Seelsorge: Grenzen setzen

Ich bin gerne gnädig. Lieber verzeihe ich als einen Dauerkonflikt zu haben.
Lieber sehe ich das Potential in einem Menschen als seinen Mangel.
Lieber blicke ich einen Menschen freundlich an als kritisch.

Aber manchmal scheint es gnädiger zu sein, Grenzen zu setzen.
So kann es vorkommen, dass man mit einer seelsorgerlichen Situation überfordert ist.
Das Gnädige in mir möchte weiterhelfen. Irgendeine Lösung muss es doch geben: „Lass uns nochmal treffen und nochmal reden und nochmal beten.. irgendwann muss es doch helfen!“
Wie leicht kann dann übersehen werden, dass man nicht mehr helfen kann.
Sei es, dass mir das Fachwissen hilft (zB bei medizinischen Fragen oder traumatischen Erlebnissen);
sei es, dass ich nicht wirklich genügend Zeit habe, mein Gegenüber aber ganz viel davon bräuchte;
sei es, dass ich selbst auf dem letzten Loch pfeife und merke, dass mich die Seelsorge nur fertig machen würde (wie soll ein Blinder einen Blinden begleiten?);
oder sei es, weil mein Gegenüber tatsächlich keine Veränderung will.

Dann müssen Grenzen gesetzt werden. Auch aus Gnade für den anderen.
Denn die Vorspiegelung meiner „Hilfe“, die dann doch keine wäre, könnte zugleich eine Irreführung des anderen sein.
Das Setzen einer Grenze kann hart sein.
Aber sie kann mitunter ein wichtiges Signal an den anderen sein.
Und mitunter kann sie die eigentliche Hilfe werden, die die nötige Motivation auslöst, damit der andere aktiv an einer Lösung mitarbeitet.

Manchmal kann es gnädiger sein, eine Grenze zu setzen.

Das teile ich dem anderen dann mit.
„Ich weiß hier auch nicht weiter. Du bist wichtig und ich mag dich, aber mit unseren Treffen kann ich dir zur Zeit nicht helfen.“
Dann ermutige ich den anderen:
„Aber ich weiß, dass du das und das (die bestimmte Fähigkeit oder das gewünschte Ziel hängt von der Person ab) kannst und willst. Das steckt in dir. Ich glaube, dass du den nächsten Schritt gehen kannst. Das hast du früher schon bewiesen (das gilt natürlich nur, wenn dem tatsächlich so ist).“
Gegebenfalls biete ich einen Rat an, z.B. der Kontakt zu einem Experten oder eine Maßnahme, die manch anderen schon geholfen hat.
Und schließlich biete ich das segnende Gebet an, das dann auch an Ort und Stelle ausgeübt wird.
So wird zwar eine Grenze gesetzt, aber sie ist in die Melodie der Ermutigung und Segnung eingebettet.