Führungslektion – Führungskraft sein und Demut

Viele Jahre habe ich mich dagegen gesträubt, „Pastor“ zu sein.
Nein, ich sträubte mich nicht gegen die Arbeit an sich. Diesen Dienst tue ich mit Leidenschaft.
Aber ich mochte den Titel nicht.
Denn ich wollte nah bei den Menschen sein. Ich mag es, auf Augenhöhe zu sein. Schließlich bin ich nicht besser als die anderen. Von den anderen kann ich lernen. Und sie von mir. Formen der Hierarchie sind mir persönlich schnell suspekt. Möglicherweise eine deutsche Prägung. Auch von der Bibel konnte ich nicht erkennen, dass ein Pastor (Ältester) höhe stünde als jemand anderes.

Doch immer wieder spürte ich, wie Menschen in mir nicht zuerst „den Bruder“ sahen, sondern zuerst meine Funktion: nämlich Pastor zu sein.
Als würde sich die Mehrheit der Leute danach sehnen, sich an einer Führungskraft zu orientieren. Jemanden zu haben, der einem sagt, was richtig und falsch ist.
Dagegen habe ich mich gesträubt.

Mittlerweile sehe ich all das ein wenig anders.
Mittlerweile bejahe ich es, Führungskraft in der Gemeinde zu sein. Und ja: ich arbeite als Pastor (und bin dabei Mensch wie jeder andere auch).

Warum dieses Umdenken?

Diese Aspekte haben mich dazu gebracht, das Denken über meine Aufgabe zu ändern:
– Es entspricht schlichtweg der Realität, dass ich als Pastor mehr Einfluss und Verantwortung als andere habe.
Mit den anderen Ältesten der Gemeinde treffe ich Entscheidungen, die andere Gemeindemitglieder so nicht treffen dürfen.
Natürlich unterscheidet mich das von anderen.
Und wenn wir als Älteste Entscheidungen treffen, dann hat das Einfluss auf die Leben anderer Menschen, im Guten wie im Schlechten (denn nicht jede unserer Entscheidungen ist auch immer gut – bei allem Beten und gewissenhaften Prüfen im Miteinander). Eine fehlerhafte Kommunikation kann schnell viele Konflikte auslösen. Eine gelungene Kommunikation kann Menschen das Leben erleichtern.
Diese Verantwortung genauso zu bewerten wie die Verantwortung, ob der Sonntagskuchen gelungen ist, wäre eine unangemessene Gleichmacherei.

In der Bibel wird der Dienst des Pastors iSv. „Ältester einer Gemeinde“ genannt (neben einigen anderen Diensten wie den des Evangelisten, Lehrers, Propheten usw.). Es ist also ein Dienst, den das Wort Gottes vorsieht. Diesen Dienst nicht so zu benennen, könnte schlussendlich sogar auf eine Missachtung von Gottes Wort hinaus laufen. Positiv geschrieben: Wer den Dienst eines Ältesten (Pastors) ausübt, sollte das auch so nennen.

Jede Führungskraft hebt sich von anderen ab.
Ob man nun als Mutter/Vater die eigenen Kinder anleitet, als Lehrer die Klasse, als Firmenchef die Angestellten, als Trainer die Sportler oder als Pastor eine Gemeinde. Stets geht es um ein Mehr an Verantwortung, weil es auch ein Mehr an Einfluss gibt.
Das Privileg dabei ist das Mehr an Gestaltungsmöglichkeiten.
Die Last dabei ist eben die Verantwortung.
Doch das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Das sollte demütig machen.
Ganz im Wortsinn, denn „Demut“ ist der Mut zum Dienen.
Es ist mutig, Verantwortung zu übernehmen, weil man dabei eine Menge falsch machen kann und öfter als andere in der Öffentlichkeit steht und kritisiert werden kann. Es erfordert Mut, immer wieder neu den Entschluss zu fassen, anderen zu dienen und sich selbst dabei zurück zu stellen.
Es sollte auch demütig vor Gott machen. Abhängig von Ihm. Denn letztlich weiß ich nicht, wie meine Entscheidungen und Worte wirklich ankommen. Hilft diese Maßnahme wirklich? Sollte man es besser lassen? Nutzt sie? Schadet sie? Es gibt wenig eindeutige Situationen, in denen das immer klar ist. Das bewegt in das Gebet hinein. Hin zu dem, der der eigentliche Anführer ist: Gott, der den Überblick hat.

Natürlich suche ich dabei noch immer die Augenhöhe mit dem anderen. Anders kann ich mir Gemeindearbeit bzw. Arbeit mit Menschen nicht vorstellen. In der Regel funktioniert es nicht, vom „hohen Ross“ her zu leiten. Oft klappt es nur im Miteinander, weil dort das nötige Vertrauen existiert. Und natürlich poche ich nicht darauf, „Pastor“ genannt zu werden. Ich störe mich aber auch nicht mehr daran.

Für mich war und ist das eine wichtige Führungslektion:
Ja sagen zu der Aufgabe und Position, die man inne hat.
Wo „Pastor“ drin ist, sollte auch „Pastor“ drauf stehen.

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Als Pastor arbeiten: Zweifel und Krisen

Jemand meinte mal zu mir:
„Du bist kein Leiter!“
Das war kein Versprecher. Er wollte nicht sagen: „Du bist keine Leiter!“ Damit hätte er wirklich Recht gehabt.
Was er sagen wollte, war das:
„Ich sehe in dir keinen Leitertypen!“
Und seine Vorstellung eines Leitertypen war wahrscheinlich die:
Das ist ein Typ, der vorangeht, andere mitzieht, den Ton angibt und sich nicht beirren lässt.

Mich hatte dieser Satz damals sehr getroffen und ich hatte angefangen, an meiner Arbeit als Pastor zu zweifeln. Mal wieder. Eine mittlerweile fast übliche „Routine“: Mindestens einmal pro Jahr kommen die grundlegenden Zweifel auf und ich stehe kurz davor, meine Arbeit hinzuschmeißen.

Doch mit der „Anfechtungsroutine“ kommt auch eine andere Routine in Gang:
Die Reflektions- und Lösungsroutine.

Es ist ein bisschen wie mit meinen Zweifeln zu Beginn meines Christseins:
Die ersten 2-3 Jahre hinterfragte ich die Basics des christlichen Glaubens immer wieder.
Gab es Jesus wirklich?
Ist die Bibel zuverlässig überliefert?
Ist Jesus wirklich auferstanden?
Usw.

Ich verschlang Bücher, suchte Antworten, bemühte mich, redlich zu sein und meinen Verstand nicht an der Garderobe abzugeben. Mit der Zeit hatte ich etliche plausible Antworten parat. Die Anfragen und Zweifel aber blieben… bis ich entdeckte, dass diese Zweifel auch ihre Routine hatten, mir aber nicht mehr weiterhalfen, sondern mich nur noch zermürbten. Mit der Erkenntnis, dass es konstruktive Zweifel und zerstörerische Zweifel gibt, entschloss ich mich, diesen nunmehr destruktiven Zweifeln keinen Raum zu geben.

Ähnlich verlief es bisher mit meinen Zweifeln am Dienst als Pastor.
Sie kommen mindestens einmal im Jahr und machen mich dann echt fertig.
Aber jedes Mal hilft mir irgendwas raus.
Manchmal ist es einfach ein Lebensumstand, der mich daran hindert, mir einen anderen Beruf zu suchen.
Und manchmal ist es ein göttliches Eingreifen (das ist eine sehr persönliche Geschichte).
Mittlerweile gab es so viele Krisen und so viele „Ermutigungserlebnisse“, das ich sagen kann:
„Ich soll als Pastor arbeiten.“

Ich bin mittlerweile davon überzeugt:
Wenn Gott uns eine Aufgabe gibt, dann sorgt Er auch dafür, dass wir dran bleiben.
Dann reifen wir an Krisen und werden stärker in diesem Dienst.
Das geht nur mit Leiden.
Aber diese Leiden dienen uns zum Besten.
Diese Krisen helfen, nicht mehr einem besonderen Image hinterherzurennen, sondern den Dienst zu sehen.
Sie vernichten den Wunsch nach einem „Titel“ und einem „Ansehen“ und zeigen auf das, worum es wirklich geht.
Sie helfen, eigene Schwächen und Stärken deutlicher zu sehen – und das Bedürfnis nach Gottes Gnade in Anspruch zu nehmen.
Sie verdeutlichen die eigene Berufung und den persönlichen Lebensauftrag.
Sie helfen, Prioritäten zu setzen und Grenzen zu setzen.

Wird man so ein „Leiter“? Oder ein besserer „Leiter“?
Das weiß Gott allein.
Und genau das reicht auch.