Wenn Gemeinden sterben

Gemeinden sterben

Es ist ein Fakt: Gemeinden sterben.
Beweis: Keine der vom Apostel Paulus vor nahezu 2000 Jahren gegründeten Gemeinden existieren heute noch.

Eine Gemeinde ist ein lebendiger Organismus. Er wird geboren, er hat seine Reifezeit und irgendwann stirbt der Organismus. So ist das Leben eben. Manche Gemeinden werden auf diese Weise nur ein Dutzend Jahre alt, sterben gar im Kindesalter, andere können über hundert Jahre alt werden.
Wie gut ist es, wenn solch ein Organismus fruchtbar ist. Wenn er Kinder bekommt.
(Ich vermute, dass man vieles, was ich hier bedenke, auch auf viele andere Sozialformen beziehen kann)

Fruchtbare Gemeinden

Die „Kinder“ einer Gemeinde können neue Gemeinden sein. Oder kleinere Hausgruppen, die nach dem Tod der lokalen Gemeinden weiter existieren. Und manchmal sind es auch „nur“ die einzelnen „Zellen“, sprich: die einzelnen Menschen, die durch diese Gemeinde geprägt worden sind und sich dann einer anderen Gemeinde anschließen und ihre Prägung dort einbringen.
Traurig ist es allerdings, wenn es keine Nachkommen gibt. Wenn eine Gemeinde tatsächlich aus Altersgründen stirbt und weder eine Gruppe weiterlebt noch ein Gemeindemitglied.
Dann handelt es sich um einen „Gen-Defekt“ oder eine tödliche Krankheit.

Entscheidend für die Fruchtbarkeit einer Gemeinde scheint die geistliche DNS zu sein.

Gemeinde-DNS
Und diese wird in der ersten Zeit der Gemeinde festgesetzt. Im Grunde in der Zeit, in der die Gemeinde noch ungeboren ist: Es gibt weder eine Gottesdienstfeier, noch ein Gemeindehaus oder eine Lobpreisband.
Die einzigen, die schon existieren, sind die einzelnen Zellen, also vielleicht 1-3 Christen, die den Wunsch haben, eine Gemeinde zu gründen.

Ihre erste Zeit ist die entscheidende.
Was sie zu Beginn entscheiden, wird die entstehende Gemeinde ihr Leben lang prägen.
Deshalb ist es am Anfang so relevant, sich Zeit zu nehmen. Hier werden die Weichen für die kommenden Jahrzehnte gestellt!

Die „Vision“ als geistliche DNS

Knackpunkt für die geistliche DNS ist – neben einigen anderen Aspekten – dieser:
Was genau ist die „Vision“ der Gründer?
Ob man es „Vision“, „Leitbild“ oder ganz anders nennt – es geht darum, WARUM diese Gemeinde gegründet werden soll.
Was genau treibt dazu an? Was begeistert?
Je genauer dieses Bild ist (denn mehr als ein Bild ist es ja nicht), desto besser.
Mit Genauigkeit ist nicht zuerst gemeint, welche Lieder man an welchem Sonntag singen will.
Mit Genauigkeit ist solches gemeint: Wo soll die Gemeinde sein? Was wird durch sie erreicht? Mit welchen Menschen wird man hauptsächlich zu tun haben? Was kann die Gemeinde bei diesen Menschen bewegen? Wie können diese Menschen die Gemeinde bereichern? Welchen Einfluss hat die Gemeinde auf ihr Umfeld? Und warum wird das Gründungsteam mit der Gemeindearbeit weitermachen, obwohl die erste Krise alles durchgerüttelt hat?

Diese Vision ist der Kern des Ganzen.
An ihr wird entschieden, wer am Anfang dabei sein wird. Und dabei sein darf. Wer darf und soll diese DNS leben?
An der Vision wird entschieden, wohin welche Ressourcen investiert werden.
Und in Krisenphasen wird anhand der Vision die nächste Entscheidung getroffen.

Wie bekommt man eine solche Vision?
Das ist ein Thema für sich. Klar ist das: Es hängt mit Gebet, göttlicher Inspiration und Fügung sowie den Charakteren der Startmannschaft zusammen.

Je nach Vision und der konsequenten Verfolgung dieser in der ersten Phase der Gründung wird die „Frucht“ sein.

Die fehlende Vision

Ich sehe mindestens zwei Gründe, weshalb eine Gemeinde später auch kinderlos sterben kann:
a) Es gab keine weitreichende und zugleich detaillierte Vision.
Vielleicht ging es einfach nur darum, eine Gemeinde zu gründen. Fertig. Aus.
Mit einer solchen Vision kommt man nicht weit.
Denn wenn die Gemeinde erst einmal gegründet ist, dann kann ein „Visionsloch“ entstehen: eigentlich weiß niemand, warum diese Gemeinde weiterleben soll. Biblisch mag man Argumente anführen. Aber sie klingen in einer solchen Loch-Phase mehr nach „Richtigkeiten“ statt nach lebendiger Überzeugung. Der Sterbeprozess steht vor der Tür, wenn nicht Einschneidendes geschieht.

b) Die Vision wurde nicht gepflegt und nicht angepasst.
Die erste Vision bestimmt zwar die DNS der Gemeinde. Aber so ein Organismus kann von Viren befallen werden und erkranken. Diese Angreifer lauern ständig überall. So kann es sein, dass die DNS zwar da ist – aber sie hat keinen Raum, um gelebt zu werden. Die Folge ist, dass der Organismus eingeht. Deshalb ist es wichtig, die Vision (=DNS) beständig zu pflegen. Das geschieht durch Predigten, Andachten und womöglich am meisten durch das Leben der Vision. Hier sind die Leiter der Gemeinde gefragt. Wie füllen sie die Vision? Geben sie der DNS Lebensraum? Werden die Ressourcen so eingesetzt, damit es der Vision dient? Stehen die Bereichsleiter hinter der Vision? Das muss ganz praktisch werden und kann sich bis hin zur Dekoration eines Gemeindesaals hinziehen.
Immer wieder gibt es dabei Situationen, die neu sind. So neu, dass man sie nicht bedenken und planen konnte. Die Herausforderung für den Organismus ist es, ob er sich der neuen Situation anpassen kann, ohne seine DNS zu verleugnen. Gelingt es dauerhaft nicht, kann der Gemeindekörper sterben.

„Visionskunde“ für die Ausbildung

Zur Zeit habe ich mit mehreren Gemeinden zu tun. Als angestellter Pastor, als Honorarkraft und als Gastprediger.
Als Gastprediger hier und da, ansonsten im Bereich der Freien evangelischen Gemeinde und der Landeskirchlichen Gemeinschaften.
Und tatsächlich geht es bei der Zukunft jeder dieser Gemeinden/Gemeinschaften um eben diesen Kernaspekt:
Was ist die Vision?

Und leider ist auch das zu merken:
Wo die Vision nicht existiert oder nicht nicht gepflegt wird, da schwindet eine Gemeinde.

Das wäre doch mal was:
Wenn Theologiestudenten und Bibelschüler zwei Semester „Visionskunde“ hätten!
Das wäre eines der Themen, die für die Praxis existentiell wichtig sind. Wer weiß, wie unsere Gemeindelandschaft aussehen würde, wenn das gelehrt werden würde!?

Bildquelle: wikipedia – DNS – Seite aufgerufen am 24.02.2018

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Führungslektion – Ermutigung

Eine wichtige Aufgabe von Führungskräften sehe ich darin, andere zu ermutigen.

Die Ermutigung kann ganz praktisch sein:
Zuerst heißt das für mich, dass die anderen Raum & Zeit haben sollen, um gestalten zu können.
Wenn ein Mitarbeiter eine Idee hat, dann will ich grundsätzlich offen sein und bin bereit, kleine Experimente zuzulassen. Mitarbeiter sollen sich ausprobieren dürfen. Manchmal entdeckt man erst dabei, welche Fähigkeiten jemand hat. „Experimente“ bedeuten für mich auch das: es muss nicht perfekt sein! Kleinere Fehler dürfen gemacht werden. Ist nicht schlimm! Wichtiger ist bei den ersten Gehversuchen die Einstellung des Mitarbeiters. Tut er das, um gut dazustehen? Um sich zu profilieren? Oder um den anderen wirklich zu dienen? Um Gott zu ehren?
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Was macht Gemeinde? Apostelgeschichte 2,42-47 – Teil 2

Im ersten Teil zur Apostelgeschichte 2,42-47 habe ich verdeutlicht, dass die erste Gemeinde dieses Merkmal hat: „sie blieben in der Lehre der Apostel“.
Das ist eine andere Umschreibung für „Sie waren Jesus gehorsam“.
Die Lehre geschah dabei vielfältig: selten per Monolog, meistens per Dialog.

Das wirft Fragen auf, wenn ich mir unsere heutige Gemeindekultur anschaue:
– Tun wir das, was Jesus Christus will?
– Pflegen wir mehr die Monolog-Predigten oder den Lehr-Dialog?

In diesem zweiten Teil geht es um ein weiteres Merkmal:

2) „Sie blieben in der Gemeinschaft“
Auch dieses Gemeindemerkmal muss von Jesus her gedacht werden.
Gemeinschaft muss dann das bedeuten:
Es geht um die Gemeinschaft miteinander auf der Grundlage Jesu Christi.
Es ist also eine Gemeinschaft zu Menschen hin, die ihre Wurzeln in Gott hat und damit auch Gemeinschaft mit Gott ist.

Diese Gemeinschaft war zu Beginn sehr innig, wie diese Verse zeigen (der Aspekt des Teilens von Hab und Gut ist m.E. keine Voraussetzung für Gemeinde, sondern eine Folge von Gemeinde):
Vers 44:
„Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.“
Vers 46a:
„Und sie waren täglich einmütig beieinander…“
Kapitel 4,32:
„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“

Interessant ist, dass diese Art von Gemeinschaft schon vor Pfingsten existierte.
Das wird in der Apg 1,14 deutlich:
„Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“
Auch in Apg 2,1 wird nochmal erwähnt:
„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an „einem“ Ort beieinander.“

Das verwundert nicht, denn auch dieses Beieinandersein hatten sie von Jesus gelernt. Immerhin war er ungefähr drei Jahre lang mit Seinen Leuten unterwegs gewesen. Sie sahen sich täglich, abgesehen von wenigen Ausnahmen.
Jesus hatte diese Gemeinschaft vorgelebt, darum gebetet (u.a. Johannes 17,11) und die Jünger Jesu haben es nach Seiner Himmelfahrt weitergelebt.

Diese Gemeinschaft war natürlich bald angefochten und nicht mehr selbstverständlich. Dennoch blieb die Gemeinschaft ein absolut wesentlicher Punkt für das Gemeindeleben. Deshalb wird in den neutestamentlichen Briefen immer wieder dazu aufgefordert. Zum Beispiel hier:
– Römer 15,7: „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“
– Epheser 5,19: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen“
– Epheser 5,21: „Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.“
– Kolosser 3,9: „belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen“
– Kolosser 3,16: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“
– Jakobus 4,11: „Verleumdet einander nicht, liebe Brüder. Wer seinen Bruder verleumdet oder verurteilt, der verleumdet und verurteilt das Gesetz. Verurteilst du aber das Gesetz, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter.“
– Jakobus 5,16: „Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“
– 1.Petrus 4,10: „Und dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes:“
– 1.Johannes 4,7: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.“

Die Gemeinschaft der Gemeinde besteht also in dem Miteinander, dem Füreinandersein, dem Einander-Dienen… sie zeigt sich mit Wort und Tat.
In 1.Johannes 4,20 f. wird aufgezeigt, dass dieses Merkmal der ersten Gemeinde nicht verhandelbar ist. Denn die Liebe zum Nächsten ist gleichzusetzen mit der Liebe zu Gott:
„Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“

Für viele Gemeinden in der westlichen Sphäre ist auch das eine kritische Anfrage:
Wie leben wir Gemeinschaft?
Beschränkt sich das auf den sonntäglichen „Gottesdienstbesuch“?
Wie gut sind die Beziehungen untereinander?
Treffen sich die Gemeindeleute auch außerhalb der offiziellen Termine?
Ruft man mal an? Schreibt sich einen ermutigenden Brief oder sendet eine nette Email? Hilft man einander bei Umzügen, in Krisenzeiten, verschenkt mal was?

Es geht letztlich um nichts anderes als um das Markenzeichen der Jesus-Leute:
„Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Johannes 13,35)

 

Eine bestehende Gemeinde dynamischer machen – Teil 1

Der Titel klingt vielleicht merkwürdig.
Vielleicht aber auch verheißungsvoll.

Um das klar zu machen:
Wir können NICHTS bewegen, wenn nicht Gott bewegt!

Deshalb muss das immer die Grundlage sein:
Das Reden mit Gott und das Hören auf Gott.
Ohne Seine Leitung werden menschliche Programme zum Krampf.

Dann will ich einen zweiten Punkt hinzufügen:
Wiewohl ich nun auch ca. 20 Jahre Gemeindeerfahrung auf dem Buckel habe und seit mehreren Jahren als Prediger, Leiter, Pastor tätig bin, fühle ich mich immer noch als Lernender. Ich habe kein Erfolgsprogramm.
Aber ich sehe Prinzipien, die wichtig sind.
Und je mehr ich diese erkenne, desto mehr möchte ich sie umsetzen.

Nun zum Eigentlichen:
Wie kann es gelingen, eine bestehende Gemeinde dynamischer zu machen?
Und was heißt „dynamischer“?

Eine Doktorarbeit will ich aus diesem Artikel nicht machen, aber ich will ein paar Gedankenfetzen teilen:
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