Lernen von Christus in der Natur – Christian Outdoor Leadership

Trekking

Seit einigen Jahren organisiere ich Wochenendwanderungen oder einwöchige Trekkingtouren für Freunde und Bekannte.
Das macht Spaß. Zugleich genieße ich es, tagelang in der Natur zu sein, nur mit dem Nötigsten ausgestattet.
Am besten sind die Touren, wo wir nur mit Zelt und Rucksack unterwegs sind. Klar, auch Hüttentouren haben ihre Vorteile. Aber das Übernachten im Wald, auf dem Feld oder auf norwegischen Höhen macht die Sache uriger.
Für mich sind das Erlebnisse, die ich nicht mehr missen will.

„Christian Outdoor Leadership“

Getrieben durch diese Sehnsucht, habe ich (teilweise) das Buch von Ashley Denton gelesen: „Christian Outdoor Leadership“. Er lehnt sich dabei an das Buch von Robert Coleman an („Masterplan of Evangelism“), der sogar das Vorwort zum Buch geschrieben hat.

Denton geht die Sache biblisch-theologisch an. Er untersucht Begriffe wie „Wildnis“ vor dem biblischen Hintergrund. Er analysiert Jesus, wie Er sich in der Wildnis bewegt hat, was Er gesagt und getan hat. Und vor allem: wie Er in diesem Natur-Setting seine Leute trainiert hat.
Und das ist der Kern von Dentons Buch: Wie kann das Naturerlebnis genutzt werden, um Menschen in der Nachfolge Jesu auszubilden?

Mein kurzes Statement zum Buch:
Wer eine wirklich gründliche theologische Untersuchung zum Thema „Outdoor-Jüngerschaft“ sucht, der wird an diesem Buch nicht vorbeikommen. Wer aber mehr praktische Tipps sucht, wird von dem Buch etwas enttäuscht sein. Zwar trägt das Buch den Untertitel „Theology, Theory and Practice“, aber vor allem werden die ersten beiden Aspekte behandelt. Für mich war das streckenweise zu langwierig, wobei ich diese theologische Grundlage von Denton nicht geringschätze. Eine richtige Fleißarbeit!

Mit Jesus Christus draußen!

Für mich bleibt eine Art Plädoyer zurück:
Mache weniger Indoor-Seminare und mehr Outdoor-Seminare!
Mehr das ganzheitliche Lernumfeld suchen als das rein intellektuelle. Lernen mit allen Sinnen!
Denn, wenn wir davon reden, „Jünger zu machen wie Jesus“, dann muss das als wesentliches Merkmal Seines Dienstes festgehalten werden:
Jesus wanderte und war viel in der Natur unterwegs!
Statt eine neue Synagoge zu bauen, war Er mal hier und mal dort.
Statt nur im Haus von Marta und Maria zu unterrichten, lehrte Er vielmehr auf Bergen, Feldern und an Seen.
Dieser Outdoor-Aspekt im Training von Jesus sollte wieder mehr Beachtung finden.

Erfahrungen im Outdoor-Bereich

Denn das Outdoor-Erlebnis macht was mit den Teilnehmern!
Wiewohl meine letzten Touren keinen direkten spirituellen Charakter hatten, so kann ich viele Erkenntnisse von Denton teilen:
– Die Konfrontation mit Gottes Schöpfung, Tag und Nacht, berührt Seele und Körper. Je nach Landschaftstypus steht die Entspannung, die Ruhe, das Staunen, das Kämpfen, das Bibbern oder die Dankbarkeit im Vordergrund. Aber keine Wandertour lässt die Teilnehmer kalt… es sei denn, man vergisst, wie ich, dass es im nächtlichen Norwegen-Sommer dennoch gefühlte Null Grad geben kann und man tatsächlich die Rettungsdecke braucht.
– Das gemeinschaftliche Erlebnis lässt die Menschen näher rücken. Man lernt sich mitunter noch ganz anders kennen. Persönliche Limits werden erfahren. Sowohl charakterlich als auch körperlich. Ich als Höhenangstgeprägter muss früher aufhören als andere. Der von Blasen an den Füßen gequälte Kamerad braucht Begleitung. Der eine verlangt mehr Erholungspausen. Der andere will voranstürmen. Ständig geht es darum, bewusst oder unbewusst Kompromisse einzugehen, damit das Team vorankommt. Hier wird nicht so viel über „Zusammenhalt“ geredet, sondern der Zusammenhalt wird gelebt und strapaziert.
– Das Lebenstempo wird ein anderes. Uhrzeit und Wochentag spielen eine untergeordnete Rolle. Man wacht mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Man sucht Schutz in der Dunkelheit. Wärme bei Kälte und Erfrischung bei Wärme. Nicht der Terminkalender spornt an, sondern grundlegende Bedürfnisse.
– Die grundlegenden Bedürfnisse werden ausschlaggebend. Wo finde ich die nächste Wasserquelle? Wann kann ich mich endlich ausruhen? Entdecken wir einen geeigneten Lagerplatz? Wo erledige ich mein „Geschäft“? Wer gerade die Einsamkeit genießt, läuft etwas getrennt von der Gruppe. Wer den Austausch sucht, läuft zu zweit oder dritt.

An all diesen Stellen gibt es diverse Möglichkeiten, Gott bewusst zu machen.
Bisher lief das bei mir eher auf natürliche Weise. Es ergab sich in einzelnen Gesprächen. Genauso redeten wir über die Tour selbst, über das Berufsleben, über Beziehungen usw.

Gott bewusst machen

Aber mich interessiert es nun, Touren zu planen, die das Spirituelle bewusst hineinnehmen.
Noch bin ich der Brainstorming-Phase.
Meine Gedanken reichen von „Pilgertour für einen Tag„, über ein Wanderwochenende mit Jüngerschaftsschulung, bis hin zu Trekkingtouren für eine Woche.
Ich weiß: Gibt es alles schon!

Aber mich reizen vor allem diese Aspekte:
1) Wie können solche Touren genutzt werden, um suchende Menschen zu begleiten und ihnen Christus zu zeigen?
2) Wie können solche Touren genutzt werden, um Jesus-Leuten zu helfen, den nächsten Schritt in der Nachfolge umzusetzen?
3) Wie können solche Touren genutzt werden, um eine Verankerung im Gemeindekontext zu finden und zugleich darüber hinaus zu gehen (Mission)?

Mal schauen!
Vielleicht mache ich demnächst mal ein paar Probetouren…

Bis dahin würde es mich freuen, von den Erfahrungen anderer zu lesen! Herzlich willkommen im Kommentarbereich!

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Gemeinde oder Jüngerschaftsbewegung?

T4T, Discipleship Movement (Jüngerschaftsbewegung), Torben Sondergard... nur wenige Stichworte, die eines gemeinsam haben: es geht um die Bewegung und nicht um die Institution.

Jesus-Bewegung

Genauer gesagt: es geht darum, dass möglichst viele Menschen vom Evangelium hören, die Chance bekommen, sich zu entscheiden und im besten Fall dann lernen, im Alltag als Nachfolger Jesu zu leben, um dann wieder andere zu lehren. In diesem Lernprozess ist enthalten, dass man wiederum anderen vom Evangelium erzählt, diese die Chance bekommen, sich zu entscheiden… usw.
Nicht die Gemeindegründung steht im Fokus, sondern das Hingehen zu den Menschen, das Ausstreuen des Evangeliums und das Lernen & Lehren, damit wieder andere lernen und lehren.
In Anbetracht manch pompöser Kirchenbauten, kirchlichen Verwaltungseinheiten und der menschlichen Nabelschau, die auch vor Gemeinden keinen Halt macht, ist das eine dynamische Sichtweise. Und sie hat auch in der Bibel viele Belegstellen.
Wollte Jesus eine Bewegung?
Offenkundig!

Gemeinde Jesu

Was bei manchen Vertretern dieser Bewegung aber hochkommen kann, ist die Distanzierung von klassischer Gemeinde: Sonntags zur Gottesdienstfeier gehen, Vorstandstreffen, das Gemeindefest organisieren, regelmäßig miteinander beten…
Die Distanz rührt wohl daher, dass die klassische Gemeinde nicht sonderlich beweglich scheint. Tatsächlich ist vielen Gemeinden die Nabelschau näher als die Frage, wie sie ein Segen für ihre Umwelt sein kann.
Die Bewegungsanhänger sind gegen eine solche Form von Gemeinde allergisch geworden. Sie wollen sich nicht wieder einfangen lassen.
Aber:
Wollte Jesus Gemeinde?
Offenkundig!

Bewegung vs Gemeinde?

Natürlich droht auf beiden Seiten das Extrem:
hier die Gemeinde, die sich wochenlang mit der Frage beschäftigen kann, ob eine Wand nun weiß oder gelb gestrichen werden soll (bis dahin, dass Gemeindemitglieder die Gemeinde verlassen, wenn ihrem Wunsch nicht nachgegeben wird); dort der Bewegungsanhänger, der alleine herumstreut und niemanden mehr hat, mit dem er eine vertrauliche Beziehung leben kann, denn jede Regelmäßigkeit und Verpflichtung riecht ja sogleich nach normaler Gemeinde!

Ich frage:
Könnte es sein, dass Gott beides gewollt hat?
Nein! Nicht die Extreme!
Sondern das Miteinander von Gemeinde und Bewegung!?

Gemeinde UND Bewegung!

Es ginge darum, zu verstehen, dass Gemeinde und Dynamik keine Gegensätze sind, sondern man einander braucht!
Es braucht die „Wilden“, die Risiken eingehen, die was Neues wagen, die unkonventionell arbeiten, die sich immer wieder auf neue Menschen einstellen können, die keine Ruhe geben, bis „alle“ vom Evangelium gehört haben.
Es braucht aber auch die, die für Stabilität sorgen. Die einen sicheren Rahmen geben können. Die bereit sind, Menschen auch über Jahre und Jahrzehnte zu begleiten. Weil eben nicht jeder Mensch sofort geeignet ist, andere zu lehren und weil manche Menschen aus Lebenssituationen kommen, in denen Heilung wichtiger sein kann.

Oder anhand von biblischen Beispielen gesagt:
Manchem sagte Jesus, er möge zuhause bleiben und in seinem Dorf weiterleben.
Andere lud Jesus zur Wanderung ein.

Jesus war wirklich dynamisch und viel unterwegs.
Das ging auch, weil es Menschen gab, die ganz normal gearbeitet haben, und Jesus mit Finanzen und Nahrung unterstützt haben. Die Stationären sorgten für die Bewegten. Auch mit ihren Häusern, in denen Jesus zu Gast war.

Beachtlich ist, dass Jesus weder Tempel noch Synagoge als Einrichtung kritisiert hat. Stattdessen war Er dort, hat in den Häusern gelehrt und ist Menschen begegnet. Das heißt nicht, dass Tempel und Synagoge das eigentliche Ziel Jesu waren. Aber sie waren gut und hilfreich. All das ging nur, weil es Menschen gab, die für diese Gebäude sorgten und einen Rahmen schufen.

Nein, ich glaube nicht, dass es einen Gegensatz zwischen Gemeinde und Jüngerschaftsbewegung gibt.
Es muss vielmehr darum gehen, beides zusammen zu denken:
Wie kann Gemeinde die Bewegung unterstützen?
Wie kann die Bewegung der Gemeinde helfen?

Ich stelle mir Gemeinden dann wie geistliche Zentren vor:
Es gibt eine Kernmannschaft, die für das Wesentliche vor Ort sorgt.
Und es gibt Menschen, die ein- und ausgehen. Die dort inspiriert werden und dann weiterziehen.
Mit denen man in Kontakt bleibt und aneinander Anteil hat.
Und die dann bei ihrer Wiederkehr berichten und so die Gemeinde inspirieren.
Gemeinde also nicht als Festung, sondern mehr als Knotenpunkt.
Und die Jüngerschaftsbewegung nicht als losgelöste Parallele, sondern als Strom, der die Gemeinde umgibt.

Das wäre was!

Erweckung in Berlin und Deutschland!?

Wie großartig wäre das, wenn innerhalb kürzester Zeit Berliner Gemeinden von allem lassen würden, was unnötig oder gar falsch ist und umso mehr Gott lieben würden, ihre Mitmenschen lieben würden und die Sünde hassen würden!?

Erweckung = radikaleres Christsein

Christen, die radikal für Vergebung einstehen.
Die nichts mehr machen, was andere kaputt macht.
Deren höchste Freude es ist, Gott zu ehren und anderen Menschen zu helfen.
Und die unbedingt erleben wollen, wie diese Kraft und dieser Friede andere Menschen erreicht und zum Guten verändert!
Die deshalb vom Evangelium erzählen.

Das könnte ebenso innerhalb kürzester Zeit die Stadt Berlin konstrukiv beeinflussen.
Menschen würden sich wieder vertragen. Streitigkeiten würden in Versöhnung enden.
Kinder würden nicht missbraucht werden, sondern Schutz und Wertschätzung erfahren.
Menschen würden schlagartig von Süchten befreit.
Chefs würden ihre Mitarbeiter mehr loben.
Die Kriminalitätsrate würden drastisch sinken.
Politiker und Manager wären noch mehr darum bemüht, dem Volk zu dienen.
Menschen würden durch Christus gerettet werden.

Man nennt einen solchen Vorgang „Erweckung“, weil er damit beginnt, dass Gottes Gemeinde „wach“ wird.
Dass so etwas möglich ist, beweist die Kirchengeschichte: überall dort, wo es solche Erweckungszeiten gab, haben sich dann auch ganze Regionen positiv verändert, weil viele Menschen zu einem Leben mit Christus gefunden haben.

Aber Erweckung in Berlin?

Allerdings scheint die geistliche Situation in Berlin und Deutschland eine andere Sprache zu sprechen.
Spannungen scheinen zuzunehmen. Zwischen Kulturen und politischen Gegnern. Die Wohnungsnot. Der Pflegenotstand. Mehr Menschen, die in Mülleimern nach Verwertbarem suchen. Zu wenig Kita-Plätze. Millionengräber wie ein Flughafen, die auch den politischen Frust der Menschen verstärken. Und schließlich zig ethisch bedenkliche Entwicklungen, die für unsere Gesellschaft nicht immer förderlich sind.
Im Grunde höchste Zeit für eine Erweckung!

Doch Berlin scheint anders zu ticken: eine Erweckung ist nicht in Sicht.
Berlin gilt mancherorts sogar als Hauptstadt des Atheismus in Europa.
Christen brauchen hier einen langen Atem.
Veränderungen gehen nicht schnell. Es müssen Jahre und vielleicht auch Jahrzehnte eingeplant werden, wenn eine Gemeinde Fuß fassen will.
Mit Großevangelisationen ist es nicht mehr getan. Attraktive Massenveranstaltungen gibt es genug in Berlin. Im besten Fall ist die Kirche ein Mitbewerber auf dem Markt der spirituellen Angebote. Aber gewiss kaum noch der hauptsächlich prägende Faktor. Stattdessen sind Gleichgültigkeit und Ablehnung in die vorderen Reihen gestiegen. Klar, es gibt auch noch eine beachtliche Anzahl von Kirchenmitgliedern. Es gibt auch sehr engagierte und gottverwurzelte Christen und durchaus blühende Gemeinden. Doch, wie erwecklich unsere Kirchenlandschaft insgesamt ist, dürfte kritisch zu betrachten sein. Zumindest, wenn man es an der Anzahl der neuen Mitglieder misst. In diesem Bereich reden wir eher von einem Transferwachstum: ein Christ wechselt die Gemeinde. Bekehrungen und Taufen bewegen sich in etlichen Gemeinden eher im einstelligen Bereich pro Jahr, wenn überhaupt.
Es riecht noch immer nach Stagnation und damit nach einem langsamen, stillen Sterben.

Ist Erweckung dennoch möglich?

Der Jesus-Gläubige geht von den Möglichkeiten Gottes aus: Ja, natürlich ist eine Erweckung möglich!

Aber bei allem Glauben: diese Zuversicht hatten manche Christen auch schon in den 80’ern des letzten Jahrhunderts.
Bisher gab es nicht „den Durchbruch“.

Wie sollen wir uns als Christen also verhalten?

 

Vier beachtliche Aspekte

Ich schlage vier Aspekte vor (womit nicht gemeint ist, dass darüber Erweckung funktionieren würde; ich würde die Situation, wenn überhaupt, mit der Situation der Juden im babylonischen Exil vergleichen; sprich: wir sind noch nicht da, wo wir sein sollen – trotzdem ist die gegenwärtige Zeit nicht unnütz; daher sind diese vier Aspekte eingebettet in möglicherweise hundert andere.):

1. Verstehe Berlin!
2. Starte mit Kleinem!
3. Bete!
4. Gemeinsam!


1. Verstehe Berlin!

Folgend nur einige meiner Beobachtungen:

Berlin funktioniert über Kleingruppen.
Man ist im Verein. Auf der Arbeit. Im Garten. Mit Freunden Sport machen. Zusammen in der Kneipe.
Jede Person hat etliche Orte, wo sie lebt und dort jeweils unterschiedliche Bekanntenkreise hat.
Großfamilien gibt es eher in der türkischen und arabischen Community. Wer dort Vertrauen findet, kann mit einem Schlag Dutzende von Menschen erreichen.
Aber die restliche Gesellschaft tickt anders. Vielleicht ist es noch immer die Berliner „Insel-Mentalität“ aus Mauerzeiten. Vielleicht ist es einfach auch nur „Stadtleben“. Vielleicht beides.
Wie hilfreich ist es dann, wenn Gemeinden hauptsächlich auf den Sonntags-Gottesdienst zur besten Brunch-Zeit setzen?

Berlin hat Ost und West.
Das Kleingruppen-Leben gilt für die West- und Ostbezirke. Es mag kurios sein, darauf hinzuweisen, bald 30 Jahre nach dem Mauerfall. Tatsächlich gibt es aber noch die entsprechende Mentalität. Es gibt ja auch noch die entsprechenden Gebäude und Straßen. Viele Teile von Ostberlin sehen anders aus als Westberlin. Natürlich gibt es längst fließende Übergänge und auch eine neue Generation, der all das nicht mehr viel bedeutet. Aber ich merke die Unterschiede, wenn ich in einer westlichen oder östlichen Gemeinde bin. Manchmal ist es „nur“ die Atmosphäre. Aber dahinter stecken Einstellungen und Erfahrungen der Menschen. Es ist weise, das im Hinterkopf zu haben.

Berlin hat Multikulti.
Nicht, dass man stets im Miteinander der Kulturen leben würde. Wie so oft, ist es eher ein sich parallel entwickelndes Leben, das gelegentlich Begegnungen am Döner-Imbiss oder in öffentlichen Einrichtungen hat (obwohl der Döner-Imbiss ja auch eine öffentliche Einrichtung ist). Selbst in einem Kiez wie Heerstraße Nord in Berlin-Spandau gibt es verschiedenste Kulturen und Nationen. Während man mit den einen zum Warmwerden am besten einen türkischen Tee trinkt, trinkt man mit den anderen vielleicht einen Wodka. Und es kann sein, dass beides zusammen nie gehen würde.
Ost und West. Multikulti.
Wie sinnig ist es, wenn Gemeinden versuchen, ihre Gemeindekultur als die einzig passende zu sehen? Wie nötig ist es, die Vielzahl der Kulturen auch im Gemeindeleben zum Ausdruck zu bringen?

Berlin öffnet sich.
Berlin hatte die Insel-Mentalität. Mit dem Mauerfall ändert sich auch die Mentalität. Der Berliner hat das Umland entdeckt. Zumindest bis zu Karls Erdbeerhof bei Elstal/Wustermark. Berlin ist internationaler geworden. Hollywood-Filme werden hier gedreht. Internationale Konzerne haben hier Vertretungen. Das alles ist noch keine Weltmetropole wie Tokyo, aber vielleicht ganz kurz hinter London (!?). Gemäß meiner beschränkten Sicht gilt das auch für den christlichen Bereich: die Zahl der Gemeindegründungen hat zugenommen. Und andere gemeindliche Projekte sind vermehrt an den Start gegangen. Die Öffnung hat zugenommen. Auch mit unangenehmen Folgen, wie z.B. der Segregation oder den verstopften Zufahrtstraßen im Berufsverkehr.
Wie nötig ist es, dass sich Gemeinden gleichermaßen öffnen? Verstehen, dass ihre Stadt internationaler und beweglicher geworden ist? Was heißt das für die Kirchen mit ihren Programmen?

Berlin hat 24 Stunden.
Natürlich gelten etliche dieser Beobachtungen auch für andere Städte. Aber ebenso für Berlin!
Wir haben hier Schichtarbeiter. Pendler. Überstundenmacher. Start Ups. Kinder, die von morgens an bis zum frühen Abend fremdbetreut werden. Wir haben unzählige Vereine und Organisationen, mit denen man seine Freizeit sinnvoll füllen kann. Die permamente Erreichbarkeit über das Handy. Ja, in der Nacht ist es in Gesamt-Berlin ruhiger (auch, wenn es hier und da umso lebendiger wird). Aber insgesamt lebt die Dienstleistungsgesellschaft in all ihrer Betriebsamkeit. Es gibt keinen Stopp-Knopf.
Was heißt das für Gemeinden? Sind sie umso wichtiger als besinnlicher Gegenpol? Müssen sie lernen, 24-Stunde-Gemeinde zu werden?

Das sind nur ein paar Beobachtungen und Fragen.

Demnächst mehr zu:
Erweckung in Berlin – Starte mit Kleinem!

Der Rummel ist im Dorf… und das wahre Dorfleben

Rummelzeiten

Im Gemeindeleben gibt es immer wieder Rummelzeiten.
Zum Beispiel, wenn sich eine Gemeinde dazu entschließt, mal ein Event für die Nachbarschaft zu machen.
Dann bereitet man sich vor, investiert Kraft und Geld und lädt ein. Der Tag der Tage kommt und man hofft, dass dadurch viel Gutes geschieht.
Und dann?
Zumeist reflektiert man nüchtern: „War alles anstrengend und vielleicht stehen Aufwand und Nutzen nicht im Verhältnis…“
Allerdings kommt dann die Beruhigungspille: „Aber Gott kann trotzdem mehr daraus machen! Und wenn es auch nur einem Menschen genutzt hat, dann hat es sich schon gelohnt!“
Alle nicken, versuchen zu lächeln und hoffen ebenso.

Der Rummel, der in ein Dorf kommt, ist dort wirklich eine Attraktion. Endlich ist mal was los!
Die Dorfbewohner freuen sich.
Ganz anders ist es in der Stadt: da ist der Rummel nur ein Rummel neben Hunderten anderen von Rummeln.
Es rummelt überall und jederzeit.

Aber selbst der Dorf-Rummel verlässt nach einigen Tagen wieder den Ort.
Es bleiben Erinnerungen zurück. Ganz vielleicht gibt es auch den einen Dorfjungen, der überlegt, später einmal Rummel-Darsteller zu werden. So einen Zuckerwattestand zu betreuen… das könnte ihm Spaß machen.
Allerdings wurden keine dauerhaften Beziehungen zwischen Rummel-Arbeitern und Dorfbewohnern geknüpft. Nach der Rummelzeit geht jeder seinen eigenen Weg weiter.

So ähnlich laufen viele Gemeinde-Events ab, die für die Nachbarschaft gestrickt werden.
Das heißt: nichts gegen diese Events! Gut gemacht, können sie wirklich ein Highlight sein. Sie können Spaß machen, sie können Menschen für eine kurze Zeit mal zusammenbringen und zumindest die Rummel-Arbeiter lernen, ein Team zu sein (oder zu bleiben).

 

Das Dorfleben

Doch das eigentliche Leben im Dorf geht ohne den Rummel weiter.
Der Alltag eben.
Da bewähren sich Beziehungen.
Und nur in diesen Beziehungen geschehen nachhaltige Veränderungen.

So hat Jesus es gemacht.
Statt nur für eine Woche auf dem Jerusalemer Marktplatz einen „Rummel der Wunder“ anzubieten, hat der Sohn Gottes als Mensch unter Menschen gelebt. Ja, Er wanderte auch von Dorf zu Dorf. Und doch investierte Er vor allem viel Zeit in die Beziehungen zu den Mitreisenden. Er forderte sie auf, wiederum in Beziehungen zu investieren. „Liebe den Nächsten wie dich selbst!“, ist so eine Aufforderung. Dahinter steckt das Wesen Gottes: Er hat uns auf Ebenbildlichkeit hin angelegt, im Hinblick auf Ihn selbst, aber auch untereinander. Diesem Gott geht es um eine vertrauensvolle, wachsende Gemeinschaft. So ist der dreieine Gott selbst in sich Gemeinschaft, die überströmt und der deshalb die Menschen als Fortsetzung dieser Gemeinschaft schafft.
Es geht immer um Beziehungen.

Solche Beziehungen alltäglich oder wenigstens regelmäßiger als einmal im Jahr zu leben, ist herausfordernd. Letztlich wohl herausfordernder als die jährliche Rummelzeit. Aber eben in diesen Beziehungen gibt es die größte Beeinflussung.

Rummel-Zeiten können schön bunt sein.
Aber Veränderungen bewirken wir durch anhaltende Beziehungen.

Vielleicht ist das ein relevanter Aspekt für die Mission: mehr inklusives Dorfleben.

Wenn Gemeinden sterben

Gemeinden sterben

Es ist ein Fakt: Gemeinden sterben.
Beweis: Keine der vom Apostel Paulus vor nahezu 2000 Jahren gegründeten Gemeinden existieren heute noch.

Eine Gemeinde ist ein lebendiger Organismus. Er wird geboren, er hat seine Reifezeit und irgendwann stirbt der Organismus. So ist das Leben eben. Manche Gemeinden werden auf diese Weise nur ein Dutzend Jahre alt, sterben gar im Kindesalter, andere können über hundert Jahre alt werden.
Wie gut ist es, wenn solch ein Organismus fruchtbar ist. Wenn er Kinder bekommt.
(Ich vermute, dass man vieles, was ich hier bedenke, auch auf viele andere Sozialformen beziehen kann)

Fruchtbare Gemeinden

Die „Kinder“ einer Gemeinde können neue Gemeinden sein. Oder kleinere Hausgruppen, die nach dem Tod der lokalen Gemeinden weiter existieren. Und manchmal sind es auch „nur“ die einzelnen „Zellen“, sprich: die einzelnen Menschen, die durch diese Gemeinde geprägt worden sind und sich dann einer anderen Gemeinde anschließen und ihre Prägung dort einbringen.
Traurig ist es allerdings, wenn es keine Nachkommen gibt. Wenn eine Gemeinde tatsächlich aus Altersgründen stirbt und weder eine Gruppe weiterlebt noch ein Gemeindemitglied.
Dann handelt es sich um einen „Gen-Defekt“ oder eine tödliche Krankheit.

Entscheidend für die Fruchtbarkeit einer Gemeinde scheint die geistliche DNS zu sein.

Gemeinde-DNS
Und diese wird in der ersten Zeit der Gemeinde festgesetzt. Im Grunde in der Zeit, in der die Gemeinde noch ungeboren ist: Es gibt weder eine Gottesdienstfeier, noch ein Gemeindehaus oder eine Lobpreisband.
Die einzigen, die schon existieren, sind die einzelnen Zellen, also vielleicht 1-3 Christen, die den Wunsch haben, eine Gemeinde zu gründen.

Ihre erste Zeit ist die entscheidende.
Was sie zu Beginn entscheiden, wird die entstehende Gemeinde ihr Leben lang prägen.
Deshalb ist es am Anfang so relevant, sich Zeit zu nehmen. Hier werden die Weichen für die kommenden Jahrzehnte gestellt!

Die „Vision“ als geistliche DNS

Knackpunkt für die geistliche DNS ist – neben einigen anderen Aspekten – dieser:
Was genau ist die „Vision“ der Gründer?
Ob man es „Vision“, „Leitbild“ oder ganz anders nennt – es geht darum, WARUM diese Gemeinde gegründet werden soll.
Was genau treibt dazu an? Was begeistert?
Je genauer dieses Bild ist (denn mehr als ein Bild ist es ja nicht), desto besser.
Mit Genauigkeit ist nicht zuerst gemeint, welche Lieder man an welchem Sonntag singen will.
Mit Genauigkeit ist solches gemeint: Wo soll die Gemeinde sein? Was wird durch sie erreicht? Mit welchen Menschen wird man hauptsächlich zu tun haben? Was kann die Gemeinde bei diesen Menschen bewegen? Wie können diese Menschen die Gemeinde bereichern? Welchen Einfluss hat die Gemeinde auf ihr Umfeld? Und warum wird das Gründungsteam mit der Gemeindearbeit weitermachen, obwohl die erste Krise alles durchgerüttelt hat?

Diese Vision ist der Kern des Ganzen.
An ihr wird entschieden, wer am Anfang dabei sein wird. Und dabei sein darf. Wer darf und soll diese DNS leben?
An der Vision wird entschieden, wohin welche Ressourcen investiert werden.
Und in Krisenphasen wird anhand der Vision die nächste Entscheidung getroffen.

Wie bekommt man eine solche Vision?
Das ist ein Thema für sich. Klar ist das: Es hängt mit Gebet, göttlicher Inspiration und Fügung sowie den Charakteren der Startmannschaft zusammen.

Je nach Vision und der konsequenten Verfolgung dieser in der ersten Phase der Gründung wird die „Frucht“ sein.

Die fehlende Vision

Ich sehe mindestens zwei Gründe, weshalb eine Gemeinde später auch kinderlos sterben kann:
a) Es gab keine weitreichende und zugleich detaillierte Vision.
Vielleicht ging es einfach nur darum, eine Gemeinde zu gründen. Fertig. Aus.
Mit einer solchen Vision kommt man nicht weit.
Denn wenn die Gemeinde erst einmal gegründet ist, dann kann ein „Visionsloch“ entstehen: eigentlich weiß niemand, warum diese Gemeinde weiterleben soll. Biblisch mag man Argumente anführen. Aber sie klingen in einer solchen Loch-Phase mehr nach „Richtigkeiten“ statt nach lebendiger Überzeugung. Der Sterbeprozess steht vor der Tür, wenn nicht Einschneidendes geschieht.

b) Die Vision wurde nicht gepflegt und nicht angepasst.
Die erste Vision bestimmt zwar die DNS der Gemeinde. Aber so ein Organismus kann von Viren befallen werden und erkranken. Diese Angreifer lauern ständig überall. So kann es sein, dass die DNS zwar da ist – aber sie hat keinen Raum, um gelebt zu werden. Die Folge ist, dass der Organismus eingeht. Deshalb ist es wichtig, die Vision (=DNS) beständig zu pflegen. Das geschieht durch Predigten, Andachten und womöglich am meisten durch das Leben der Vision. Hier sind die Leiter der Gemeinde gefragt. Wie füllen sie die Vision? Geben sie der DNS Lebensraum? Werden die Ressourcen so eingesetzt, damit es der Vision dient? Stehen die Bereichsleiter hinter der Vision? Das muss ganz praktisch werden und kann sich bis hin zur Dekoration eines Gemeindesaals hinziehen.
Immer wieder gibt es dabei Situationen, die neu sind. So neu, dass man sie nicht bedenken und planen konnte. Die Herausforderung für den Organismus ist es, ob er sich der neuen Situation anpassen kann, ohne seine DNS zu verleugnen. Gelingt es dauerhaft nicht, kann der Gemeindekörper sterben.

„Visionskunde“ für die Ausbildung

Zur Zeit habe ich mit mehreren Gemeinden zu tun. Als angestellter Pastor, als Honorarkraft und als Gastprediger.
Als Gastprediger hier und da, ansonsten im Bereich der Freien evangelischen Gemeinde und der Landeskirchlichen Gemeinschaften.
Und tatsächlich geht es bei der Zukunft jeder dieser Gemeinden/Gemeinschaften um eben diesen Kernaspekt:
Was ist die Vision?

Und leider ist auch das zu merken:
Wo die Vision nicht existiert oder nicht nicht gepflegt wird, da schwindet eine Gemeinde.

Das wäre doch mal was:
Wenn Theologiestudenten und Bibelschüler zwei Semester „Visionskunde“ hätten!
Das wäre eines der Themen, die für die Praxis existentiell wichtig sind. Wer weiß, wie unsere Gemeindelandschaft aussehen würde, wenn das gelehrt werden würde!?

Bildquelle: wikipedia – DNS – Seite aufgerufen am 24.02.2018

Die Gemeinde ist keine Familie!

Hier und da höre ich Folgendes von Christen:
„Wir brauchen mehr Miteinander in der Gemeinde! Wir sind doch eine Familie!“

Biblisch ist das Bild von der Gemeinde als Familie schwer haltbar.
Ja, es ist von „Brüdern“ und „Schwestern“ die Rede. Von Gott, dem Vater.
Aber Gemeinde wird an keiner Stelle ausdrücklich als „Familie“ bezeichnet!

Jetzt schaut mancher in seiner Bibel und sagt:
„Aber doch! Hier steht es in Galater 6,10 und Epheser 2,19!“

Nun übersetzen nicht alle Bibelwissenschaftler die genannten Stellen in Gal 6,10 und Eph 2,19 so.
So z.B. auch nicht die recht genaue Übersetzung der Elberfelder Bibel.

Warum nicht?
Weil im griechischen Grundtext das Wort „Familie“ tatsächlich nicht auftaucht, sondern das Wort „Hausgenossen“.

Und dieses Wort klingt nicht nur anders, sondern hat auch einen anderen Inhalt.

Hausgenossen sind gewiss fast genauso beieinander wie eine Familie.
Und dennoch sind sie nicht so verbunden wie eine Familie.
Die Distanz ist im Allgemeinen größer.

Ich vermute hinter dem Wunsch, dass Gemeinde wie eine Familie sein soll, die Sehnsucht nach mehr Miteinander.
Mehr Zeit miteinander verbringen.
Sich gegenseitig mehr helfen.
Mehr Verbundenheit und weniger Distanz.

Diesen Wunsch haben längst nicht alle Christen.
Ich kenne Christen, die im Alltag so ausgelastet sind, dass die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst das höchste ihrer Gefühle ist. Sie haben bedingt durch ihren Beruf mit so vielen Menschen zu tun, dass ihnen am Wochenende mehr nach „Höhle“ als nach „Familienfeiern“ ist. Wer diesen Christen was Gutes tun will, müsste ihnen öfter mal Mut machen, sich am Samstag/Sonntag tatsächlich mal in die Einsamkeit zurückzuziehen.

So ist der Wunsch nach der Gemeinde-Familie ganz unterschiedlich ausgeprägt.

Woran orientieren wir uns also?
Natürlich am Wort Gottes, der Bibel.

Interessanterweise wird uns in der Bibel nicht vorgegeben, wie oft oder unter welchen Voraussetzungen sich Christen zu treffen haben oder wie toll doch alles zu laufen hat.
Es wird von Bräuchen erzählt (s.a. Apg: zu Beginn trafen sie sich täglich; hingegen scheinen sich andere Christen einmal wöchentlich – am Tag des Herrn – getroffen zu haben; Paulus wiederum hatte zwar ein Missionsteam, aber Kontakt zu lokalen Gemeinden war mitunter wochenlang nicht drin). Es wird aber auch von Konflikten der ersten Christen erzählt (s.a. Apg: die Versorgung der jüdischen und griechischen Witwen; der Betrug durch Ananias und Saphira; Konflikte zwischen Petrus und Paulus oder Paulus und Barnabas).

Natürlich geht es um das Miteinander der Christen. Und es geht auch um Gemeinschaft. Es geht um das gegenseitige Dienen.
Aber hat das täglich zu erfolgen? Oder zweiwöchentlich? Sonntags oder Dienstags? Morgens oder Abends? Zu dritt oder zu zehnt? Im Wohnzimmer oder im Café? Für eine Stunde oder für fünf Stunden? Mit Predigt oder ohne?
All das ist nicht ausdrücklich geregelt.

Denn es geht um die Herzenseinstellung. Diese Einstellung des „Ich bin für Jesus und für dich!“.
Und es geht um den eigentlichen Grund des Zusammenkommens: „Zusammen vor Gott durch Jesus und hinausgesandt in die Welt!“.

Wer das versteht, kann zum eigenen Wunsch nach mehr Gemeinschaft „Ja“ sagen. Es ist ein guter Wunsch.
Der kann aber ebenso „Ja“ sagen zu dem Wunsch des anderen, sich in die Höhle verziehen zu wollen.
So drückt man den eigenen Wunsch nicht dem Gegenüber auf und misst nicht eine ganze Gemeinde am persönlichen Wunsch. Sondern man fängt an, dem anderen zuhörender zu begegnen: Wie stellt sich der andere die Gemeinschaft vor?

Das wäre doch mal eine interessante Unterhaltung!

Warum triffst du dich mit anderen Christen?
Was hilft dir bei den oder durch die Treffen?
Inwiefern kannst du anderen helfen?
Wie kann diese Gemeinschaft den Nachbarn bzw. der Gesellschaft helfen?
Was sind deine zeitlichen und kräftemäßigen Möglichkeiten?
Was sind deine Limits?

Handout „Frauen als Älteste und Predigerinnen?“

In Vorbereitung auf die Ältestenwahl unserer Gemeinde habe ich ein Video zum Text aus 1.Timotheus 3,1 ff. erstellt. Darin geht es um die Qualifikationen eines Ältesten. Die meisten Merkmale eines Ältesten sind ziemlich unstrittig in christlichen Gemeinden: klar, der soll kein Gewalttäter sein, keiner, der ständig mit anderen streitet, niemand, für den man sich schämen muss usw.
Aber es gibt immer wieder den einen Knackpunkt, über den manche stoßen:
Ein Ältester soll „Mann einer einzigen Frau“ sein.
Heißt das, dass nur Männer Gemeindeälteste sein dürfen und Frauen nicht?

Eine Frage, die unsere Gesellschaft heutzutage fraglos überflüssig findet oder altbacken (wiewohl es in Deutschland nicht lange her ist, dass das Rollenverhältnis von Mann und Frau gänzlich anders war als zur Zeit; geschichtlich gesehen stehen wir da gerade erst am Anfang).
Aber für Menschen, die die Bibel respektieren, ist diese Frage wirklich relevant. Man will ja seinen eigenen Glauben, Gott und das Wort Gottes ernst nehmen!

Deshalb habe ich nochmal ein überschaubares, dreiseitiges Handout zur Frage anfertigt „Dürfen Frauen Älteste und Predigerinnen sein?„.
Die wesentlichen Argumente sind aufgezeigt und hoffentlich nachvollziehbar.
Da es sich nur um ein Handout handelt, ist vielleicht nicht alles sofort verständlich. Aber als Zusammenfassung taugt es.

Hier zum kostenlosen Download im pdf-Format!

P.S. Nachtrag vom 17.03.2017:
Zu dem Thema „Frauen als Älteste“ habe ich gemerkt, dass manche meiner Argumentation schwer folgen können. Deshalb hier meine Argumente in etwas einfacherer Form:

– Alle Christen sollen andere Menschen lehren (Mt 28,18 ff.; Kol 3,16 u.a.).
Diese Lehrgebote unterscheiden nicht beim Geschlecht. Sie gelten für Männer und Frauen.

– Frauen in der Bibel nahmen leitende und lehrende Aufgaben wahr.
Das ist vor allem im Kontext des Patriarchats beachtlich. Deborah als Richterin im AT. Junia als Apostel im NT, Phöbe als Diakonin, Priscilla als Lehrerin, Missionarin und Gemeindeleiterin (zusammen mit ihrem Mann).
Ja, manche der Verse sind hinsichtlich der Auslegung strittig (z.B. war Junia wirklich Apostel oder nur anerkannt bei den Aposteln?). Aber es gibt immerhin Gründe für beide Sichtweisen, was zeigt, dass man „begründet“ unterschiedlicher Ansicht sein kann.

– Es gibt kein Verbot für Frauen in der Gemeindeleitung.
Das muss man einfach mal festhalten. Es wird in der Bibel nicht als Sünde bezeichnet, wenn eine Frau Älteste ist. Dabei macht Gott durch die Bibel durchaus deutlich, was für Ihn Sünde ist. Das wird dann auch so benannt (zB Mord, Ehebruch, Lüge usw.). Wenn Gott also etwas nicht als Sünde bezeichnet, mit welchem Recht dürfen wir das tun? Ferner: Wir haben keine Befugnis, der Bibel ein Verbot hinzuzufügen. Was wäre das für eine Vermessenheit!?
Wir kämen in das „enge und versklavende“ Denken mancher Pharisäer der damaligen Zeit: sie erdachten sich weitere Regelungen und fügten sie den biblischen Geboten/Verboten hinzu. Natürlich meinten sie es ernst. Sie wollten Gott in allen Dingen gehorsam sein. Aber der Effekt war, dass sie sich selbst und anderen das Leben damit schwer machte und das Wesentliche – die Liebe – zunehmend vergaßen. Jesus musste sie oft deswegen kritisieren.

Das sind die Hauptpunkte, die es als möglich erscheinen lassen, dass auch Frauen Älteste sein können.
Natürlich existieren Gegenargumente. Und gegen diese Gegenargumente gibt es wiederum Gegenargumente. Ein „Diskussions-Spiel“ ohne Ende. Letztlich zermürbend und wegführend vom Wesentlichen.
Aber zwei Gegenargumente (und ihre Entkräftung) will ich hier bringen:

– Gegenargument 1
Nach 1.Tim 3,1 ff. soll ein Ältester „Mann einer einzigen Frau“ sein. D.h.: „Ein Ältester soll ein Mann sein!“

Auf dieses Argument kann man nur kommen, wenn man die wortwörtliche Auslegungsmethode benutzt. Besonders schwierig wird es, wenn man dann noch den Umkehrschluss hinzufügt: „Und deshalb dürfen Frauen keine Ältesten sein!“
Entkräftung:
Mit dieser Methode muss man auch zu diesen Folgerungen kommen: ein Ältester muss verheiratet sein. Er darf kein Witwer und kein Single sein. Er muss mindestens zwei Kinder haben (s.a. 1.Tim 3,1 ff.: da ist von „Kinder“ im Plural die Rede). Er darf nicht geschieden sein (auch nicht, wenn die Scheidung biblisch legitim war). Es dürfte schwer werden, dann wirklich Älteste zu finden.
Und wie erwähnt, ist es besonders fatal, wenn der Umkehrschluss verwendet wird.
Denn wenn wir diese Auslegungsmethode konsequent einsetzen, dann kämen wir auch diesen Ergebnissen:
– Wir müssen uns mit dem Bruderkuss, wie er im NT erwähnt ist, begrüßen. Jede andere Art der Begrüßung wäre verboten. Vielleicht wäre es sogar Rebellion gegen Gott…
– Wir müssen Wein trinken, wenn es uns nicht gut geht. Jede andere Medizin wäre verboten.
– Frauen dürften keinen Goldschmuck, keine Perlenketten und keine kostbaren Kleidungsstücke tragen. Silber und Diamanten wären aber in Ordnung.
Heilung würden wir nur von Jesus erwarten. Das wird in der Bibel bezeugt. Arztbesuche tauchen in der Bibel nicht auf. Also sind sie verboten.
– Usw.
Interessanterweise macht da aber keiner das Fass auf. Vielleicht, weil man instinktiv merkt, dass man wirklich zu schrägen Ergebnissen kommen würde.
Umso mehr verwundert es mich, wenn man aber bei 1.Tim 3,1 ff. diese Art der Auslegung verwendet:
ein Satz wird wortwörtlich genommen und mit einem Umkehrschluss begründet man ein Verbot. Das geschieht nur hier… bei so vielen anderen Themen macht das keiner. Komisch.
Deshalb muss man die historisch-grammatikalische Auslegungsmethode verwenden, die nach dem Sinn und Zweck, dem Kontext, dem Verfasser und den Adressaten fragt. Und da lautet das Ergebnis zu 1.Tim 3,1 ff. so:
Ein Ältester muss treu und monogam sein.
Ein Verbot für Frauen in dieser Position existiert nicht. Also ist es denkbar und möglich, dass auch Frauen Älteste sein können.

– Gegenargument 2
„Die Schöpfungsordnung von Mann und Frau wird auf den Kopf gestellt, wenn Frauen Älteste sein dürfen!“

Dieses Argument kommt sehr grundsätzlich daher. Demnach sind Männern und Frauen unterschiedliche Aufgaben zugedacht: Männer sollen leiten und Frauen sollen sich unterordnen. Wenn aber eine Frau Älteste wäre, dann würde sie ja über Männer leiten. Dies wäre gegen die Schöpfungsordnung.
Entkräftung:
Aber was besagt die Schöpfungsordnung?
Dass es Mann und Frau gibt. Sie sollen ein Fleisch sein. Und die Frau soll dem Mann helfen.
Es geht um das Eheverhältnis!
Es geht nicht um Ämter in der Gemeinde!
Ebenso betrifft es Verse wie in Epheser 5,21 ff.: Ja, hier wird das Verhältnis von Mann und Frau beschrieben. Der Mann als Haupt der Frau.
Doch wieder: es geht um das Eheverhältnis und nicht um Ämterfragen!
Es ist Unsinn, Anweisungen für die Ehe mit bestimmten Gemeindeaufgaben gleichzusetzen. Das ist eine Vermischung, die konstruiert ist.
Wenn eine Frau Älteste ist, dann wird sie doch nicht mit den Männern der Gemeinde verheiratet! Wieso also sollten Eheregeln für diese Gemeindeaufgabe gelten?
Wenn aber auf dieser Ebene diskutieren will, könnte man die Schöpfungsordnung sogar als Beleg dafür anwenden, dass Frauen Älteste sein sollen: denn, wenn männliche Älteste keine weiblichen Ältesten neben sich haben, dann wären sie ja unvollkommen und hilflos. Erst mit der weiblichen Ergänzung bekämen sie die Hilfe, die sie bräuchten, um wirklich gute Älteste zu sein.
Klingt das merkwürdig?
Ja.
Weil man damit eben das Eheverhältnis mit der Aufgabe von Ältesten vermischt.
Ist unsinnig.

Insgesamt ein Thema, das für erhitzte Gemüter sorgen kann. Man kann jahrelang darüber diskutieren.
Leider führt es manchmal zu persönlichen Herabwürdigungen. So musste ich mir schon manchen Vorwurf anhören („nicht bibeltreu“, „rebellisch“, „unbiblisch“, „enttäuscht von dir als Pastor“ usw.). Puh! Wenn ein nicht-heilsnotwendiges Nebenthema so auf die Goldwaage gelegt wird… dann kann es nur Streit produzieren. Gebe Gott, dass wir das Wesentliche wesentlich behandeln und das Nebensächliche nebensächlich sein lassen.