Wenn Gemeinden sterben

Gemeinden sterben

Es ist ein Fakt: Gemeinden sterben.
Beweis: Keine der vom Apostel Paulus vor nahezu 2000 Jahren gegründeten Gemeinden existieren heute noch.

Eine Gemeinde ist ein lebendiger Organismus. Er wird geboren, er hat seine Reifezeit und irgendwann stirbt der Organismus. So ist das Leben eben. Manche Gemeinden werden auf diese Weise nur ein Dutzend Jahre alt, sterben gar im Kindesalter, andere können über hundert Jahre alt werden.
Wie gut ist es, wenn solch ein Organismus fruchtbar ist. Wenn er Kinder bekommt.
(Ich vermute, dass man vieles, was ich hier bedenke, auch auf viele andere Sozialformen beziehen kann)

Fruchtbare Gemeinden

Die „Kinder“ einer Gemeinde können neue Gemeinden sein. Oder kleinere Hausgruppen, die nach dem Tod der lokalen Gemeinden weiter existieren. Und manchmal sind es auch „nur“ die einzelnen „Zellen“, sprich: die einzelnen Menschen, die durch diese Gemeinde geprägt worden sind und sich dann einer anderen Gemeinde anschließen und ihre Prägung dort einbringen.
Traurig ist es allerdings, wenn es keine Nachkommen gibt. Wenn eine Gemeinde tatsächlich aus Altersgründen stirbt und weder eine Gruppe weiterlebt noch ein Gemeindemitglied.
Dann handelt es sich um einen „Gen-Defekt“ oder eine tödliche Krankheit.

Entscheidend für die Fruchtbarkeit einer Gemeinde scheint die geistliche DNS zu sein.

Gemeinde-DNS
Und diese wird in der ersten Zeit der Gemeinde festgesetzt. Im Grunde in der Zeit, in der die Gemeinde noch ungeboren ist: Es gibt weder eine Gottesdienstfeier, noch ein Gemeindehaus oder eine Lobpreisband.
Die einzigen, die schon existieren, sind die einzelnen Zellen, also vielleicht 1-3 Christen, die den Wunsch haben, eine Gemeinde zu gründen.

Ihre erste Zeit ist die entscheidende.
Was sie zu Beginn entscheiden, wird die entstehende Gemeinde ihr Leben lang prägen.
Deshalb ist es am Anfang so relevant, sich Zeit zu nehmen. Hier werden die Weichen für die kommenden Jahrzehnte gestellt!

Die „Vision“ als geistliche DNS

Knackpunkt für die geistliche DNS ist – neben einigen anderen Aspekten – dieser:
Was genau ist die „Vision“ der Gründer?
Ob man es „Vision“, „Leitbild“ oder ganz anders nennt – es geht darum, WARUM diese Gemeinde gegründet werden soll.
Was genau treibt dazu an? Was begeistert?
Je genauer dieses Bild ist (denn mehr als ein Bild ist es ja nicht), desto besser.
Mit Genauigkeit ist nicht zuerst gemeint, welche Lieder man an welchem Sonntag singen will.
Mit Genauigkeit ist solches gemeint: Wo soll die Gemeinde sein? Was wird durch sie erreicht? Mit welchen Menschen wird man hauptsächlich zu tun haben? Was kann die Gemeinde bei diesen Menschen bewegen? Wie können diese Menschen die Gemeinde bereichern? Welchen Einfluss hat die Gemeinde auf ihr Umfeld? Und warum wird das Gründungsteam mit der Gemeindearbeit weitermachen, obwohl die erste Krise alles durchgerüttelt hat?

Diese Vision ist der Kern des Ganzen.
An ihr wird entschieden, wer am Anfang dabei sein wird. Und dabei sein darf. Wer darf und soll diese DNS leben?
An der Vision wird entschieden, wohin welche Ressourcen investiert werden.
Und in Krisenphasen wird anhand der Vision die nächste Entscheidung getroffen.

Wie bekommt man eine solche Vision?
Das ist ein Thema für sich. Klar ist das: Es hängt mit Gebet, göttlicher Inspiration und Fügung sowie den Charakteren der Startmannschaft zusammen.

Je nach Vision und der konsequenten Verfolgung dieser in der ersten Phase der Gründung wird die „Frucht“ sein.

Die fehlende Vision

Ich sehe mindestens zwei Gründe, weshalb eine Gemeinde später auch kinderlos sterben kann:
a) Es gab keine weitreichende und zugleich detaillierte Vision.
Vielleicht ging es einfach nur darum, eine Gemeinde zu gründen. Fertig. Aus.
Mit einer solchen Vision kommt man nicht weit.
Denn wenn die Gemeinde erst einmal gegründet ist, dann kann ein „Visionsloch“ entstehen: eigentlich weiß niemand, warum diese Gemeinde weiterleben soll. Biblisch mag man Argumente anführen. Aber sie klingen in einer solchen Loch-Phase mehr nach „Richtigkeiten“ statt nach lebendiger Überzeugung. Der Sterbeprozess steht vor der Tür, wenn nicht Einschneidendes geschieht.

b) Die Vision wurde nicht gepflegt und nicht angepasst.
Die erste Vision bestimmt zwar die DNS der Gemeinde. Aber so ein Organismus kann von Viren befallen werden und erkranken. Diese Angreifer lauern ständig überall. So kann es sein, dass die DNS zwar da ist – aber sie hat keinen Raum, um gelebt zu werden. Die Folge ist, dass der Organismus eingeht. Deshalb ist es wichtig, die Vision (=DNS) beständig zu pflegen. Das geschieht durch Predigten, Andachten und womöglich am meisten durch das Leben der Vision. Hier sind die Leiter der Gemeinde gefragt. Wie füllen sie die Vision? Geben sie der DNS Lebensraum? Werden die Ressourcen so eingesetzt, damit es der Vision dient? Stehen die Bereichsleiter hinter der Vision? Das muss ganz praktisch werden und kann sich bis hin zur Dekoration eines Gemeindesaals hinziehen.
Immer wieder gibt es dabei Situationen, die neu sind. So neu, dass man sie nicht bedenken und planen konnte. Die Herausforderung für den Organismus ist es, ob er sich der neuen Situation anpassen kann, ohne seine DNS zu verleugnen. Gelingt es dauerhaft nicht, kann der Gemeindekörper sterben.

„Visionskunde“ für die Ausbildung

Zur Zeit habe ich mit mehreren Gemeinden zu tun. Als angestellter Pastor, als Honorarkraft und als Gastprediger.
Als Gastprediger hier und da, ansonsten im Bereich der Freien evangelischen Gemeinde und der Landeskirchlichen Gemeinschaften.
Und tatsächlich geht es bei der Zukunft jeder dieser Gemeinden/Gemeinschaften um eben diesen Kernaspekt:
Was ist die Vision?

Und leider ist auch das zu merken:
Wo die Vision nicht existiert oder nicht nicht gepflegt wird, da schwindet eine Gemeinde.

Das wäre doch mal was:
Wenn Theologiestudenten und Bibelschüler zwei Semester „Visionskunde“ hätten!
Das wäre eines der Themen, die für die Praxis existentiell wichtig sind. Wer weiß, wie unsere Gemeindelandschaft aussehen würde, wenn das gelehrt werden würde!?

Bildquelle: wikipedia – DNS – Seite aufgerufen am 24.02.2018

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Die Gemeinde ist keine Familie!

Hier und da höre ich Folgendes von Christen:
„Wir brauchen mehr Miteinander in der Gemeinde! Wir sind doch eine Familie!“

Biblisch ist das Bild von der Gemeinde als Familie schwer haltbar.
Ja, es ist von „Brüdern“ und „Schwestern“ die Rede. Von Gott, dem Vater.
Aber Gemeinde wird an keiner Stelle ausdrücklich als „Familie“ bezeichnet!

Jetzt schaut mancher in seiner Bibel und sagt:
„Aber doch! Hier steht es in Galater 6,10 und Epheser 2,19!“

Nun übersetzen nicht alle Bibelwissenschaftler die genannten Stellen in Gal 6,10 und Eph 2,19 so.
So z.B. auch nicht die recht genaue Übersetzung der Elberfelder Bibel.

Warum nicht?
Weil im griechischen Grundtext das Wort „Familie“ tatsächlich nicht auftaucht, sondern das Wort „Hausgenossen“.

Und dieses Wort klingt nicht nur anders, sondern hat auch einen anderen Inhalt.

Hausgenossen sind gewiss fast genauso beieinander wie eine Familie.
Und dennoch sind sie nicht so verbunden wie eine Familie.
Die Distanz ist im Allgemeinen größer.

Ich vermute hinter dem Wunsch, dass Gemeinde wie eine Familie sein soll, die Sehnsucht nach mehr Miteinander.
Mehr Zeit miteinander verbringen.
Sich gegenseitig mehr helfen.
Mehr Verbundenheit und weniger Distanz.

Diesen Wunsch haben längst nicht alle Christen.
Ich kenne Christen, die im Alltag so ausgelastet sind, dass die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst das höchste ihrer Gefühle ist. Sie haben bedingt durch ihren Beruf mit so vielen Menschen zu tun, dass ihnen am Wochenende mehr nach „Höhle“ als nach „Familienfeiern“ ist. Wer diesen Christen was Gutes tun will, müsste ihnen öfter mal Mut machen, sich am Samstag/Sonntag tatsächlich mal in die Einsamkeit zurückzuziehen.

So ist der Wunsch nach der Gemeinde-Familie ganz unterschiedlich ausgeprägt.

Woran orientieren wir uns also?
Natürlich am Wort Gottes, der Bibel.

Interessanterweise wird uns in der Bibel nicht vorgegeben, wie oft oder unter welchen Voraussetzungen sich Christen zu treffen haben oder wie toll doch alles zu laufen hat.
Es wird von Bräuchen erzählt (s.a. Apg: zu Beginn trafen sie sich täglich; hingegen scheinen sich andere Christen einmal wöchentlich – am Tag des Herrn – getroffen zu haben; Paulus wiederum hatte zwar ein Missionsteam, aber Kontakt zu lokalen Gemeinden war mitunter wochenlang nicht drin). Es wird aber auch von Konflikten der ersten Christen erzählt (s.a. Apg: die Versorgung der jüdischen und griechischen Witwen; der Betrug durch Ananias und Saphira; Konflikte zwischen Petrus und Paulus oder Paulus und Barnabas).

Natürlich geht es um das Miteinander der Christen. Und es geht auch um Gemeinschaft. Es geht um das gegenseitige Dienen.
Aber hat das täglich zu erfolgen? Oder zweiwöchentlich? Sonntags oder Dienstags? Morgens oder Abends? Zu dritt oder zu zehnt? Im Wohnzimmer oder im Café? Für eine Stunde oder für fünf Stunden? Mit Predigt oder ohne?
All das ist nicht ausdrücklich geregelt.

Denn es geht um die Herzenseinstellung. Diese Einstellung des „Ich bin für Jesus und für dich!“.
Und es geht um den eigentlichen Grund des Zusammenkommens: „Zusammen vor Gott durch Jesus und hinausgesandt in die Welt!“.

Wer das versteht, kann zum eigenen Wunsch nach mehr Gemeinschaft „Ja“ sagen. Es ist ein guter Wunsch.
Der kann aber ebenso „Ja“ sagen zu dem Wunsch des anderen, sich in die Höhle verziehen zu wollen.
So drückt man den eigenen Wunsch nicht dem Gegenüber auf und misst nicht eine ganze Gemeinde am persönlichen Wunsch. Sondern man fängt an, dem anderen zuhörender zu begegnen: Wie stellt sich der andere die Gemeinschaft vor?

Das wäre doch mal eine interessante Unterhaltung!

Warum triffst du dich mit anderen Christen?
Was hilft dir bei den oder durch die Treffen?
Inwiefern kannst du anderen helfen?
Wie kann diese Gemeinschaft den Nachbarn bzw. der Gesellschaft helfen?
Was sind deine zeitlichen und kräftemäßigen Möglichkeiten?
Was sind deine Limits?

Das Ältestenamt in der Bibel – 1.Timotheus 3

Das Ältestenamt / der Ältestendienst ist eine Aufgabe, die es in der Gemeinde zu erfüllen gilt. Dazu werden viele Bücher geschrieben. Es gibt verschiedene Betonungen dieser Aufgabe als „Gemeindeleiter“. Aber die biblischen Texte bleiben natürlich die zentrale Grundlage für das Ältestenamt.
Was sind die Qualifikationen, die ein Ältester erfüllen sollte?
Ein wichtiger Text ist der aus dem 1.Timotheus-Brief, Kapitel 3.
Dazu dieses Video:

Und weil der Satz „Mann einer einzigen Frau“ in 1.Timotheus 3,2b oft für Diskussionen sorgt, empfehle ich die Lektüre dieses kleinen, spontan zusammengehämmerten Papers: Frauen als Älteste? (pdf)

Jesus und das Wesentliche

23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.28 So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“
(Markus 2,23 ff.)

Es gab bei den Juden ein sehr ernstzunehmendes Gesetz:
„Sechs Tage soll man seine Arbeit verrichten, aber den siebten Tag sollt ihr heilig halten, er sei euch ein ganz feierlicher Sabbat für den HERRN. Jeder, der an ihm eine Arbeit verrichtet, muss getötet werden.“
(2.Mose 35,2)

Der Sabbat, bei den Juden der Samstag, sollte ein Ruhetag für alle sein. Für alle! Auch für die Sklaven, Angestellten und das Vieh. Das Arbeiten hat seine Zeit, aber auch die Ruhe. Besonders beachtlich war das vor dem Hintergrund, dass Israel lange in Ägypten gefangen war und Sklavenarbeit verrichten musste. Da handelte es sich sicherlich nicht um eine 40-Stunden-Woche. Aus dieser Bedrückungsmaschine heraus zu kommen und nun wieder einen freien Tag in der Woche zu haben, musste ein Hochgenuss sein. Aber vor allem war es ein Zeichen der Güte Gottes. Gott will nicht, dass wir zu Arbeitstieren werden. Er will uns Erholung geben.
Doch warum erlässt Gott dann so ein scharfes Strafgesetz? Wer am Sabbat Arbeit verrichtet, soll getötet werden?
Das wird in der Bibel nicht direkt erklärt, daher bleiben uns nur Spekulationen.
Lag es daran, dass man nicht gegen Gebote des heiligen Gottes verstoßen sollte? Sozusagen das: Wer sich gegen den Herrscher stellt, ist ein Rebell und nicht mehr lebenswürdig?
Lag es daran, dass wir Menschen es nicht anders kapieren und deshalb drastische Maßnahmen nötig sind?
Oder lag es daran, dass deutlich werden musste: Wer sich von den lebensstiftenden Weisungen Gottes entfernt, der entfernt sich vom Leben und gelangt in den Tod?
Wie auch immer… vermutlich kam es extrem selten vor, dass tatsächlich jemand wegen der Nichteinhaltung des Gebotes getötet wurde.
Eine Vermutung, die ich habe, ist die: Der Begriff „Arbeit“ muss im Kontrast zur Sklaverei in Ägypten gesehen werden. D.h. bei der „Arbeit“ ging es nicht darum, mal etwas Geschirr abzuwaschen oder das Kissen ordentlich hinzulegen. Sondern „Arbeit“ bezeichnete möglicherweise den Zwang zum Arbeiten. Wer also gezwungen war oder gezwungen wurde, am Sabbat zu arbeiten, wiederholte damit die Sklaverei aus Ägypten und verneinte damit die Freiheit und das Leben durch Gott.
Auf jeden Fall handelte es sich ein Gebot, mit dem nicht zu spaßen war.

Die Pharisäer sahen nun, wie die Leute von Jesus am Sabbat Ähren von einem Feld pflückten. Moment mal! Ähren pflücken = handwerkliche Tätigkeit = Arbeit! Und das am Sabbat!!! Diese Jesus-Leute sind des Todes würdig! Und dieser Jesus will Rabbi sein!? Sieht er das nicht? Warum lässt er es zu? Kennt er die Schriften nicht? Wie kann er sich so gegen Gott und seine Gebote stellen!?
So jemand kann nicht wirklich gottesfürchtig sein!

Wir kennen diese Gedankengänge nur zu gut!
Einerseits aus christlicher Sicht: Der Christ XY spielt gerne Computer und liest kaum in der Bibel…na, dessen Leben mit Gott ist offensichtlich auf Null-Niveau! Diese Christin hat beim Beten die Hände in den Hosentaschen… die hat offensichtlich keine Ehrfurcht vor Gott!
Welche Beispiele fallen dir noch ein?
Andererseits aus nicht-christlicher Sicht: Der Christ hat kein Geschenk gemacht, ist offensichtlich geizig… und der will Christ sein!? Diese Christin hat sich irgendwie rausgeredet, dabei wissen alle, dass sie mit drin steckt… und die will Christin sein!?

Wir sehen das Äußere und ziehen unsere Schlussfolgerungen. Ganz normal. Aber leider oft einseitig und mitunter auch verurteilend.

Jesus aber ist sich durchaus bewusst, was hier geschieht.
Und so verweist er auf eine jahrhundertealte Begebenheit: Als der König David auf der Flucht war und seine Leute Hunger hatten, nahmen sie sich mit Erlaubnis des Priesters die alten Schaubrote (1.Samuel 21,7). Diese Schaubrote waren ursprünglich für die Priester gedacht und nicht für Normal-Sterbliche. Aber da die Schaubrote alt waren und die neuen hingestellt wurden und es der Priester sogar erlaubte, füllten Davids Leute ihre Mägen mit den Priesterbroten.
In der Bibel wird nicht berichtet, wie Gott das fand. Auf jeden Fall gab es dafür keine Strafe. Klar, es war eine absolute Besonderheit. Aber irgendwie war es auch richtig. Die Schaubrote hatten keinen Selbstzweck. Sie waren für die Menschen – die Priester – da.

Jesus macht deutlich, dass also auch der Sabbat für den Menschen da ist und nicht umgekehrt. Gottes Weisungen sollen uns zum Leben helfen und nicht knechten! Diese „Leitplanken“ Gottes sind Schutzplanken, aber keine Planken, mit denen man andere verkloppen soll! Die Schaubrote bei David waren alt und man hätte sie entsorgt. Warum dann nicht den Hungrigen geben? Und das Sabbatgesetz verbot auch nicht, dass sich Hungrige sättigen dürfen!
Hätten die Pharisäer ihre Rechtgläubigkeit beweisen wollen, hätten sie den Jesus-Leuten etwas zu essen geben müssen, statt zu meckern.

Schließlich sagt Jesus: Der Menschensohn (ein Titel für den Messias!) ist Herr über den Sabbat!
Damit zieht er eine Parallele zum Priester, der es David gestattete, die Schaubrote zu essen. Jesus ist wie dieser Priester. Wenn er sagt, dass es okay ist, am Sabbat Ähren zu raufen, um sich zu sättigen, dann ist das eben okay.

Jesus bringt die Sachen auf den Punkt.
Auch wir haben das immer wieder zu lernen, das Wesentliche zu sehen. Unsere Vereinssatzungen, unsere Familienregeln, unsere Staatsgesetze, unsere Liturgien, Erfahrungssätze und unsere Traditionen dürfen nie zu Regeln werden, die die Menschen knechten. Sie sollen stattdessen dem Leben helfen und es schützen und fördern. Es darf dabei keinen Selbstzweck der Regeln geben. Sobald das der Fall ist, müssen wir nach dem Wesentlichen dahinter fragen und die Regeln im Zweifel auf die Müllhalde werfen.

Hinfort mit den Traditionen! Jetzt ist Jesus da!

18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht?19 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.20 Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.21 Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger.22 Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man soll neuen Wein in neue Schläuche füllen.“
(Markus 2,18 ff.)

Die Juden fasteten nicht, um endlich mal ein paar Kilo loszuwerden. Es war ein religiöses Fasten. Manche meinten, dadurch Gott näher zu kommen oder gar, ein paar Pluspunkte mehr von Gott einzuheimsen. Das Fasten war ein Ausdruck von „Ich meine es wirklich ernst mit Gott!“ Und in einer religiös geprägten Kultur gehörte das Fasten zum Standard. Nur die Sünder und Heiden fraßen und soffen. Aber die Frommen übten sich in Mäßigung und im Verzicht.
So viel anders ist das bei uns Christen auch nicht immer. Manche kommen zur Gottesdienstfeier, weil Gott ja sonst traurig über sie sei. Oder zumindest deswegen, damit andere nicht denken, man sei vom Glauben abgefallen. Andere sprechen lange und wohlfeile Gebete, was die Zuhörer wahlweise langweilt oder beeindruckt. Doch nicht immer geht in diesen Gebeten wirklich um Gott, sondern darum, dass jemand sein gesamtes Bibel-Wissen präsentiert. Andere ackern in der Gemeinde mit, weil sie dadurch endlich mal Anerkennung von Menschen bekommen… und vielleicht sogar von Gott. Nichts gegen Anerkennung! Aber so viel anders als das religiöse Fasten der meisten Juden zur Zeit Jesu ist das nicht.
Stell dir vor, es gehört zum guten Ton in deiner Gemeinde, dass man zum wöchentlichen Bibelkreis geht. Wer dabei ist, der muss ein Frommer sein! Wer nicht dabei ist, der gerät in Verdacht, es mit Gott nicht ganz so ernst zu nehmen.
Und nun kommt da eine neue Gruppe von Christen vorbei. Sie gehen NICHT zum Bibelkreis! Und sie haben auch sonst keinen Hauskreis! Sie latschen einfach in der Gegend rum. Da kann doch was nicht stimmen!
So sind auch die Jünger von Jesus aufgefallen: das sind welche, die nicht fasten!!!

Irgendwie war es ja auch ein dezenter Vorwurf an Jesus selbst: „Jesus, checkst du noch, was da in deinem Team abgeht? Ihr wollt gottesfürchtig sein und dann bekommt ihr noch nicht einmal das Fasten hin!?“

Mit was für einer Antwort rechnet man da?
„Ja, tut mir leid, ich würde ja gerne, aber die Zeit…“
Oder:
„Du hast völlig Recht, allerdings sind wir erst noch am Anfang des Glaubens und haben noch so viel zu lernen!“
Oder:
„Also, nach meiner theologischen Überzeugung müssen wir die Bibelverse zum Thema ‚Fasten‘ ganz anders deuten!“

Jesus entschuldigt sich nicht. Er sucht nicht einen Kompromiss, damit die Fragenden zufrieden sind. Ihm geht es nicht um ein theologisches Scharmützel. Stattdessen verweist er auf sich!
„Wie kann man fasten, wenn der König der Könige anwesend ist?! Wie kann man fasten, wenn der Sohn Gottes präsent ist!? Wie kann man fasten, wenn die ersten Snacks zur Hochzeitsfeier gereicht werden!? Wie kann man fasten, wenn der Bräutigam da ist!?“
Als wäre irgendein Starkoch da und er brutzelt was Leckeres in der Küche zusammen… fasten? Niemals!
Dabei lehnt Jesus das Fasten nicht ab. Natürlich hat das Fasten einen tief-geistlichen Aspekt. Aber es gibt halt eine Zeit des Feierns und eine Zeit des Verzichts. Die Zeit des Fastens wird schon noch kommen. Keine Bange! Doch jetzt wird gefeiert!

Jesus macht das Feiern und Fasten von seiner Person abhängig.
Das heißt: es geht beim Fasten nicht darum, religiöse Gesetze zu erfüllen. Es geht nicht um das Sammeln von Pluspunkten oder das Beeindrucken von Menschen. Das Fasten ist personenbezogen. Wenn der „Bräutigam“ da ist, wird gefeiert. Ist er weg, dann wird gefastet. Warum? Im ersten Fall ist Freude da. Endlich ist der Bräutigam zugegen! Im zweiten Fall ist Trauer da. Der Bräutigam ist wieder weg.
Der Vergleich mag nicht völlig passend sein, aber hoffentlich wird das Denken dahinter verständlicher:
Wenn jemand verliebt ist, dann ist es wunderschön, mit dem Subjekt der Liebe zusammen zu sein. Jedes Eis schmeckt gleich doppelt so gut. Wenn aber der Partner für ein paar Tage weg muss, geht’s der Verliebten hundeelend. Tag und Nacht denkt sie an den Holden. Nichts macht mehr Spaß. Selbst das Essen schmeckt fade. Sie kriegt keinen Bissen runter.
Hier geht es nicht um die Frage, ob man Fasten MUSS. Es geht auch nicht darum, dass man Fasten sollte. Jesus macht klar: das Fasten wird meinen Leuten von alleine wichtig werden, wenn er weg ist. Da braucht es keine Vorschrift. Weil sie an Jesus hängen, wird es eine Zeit geben, in der sie keinen Bissen runter bekommen, weil er weggenommen wurde.
Wer weiß, wie unsere Gemeinden ticken würden, wenn wir uns nicht um Normen und sozialen Druck kümmern würden, sondern alle unsere Aktionen von Jesus abhängig machen würden?!

Damit die Fragenden noch mehr zum Nachdenken haben, bringt Jesus schließlich den Vergleich vom neuen Stoff auf altem Kleid bzw. von neuem Wein in alten Schläuchen. So oder so: das Kleid / der Weinschlauch würden kaputt gehen und das Neue wäre auch dahin.
Besser ist es, den neuen Stoff auch auf neuen Stoff zu nähen und den neuen Wein auch in neue Weinschläuche zu füllen.
Manche Zuhörer mögen gedacht haben: „Hä?“
Inhaltlich wirkt der Vergleich im Kontext der Bräutigamsanwesenheit wie ein gedanklicher Sprung. Dabei macht Jesus nur das deutlich: Wenn der Bräutigam da ist, dann hat etwas Neues begonnen. Und das Neue wäre nicht wirklich neu, wenn man es in das Alte reinpressen würde. Das Neue muss auch neu und anders gelebt werden. Die alten Konventionen gelten nicht mehr. Lasse dich auf das völlig Andere ein! Hier wird nicht nur eine Weiche anders gestellt. Hier verlässt man die Schienen und steigt in den Hubschrauber!

So ist das Leben mit Jesus: Alles Alte zählt nicht mehr. ALLES Alte! Es beginnt ein neues Leben mit Jesus.
Das Alte sind unsere Erfahrungen, unsere Werte, unsere Beziehungen, unsere Sachen… unser gesamtes Leben. Das heißt nicht, dass diese Dinge immer schlecht waren. Aber sie sind wie ein altes Kleid. Es hat seine Zeit und seinen Stellenwert. Doch, wer mit Jesus unterwegs sein will, für den beginnt eine neue Zeitrechnung. Das Alte kann nicht rübergerettet werden. Stattdessen geht es nur darum, in der Beziehung zu Jesus zu sein. Und die Beziehung zu Jesus ist NICHT die Beziehung zur Gemeindetradition. Es ist nicht die Beziehung zum Pastor. Es ist nicht die Beziehung zu einer Bibelauslegungsmethode oder dem besten Gemeindewachstumsmodell. All das ist zweitrangig oder vielleicht sogar egal. Es geht nur um die Beziehung zu Jesus. Das Neue folgt dieser Beziehung. Meine Beziehung zur Gemeinde, zur Gesellschaft, zu Traditionen, zum Bibelwissen usw… wird nun alleine durch Jesus definiert. Ich bin nicht Teil einer Gemeinde, weil die Gemeinde so großartig ist, sondern weil Jesus mich da haben will. Ich sammle Bibelwissen nicht, um Bibelwissen zu haben, sondern um mehr von Jesus zu entdecken. Ich entwickle die Beziehungen zu den anderen nicht, weil sie alle so fein und toll sind, sondern weil Jesus will, dass ich Beziehung zu ihnen habe.
Alles wird neu.

Jesus und die Mafia

13 Und er ging wieder hinaus an den See; und alles Volk kam zu ihm und er lehrte sie.14 Und als er vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.15 Und es begab sich, dass er zu Tisch saß in seinem Hause, da setzten sich viele Zöllner und Sünder zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern; denn es waren viele, die ihm nachfolgten.16 Und als die Schriftgelehrten unter den Pharisäern sahen, dass er mit den Sündern und Zöllnern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Isst er mit den Zöllnern und Sündern?17 Als das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ (Markus 2,13 ff.)

Sitzt Jesus in seinem eigenen Haus oder im Haus des Zöllners Levi? Ich weiß es nicht. Aber es gibt ja auch viel wichtigere Abläufe in dieser Geschichte. Jesus ist mal wieder draußen. Am See.
Das ist wirklich eines der herausragenden Kennzeichen Jesu: statt sich irgendwo auf Dauer einzurichten, ist er mal hier und mal dort. Er sagte, dass er gesandt wurde von seinem Vater. Und so verhält er sich auch: er lässt sich senden, d.h. er geht.
Immer wieder erstaunt es mich – und manchmal staune ich auch über mich selbst – dass wir uns als Kirche und Christen oft ganz anders verhalten. Man muss sich vorstellen, dass Jesus zu uns sagte: „Friede euch! Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende ich auch euch.“ (Johannes 20,21). Gleiches spricht er in Matthäus 28,18 ff. oder in der Apostelgeschichte 1,8. Doch statt es Jesus gleichzutun, suchen wir lieber nach dem EINEN Standort, wo wir unsere Kirchengebäude bauen können. Wir gehen nicht. Wir bleiben sitzen. Und wir sind schon zufrieden mit uns, wenn wir es dann doch mal gewagt haben, unseren Nachbarn anzusprechen. Dann aber schnell wieder in den persönlichen Kirchentempel flüchten!

Ich will nicht Schwarz-Weiß malen. Allerdings sind wir oftmals zu sehr davon geprägt, eine Gemeinde aufzubauen statt eine Bewegung zu starten. Wir beschäftigen uns viel mit den inneren Angelegenheit der Christenheit statt uns mit den Angelegenheiten der Menschen um uns herum zu beschäftigen. Und dann wundern wir uns, weshalb unser Christsein für andere Menschen irrelevant ist! Wir meinen, dass es doch genügen würde, einfach ein netter Mensch zu sein. Die Leute würden schon merken, wie heilig und gott-geliebt wir sind. Doof nur, dass es auch viele Heiden gibt, die mindestens genauso nett sein können.
Es gibt auch Christen, die meinen, in dieser Gesellschaft ihre moralische Fahne hochhalten zu müssen und darüber würde man unseren Glauben endlich ernst nehmen. Nix gegen vereinzelten Protest gegen schieflaufende soziale und ethische Entwicklungen, doch doof nur, wenn wir Christen dann auch als Moralapostel abgestempelt werden. Das zieht nicht. Das hält Menschen fern! Und doppelt doof, dass Jesus, unser Herr, das völlig anders gelebt hat!
Naja, nicht wirklich doof, höchstens doof für uns Christen und echt schade für diese Welt, aber eigentlich ist das ja genau richtig, was Jesus da tut. Er geht von Ort zu Ort, um in der Nähe der Menschen zu sein. Das ist das Erste.

Und für uns entsteht die Frage: Sind wir eine gehende Gemeinde? Gehen wir zu den Menschen oder beten dafür, dass alle zu uns kommen, während wir brav im stillen Kämmerlein warten… und wehe, es kommt dann jemand rein, der unsere Gottesdienstabläufe stört! Der muss dann erstmal unsere christliche Subkultur verstehen lernen.
Ich glaube, dass wir das Gehen einüben können und müssen. Man kann Spaziergänge im Kiez machen und dabei laut oder leise beten. Das laute Beten ist gar nicht so tragisch, da heutzutage sowieso alle mit einem Stöpsel im Ohr herumrennen und mit unsichtbaren Gestalten sprechen. Man kann den Bibelkreis in der Kneipe haben statt im heiligen Gemeinderaum. Man kann Gottesdienstfeiern auch draußen haben. Man kann im Park picknicken. Man kann auch einfach so durch die Stadt schlendern und gespannt sein, was man dann so sehen wird. Wichtig ist nur, dass man wirklich hinsieht und hinhört und sich nicht auf den Handybildschirm konzentriert, um sich dann zu beschweren, dass mal wieder nichts passiert sei.

Aber es ist nicht nur das Gehen an sich. Auch unsere Einstellung ist relevant. Denn warum war Jesus ein Gehender? Der berühmt-berüchtigte Vers im Johannes-Evangelium 3,16 gibt dazu Antwort: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ Kurzum: Gottes Liebe trieb Jesus an! Das Hingehen zu den Menschen war kein Selbstzweck. Es ging darum, die Liebe Gottes zu offenbaren und die Menschen zu retten vor dem Sich-Kaputtmachen und dem gegenseitigen Zerstören und zu retten vor der ewigen Gottesferne. Jesus hatte eine Mission.

Es ist so cool, dass er dabei eben nicht den Moralapostel spielte. Er versuchte auch nicht, besonders lieb zu sein, damit alle denken: „Wer so lieb ist, der muss Gottes Sohn sein!“ Seine Liebe wurde praktisch. Er heilte und befreite. Er vergab Schuld. Einfach so, ohne Gegenleistung und ohne religiösen Schnick-Schnack. Und er hatte besonders ein Herz für die Kaputten, die Kranken, die Sünder. Jesus ist nicht gekommen, um die Gesunden noch gesünder zu machen. Nein, fromme Wellness ist nicht angesagt.

Jesus ist gekommen, um die Menschen, die wirkliche Arschlöcher sind, zu gesunden Menschen zu machen. Das Wort „Arschloch“ ist natürlich sehr derb. Steht so nicht in der Bibel. Aber möglicherweise haben das etliche Menschen gedacht, wenn sie mit einem Zöllner wie Levi zu tun hatten. Zöllner waren als Berufsklasse verschrien. Wie heutige geldgierige Manager, die eine ganze Firma und die Wirtschaft noch dazu in den Sand fahren und trotzdem eine gigantische Abfindung kassieren… nur alles viel direkter und offensichtlicher. Die Zöllner waren Landsleute der Juden, also welche von uns. Aber sie kooperierten mit der brutalen Besatzungsmacht der Römer. Erster Fehler. Dann nahmen sie Wegezoll von ihren Landsleuten. Die eigenen Leute abkassieren – zweiter Fehler. Weiterhin nahmen die Zöllner nicht den nötigsten Zoll, sondern steckten sich gerne ein paar Portionen mehr ein, um sich davon ein eigenes Haus zu finanzieren. Dritter Fehler. Stell dir vor, du ackerst und ackerst, um einigermaßen über die Runden zu kommen und dann hockt da so ein Verräter, der nur die Hand aufhält und davon in Saus und Braus lebt! Wie denkt man über so einen Menschen? Mancher würde vielleicht denken: „Das finde ich aber gar nicht nett von dir!“ Und andere würden denken: „Arschloch!“ Solche Typen sind wie die Mafia: böse und strukturiert. Mit denen will man nichts zu tun haben. Da sagt man zu seinen Kindern: „Guck da nicht hin!“

Tja, und der letztlich größte Fehler war, dass diese Typen nicht an Gott glaubten. Denn hätten sie an Gott geglaubt, dann hätten sie nicht systematisch betrogen und andere ausgenutzt…oder? Kann man das so sagen? Ist es so, wer an Gott glaubt, der nutzt andere nicht aus? Weit gefehlt! Natürlich tun Gottgläubige das auch! Wir kaufen Klamotten, die in Asien produziert werden, wo Menschen ihre Gesundheit und ihr Leben einsetzen, damit unsere Jeans und T-Shirts nicht doppelt so viel kosten müssen. Familien werden zerrissen, weil die Eltern ständig schuften müssen und ihre Kinder vielleicht das letzte Mal bei der Geburt gesehen haben. Wir kaufen Kaffee, der hoffentlich preiswert ist und der von Menschen erarbeitet wurde, die ebenso dafür kaputt gehen. Ähnliches könnte man vom Reisanbau und Teeanbau sagen. Wenn wir das nun auf unsere Schöpfung erweitern, dann entdecken wir, wie wir systematisch Massentierhaltung betreiben, wo Tiere unter übelsten Bedingungen gefoltert werden, damit wir billige Salami oder günstige Eier für den Kuchen haben. Wir sehen es nicht, weil es so weit weg ist. Aber das ändert nichts daran, dass wir voll drinstecken, das System für uns arbeiten lassen und davon profitieren.

Was sind die Antworten von uns Christen dazu? Bitte nicht missverstehen! Ich habe wenig übrig für bloßen Aktionismus oder ein verkürztes Sozial-Evangelium. Aber ich habe auch nichts übrig für eine verkürzte Lesart der Bibel, in der immerhin steht, dass wir uns um die Schöpfung kümmern sollen und für Recht und Gerechtigkeit eintreten sollen. Ein Christ, der viel Bibel liest und immerzu betet, aber bei Ungerechtigkeiten nichts sagt, der ist wie eine richtig schmucke Grabhöhle: sieht alles toll aus, aber Innen stinkt es nach Verwesung.

Nun gut, Jesus war auch nicht auf einer Montagsdemo oder hat Slogans für Fairtrade-Artikel entwickelt. Er schaute auf die Quelle des Übels: auf unser Herz. Jesus sagte, dass das Böse aus uns selbst heraus kommt! Wir selbst sind die Lügner und Betrüger. Wir sind die Kaputten und Kranken. Wir sind die Unfähigen und Schmarotzer. Bei manchen ist offensichtlich, wie zum Beispiel bei Levi, dem Zöllner. Und bei anderen ist es versteckter, wie bei den gebildeten Schriftgelehrten. Aber letztlich ist keiner von denen gut. Niemand liebt so, wie man es tun sollte. Immer kommt da der Neid hoch oder der Geiz. Das Machtstreben und der Stolz. Die Unversöhnlichkeit und die Bitterkeit. Wir sind die Zöllner und Sünder. Und solange unser Herz im Rhythmus des Sünderdaseins tickt, solange machen bloße äußere Veränderung wenig Sinn. Sie machen die Grabhöhle nur bunter, aber lebendig wird’s dadurch nicht.

Deshalb wollte Jesus genau zu solchen Typen wie Levi. Und er und viele andere Betrüger haben das kapiert: der hält uns keine Moralpredigt. Der sitzt mit uns zusammen, isst und trinkt mit uns. Der lässt sich auf uns ein und stempelt uns nicht ab. Der versteht mich. Der kennt meine Zerrissenheit. Der weiß um meine Gier und quatscht trotzdem mit mir. Und Jesus suchte diese Leute, um sie zu lieben. Durch diese Liebe fassten sie Vertrauen. Und durch das Vertrauen öffneten sie sich gegenüber Jesus und verstanden mehr und mehr, was er wollte. Levi raffte das, dass er bei Jesus eine neue Chance haben würde. Levi spürte, dass ihn das Geld und die Macht nicht wirklich befriedigten. Sie schrien immer nur: „Mehr!“ Aber bei Jesus merkte er, dass er Frieden bekommt. So eine innere Ruhe, die das Rufen seiner Gier verstummen ließ. Wahrscheinlich konnte er es kaum in Worte fassen, aber möglicherweise empfand er das erste Mal in seinem Leben Sinn. Es machte Sinn bei Jesus zu sein und ihm zu folgen. Es machte Sinn, dem Herzensveränderer nachzugehen und von ihm zu lernen.
Es machte Sinn, jemand zu sein, der diese Welt ganz anders revolutionierte als es die Machthaber oder korangläubige Moslems tun: nicht mit Waffen und Gewalt, sondern mit Wort und Geist. Mit Gotteskraft und in Liebe zu Gott und den Menschen.

Echt schade, dass die meisten Schriftgelehrten das nicht durchschauten. Was wäre das für eine Welt, wenn die Gebildeten wirklich weise wären! Was wäre das für eine Welt, in der wir Christen so lebten wie Jesus es tat! Und Gott sei Dank, dass es tatsächlich Christen gibt, die bereits gehen und Jesus folgen!

Jesus entsetzt

Bibeltext: Markus 2,1 ff. (hier klicken, um den Text zu lesen)

Man kann sagen, dass Jesus mittlerweile eine gewisse Berühmtheit rund um Kapernaum erlangt hat. Kaum ist er wieder „in da hood“, strömen die Menschen zu ihm. Warum kommen die Leute? Sie sehen bei Jesus brilliante Aussagen, die in das Herz gehen und sie sehen bei Jesus die Heilungen und Befreiungen. Der ganze Mensch ist betroffen. Bei Jesus gibt es weder nur Gehirnfutter mit keinerlei Praxisrelevanz, noch gibt es bei Jesus eine göttliche Magieshow, die das Herz nicht verändert. Hier gibt es Gehirn- und Herzfutter und zugleich ein körperliches Verändertwerden. Alles verändert sich, wenn Jesus da ist. Für den Gelähmten in dieser Geschichte verändert sich das ganze Leben radikal: eben noch gelähmt, total abhängig von der Gnade anderer – und jetzt geheilt und jemand, der diese Gnade Jesu weitergeben kann. Sogar für manche skeptische Schriftgelehrte verändert sich das Leben: sie werden bockiger. Sie machen ihr Herz zu. Sie wollen einfach nicht wahrhaben, dass sie es bei Jesus mit dem erwarteten Messias zu tun haben. Der muss doch anders aussehen! Viel glanzvoller, viel mächtiger… und nicht so einfach gekleidet, ohne Armee und ohne politischen Einfluss.
Bei Jesus verändern sich Menschen: sie werden entweder zu Jesus-Nachfolgern und damit gnädiger oder sie werden zu Jesus-Gegner und damit zynischer.

Der Gelähmte in dieser Geschichte kann natürlich nicht alleine zu Jesus. Er braucht Hilfe. Vier Leute tragen ihn. Wir wissen nicht, ob das seine Freunde waren, seine Verwandten, Leute aus dem Skat-Verein oder einfach nur Leute, die sein Jammern gehört haben und sich erbarmt haben. Alleine das ist eine schöne Szene: die Menschen helfen sich gegenseitig, damit einer zu Jesus kommen kann. Manche sagen auch, dass dieses Bild zeigt, dass es immer vier Gesunde braucht, um einen Kranken zu „tragen“. Vier Starke in einem Team, um einen Schwachen mitzunehmen. Darin liegt viel Wahres. Aber zugleich stimmt auch das: Ohne den Gelähmten wären die Gesunden vielleicht nie zu Jesus gegangen. Und selbst wenn, dann hätten sie womöglich nicht das erfahren, was dann geschah. Könnte es sein, dass auch wir „Gesunden“ die „Kranken“ brauchen? Damit will ich nicht Krankheit verherrlichen. Jesus heilt die Kranken. Alleine das klärt schon, wie Gott Krankheit sieht: als etwas, das weg soll! Und dennoch könnte es sein, dass wir an dieser Geschichte merken, dass es nicht um DIE Gesunden auf der einen Seite geht und DIE Kranken auf der anderen Seite. Es geht um das Miteinander. Das Zusammensein. So wie sich die Gesunden für den Gelähmten einsetzen, so kommen sie dadurch in einen gesegneten Erfahrungsbereich, den sie ohne den Kranken nicht erlebt hätten. Und in diesem Miteinander erfahren sie das Heil.

Jesus erkennt sofort, wie diese fünf Leute ticken: „Als nun Jesus ihren Glauben sah…“
Er sieht den Glauben des Teams! Nicht die Glaubensleistung des Gelähmten ist das Ausschlaggebende, sondern das gemeinsame Vertrauen zählt. Woran erkennt Jesus dieses Vertrauen? Es besteht nicht darin, dass sich dieses Team im Kreis hingesetzt hat, sich an die Hände gefasst hat und sich dann gegenseitig versichert hat, wie stark der eigene Glaube sei. Das Vertrauen besteht darin, dass sich das Team wirklich aufmacht! Glaube führt immer zur Tat. Deshalb ist ein Glaube ohne Taten ein toter Glaube.

Das Erste, was Jesus tut, ist, dem Gelähmten die Schuld zu vergeben.
Na, toll! Deshalb der ganze Aufwand? Stell dir vor, du zertrümmerst eine Tür, weil du weißt, dass hinter dieser Tür der weltberühmte Krebsheiler eine kleine Rede hält. Jeder weiß: dieser Krebsheiler kann dank des neuesten Medikaments innerhalb von wenigen Tagen vom Krebs befreien. Und weil dein Krebs im Endstadium ist, ist dieser Mann mit seiner Medizin die letzte Hoffnung. Koste es, was es wolle: hin da – auch, wenn man Türen eintreten muss! Und jetzt hast du es geschafft. Alle gucken dich entsetzt an. „Der hat die Tür kaputt gemacht!“ Aber der Krebsheiler kennt Leute wie dich. Er weiß, welche Hoffnung dich treibt. Er geht auf dich zu und sagt: „Wird schon!“
Ganz klasse, oder? Du willst keine billige Vertröstung, sondern Heilung!

Ob sich der Gelähmte so gefühlt hat, wissen wir nicht. Aber ich gehe davon aus, dass Jesus in das Innerste dieses Mannes blickte. Er wusste, was den Mann wirklich quält. Und das war seine Schuld. War er ein Mörder gewesen? Ein Dieb? Jemand, der anderen viel Unrecht zugefügt hat und nun seit Jahren Gewissensbisse hat und sie nicht los wird? Oder ist es einer, der Gott geflucht hat? Jemand, der meinte, dass Gott tot sei und sich damit total klug gefühlt hat, aber eigentlich in seiner Seele zerrissen war? Wie auch immer: Jesus spricht Vergebung zu. Einfach so. Wir lesen nichts von einem Bußgebet des Mannes. Nichts von zehn Ave Maria. Nichts davon, dass der Mann irgendwas geleistet hätte, was irgendwie religiös war. Nix. Das Einzige, was er tat, war, vor Jesus zu liegen. Denn er konnte ja sonst nichts anderes machen. Nur liegen. Passiv. Unfähig. Kaputt. Und Jesus spricht Vergebung zu.
Ich finde das genial. Absolut stark. Denn genau das offenbart das Wesen der Vergebung: Vergebung ist ein Geschenk. Unverdient. Reine Gnade. Aber eine garantierte Gnade, wenn man zu Jesus will. Wer auch immer in der Nähe Jesu ist und seine Hilfe sucht, bekommt diese Gnade und Vergebung. Einfach so. Und damit heilt Jesus das Innere dieses Menschen. Seine Gottesbeziehung kann wieder aufblühen, weil er nun weiß, dass Gott ihn annimmt.

Verständlicherweise denken die Schriftgelehrten: „Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“
Das ist verständlich, wenn man sich überlegt, was hier passiert. Da ist einer, der einem völlig Unbekannten Vergebung zuspricht. Also, wenn die sich gekannt hätten und der eine tritt dem anderen auf den Fuß, woraufhin dieser sagt: „Kann mal passieren. Ich verzeihe dir!“, dann wäre das nachvollziehbar. Aber hier geschieht ja eher das Folgende: Jemand tritt einem anderen auf den Fuß. Da kommt ein Dritter an und sagt zu dem Fußtreter: „Ich vergebe dir!“
Wie anmaßend! Dieser Dritte hatte doch gar nichts mit dem Konflikt zu tun! Was mischt der sich ein!? Selbst, wenn wir nicht religiös wären, würde uns eine solche Begebenheit irritieren. Doch für fromme Juden war das Gotteslästerung! Eine solche Handlung der Vergebug darf nur Gott vornehmen!
Tatsächlich wäre das von Jesus falsch gewesen, WENN er nicht Gottes Sohn wäre! Aber da er gottgleich ist, kann und darf er diese Vergebung zusprechen! An dieser Stelle in der Bibel entdecken wir also einen indirekten Anspruch Jesu, gottgleich zu sein.

Jesus spürt, was in seinen Kritikern vor sich geht. Jetzt hätte er diskutieren können. Oder himmlische Zornesblitze senden können. Oder um Verzeihung bitten können, für dieses offensive Vorgehen. Man will ja keine religiösen Empfindungen stören, oder?
Stattdessen erweist Jesus seine Macht: Er heilt den Gelähmten.
Das ist eine Demonstration seiner Liebe und Kraft. Das zeigt auch, dass Jesus den ganzen Menschen sieht: das Innerste und das Äußere. Der Mensch, der zugleich Vergebung als auch Heilung braucht. Und in diesem Ganzen steckt der umfassende Friede, den Gott gibt: Shalom.
Jesus spricht nur ein paar Worte aus: „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“
Es ist wie mit dem Schöpfungsgeschehen: Gott spricht – und es wird!
Jesus spricht – und die Heilung ist da!
Bei Gott sind Worte nicht nur Schall und Rauch. Da hat jedes Wort verändernde Kraft.

Ich finde es stark, dass Jesus das Helferteam nicht wegen der kaputten Zimmerdecke tadelt. Stattdessen sieht er den Glauben der Leute.
Jesus kuriert nicht nur Symptome. Er heilt zuerst da, wo es am Nötigsten ist. Und ganz oft heißt das dann: Vergebung! Wir wünschen uns vielleicht Heilung für bestimmte Schmerzen. Aber was wäre, wenn der eigentliche Grund ganz woanders liegt und Gott erstmal an anderer Stelle heilen will, weil er weiß, dass es dort nötiger ist?
Jesus macht nicht nur Sprüche. Er offenbart auch, dass seine Gnade dem ganzen Menschen gilt. So macht er den Gelähmten körperlich heil.
Jesus achtet nicht auf religiöse Befindlichkeiten. Aber es geht ihm auch nicht um das bloße Anti-Sein. Ihm geht es immer um die Liebe. Deshalb ist es ihm wichtiger, den Gelähmten zu heilen statt die religiösen Vorstellungen der Schriftgelehrten zu erfüllen.

Warum er den Geheilten dann nach Hause schickt, erschließt sich mir nicht. Vielleicht soll der Mann einfach seine Ruhe haben und nicht im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen. Vielleicht sollen seine Nachbarn sehen, was Gott getan hat. Vielleicht ist das auch nur effektiv gedacht: Es ist eh voll im Haus, da sind noch viele, die Heilung wollen…na, und wenn du heil geworden bist, dann gehe doch wieder zurück in dein Leben, deinen Alltag, in dein Umfeld! Aber nun eben geheilt!

Alles eine krasse Action!
„…sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.“