Gemeindegründung in Berlin – Teil 1

Heute starte ich mit meiner Geschichte der Gemeindegründung in Berlin. Regelmäßig werde ich von meinen Erfahrungen der letzten 12-13 Jahre berichten. Eine Geschichte, die voll mit Fehlern, starken Erlebnissen, vielen Experimenten ist und die eine Menge von Gottes Gnade enthält.

Eine Geschichte, die mit drei, vier Personen angefangen hat. In der ca. 90 Personen direkt beteiligt waren. In der es etliche Menschen wieder woanders hingezogen hat. Und eine Geschichte, die zwischenzeitlich auf eine Gemeinde im Westen Berlins verweist, der sich ungefähr 50 Menschen nahe wissen.

Letztlich ist es Gottes Geschichte mit uns Menschen. Und, wenn man es ganz genau nehmen wollte, müsste man wirklich bei Adam und Eva anfangen.
Um aber den Prozess abzukürzen, fange ich hier an:

Es war klar für mich, dass ich in Berlin keine berufliche Perspektive als Pastor haben würde. Gemeinden wachsen hier nicht wie Sand am Meer. Und Pastoren wechseln nicht jedes Jahr ihre Stelle. Ganz anders in Süddeutschland: Dort gab es immer wieder Stellenausschreibungen (damit will ich nicht sagen, dass dort Pastoren jährlich die Gemeinde wechseln oder dass es dort den „Gemeinde-Sand“ geben würde). Die Zeit lief und ich musste mich entscheiden: Sollte ich in Berlin bleiben oder den Schritt in den Schwarzwald wagen, wo ich schon ein Angebot in Aussicht hatte?

In diesen Tagen der Entscheidung musste ich am Gebiet Heerstraße Nord in Berlin-Spandau vorbei. Eine Hochhausgegend mit damals ungefähr 16.000 – 17.000 Menschen. Und es geschah etwas mit mir, womit ich nicht gerechnet hatte: Plötzlich – und ich kann es nicht anders beschreiben – fuhr eine Idee in mich. Und zwar die Idee der Gemeindegründung. Eine Gemeinde mittem im Kiez. Eine Oase, zu der jeder kommen darf. Auftanken kann. Gott lobt. Und gestärkt weiter in den Alltag geht. Eine Stätte der Heilung.
Ich war so gepackt von dieser Idee, dass ich ein paar Nächte kaum einschlafen konnte, weil ich so viele Gedanken hatte. Ich war schnell dabei, Pläne zu schmieden.

Bis dato hatte ich im Rahmen meiner theologischen Ausbildung nur ein kleines Seminar zum Thema „Gemeindegründung“ besucht. „Gemeindegründung“ – das war was für Freaks… aber nicht für mich!
Doch in diesen Tagen war mir das egal. Ich war fasziniert. Ängstlich. Begeistert. Spürte eine enorme Motivation. Und hatte zugleich keine Ahnung, wie man das macht – Gemeinde zu gründen.

Egal.
Ich wollte starten.

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Wenn Gemeinden sterben

Gemeinden sterben

Es ist ein Fakt: Gemeinden sterben.
Beweis: Keine der vom Apostel Paulus vor nahezu 2000 Jahren gegründeten Gemeinden existieren heute noch.

Eine Gemeinde ist ein lebendiger Organismus. Er wird geboren, er hat seine Reifezeit und irgendwann stirbt der Organismus. So ist das Leben eben. Manche Gemeinden werden auf diese Weise nur ein Dutzend Jahre alt, sterben gar im Kindesalter, andere können über hundert Jahre alt werden.
Wie gut ist es, wenn solch ein Organismus fruchtbar ist. Wenn er Kinder bekommt.
(Ich vermute, dass man vieles, was ich hier bedenke, auch auf viele andere Sozialformen beziehen kann)

Fruchtbare Gemeinden

Die „Kinder“ einer Gemeinde können neue Gemeinden sein. Oder kleinere Hausgruppen, die nach dem Tod der lokalen Gemeinden weiter existieren. Und manchmal sind es auch „nur“ die einzelnen „Zellen“, sprich: die einzelnen Menschen, die durch diese Gemeinde geprägt worden sind und sich dann einer anderen Gemeinde anschließen und ihre Prägung dort einbringen.
Traurig ist es allerdings, wenn es keine Nachkommen gibt. Wenn eine Gemeinde tatsächlich aus Altersgründen stirbt und weder eine Gruppe weiterlebt noch ein Gemeindemitglied.
Dann handelt es sich um einen „Gen-Defekt“ oder eine tödliche Krankheit.

Entscheidend für die Fruchtbarkeit einer Gemeinde scheint die geistliche DNS zu sein.

Gemeinde-DNS
Und diese wird in der ersten Zeit der Gemeinde festgesetzt. Im Grunde in der Zeit, in der die Gemeinde noch ungeboren ist: Es gibt weder eine Gottesdienstfeier, noch ein Gemeindehaus oder eine Lobpreisband.
Die einzigen, die schon existieren, sind die einzelnen Zellen, also vielleicht 1-3 Christen, die den Wunsch haben, eine Gemeinde zu gründen.

Ihre erste Zeit ist die entscheidende.
Was sie zu Beginn entscheiden, wird die entstehende Gemeinde ihr Leben lang prägen.
Deshalb ist es am Anfang so relevant, sich Zeit zu nehmen. Hier werden die Weichen für die kommenden Jahrzehnte gestellt!

Die „Vision“ als geistliche DNS

Knackpunkt für die geistliche DNS ist – neben einigen anderen Aspekten – dieser:
Was genau ist die „Vision“ der Gründer?
Ob man es „Vision“, „Leitbild“ oder ganz anders nennt – es geht darum, WARUM diese Gemeinde gegründet werden soll.
Was genau treibt dazu an? Was begeistert?
Je genauer dieses Bild ist (denn mehr als ein Bild ist es ja nicht), desto besser.
Mit Genauigkeit ist nicht zuerst gemeint, welche Lieder man an welchem Sonntag singen will.
Mit Genauigkeit ist solches gemeint: Wo soll die Gemeinde sein? Was wird durch sie erreicht? Mit welchen Menschen wird man hauptsächlich zu tun haben? Was kann die Gemeinde bei diesen Menschen bewegen? Wie können diese Menschen die Gemeinde bereichern? Welchen Einfluss hat die Gemeinde auf ihr Umfeld? Und warum wird das Gründungsteam mit der Gemeindearbeit weitermachen, obwohl die erste Krise alles durchgerüttelt hat?

Diese Vision ist der Kern des Ganzen.
An ihr wird entschieden, wer am Anfang dabei sein wird. Und dabei sein darf. Wer darf und soll diese DNS leben?
An der Vision wird entschieden, wohin welche Ressourcen investiert werden.
Und in Krisenphasen wird anhand der Vision die nächste Entscheidung getroffen.

Wie bekommt man eine solche Vision?
Das ist ein Thema für sich. Klar ist das: Es hängt mit Gebet, göttlicher Inspiration und Fügung sowie den Charakteren der Startmannschaft zusammen.

Je nach Vision und der konsequenten Verfolgung dieser in der ersten Phase der Gründung wird die „Frucht“ sein.

Die fehlende Vision

Ich sehe mindestens zwei Gründe, weshalb eine Gemeinde später auch kinderlos sterben kann:
a) Es gab keine weitreichende und zugleich detaillierte Vision.
Vielleicht ging es einfach nur darum, eine Gemeinde zu gründen. Fertig. Aus.
Mit einer solchen Vision kommt man nicht weit.
Denn wenn die Gemeinde erst einmal gegründet ist, dann kann ein „Visionsloch“ entstehen: eigentlich weiß niemand, warum diese Gemeinde weiterleben soll. Biblisch mag man Argumente anführen. Aber sie klingen in einer solchen Loch-Phase mehr nach „Richtigkeiten“ statt nach lebendiger Überzeugung. Der Sterbeprozess steht vor der Tür, wenn nicht Einschneidendes geschieht.

b) Die Vision wurde nicht gepflegt und nicht angepasst.
Die erste Vision bestimmt zwar die DNS der Gemeinde. Aber so ein Organismus kann von Viren befallen werden und erkranken. Diese Angreifer lauern ständig überall. So kann es sein, dass die DNS zwar da ist – aber sie hat keinen Raum, um gelebt zu werden. Die Folge ist, dass der Organismus eingeht. Deshalb ist es wichtig, die Vision (=DNS) beständig zu pflegen. Das geschieht durch Predigten, Andachten und womöglich am meisten durch das Leben der Vision. Hier sind die Leiter der Gemeinde gefragt. Wie füllen sie die Vision? Geben sie der DNS Lebensraum? Werden die Ressourcen so eingesetzt, damit es der Vision dient? Stehen die Bereichsleiter hinter der Vision? Das muss ganz praktisch werden und kann sich bis hin zur Dekoration eines Gemeindesaals hinziehen.
Immer wieder gibt es dabei Situationen, die neu sind. So neu, dass man sie nicht bedenken und planen konnte. Die Herausforderung für den Organismus ist es, ob er sich der neuen Situation anpassen kann, ohne seine DNS zu verleugnen. Gelingt es dauerhaft nicht, kann der Gemeindekörper sterben.

„Visionskunde“ für die Ausbildung

Zur Zeit habe ich mit mehreren Gemeinden zu tun. Als angestellter Pastor, als Honorarkraft und als Gastprediger.
Als Gastprediger hier und da, ansonsten im Bereich der Freien evangelischen Gemeinde und der Landeskirchlichen Gemeinschaften.
Und tatsächlich geht es bei der Zukunft jeder dieser Gemeinden/Gemeinschaften um eben diesen Kernaspekt:
Was ist die Vision?

Und leider ist auch das zu merken:
Wo die Vision nicht existiert oder nicht nicht gepflegt wird, da schwindet eine Gemeinde.

Das wäre doch mal was:
Wenn Theologiestudenten und Bibelschüler zwei Semester „Visionskunde“ hätten!
Das wäre eines der Themen, die für die Praxis existentiell wichtig sind. Wer weiß, wie unsere Gemeindelandschaft aussehen würde, wenn das gelehrt werden würde!?

Bildquelle: wikipedia – DNS – Seite aufgerufen am 24.02.2018

Was ist wichtig für Gemeinden und Kirchen? Teil 1

Es ist schon erstaunlich! Die Gemeinde Jesu gibt es seit ca. 2000 Jahren. Ein Modell, das einige Menschen der Weltgeschichte vernichten wollten – und sie haben es nicht geschafft. Erstaunlicherweise entwickelt sich Gemeinde gerade dort besonders stark, wo sie unterdrückt und verfolgt wird. Während Kirchen in Europa eher schrumpfen, wachsen sie in Ländern wie China oder im arabischen Raum, also in Regionen, in denen das Christsein oft unter Repressalien leidet.

Mancher Christ meint daraufhin: „Durch Verfolgung wächst Gemeinde!“
Die Schlussfolgerung wäre: „Wir brauchen Verfolgung!“
Oder anders gesagt: Wir bräuchten dann eine Gesetzgebung, die Christen diskriminiert; eine Gesellschaft, die den Jesus-Nachfolger beschimpft, foltert, in das Gefängnis wirft oder sogar tötet.
Ich bin mir recht sicher, dass das niemand wirklich will, so toll ein Wachstum von Gemeinden auch sein mag.
(Wahlweise könnten wir auch in Frage stellen, ob ein Wachstum erstrebenswert ist.)

Ich bin überzeugt, dass äußerer Druck kein „Gemeindegründungsmittel“ ist.
Aber: äußerer Druck kann dazu führen, sich auf das Wesentliche von Gemeinde zu konzentrieren.
Plötzlich muss man sich Fragen stellen:
Wie lebe ich meinen Glauben, wenn ich mich nicht offiziell mit anderen Christen treffen darf?
Wie, wenn wir kein Kirchengebäude besitzen dürfen?
Wie, wenn kein Geld für einen Pastor vorhanden ist?

In diesen Fragen steckt die Chance, sich auf das Wesentliche von Gemeinde zu besinnen.
Und das Wesentliche von Gemeinde habe ich versucht, in der angefügten Skizze darzustellen:
Gemeinschaft im Sinne Jesu - SkizzeDa diese Skizze hier und da erklärungsbedürftig ist, werde ich in den folgenden Beiträgen entsprechende Erklärungen abgeben.

Hilfe für Kinder und Gemeinde

Seit Beginn der Gemeindegründung in Berlin-Spandau hat mich eine Vorstellung begleitet: irgendwie soll den Kindern im Kiez geholfen werden.
Es gibt viele Sozialpädagogen, Erzieher, Lehrer und Ehrenamtliche, die sich bereits für diese Kinder einsetzen. Es gibt bereits Vereine und Institutionen, die sich für Kinder einsetzen. Und fachlich gesehen machen sie sicherlich oft genauso gute oder gar bessere Arbeit als Gemeinden und Kirchen.

Und trotzdem hat Gott mich in den letzten Jahren immer wieder daran erinnert: Es geht um die Kinder im Kiez.
Wenn man sich den Kiez Heerstraße Nord anschaut, dann ist das trotz der bereits geleisteten Hilfe auch nötig. Der Kiez ist wirtschaftlich und sozial weiterhin auf einem absteigenden Ast. Hier gibt es mit die größte Kinderarmut Berlins. Der Anteil der Arbeitslosen und der Migranten ist ebenfalls sehr hoch. Keine Frage: hier ist jeder Mitarbeiter wichtig!

Eine Frage, die mich ebenfalls bewegte, ist die:
Muss sich nun eine ganze Gemeinde auf die Kinder einstellen?
Oder abstrakter gefragt:
Muss sich eine ganze Gemeinde einem bestimmten Dienst verpflichtet sehen?
Eine nicht unberechtigte Frage, da es ja durchaus Gemeinden gibt, die z.B. die Berliner Singles als Zielgruppe haben. Oder es gibt Gemeinden, die sich nur den Russen verpflichtet sehen oder den Jugendlichen oder den Bildungseliten.

Klar wurde mir das:
– Die Gemeinde als Gemeinschaft der Christen untersteht dem Doppelgebot der Liebe. Wir sollen Gott lieben und den Nächsten wie uns selbst – bis hin zur Feindesliebe. Grundlage ist Gottes Liebe zu uns.

– Die Gemeinde untersteht dem Hauptauftrag: Geht hin zu allen Völkern und macht sie zu Nachfolgern Jesu…
Es geht darum, dass jeder Mensch die Chance haben soll, in die rettende Gemeinschaft mit Gott zu kommen, darin zu bleiben und befähigt zu werden, andere auf diesem Weg zu begleiten.

– Das genannte Doppelgebot und den Hauptauftrag nenne ich einfach mal „die Essentials„.

Es gibt aber keine biblische Weisung, wonach eine Gemeinde nur einer bestimmten Zielgruppe dienen soll. Es wird auch nicht verboten, aber zentral bleiben immer die Essentials.

Abgeleitet aus den Essentials wird deutlich, dass eine Gemeinde stets für „Jedermann“ offen sein muss. Es ist biblisch nicht denkbar, dass sich eine Gemeinde nur auf Kinder konzentriert und alle anderen ausgrenzt. Dies widerspräche den Essentials. Was wäre das sonst für eine Nächstenliebe? Was bliebe vom Hauptauftrag, zu „allen Völkern“ zu gehen?

Allerdings halte ich es biblisch für denkbar, dass einzelne Christen eine persönliche Beauftragung von Gott haben, sich um eine bestimmte Gruppe von Menschen zu kümmern. So war Jesus zuerst den Juden verpflichtet. Der Apostel Paulus war zuerst als „Heidenapostel“ berufen. Allerdings half Jesus auch einzelnen Heiden und Paulus war noch immer mit dem jüdischen Volk verbunden. D.h. selbst die Beauftragung für eine bestimmte Menschengruppe kann und darf vor dem Hintergrund der Essentials nie andere ausschließen. Es geht somit nur um eine Frage des Dienstschwerpunktes.

– Wenn einzelne Christen eine solche persönliche Beauftragung haben, dann sind sie nach wie vor Teil der Gemeinde. Sie tauchen in der Gemeinde auf, empfangen und geben. Aber ihr Dienstschwerpunkt liegt in ihrer persönlichen Beauftragung. Dafür sollte die Gemeinde diese Mitarbeiter „freistellen“, d.h. möglichst nicht mit anderen Aufgaben beladen, sondern ihnen vielmehr helfen, die persönliche Beauftragung umzusetzen.

Kurzum:
M.E. kann und darf sich eine Gemeinde nie nur einem bestimmten Dienst verpflichtet sehen. Gemeinde ist bunter und vielfältiger. Und eben diese Vielfalt sollte entdeckt und bejaht werden, damit den Menschen im Namen Gottes geholfen werden kann.

Reformation & Erweckung

Angeregt durch Gedanken bei Richard (Warum wir keine Erweckung brauchen…) kommt nun mein „Senf“ dazu:
Kirche/Gemeinde steht in unserem westlichen Kulturkreis in einem Dilemma, denn die alten Traditionen ziehen die Menschen nicht mehr in die Kirchengebäude rein, aber eine völlige Anpassung an das Zeitgeschehen macht Gemeinde zumeist noch unattraktiver. Hinzu kommen diverse Skandale und Skandälchen, die der Kirche Schande bereitet haben. Deshalb treten seit Jahren Heerscharen von Menschen aus den verfassten Kirchen aus.
Aber auch die freien Gemeinden hierzulande, die ja dann doch das Bibelwort und das Gebet hochhalten wollen, verzeichnen einen Mitgliederschwund und nur selten ein kleines, letztlich kaum in Gewicht fallendes Wachstum (das z.T. auch durch Übertritte von ehemaligen Landeskirchlern erklärbar ist).
Manche resignieren dabei und erklären sich das mit der „Endzeit“, in der die Liebe erkalten wird und die Schar der Gläubigen würde eh immer weniger werden. M.E. ist das ein Konzept, das letztlich zur Lethargie führt und die christliche Depression nur vergrößert, also keine wirkliche Hilfe ist.

Andere machen eine Aktion nach der anderen, in der Hoffnung, irgendwann den Stein der Weisen zu finden, der eine Art Auslöser für großartige Geschehnisse sein soll. Dabei verausgaben sie sich, werden frustriert und irgendwann versuchen ein paar wenige „Streiter Christi“, den lahmen Karren aus dem Sumpf zu ziehen. Nee, Aktionismus iss’es auch nicht…

Wie auch immer: „Lösungsansätze“ gibt es viele und auch ich weiß nicht, ob es wirklich DIE Lösung gibt. Ich vermute, dass es sich um ein sehr organisches Ding handelt, das viele Facetten hat und wofür es kein Schema gibt, das bei entsprechender Befolgung zum Erfolg führt (worin bestünde überhaupt der „Erfolg“ ?).

Aber ich meine, die Grundlinien zu sehen, auf denen wir uns bewegen sollten:
a) Reformation der Strukturen
b) Erweckung.

Weiteres dazu folgt….

Lektionen aus der praktischen Gemeindegründungssarbeit

Mit hehren Vorsätzen bin ich in die Gemeindegründungsarbeit gegangen. Null Erfahrung in der Hinsicht, aber viel Passion. Eines war mir dabei klar: Ich will keine Christen aus anderen Gemeinden, sondern Menschen aus dem Kiez erreichen. In der ersten Zeit habe ich mit anderen zusammen das getan, was ich von Evangelisten gesehen hatte, wenn sie denn Menschen auf Jesus hin ansprechen wollen:
– Büchertisch
– Interviews führen
– Von Tür zu Tür gehen
– Verschenken von Getränken
– Verteilen von Abertausenden von Flyern
– Verschenken des Jesus-Films

Nach menschlichen Ermessen passierte so gut wie nichts. Niemand hatte Interesse an mehr von Jesus.
War der „Boden“ also zu hart?
Waren die Herzen der Menschen zu verschlossen?

Mittlerweile denke ich, dass ich zu dumm war.
Ich kann noch immer nicht behaupten, alles verstanden zu haben.
Aber das ist mir deutlicher geworden:

Es geht nicht um das Schaffen eines Angebots.
Es geht um Beziehungen.
Es geht nicht um kluge Reden.
Es geht um das Zuhören.
Es geht nicht darum, etwas Neues zu schaffen.
Es geht darum, im Bestehenden zu sein.
Es geht nicht darum, das große Projekt zu stemmen.
Es geht um die Mini-Schritte, die zur Vision passen.
Es geht nicht um meinen Zeitplan.
Es geht um Gottes Zeitplan.

All das andere (Teilnahme an Stadtteilfesten, Durchführen von Glaubenskursen, Bastelangebote für Kids…) hat seinen Stellenwert und kann punktuell auch sinnig sein.
Aber viel mehr geht es noch darum, Zeit für mein Gegenüber zu haben.
Es geht um den Menschen, der mir nahe ist (oder nahe werden soll) und nicht um das Schaffen eines Programms.

Ich bin gut im Erstellen von Plänen und Programmen. Das liegt mir. Und hin und wieder braucht man das auch.
Aber vielmehr will ich lernen, Zeit für den Nächsten zu haben.

Ich sehe das in der Entwicklung unserer Gemeindearbeit.
Wir haben viele Christen angezogen. In etlichen Fällen war das wirklich gut. Manche Christen waren seit längerer Zeit ohne Gemeinschaft mit Brüdern und Schwestern. Dabei sind wir doch ein Leib und brauchen einander! An dieser Stelle konnte unsere Gemeinde eine Hilfe sein. Und diese Christen sind uns zur Hilfe geworden, so dass ich nun sagen kann: mit ihnen zusammen sind wir Gemeinde.
Doch die Frage blieb (und bleibt): Wie können wir den Menschen um uns herum das Evangelium bringen?
Das sind meine Erfahrungen:

– Bleiben.
Nicht nach dem besseren Gemeinderaum suchen. Sondern dort bleiben, wo man etwas gefunden hat. Stabilität und Verlässlichkeit sind eine Botschaft für sich. Eine Gemeinde, die nach ein paar Jahren wieder in eine andere Straße zieht, weil das Haus dort schöner ist, der wird es kaum gelingen, Beziehungen in der Nachbarschaft zu bauen. Mitterweile bin ich dafür, „für immer“ in dem begrenzten Raum zu bleiben, in dem wir als Gemeinde nur Untermieter sind. Gemeindewachstum muss dann über zusätzliche Stationen/Räume geschehen, aber nicht durch das Verlassen des jetzigen Standortes. Es sollte nicht die Zentralisierung gesucht werden, sondern die Multiplikation.

– Lieber schwach sein als stark sein.
Jesus wurde in einem Stall geboren und war später oft unterwegs, ohne eine feste Bleibe zu haben. In der Hinsicht war Er schwach bzw. arm. Für uns heißt das: Wir müssen nicht alles stemmen. Wir brauchen keine durchgestylten Räume. Ja, es darf praktisch sein. Aber der Fokus ist nicht die Schaffung einer starken Gemeinde, die für jeden und alles ein Angebot hat und die größten und schönsten Räume der Gegend aufweisen kann. Vielleicht passt das in eine Gegend mit Millionären. Aber in einem Kiez, in dem über die Hälfte der Menschen Leistungen vom Jobcenter bekommen oder bestimmte soziale Leistungen beziehen, da brauchen wir das nicht. Dann lieber als Gemeinde ebenso abhängig und begrenzt sein. Nix gegen schöne Räume oder Zielgruppenarbeit. Aber wichtiger ist das Herz für Gott und Menschen. Das sollte nie verwechselt werden. Und möglicherweise hilft die eigene Begrenzung dazu, sich nicht zu überheben, sondern demütig zu bleiben.

– Langsam sein.
Nun, Jesus und Seine Leute waren beim Wandern langsam. Das muss kein göttliches Prinzip sein, sondern ist einfach dem technischen Fortschritt geschuldet. Und dennoch: auch, wenn uns Waschmaschine, Online-Banking und Handys helfen können, Zeit zu „sparen“ (geht ja nicht wirklich, da diese Zeit nicht zu einem Zeitpunkt beliebig abrufbar ist), so führen diese Tools auch dazu, dass wir in der gleichen Zeit mehr tun. Früher gab es den Waschtag. Heute wird an einem Tag nicht nur Wäsche gewaschen, sondern werden noch zig andere Dinge erledigt. Wir werden unruhig, wenn wir im Restaurant länger als 30 Minuten auf das Essen warten müssen. Das Problem ist, dass wir dieses Denken oft auf Lebensprozesse übertragen. Aber das funktioniert nicht. Beziehungsbau zu Nachbarn braucht Zeit. Da reicht es nicht, einen Glaubenskurs anzubieten und bei Nicht-Gelingen, aufzugeben. Es geht darum, beständig in Beziehungen zu investieren. Als Kiezgemeinde haben wir u.a. Grillfeste für die Nachbarn durchgeführt. Einfach miteinander essen und miteinander reden. Da muss nicht gleich beim ersten Mal was Großartiges geschehen. Wenn Jesus in unseren Herzen ist, dann wird Jesus irgendwann automatisch zum Thema werden. Ja, das braucht Zeit. Aber alles andere wirkt oft wie das Angebot für eine Clubmitgliedschaft und nicht wie echte Liebe zum Nächsten. Natürlich haben manche einen evangelistischen Drang in sich und würden am liebsten jedem sofort das Evangelium sagen… und manchmal gibt es ja wirklich Momente, in denen JETZT die Chance ist. Aber hier, in unserem Kiez, da würde das permamente Raushauen des Evangeliums wohl eher dazu führen, dass Menschen die Schotten dicht machen, weil eben der Eindruck schnell entsteht: „Die wollen ja nur mehr Mitglieder für ihren Verein haben!“ Stattdessen sollen die Menschen erfahren, dass das Evangelium wirklich der Liebe Gottes entspricht: „Nein, wir wollen nicht Dein Geld! Nein, wir wollen nicht mehr Mitglieder haben! Sondern Du sollst befreiter leben können! Du sollst wissen, dass Du von Gott geliebt bist!“
Und viele erfahren das nicht zuerst an unseren Worten (davon hören sie genügend in den Medien). Sie erfahren das zuerst an unserem Leben und Handeln. Sie brauchen die Chance, uns zu erleben. Nicht, dass wir alles richtig machen würden. Darum geht es gar nicht. Aber sie sollen erfahren können, dass wir selbst die Krisen und Macken mit Gottes Gnade und Kraft meistern können. Sie sollen erfahren können, dass wir nicht nur von Gottes Liebe reden, sondern sie wirklich Bestandteil unseres Lebens ist. Aber genau das braucht Beziehungen. Und Beziehungen brauchen Zeit. Lieber langsam sein!

– Kleiner denken.
Das korrespondiert mit der o.g. Schwäche. Aber ich möchte damit noch etwas anderes betonen: vor der eigenen Haustür starten! Ich bin visionär begabt und produziere mit Leichtigkeit große Ideen und Wünsche. Es ist kein Ding für mich, mir vorzustellen, wie Erweckung ausbricht und ganze Stadtteile radikal zum Guten verändert werden. Doch in der Praxis kann ich mich damit selbst erschlagen. Die große Idee ist da, aber wenn ich dann den Kiez sehe, dann fühle ich mich schnell ohnmächtig. Wie soll eine Gemeinde mit zwei Dutzend Mitgliedern einem Kiez dienen, der 17.000 Menschen umfasst? Es ist unmöglich. Die Probleme wie Arbeitslosigkeit, Bildungsmangel, häusliche Gewalt, Süchte usw. sind so vielfältig und wir sind froh, wenn wir unsere eigenen Herausforderungen gebacken kriegen. Die Folge von großen Ideen kann also sein, dass man dann lieber passiv bleibt oder sich in sein Schneckenhaus zurückzieht. Hilfreicher ist das: Ja, die Vision muss sein. Sie ist Herzstück der Motivation. Aber praktisch geht es nicht zuerst um den gesamten Kiez. Praktisch geht es zuerst um die direkten Nachbarn; bei uns als Gemeinde: um die Menschen in dem Haus, in dem wir Mieter sind. Es geht um den Menschen, den ich im Treppenflur treffe. Das reicht als Aufgabe. So kann man als Gemeinde ein anderes Wohnhaus geistlich adoptieren. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Hausgemeinde Buxtehude

Das Thema „Hausgemeinde“ finde ich immer wieder interessant. Mir geht es weniger darum, dieses Modell als alleinseligmachend darzustellen. Aber dahinter stecken Christen, die versuchen, Gemeinde anders zu leben. Solche Alternativ-Szenarien können uns helfen, liebgewonnene Gestaltungsmethoden zu hinterfragen. Im Kern geht es für mich aber auch um die Frage: Wie können wir Gemeinde leben? Wie sollten wir Gemeinde leben?

Hier nun ein kleiner Einblick in die Hausgemeinde Buxtehude. Vielen Dank an Euch, dass Ihr geantwortet habt! Ich habe die Antworten so übernommen, wie sie mir übermittelt wurden.

1. Seit wann existiert Ihr?

Oktober 2005

2. Was war euer Wunsch?

  • Biblisches Gemeindeleben praktizieren –> Apg 2, 42: Abendmahl,  Gebet, Lehre der Apostel, in Liebe zusammenhalten

  • Weniger Termine in der Woche, dafür mehr Zeit für noch nicht Erlöste, Nachbarn, Freunde, Beziehungen zu Nichtchristen

  • In größeren Gemeinden wollte man etwas verändern, konnte aber nicht. In einer Hausgemeinde ist man „der eigene Chef“ in Sachen Gemeindestrukturen

  • Kontakte zu Gemeinden vor Ort suchen, sich eingebunden wissen in den Leib Christi der Stadt (bekannt sein, ohne Leute aus anderen Gemeinde abzuwerben)

  • Nähe zu Nichtchristen, statt Nähe zu Christen/in Kirchenmauern von „der Welt“ abgeschottet

  • Alltagsnahe Gottesdienste: Wir sind der Kern des Gottesdienstes /der Hausgemeindetreffen und bestimmen die Themen und den Ablauf mit großem Bezug zu unserem konkreten Alltag

3. Welche Hindernisse/Herausforderungen taten sich auf, als Ihr angefangen habt?

Keine!

  • Neuanfang für beide Familien an neuem Ort. Daher kein Herauslösen aus bestehender Großgemeinde

  • Bei Allianzgebets-Treffen: wie ernst genommen wird man als Haus-„Kirche“? Britta: ich hätte uns gerne als Gebetstreffen-Gastgeber vorgeschlagen, hatte dazu aber keinen Mut.

  • Anfangs haben wir Christen aus anderen Gemeinden zu einem Lobpreisabend eingeladen. Daran haben sich einige Jahre später noch erinnert und fragten öfter, wann wir das wiederholen. Durch Familienzuwachs fühlten sich beide Hausgemeinde-Familien jedoch über Jahre kräftemäßig nicht in der Lage, so etwas zu wiederholen.


4. Was würdet Ihr rückblickend noch einmal so machen?
– In Sachen „Kinderstunde“ viele verschiedene Varianten ausprobiert, je nach Alter und Familiensituation.

– Kontakte zu anderen christlichen Gemeinden suchen und halten (ohne Mitglieder abzuwerben)

– gemeinsame Wochenenden verbringen (hatten wir lange nicht mehr- ist mal wieder Zeit 🙂 )


5. Was würdet Ihr rückblickend anders machen?

Überlegen, einen Coach zu suchen, mit dem man sich regelmäßig trifft und Entwicklung reflektiert.

6. Welche Tipps würdet Ihr anderen mitgeben, die eine Hausgemeinde starten wollen?
Mut zur Lücke!

Auf gehts 🙂


7. Hausgemeinden werden manchmal auch Vorhaltungen gemacht. Welchen Vorhaltungen/Vorwürfen seid Ihr begegnet und was sind Eure Antworten darauf?
– Gaben verschwenden, weil man sie nicht in Großgemeinde einbringt

– „theologische Rosinenpickerei“; Gefahr, dass man nicht von einem Pastor korrigiert wird.


8. Welche Perspektive habt Ihr für die nächsten Jahre als Hausgemeinde?
– Nächstes Jahr wird das jüngste Kind 3!! Setzt Kapazität bei den Eltern frei 🙂

– offenen Lobpreisabend 1/Monat, zu dem Christen aus anderen Gemeinden kommen, in denen Lobpreiszeiten nicht vorkommen (frühestens 2015)

-weitere Projekte in der „Kinderkirche im Wohnzimmer“ mit den Nachbarfamilien beider Familien-Standorte


9. Seid Ihr damit einverstanden, dass ich Eure Antworten oder Teile davon auf meinem Blog veröffentliche? Ja.

Mehr Infos zur Hausgemeinde Buxtehude: http://www.hausgemeinde-buxtehude.de/wb/index.php