönt alles berichtet wird, heißt das nicht, dass Gott diese Geschehnisse gut findet. Es ist wie mit einem Journalisten, der vom Syrien-Krieg erzählt. Seine Erzählung bedeutet nicht zwangsläufig, dass er diesen Krieg gut findet.
Das ist ein wichtiger Aspekt beim Lesen der Bibel!

Wie steht Gott zu diesem Leid?

Dennoch bleibt die Frage an den allmächtigen Gott bestehen:
„Wieso lässt du das zu?“

Zumal das erschwerend hinzukommt:
Gott hatte sich David als König von Israel berufen!
Gott wollte, dass dieser David König wird!
Der Mann, der in Schlachten andere Menschen getötet hat. Der Mann, dem eine Frau nicht genügte. Der Mann, der das Leben anderer zerstörte.

Natürlich muss man relativieren:
David war ja nicht nur der Zerstörer.
Gott war ihm wichtig.
David’s Charakter zeigt einen Mann, dem Gerechtigkeit, Loyalität und Ehre viel bedeuten. Für manch anderen Menschen war David auch ein Segen.

Dennoch:
In diesen Kapiteln lesen wir nichts davon, wie Gott dazu denkt.
Wir könnten es nur von anderen Bibelstellen herleiten.

Die Frage an Gott wird zur Frage an mich

Nach dem Lesen dieser Geschichten betete ich und fragte Gott, was Er dazu denkt.
Das sind die Gedanken, die mir gekommen sind:

Bin ich denn anders?
Zuerst will ich antworten:
„Natürlich! Ich habe niemanden umgebracht! Ich habe niemanden die Frau weggenommen! Ich bin nicht brutal!“

Ich bin wie der Mörder und Ehebrecher und Lügner

Aber es geht tiefer.
Könnte es sein, dass ich manches davon nicht getan habe, weil ich schlichtweg nicht die Chance dazu hatte?
Nehmen wir an, ich würde dem Mörder eines von mir geliebten Menschen gegenüberstehen und hätte die Möglichkeit, jetzt „Gerechtigkeit“ zu üben… würde ich wirklich widerstehen?
Wenn ich mehr als eine Frau „haben“ könnte – und meine Kultur es auch okay finden würde -, wäre ich dann wirklich nur einer Frau treu?
Ein Sprichwort sagt: „Gelegenheit macht Diebe“.
Wer weiß, ob ich in der Haut von David & Co wirklich anders gehandelt hätte! Vielleicht haben mir bisher nur die Möglichkeiten gefehlt!

Es geht die nächste Stufe tiefer:
Was steckt denn hinter dem Mord?
Dahinter steckt der Wunsch, den anderen Menschen nicht mehr sehen zu müssen. All das, was man an ihm nicht mag, ausradiert zu wissen. Weil es einfacher scheint, ohne diesen Menschen zu leben. Der andere Mensch scheint nicht die gleiche Wertigkeit zu haben, die man sich selbst gibt.
Mord kann von diesen Beweggründen geleitet sein:
– Ich will die Qual, verursacht durch den anderen, nicht mehr haben. Also: Flucht vom Leid.
– Ich stehe höher als der andere. Also: Ich bin Richter über den anderen.
Wenn ich mir das vor Augen male, stelle ich fest:
Klar, ich habe niemanden tatsächlich umgebracht.
Aber ich kenne diesen Wunsch nur zu gut, bestimmte Personen nicht mehr in meinem Leben haben zu wollen. Weil sie mir zu unangenehm sind, weil sie nerven, weil sie mich verletzt haben. Mein Leben schiene einfacher zu sein, wenn es diese Menschen nicht gäbe.
Und ja: ich habe mich schon oft klüger, besser und wichtiger empfunden als andere. Wenn ich z.B. bei einer Diskussion denke, dass der andere es einfach nicht kapiert hat, ich aber schon…, dann stelle ich mich idR höher als den anderen. Ich bin der Checker – und der andere hat keine Ahnung. Das ist im Kern die „Richterposition“.
Somit muss ich bekennen:
Das, was manche Mörder antreibt, steckt auch in mir. In meinem Wesen bin ich nicht so unterschiedlich. Sehr vereinfachend gesagt, aber prinzipiell treffend: Auch in mir steckt ein Mörder, Ehebrecher, Dieb, Verleumder, Lügner.
Ich betreibe all das vielleicht nicht bis zum Letzten. Aber ich kenne diese Regungen und habe manches davon im kleineren Maßstab gedacht oder getan.

Der Heilige Geist macht den Unterschied

Zuletzt:
Die Menschen im AT hatten nicht den Heiligen Geist.
Es gab gottesfürchtige Menschen unter ihnen. David wird später noch als „Mann nach dem Herzen Gottes“ bezeichnet (was m.E. daran liegt, dass David stets bereit war, erkanntes Unrecht sein zu lassen und sich von erkannten Sünden abzukehren).
Aber der Heilige Geist hatte von der Mehrheit dieser Menschen keinen Besitz ergriffen.
Das ist der große Unterschied zu dem, was durch Jesus Christus möglich geworden ist:
Wer zum Nachfolger Jesu wird, hat den Heiligen Geist in sich.
Das ändert alles.
Nun werden wir vor Sünden gewarnt. Wir lernen, Gott und Menschen zu lieben.
Gottes Liebe zu leben, wird uns wichtiger, als unser eigener Chef zu sein.
Sündigen können wir dennoch. Diese Möglichkeit hat jeder Christ und oft nutzen wir auch diese Möglichkeit.
Aber durch den Heiligen Geist lernen wir, anders zu leben. Da hat jeder sein eigenes Lerntempo.
So werden wir vom Geist Gottes verwandelt, hin zu einem Menschen, den sich Gott als Ebenbild gedacht hat.
Aber Menschen, die den Heiligen Geist nicht in sich tragen, können nicht anders handeln als David & Co.
Gewiss: sie können auch lieben. Sie können auch nach edlen Tugenden trachten.
Denn sie sind immer noch Gottes Geschöpfe und Gottes Idee lebt in ihnen.
Aber sind nicht wirklich befreit. Schuld lastet oft auf ihren Seelen. Zwänge bleiben. Sie erleben kaum den inneren Frieden Gottes. Sie sehnen sich danach. Sie suchen danach. Aber solange sie das nicht bei Jesus Christus finden, bleibt es leer in ihnen. Oft auch finster.
Heute haben wir die Chance, zu Gott umzukehren und Jesus nachzufolgen. Wir können den Heiligen Geist empfangen.
Und können damit zu Menschen werden, die sogar ihren Feinden vergeben. Nicht, weil es ethisch besser wäre, sondern weil es ihrem Verlangen entspricht.

Ehrfurcht

Dann kam beim Gebet Ehrfurcht vor Gott auf.
Gott hatte beschlossen, David als König einzusetzen.
In dem Wissen, dass David ein fehlerhafter Mensch war, der auch sündigte.
Gewiss hatte Gott das Problem, dass es keinen anderen Mensch gab, der ohne Sünde war. Es gab niemanden, der perfekt und astrein war. Gott hatte nur die Wahl zwischen Sünder 1, Sünder 2, Sünder 3 und so weiter.
Da aber Sein Entschluss feststand, David zum König zu machen, konnte Ihn auch niemand daran hindern. Trotz aller Sünden, Krisen, Leiden und Ungerechtigkeiten führte Gott Seinen Plan aus.
So gilt das bis heute:
Niemand, keine Sünde, kein Mensch, kein Satan, kann Gott hindern, Seine Pläne auszuführen.
Wir haben nur die Wahl:
Rebellieren wir gegen Seine Pläne oder fügen wir uns ein?

Ein harmloses Beispiel:
Ein Fußball-Nationalspieler der deutschen Mannschaft kann dem Trainingsplan von Joachim Löw folgen. Er muss aber nicht. Bloß, wenn er dem Trainingsplan nicht folgt, wird er aus dem Kader geworfen.
Das ist auch die Position von uns Menschen gegenüber Gott:
Wir können uns Gott unterordnen und Teil Seines Plans werden.
Oder wir spucken darauf und werden rausgeworfen.

Gut, dass wir durch Jesus die Chance bekommen haben, wieder „Spieler“ in Gottes Mannschaft zu werden.

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Wenn Gemeinden sterben

Gemeinden sterben

Es ist ein Fakt: Gemeinden sterben.
Beweis: Keine der vom Apostel Paulus vor nahezu 2000 Jahren gegründeten Gemeinden existieren heute noch.

Eine Gemeinde ist ein lebendiger Organismus. Er wird geboren, er hat seine Reifezeit und irgendwann stirbt der Organismus. So ist das Leben eben. Manche Gemeinden werden auf diese Weise nur ein Dutzend Jahre alt, sterben gar im Kindesalter, andere können über hundert Jahre alt werden.
Wie gut ist es, wenn solch ein Organismus fruchtbar ist. Wenn er Kinder bekommt.
(Ich vermute, dass man vieles, was ich hier bedenke, auch auf viele andere Sozialformen beziehen kann)

Fruchtbare Gemeinden

Die „Kinder“ einer Gemeinde können neue Gemeinden sein. Oder kleinere Hausgruppen, die nach dem Tod der lokalen Gemeinden weiter existieren. Und manchmal sind es auch „nur“ die einzelnen „Zellen“, sprich: die einzelnen Menschen, die durch diese Gemeinde geprägt worden sind und sich dann einer anderen Gemeinde anschließen und ihre Prägung dort einbringen.
Traurig ist es allerdings, wenn es keine Nachkommen gibt. Wenn eine Gemeinde tatsächlich aus Altersgründen stirbt und weder eine Gruppe weiterlebt noch ein Gemeindemitglied.
Dann handelt es sich um einen „Gen-Defekt“ oder eine tödliche Krankheit.

Entscheidend für die Fruchtbarkeit einer Gemeinde scheint die geistliche DNS zu sein.

Gemeinde-DNS
Und diese wird in der ersten Zeit der Gemeinde festgesetzt. Im Grunde in der Zeit, in der die Gemeinde noch ungeboren ist: Es gibt weder eine Gottesdienstfeier, noch ein Gemeindehaus oder eine Lobpreisband.
Die einzigen, die schon existieren, sind die einzelnen Zellen, also vielleicht 1-3 Christen, die den Wunsch haben, eine Gemeinde zu gründen.

Ihre erste Zeit ist die entscheidende.
Was sie zu Beginn entscheiden, wird die entstehende Gemeinde ihr Leben lang prägen.
Deshalb ist es am Anfang so relevant, sich Zeit zu nehmen. Hier werden die Weichen für die kommenden Jahrzehnte gestellt!

Die „Vision“ als geistliche DNS

Knackpunkt für die geistliche DNS ist – neben einigen anderen Aspekten – dieser:
Was genau ist die „Vision“ der Gründer?
Ob man es „Vision“, „Leitbild“ oder ganz anders nennt – es geht darum, WARUM diese Gemeinde gegründet werden soll.
Was genau treibt dazu an? Was begeistert?
Je genauer dieses Bild ist (denn mehr als ein Bild ist es ja nicht), desto besser.
Mit Genauigkeit ist nicht zuerst gemeint, welche Lieder man an welchem Sonntag singen will.
Mit Genauigkeit ist solches gemeint: Wo soll die Gemeinde sein? Was wird durch sie erreicht? Mit welchen Menschen wird man hauptsächlich zu tun haben? Was kann die Gemeinde bei diesen Menschen bewegen? Wie können diese Menschen die Gemeinde bereichern? Welchen Einfluss hat die Gemeinde auf ihr Umfeld? Und warum wird das Gründungsteam mit der Gemeindearbeit weitermachen, obwohl die erste Krise alles durchgerüttelt hat?

Diese Vision ist der Kern des Ganzen.
An ihr wird entschieden, wer am Anfang dabei sein wird. Und dabei sein darf. Wer darf und soll diese DNS leben?
An der Vision wird entschieden, wohin welche Ressourcen investiert werden.
Und in Krisenphasen wird anhand der Vision die nächste Entscheidung getroffen.

Wie bekommt man eine solche Vision?
Das ist ein Thema für sich. Klar ist das: Es hängt mit Gebet, göttlicher Inspiration und Fügung sowie den Charakteren der Startmannschaft zusammen.

Je nach Vision und der konsequenten Verfolgung dieser in der ersten Phase der Gründung wird die „Frucht“ sein.

Die fehlende Vision

Ich sehe mindestens zwei Gründe, weshalb eine Gemeinde später auch kinderlos sterben kann:
a) Es gab keine weitreichende und zugleich detaillierte Vision.
Vielleicht ging es einfach nur darum, eine Gemeinde zu gründen. Fertig. Aus.
Mit einer solchen Vision kommt man nicht weit.
Denn wenn die Gemeinde erst einmal gegründet ist, dann kann ein „Visionsloch“ entstehen: eigentlich weiß niemand, warum diese Gemeinde weiterleben soll. Biblisch mag man Argumente anführen. Aber sie klingen in einer solchen Loch-Phase mehr nach „Richtigkeiten“ statt nach lebendiger Überzeugung. Der Sterbeprozess steht vor der Tür, wenn nicht Einschneidendes geschieht.

b) Die Vision wurde nicht gepflegt und nicht angepasst.
Die erste Vision bestimmt zwar die DNS der Gemeinde. Aber so ein Organismus kann von Viren befallen werden und erkranken. Diese Angreifer lauern ständig überall. So kann es sein, dass die DNS zwar da ist – aber sie hat keinen Raum, um gelebt zu werden. Die Folge ist, dass der Organismus eingeht. Deshalb ist es wichtig, die Vision (=DNS) beständig zu pflegen. Das geschieht durch Predigten, Andachten und womöglich am meisten durch das Leben der Vision. Hier sind die Leiter der Gemeinde gefragt. Wie füllen sie die Vision? Geben sie der DNS Lebensraum? Werden die Ressourcen so eingesetzt, damit es der Vision dient? Stehen die Bereichsleiter hinter der Vision? Das muss ganz praktisch werden und kann sich bis hin zur Dekoration eines Gemeindesaals hinziehen.
Immer wieder gibt es dabei Situationen, die neu sind. So neu, dass man sie nicht bedenken und planen konnte. Die Herausforderung für den Organismus ist es, ob er sich der neuen Situation anpassen kann, ohne seine DNS zu verleugnen. Gelingt es dauerhaft nicht, kann der Gemeindekörper sterben.

„Visionskunde“ für die Ausbildung

Zur Zeit habe ich mit mehreren Gemeinden zu tun. Als angestellter Pastor, als Honorarkraft und als Gastprediger.
Als Gastprediger hier und da, ansonsten im Bereich der Freien evangelischen Gemeinde und der Landeskirchlichen Gemeinschaften.
Und tatsächlich geht es bei der Zukunft jeder dieser Gemeinden/Gemeinschaften um eben diesen Kernaspekt:
Was ist die Vision?

Und leider ist auch das zu merken:
Wo die Vision nicht existiert oder nicht nicht gepflegt wird, da schwindet eine Gemeinde.

Das wäre doch mal was:
Wenn Theologiestudenten und Bibelschüler zwei Semester „Visionskunde“ hätten!
Das wäre eines der Themen, die für die Praxis existentiell wichtig sind. Wer weiß, wie unsere Gemeindelandschaft aussehen würde, wenn das gelehrt werden würde!?

Bildquelle: wikipedia – DNS – Seite aufgerufen am 24.02.2018

Ist die Bitte okay? „Und führe uns nicht in Versuchung…“

Führe uns nicht in Versuchung…

Unlängst hatte der Papst und manch anderer angeregt, über die Formulierung im Vater Unser nachzudenken:
„Und führe uns nicht in Versuchung…“
Sein Plädoyer war, diese Bitte umzuformulieren. Schließlich wolle Gott uns nicht in Versuchung führen. Vielmehr ginge es doch darum, dass wir in der Versuchung standhaft sein können oder gut durchkommen. Fand ich zuerst sympathisch.

Mittlerweile sind die kleinen medialen Wellchen geglättet, ich hatte sie auch nur oberflächlich verfolgt, aber letztens habe ich dann doch mehr darüber nachgedacht.

Das sind meine Erkenntnisse zur Bitte im Vater Unser „Und führe uns nicht in Versuchung…“:

In der gängigen alt-griechischen Übersetzung nach Nestle-Aland steht tatsächlich das da:

„Führe uns nicht in Versuchung!“

Eine andere Lesart ist zumindest mit diesem alt-griechischem Grundtext schwer vertretbar.

Gott führt in die Versuchung!

Und tatsächlich lässt sich das in der Bibel erkennen:
Gott führt hier und da in Versuchung!

Beispiele:
1.Mose 22: Gott versucht Abraham.

2.Mose 20: Mose sagt, dass Gott das Volk Israel versucht

5.Mose 8,2: Gott hat Israel in der Wüstenzeit versucht

2.Chronik 32,31: Gott versuchte Hiskia

Matthäus 4,1: Der Geist führt Jesus in die Wüste, damit Er vom Satan versucht wird

Das heißt:
Die Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ ist nicht abwegig.

Als Beter wissen wir, dass wir schwach und fehlbar sein können. Wir haben Respekt oder gar Angst davor, dass wir es nicht packen. Wir wissen, dass in schwierigen Situationen die Niederlage oft nur einen Hauch entfernt ist.
Deshalb die Bitte: Lieber nicht in Versuchung bringen, denn ich weiß, dass ich der Versuchung unterliegen kann!

Gott führt nicht in die Versuchung!

Aber steht nicht auch das in der Bibel:
Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand.“?
(Jakobus 1,13)

Tja, was denn nun?
Versucht Gott nun oder nicht?
Haben wir es hier etwa mit einem Widerspruch in der Bibel zu tun?

Die Sache erhellt sich, wenn wir das wissen:
Es gibt verschiedene Versuchungen!

 

Verschiedene Quellen der Versuchung

1) Es gibt Versuchungen von Gott (s.o. 1.Mose 22 – Matthäus 4,1).

2) Es gibt Versuchungen vom Satan.
(1Thess 3,5: Darum habe ich’s auch nicht länger ertragen und habe ihn gesandt, um zu erfahren, wie es mit eurem Glauben steht, ob der Versucher euch etwa versucht hätte und unsre Arbeit vergeblich würde.“ /  1.Kor 7,5: „…damit euch der Satan nicht versuche,“)

3) Es gibt Versuchungen, die aus uns selbst kommen.
(Jak 1,14: Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seiner eigenen Begierde gereizt und gelockt.„)

Worin liegt der Unterschied dieser Versuchungen?

Die Versuchungen Satans kommen, um uns zu vernichten. Solche Versuchungen haben nichts Gutes an sich. Sie sind eine Qual. Sie sind bedrückend und machen uns von Anfang bis zum Ende fertig.
(Joh 8,44: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Begierden wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit, denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“)

Die Versuchungen aus uns selbst (unserem Ego, bibl. „Fleisch“) haben unsere kurzfristige ungöttliche Befriedigung vor Augen (s.a. Jak 1,14). Sie machen uns vor, als würden wir durch das Nachgeben Erfüllung bekommen, wir bleiben aber eigentlich ziemlich leer zurück.

Die Versuchungen Gottes sind anders.
– Sie können Freude zur Folge haben (1.Petr 4,12 f: „Ihr Lieben, lasst euch durch das Feuer nicht befremden, das euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Fremdes,sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch durch die Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt.“).
– Sie lehren uns Ehrfurcht vor Gott und lassen uns die Sünde hassen ( 2.Mo 20,20: Mose aber sprach zum Volk: Fürchtet euch nicht, denn Gott ist gekommen, euch zu versuchen, damit ihr’s vor Augen habt, wie er zu fürchten sei, und ihr nicht sündigt.“).
– Sie zeigen uns, wie es in unserem Herz ist und machen uns demütig (5.Mo 8,2: „Und gedenke des ganzen Weges, den dich der HERR, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit kundwürde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht.“ / 2.Chr 32,31: Als aber die Botschafter der Fürsten von Babel zu ihm gesandt waren, um nach dem Wunder zu fragen, das im Lande geschehen war, verließ ihn Gott, um ihn zu versuchen, auf dass kundwürde alles, was in seinem Herzen war.“).
– Sie können uns stark im Heiligen Geist machen (s.a. Jesus nach der Versuchung in der Wüstenzeit (der Geist Gottes führte Ihn, damit Er versucht wird); Lukas 4,14: „Und Jesus kam in der Kraft des Geistes wieder nach Galiläa; und die Kunde von ihm erscholl durch das ganze umliegende Land.“).

Also, simpel gesagt:
1) Gottes Versuchungen dienen letztlich zum Guten für uns.
2) Alle anderen Versuchungen machen uns kaputt oder lähmen uns.

Gott hilft in Versuchungen

Dabei hilft uns Gott in den Versuchungen:
– Wenn Gott uns versucht, weiß Er, was wir ertragen können und wo die Grenze ist:
1.Kor 10,13: Bisher hat euch nur menschliche Versuchung getroffen. Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt.“

– Jesus leidet mit uns, wenn wir versucht werden und tritt für uns ein:
Hebr 4,15: Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.“

– Gott rettet aus der Versuchung:
2.Petr 2,9:Der Herr weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten, die Ungerechten aber aufzubewahren für den Tag des Gerichts, um sie zu strafen,“

 

Nun könnte man also sagen:
Dann sind ja die Versuchungen Gottes gut!

Sie können Freude bewirken, können Ehrfurcht wachsen lassen, den Hass auf die Sünde, zeigen uns, wie es im Innersten um uns bestellt ist und können uns sogar stark im Heiligen Geist machen!
Und zudem hilft uns Gott in den Versuchungen!

Wieso dann die Bitte:
„Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Bösen“?

Wie ich oben schon schrieb:
Weil wir Menschen schwach sind. Wir sind fehlbar.

Ja, die Versuchung kann Freude bewirken …. aber wir können auch daneben hauen. Und dann gibt es keine Freude!
Ja, die Versuchung kann uns lehren, die Sünde zu hassen. Aber wir können auch umso mehr an der Sünde kleben!
Ja, die Versuchung kann uns stark im Heiligen Geist machen. Aber wir können es auch versemmeln und sind danach schwächer.

Wir wissen um die Möglichkeit des Fehlschlags.

Deshalb beten wir: Führe uns nicht hinein in die Versuchung (denn ich weiß, dass wir schwach sein können)!

 

Erlöse uns vom Bösen

Wie gut, dass die Bitte im Vater Unser weitergeht:

„Erlöse uns vom Bösen!“

Von dem Bösen, dem Satan!

Von dem Bösen in uns selbst!

Es ist der Ruf nach der vollständigen Erlösung.

Danach, dass Gott umfassend regiert.

Dass Sein Reich endlich völlig durchgekommen ist.

„Dein Reich komme!“

Dann sind Schmerz, Leiden, Satan und Tod endgültig vorbei!