Der Rummel ist im Dorf… und das wahre Dorfleben

Rummelzeiten

Im Gemeindeleben gibt es immer wieder Rummelzeiten.
Zum Beispiel, wenn sich eine Gemeinde dazu entschließt, mal ein Event für die Nachbarschaft zu machen.
Dann bereitet man sich vor, investiert Kraft und Geld und lädt ein. Der Tag der Tage kommt und man hofft, dass dadurch viel Gutes geschieht.
Und dann?
Zumeist reflektiert man nüchtern: „War alles anstrengend und vielleicht stehen Aufwand und Nutzen nicht im Verhältnis…“
Allerdings kommt dann die Beruhigungspille: „Aber Gott kann trotzdem mehr daraus machen! Und wenn es auch nur einem Menschen genutzt hat, dann hat es sich schon gelohnt!“
Alle nicken, versuchen zu lächeln und hoffen ebenso.

Der Rummel, der in ein Dorf kommt, ist dort wirklich eine Attraktion. Endlich ist mal was los!
Die Dorfbewohner freuen sich.
Ganz anders ist es in der Stadt: da ist der Rummel nur ein Rummel neben Hunderten anderen von Rummeln.
Es rummelt überall und jederzeit.

Aber selbst der Dorf-Rummel verlässt nach einigen Tagen wieder den Ort.
Es bleiben Erinnerungen zurück. Ganz vielleicht gibt es auch den einen Dorfjungen, der überlegt, später einmal Rummel-Darsteller zu werden. So einen Zuckerwattestand zu betreuen… das könnte ihm Spaß machen.
Allerdings wurden keine dauerhaften Beziehungen zwischen Rummel-Arbeitern und Dorfbewohnern geknüpft. Nach der Rummelzeit geht jeder seinen eigenen Weg weiter.

So ähnlich laufen viele Gemeinde-Events ab, die für die Nachbarschaft gestrickt werden.
Das heißt: nichts gegen diese Events! Gut gemacht, können sie wirklich ein Highlight sein. Sie können Spaß machen, sie können Menschen für eine kurze Zeit mal zusammenbringen und zumindest die Rummel-Arbeiter lernen, ein Team zu sein (oder zu bleiben).

 

Das Dorfleben

Doch das eigentliche Leben im Dorf geht ohne den Rummel weiter.
Der Alltag eben.
Da bewähren sich Beziehungen.
Und nur in diesen Beziehungen geschehen nachhaltige Veränderungen.

So hat Jesus es gemacht.
Statt nur für eine Woche auf dem Jerusalemer Marktplatz einen „Rummel der Wunder“ anzubieten, hat der Sohn Gottes als Mensch unter Menschen gelebt. Ja, Er wanderte auch von Dorf zu Dorf. Und doch investierte Er vor allem viel Zeit in die Beziehungen zu den Mitreisenden. Er forderte sie auf, wiederum in Beziehungen zu investieren. „Liebe den Nächsten wie dich selbst!“, ist so eine Aufforderung. Dahinter steckt das Wesen Gottes: Er hat uns auf Ebenbildlichkeit hin angelegt, im Hinblick auf Ihn selbst, aber auch untereinander. Diesem Gott geht es um eine vertrauensvolle, wachsende Gemeinschaft. So ist der dreieine Gott selbst in sich Gemeinschaft, die überströmt und der deshalb die Menschen als Fortsetzung dieser Gemeinschaft schafft.
Es geht immer um Beziehungen.

Solche Beziehungen alltäglich oder wenigstens regelmäßiger als einmal im Jahr zu leben, ist herausfordernd. Letztlich wohl herausfordernder als die jährliche Rummelzeit. Aber eben in diesen Beziehungen gibt es die größte Beeinflussung.

Rummel-Zeiten können schön bunt sein.
Aber Veränderungen bewirken wir durch anhaltende Beziehungen.

Vielleicht ist das ein relevanter Aspekt für die Mission: mehr inklusives Dorfleben.

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Facebook – Pro oder Contra?

Mittagessen und Freunde auf Facebook

Seit Jahren bin ich Facebook-Nutzer. Am Anfang lockte auch ein Stück Eitelkeit: sich präsentieren können. Wieviele likes habe ich bekommen?
Nun habe ich nie mit Bildern vom Mittagessen aufgewartet. Dafür war mir die Lebenszeit dann doch zu schade. Ich habe auf „höherem“ Niveau meine Eitelkeit ausgeübt. Mit anderen Bildern, Beiträgen und „Likes“. Ob das wirklich höherwertiger ist, mag jeder für sich beurteilen.

Aber mehr und mehr fand ich Facebook tatsächlich nützlich: in Kontakt zu bleiben mit Menschen.
Irgendwie auf Tuchfühlung zu bleiben.
Selbst, wenn man sich wochenlang, gar monatelang nicht geschrieben oder gesehen hat: immerhin ist man auf Facebook befreundet und sieht hin und wieder ein Bild vom Mittagessen des anderen. Besser als gar nichts.
Gerade für Menschen wie mich, die andere schnell in ihr Herz schließen und, selbst, wenn es lange keinen Kontakt gab, sich freuen, wenn man sich dann doch mal wieder spricht, ist Facebook eine grandiose Erfindung.

Facebooks Geschäftsmodell und Skandal

Nun musste allen internetkundigen Menschen schnell klar sein, dass Facebook nicht aufgrund purer Menschenfreundlichkeit existiert. Natürlich ist es ein Geschäftsmodell: Daten werden genutzt, um zielgerichtet Werbung vermitteln zu können. Damit kann ich leben. Ich muss die Werbung ja nicht anklicken.

Nun tauchte der Skandal auf: eine mit Facebook – zumindest zeitweilig – kooperierende Firma hat Millionen von Facebook-Daten „missbraucht“, um für politische Zwecke besser werben zu können.
Selbstverständlich dementierte Facebook, das gewollt zu haben. Irgendwie will ich ihnen das auch glauben.
Aber mal im Ernst: Wenn Facebook Daten nutzt und ggf. weitergibt, um zielgerichtet zu werben, dann ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis das nächste Mal solche Daten missbraucht werden.
Und was, wenn der Missbrauch für politische oder moralische Zwecke stattfindet, die der Einzelne nicht gut heißen kann?

Wie mit Facebook umgehen?

Mancher wendet ein:
„Das kann ich ja eh nie verhindern!“
Oder:
„Sind wir nicht eh Spielball der Mächtigen?“
Oder:
„Davon muss man doch ausgehen, wenn man das Internet nutzt!“

Aber was steckt hinter diesen Aussagen?
Dahinter steckt ein Sich-Ergeben.
Eine Passivität und Lethargie.
Es ist ein Sich-Treiben-Lassen mit der Masse.

Das geht solange gut, solange man nicht direkt betroffen zu sein scheint.
Doch wenn das der Fall ist, wie bei manchen Gefangenen und Gefolterten in Diktaturen, dann ist es zu spät.
Bis dahin bleibt es ein diffuses Etwas, was fast parallel zum eigenen Leben zu existieren scheint.

Was soll ich tun?

Ich überlege auch, ob ich Facebook trotzdem verwenden sollte.
Auch, wenn meine Daten dabei missbraucht werden können für Zwecke, die ich nicht gutheiße.
Einfach, weil Facebook auch eine Plattform dafür sein kann, die eigene Meinung kundzutun
… oh, fast hatte ich es vergessen: seit einiger Zeit werden auf Facebook einzelne Kommentare gelöscht, wenn sie wider das Gesetz stehen könnten. Facebook fungiert als verlängerter und provisorisch tätiger Arm der Exekutive.
Naja, dann steht Facebook immerhin dafür, dass ich in Kontakt bleiben kann mit den Menschen, die mir wichtig sind (oder waren).
Doch, Moment!
Wenn mir Menschen wichtig sind, kann ich sie dann nicht auch per Email kontaktieren? Per Telefon? Per Besuch? Oder wie damals: per Brief?
Sollte Facebook so einflussreich geworden sein, dass ich meine, diese Plattform für wichtige Kontakte zu brauchen und keine Alternative zu haben?

In der Tat gibt es aus meiner Sicht einen einzigen Pluspunkt für das Netzwerk Facebook:
Und das ist das Netzwerk.
Ich kann innerhalb kürzester Zeit (theoretisch) Hunderte von „Freunden“ mit einer Anfrage oder einer Information erreichen.
So einfach bietet es mir kein anderes Medium.

Ist dieser Vorteil gewichtiger als die genannten Risiken/Nachteile?
Das kann nur jeder für sich beurteilen.

Meine persönliche Beurteilung von Facebook

Für mich sieht es zusammenfassend so aus:

DER Vorteil Facebooks:
Der Netzwerk-Gedanke.

Der Nachteil Facebooks:
Der Missbrauch meiner Daten für Zwecke, hinter denen ich nicht stehe, bis hin dazu, dass man u.U. persönliche Nachteile befürchten muss, wenn man für bestimmte Meinungen einsteht.
Es ist wie das Herausreißen eines Satzes aus einer Rede, ohne den Zusammenhang zu berücksichtigen, damit eine poitische Partei ihr Unwesen treiben kann.

Für Otto Normalverbraucher mag das alles nicht so furchtbar wichtig sein.
Allerdings muss dazu das erwähnt werden: Facebook besteht ja nur deswegen, weil es ganz viele Otto Normalverbraucher gibt!
Es ist die Masse, die Facebook bewegt.
Und in diesem Moment ist der Einzelne dann doch wichtig.
Denn ich bin Teil der Masse.

Schlussendlich gibt es das worst case-Szenario:
Wenn die Daten unterschiedlicher Sammelstellen zusammengefügt werden.
Die Daten des Finanzamtes, die Daten von Facebook, die Daten von NSA & Prism etc.
In diesem Moment wird jeder sofort steuerbar und erpressbar.
Man wird eine Marionette. Ein Datensklave.

„Unfassbar! So weit wird es nicht kommen!“, wendet mancher ein.
„Eine Frage der Zeit!“, reagieren die anderen.

„Letztlich weiß ich es nicht!“, sage ich.
„Aber ich muss dem auch keinen Vorschub leisten!“.

Deshalb entscheide ich: Tschüss, Facebook!
Vielleicht komme ich mal wieder. Doch erstmal bin ich raus.
Möge das worst-case-Szenario nie eintreten!

P.S. Und was ist mit meiner restlichen Internet-Nutzung? Zum Beispiel mit dem Schreiben eines Blogs?
In der Tat können auch diese Daten missbraucht werden.
Und doch wird sich ein Daten-Missbraucher wesentlich mehr Mühe machen müssen, um aus diesen Daten Werberelevantes zu ziehen. Ein Risiko besteht weiterhin. Aber es erscheint geringer. Wahrscheinlich geht es im Leben immer um diese Abwägung.

Wenn Gemeinden sterben

Gemeinden sterben

Es ist ein Fakt: Gemeinden sterben.
Beweis: Keine der vom Apostel Paulus vor nahezu 2000 Jahren gegründeten Gemeinden existieren heute noch.

Eine Gemeinde ist ein lebendiger Organismus. Er wird geboren, er hat seine Reifezeit und irgendwann stirbt der Organismus. So ist das Leben eben. Manche Gemeinden werden auf diese Weise nur ein Dutzend Jahre alt, sterben gar im Kindesalter, andere können über hundert Jahre alt werden.
Wie gut ist es, wenn solch ein Organismus fruchtbar ist. Wenn er Kinder bekommt.
(Ich vermute, dass man vieles, was ich hier bedenke, auch auf viele andere Sozialformen beziehen kann)

Fruchtbare Gemeinden

Die „Kinder“ einer Gemeinde können neue Gemeinden sein. Oder kleinere Hausgruppen, die nach dem Tod der lokalen Gemeinden weiter existieren. Und manchmal sind es auch „nur“ die einzelnen „Zellen“, sprich: die einzelnen Menschen, die durch diese Gemeinde geprägt worden sind und sich dann einer anderen Gemeinde anschließen und ihre Prägung dort einbringen.
Traurig ist es allerdings, wenn es keine Nachkommen gibt. Wenn eine Gemeinde tatsächlich aus Altersgründen stirbt und weder eine Gruppe weiterlebt noch ein Gemeindemitglied.
Dann handelt es sich um einen „Gen-Defekt“ oder eine tödliche Krankheit.

Entscheidend für die Fruchtbarkeit einer Gemeinde scheint die geistliche DNS zu sein.

Gemeinde-DNS
Und diese wird in der ersten Zeit der Gemeinde festgesetzt. Im Grunde in der Zeit, in der die Gemeinde noch ungeboren ist: Es gibt weder eine Gottesdienstfeier, noch ein Gemeindehaus oder eine Lobpreisband.
Die einzigen, die schon existieren, sind die einzelnen Zellen, also vielleicht 1-3 Christen, die den Wunsch haben, eine Gemeinde zu gründen.

Ihre erste Zeit ist die entscheidende.
Was sie zu Beginn entscheiden, wird die entstehende Gemeinde ihr Leben lang prägen.
Deshalb ist es am Anfang so relevant, sich Zeit zu nehmen. Hier werden die Weichen für die kommenden Jahrzehnte gestellt!

Die „Vision“ als geistliche DNS

Knackpunkt für die geistliche DNS ist – neben einigen anderen Aspekten – dieser:
Was genau ist die „Vision“ der Gründer?
Ob man es „Vision“, „Leitbild“ oder ganz anders nennt – es geht darum, WARUM diese Gemeinde gegründet werden soll.
Was genau treibt dazu an? Was begeistert?
Je genauer dieses Bild ist (denn mehr als ein Bild ist es ja nicht), desto besser.
Mit Genauigkeit ist nicht zuerst gemeint, welche Lieder man an welchem Sonntag singen will.
Mit Genauigkeit ist solches gemeint: Wo soll die Gemeinde sein? Was wird durch sie erreicht? Mit welchen Menschen wird man hauptsächlich zu tun haben? Was kann die Gemeinde bei diesen Menschen bewegen? Wie können diese Menschen die Gemeinde bereichern? Welchen Einfluss hat die Gemeinde auf ihr Umfeld? Und warum wird das Gründungsteam mit der Gemeindearbeit weitermachen, obwohl die erste Krise alles durchgerüttelt hat?

Diese Vision ist der Kern des Ganzen.
An ihr wird entschieden, wer am Anfang dabei sein wird. Und dabei sein darf. Wer darf und soll diese DNS leben?
An der Vision wird entschieden, wohin welche Ressourcen investiert werden.
Und in Krisenphasen wird anhand der Vision die nächste Entscheidung getroffen.

Wie bekommt man eine solche Vision?
Das ist ein Thema für sich. Klar ist das: Es hängt mit Gebet, göttlicher Inspiration und Fügung sowie den Charakteren der Startmannschaft zusammen.

Je nach Vision und der konsequenten Verfolgung dieser in der ersten Phase der Gründung wird die „Frucht“ sein.

Die fehlende Vision

Ich sehe mindestens zwei Gründe, weshalb eine Gemeinde später auch kinderlos sterben kann:
a) Es gab keine weitreichende und zugleich detaillierte Vision.
Vielleicht ging es einfach nur darum, eine Gemeinde zu gründen. Fertig. Aus.
Mit einer solchen Vision kommt man nicht weit.
Denn wenn die Gemeinde erst einmal gegründet ist, dann kann ein „Visionsloch“ entstehen: eigentlich weiß niemand, warum diese Gemeinde weiterleben soll. Biblisch mag man Argumente anführen. Aber sie klingen in einer solchen Loch-Phase mehr nach „Richtigkeiten“ statt nach lebendiger Überzeugung. Der Sterbeprozess steht vor der Tür, wenn nicht Einschneidendes geschieht.

b) Die Vision wurde nicht gepflegt und nicht angepasst.
Die erste Vision bestimmt zwar die DNS der Gemeinde. Aber so ein Organismus kann von Viren befallen werden und erkranken. Diese Angreifer lauern ständig überall. So kann es sein, dass die DNS zwar da ist – aber sie hat keinen Raum, um gelebt zu werden. Die Folge ist, dass der Organismus eingeht. Deshalb ist es wichtig, die Vision (=DNS) beständig zu pflegen. Das geschieht durch Predigten, Andachten und womöglich am meisten durch das Leben der Vision. Hier sind die Leiter der Gemeinde gefragt. Wie füllen sie die Vision? Geben sie der DNS Lebensraum? Werden die Ressourcen so eingesetzt, damit es der Vision dient? Stehen die Bereichsleiter hinter der Vision? Das muss ganz praktisch werden und kann sich bis hin zur Dekoration eines Gemeindesaals hinziehen.
Immer wieder gibt es dabei Situationen, die neu sind. So neu, dass man sie nicht bedenken und planen konnte. Die Herausforderung für den Organismus ist es, ob er sich der neuen Situation anpassen kann, ohne seine DNS zu verleugnen. Gelingt es dauerhaft nicht, kann der Gemeindekörper sterben.

„Visionskunde“ für die Ausbildung

Zur Zeit habe ich mit mehreren Gemeinden zu tun. Als angestellter Pastor, als Honorarkraft und als Gastprediger.
Als Gastprediger hier und da, ansonsten im Bereich der Freien evangelischen Gemeinde und der Landeskirchlichen Gemeinschaften.
Und tatsächlich geht es bei der Zukunft jeder dieser Gemeinden/Gemeinschaften um eben diesen Kernaspekt:
Was ist die Vision?

Und leider ist auch das zu merken:
Wo die Vision nicht existiert oder nicht nicht gepflegt wird, da schwindet eine Gemeinde.

Das wäre doch mal was:
Wenn Theologiestudenten und Bibelschüler zwei Semester „Visionskunde“ hätten!
Das wäre eines der Themen, die für die Praxis existentiell wichtig sind. Wer weiß, wie unsere Gemeindelandschaft aussehen würde, wenn das gelehrt werden würde!?

Bildquelle: wikipedia – DNS – Seite aufgerufen am 24.02.2018