Gnade

Seit einigen Wochen bin ich am dem Thema „Gnade“ dran.
Ein Wort, das vielen Christen leicht von den Lippen geht.
Ja, klar – wir glauben an einen gnädigen Gott.
Und dann ist es doch so leicht, so zu leben, als gäbe es diesen gnädigen Gott nicht.
Oder nur, um uns mal die Sünden zu vergeben.
Aber ansonsten geht es dann wieder um das Motto: „Hilf dir selbst – dann hilft dir Gott!“
Was nicht immer verkehrt ist, wenn damit gemeint ist, dass wir Verantwortung für unser Leben haben und es gestalten sollen, können und dürfen.
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Das Problem mit der christlichen Ethik und Moral

Viele kennen Sprüche wie diese:
„Das tut ein Christ nicht!“
Oder:
„Wenn du wirklich Christ wärst, würdest du das nicht machen!“

Und vielleicht ist etwas dran: Vielleicht würde in Christ wirklich nicht so handeln.
Aber was, wenn doch?

Und was wäre, wenn unsere „christliche Moral und Ethik“ – zumindest in der oben dargestellten Weise – nicht hilft („Moral“ ist hier als Gesamtheit eines „richtigen“ Verhaltens zu sehen und „Ethik“ als die entsprechende Theorie/Lehre)?

Besonders problematisch ist es, wenn die Kirche bzw. die Christen selbst mit moralisch-ethischen Forderungen auftreten und diese gegen Interne oder gegen die säkulare Gesellschaft richten.
Wenn wir als Christen die „Moralapostel“ spielen.

Ein ungutes Gefühl beschleicht mich dann, ohne gewiss sagen zu können, dass es falsch wäre, bestimmte moralische Ideale hochzuhalten.
Natürlich: solche Ideale können im positiven Sinne Ziele sein und die Motivation zur Aktion wecken.
Sie können aber auch zu Druckmitteln werden, die belasten.
Und womöglich empfindet jeder Mensch ein und dasselbe Ideal als unterschiedlich. Während die einen längst entsprechend diesem Ideal leben, fühlt es sich für die anderen wie ein Gerichtsurteil an.

Beispiele gibt es einige dazu: heutzutage können das Fragen zur Homosexualität sein; vor sechzig Jahren waren es Fragen zum unehelichen Zusammenleben. Heutzutage können es Fragen zur Raubkopien und illegalen Streams im Internet sein; vor sechzig Jahren waren es Fragen zu Kinobesuchen und der Teilnahme an Tanzveranstaltungen.

Wenn wir diese Jahrzehnte der christlichen Moral und Ethik in unseren Breitengraden anschauen, dann muss auffallen, wie sehr sich manche Vorstellungen gewandelt haben. Wenn es für manchen Christen damals zum Gemeindeausschluss führen konnte, wenn er am „Tag des Herrn“ mit der Straßenbahn gefahren ist (denn u.U. könnte das ja Arbeit sein), so macht sich heutzutage wohl kaum ein Pastor darüber Gedanken, ob das Bedienen des Autos Arbeit am „Tag des Herrn“ sein könnte. Oder wenn das gemeinsame Übernachten eines unverheirateten Paares im Hotelzimmer damals gesamtgesellschaftlich unsittlich war, so wird es sogar in evangelikalen Kreisen heutzutage oft geduldet.

Ob das immer alles so richtig war und ist, ist schwer zu beurteilen – und vielleicht geht es auch gar nicht zuerst darum.
Vielleicht verfehlt die Frage nach einer gesamtverbindlichen christlichen Ethik und Moral das Ziel.
Zumindest dann, wenn sie ohne die Liebe Gottes entsteht.

Denn nach christlicher Weltanschauung ist der Kern des Ganzen die Liebe Gottes.
Er liebt diese Welt (Joh 3,16). Er hat die Menschen als Ebenbild geschaffen. Ein Ausdruck der Partnerschaftlichkeit, der Beziehung und Gemeinschaft. Er sendet Seinen Sohn Jesus Christus in diese Welt, um sie vom Bösen und Destruktiven zu erlösen. Um die Welt in die Gemeinschaft mit sich zu ziehen. Und der Sohn Gottes – das perfekte Ebenbild Gottes – lässt sich von den Menschen hinrichten statt sich zu wehren. Er lässt sich töten statt eine Revolution zu starten. Weil Er sie liebt.
Und so ist der Verweis Jesu Christi auf das höchste Gebot (die höchste Moral und Ethik) nur konsequent: Das Höchste ist es, Gott zu lieben und den Mitmenschen ebenso wie sich selbst. Bis hin zur Feindesliebe.
Der Apostel Paulus greift das auf, wenn er im 1.Korintherbrief 13 davon schreibt, dass „Glaube, Liebe, Hoffnung“ die wichtigsten Elemente des Christentums sind.

Von dieser Liebe her zu denken, befreit.
Das ermöglicht den Blick auf das Leben des Einzelnen.
Das sind doch die normalen Geschichten der „normalen“ Christen:
Anfänglich konnten sie nichts mit diesem Jesus anfangen.
Doch irgendwann in ihrem Leben macht es „Klick“ und sie lassen sich bewusst auf dieses Leben mit Jesus ein.
Damit beginnt der Lernprozess. Damit beginnt der Weg.

Und die einen lernen schnell. Die anderen langsamer.
Den einen fällt es leicht, zu einem dienenden Leben zu gelangen, das für Mitmenschen zunehmend eine Bereicherung ist. Und andere konsumieren mehr als sie dienen. Sie sind noch am Anfang.
Die einen leben moralisch nahezu einwandfrei.
Die anderen sind noch gefangen in ihren alten Mustern und gleichen mehr einem Süchtigen denn einem glänzenden Jesus-Nachfolger.

Da ist dann der „Otto-Normalchrist“, der als Handwerker seine Brötchen verdient, sich nicht mehr auf Schwarzgeschäfte einlässt, der sich Zeit für seine Kinder nimmt und seiner Frau regelmäßig Blumen schenkt und ein offenes Ohr für sie hat. Der seine Steuern zahlt und seinen Nachbarn bei der Gartenarbeit hilft. Der im Rahmen der Gemeinde gerne überall mitanpackt, wo gestrichen, gezimmert und gebaut werden muss.
Einer, der oft ein Lächeln im Gesicht hat – und das wirklich ernst meint.
So einen Christen wünscht man sich. Ein Vorzeige-Exemplar. Moralisch gut.

Dann gibt es aber diese Christin:
Sie, die sich am Wochenende immer noch besäuft.
Die mit anderen Männern flirtet, obwohl sie verheiratet ist.
Die zwar zu den Gottesdienstfeiern kommt, sich aber nur bedienen lässt: man darf für sie beten und außerdem isst sie gerne den dort angebotenen Kuchen.
Von Außen betrachtet würde man ihr nicht gleich eine Christin sehen.
Aber wer mit den Augen der Liebe blickt, erkennt Folgendes:
In ihrer Kindheit wurde sie missbraucht. Um die Schmerzen zu übertünchen, entwickelte sie ein Sucht-Muster, von dem sie auch heute noch nicht ganz frei ist. Sie versucht es immer wieder und tatsächlich schafft sie es, in der Arbeitswoche von Montag bis Freitag abstinent zu sein. Aber dann, wenn die Ruhe einkehrt und die Gefühle hochkommen, dann schlägt das Muster durch und sie greift zu Flasche.
Durch ihre Kindheit wurde ihr Selbstwertgefühl stark beschädigt. Eigentlich fühlt sie sich hässlich und ungeliebt. Deshalb versucht sie sich aufzuwerten, indem sie mit Männern flirtet. Sie liebt das nicht, aber sie hat noch nicht verstanden, nur aus der Liebe Gottes zu lieben (wie wohl die meisten der Christen). Irgendwie fühlt sie sich nach diesen Flirtversuchen „dreckig“ und sie bittet Gott jedes Mal um Vergebung, wenn es geschehen ist. Manchmal denkt sie, sie wäre jetzt frei von diesem Verhalten, wenn sie mal einen Tag nicht geflirtet hat.
Im Rahmen der Gemeinde weiß sie einfach nicht, wie sie anderen helfen kann. Bisher hat ihr keiner Mut gemacht. Die anderen Frauen meiden sie sogar, weil sie von ihrem Ruf wissen. Und jeder Mann, der mit ihr redet, wird ebenfalls schnell argwöhnisch angeblickt. Keiner will gegen sie sein, aber es gibt auch kaum jemanden, der für sie ist. Deshalb isst sie nur den Kuchen nach dem Gottesdienst, würde aber gerne helfen. Allerdings glaubt sie nicht, dass sie was auf dem Kasten hat. Und die anderen scheinen das auch nicht zu glauben.

Anhand moralisch und ethischer Vorstellungen ist klar, wer hier der Gewinner ist: der Handwerker-Mann.
Er verhält sich wie ein Christ. So müssen Christen sein. Das ist einer, dem man seinen Glauben abnimmt. Naja, und diese „Dame“ wirkt doch arg wie eine Ungläubige.

Aber könnte es sein, dass die Liebe Gottes anders guckt?
Gottes Liebe ist immer im Gleichschritt mit Gottes Wahrheit. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar.
Und so sieht diese Liebe Gottes, dass der Handwerker-Mann heimlich Probleme mit der Pornografie hat. Dass er unter dem ständigen Gemecker seiner Frau leidet. Dass er manche seiner guten Verhaltensweisen auch schon vor seinem Christenleben aufwies. Und dass er in seinem Inneren immer wieder unzufrieden und undankbar ist.

Und die Liebe Gottes sieht, dass die süchtige Frau ihren Kindern gerne Geschichten vorliest und sogar schonmal angefangen hat, eine eigene Geschichte zu schreiben. Dass sie ihren Kindern zur guten Nacht Lieder vorsingt und dass ihre Stimme so schön ist, dass selbst ihr Mann gerne zuhört. Dass sie früher jeden Tag gesoffen hat und sie drei Jahre daran gearbeitet hat, um nur noch am Wochenende zu trinken. Aber auch das will sie angehen. Dass sie zwischendurch immer wieder ganz still für andere betet. Keiner weiß es und es wäre ihr auch unangenehm, wenn andere das wüssten. Trotzdem betet sie jede Woche für ihre Nachbarn und für fast jedes Gemeindemitglied.

Mein Empfinden ist, dass wir hier mit feststehenden moralischen Vorstellungen wenig weiterkommen.
Natürlich implizieren diese Geschichten auch eine Moral. Natürlich heiße ich es auch gut, von einer Sucht frei zu werden; Zeit für Kinder zu haben; den Ehepartner zu schätzen; zuverlässig und freundlich zu sein.
Aber nicht diese Moral steht an vorderster Front, sondern die Liebe.

Und vielleicht würden Moral und Liebe auch ganz anders sprechen.
Die Moral würde sagen: „Du musst! Sonst bist du ein schlechter Christ!“
Die Liebe würde sagen: „Gut, dass du es bis hier geschafft hast. Wage den nächsten Schritt! Ich bin mit dir, auch, wenn du hinfällst. Dann stehe wieder auf! Ich verlasse dich dabei nicht und mache dir keine Vorwürfe. Sondern ich glaube, dass es für dich weitergeht und du das Potential hast. Und übrigens: Wer ein schlechter oder guter Christ ist, das beurteilt nur Gott. Ein Mensch kann das nicht beurteilen. Wichtig ist, dass du lernst, aus der Liebe Gottes zu leben.“

Das mag der Unterschied sein:
Vielleicht kann es keine „christliche“ Moral an sich geben.
Vielleicht kann es nur die Liebe Gottes geben und jegliche Moral und Ethik sind die Folge dieser, aber nie der Anfang und auch nie der Ersatz.

Vielleicht tut es uns gut, wenn wir so die Bibel lesen und so unsere Mitmenschen anschauen.
In der Bibel entdecken wir den Weg. Und wir erkennen, wohin diese Liebe Gottes führt: zu einem Leben, das voller wird mit Liebe, Freundlichkeit, Geduld und Sanftmut. Aber wir erkennen auch, dass es sich dabei um eine „Frucht“ handelt – nicht um die Bedingung.
Und wenn wir dann „die anderen“ anschauen, fangen wir an zu verstehen, dass jeder sein eigenes Tempo hat, seine eigene Geschichte hat, eigene Stärken und Schwächen hat – und dass keiner vor Gott besteht, weil wir mit einer Unmenge theologischem Wissen aufwarten können oder „gemeindlichen Heldentaten“, sondern dass ausnahmslos jeder nur deshalb vor Gott bestehen kann: weil Er gerne gnädig ist und Jesus den Weg für uns frei gemacht hat!

So könnte das ein praktischer Schritt sein:
Wenn wir mal wieder dabei sind, den anderen in eine Schublade zu stecken, dann können wir überlegen „Wie sehr liebt Gott diesen Menschen?“

Wie mit Gefühlen umgehen? – Teil 2

Es klingt wie eine Binsenweisheit. Fast mag man sich zu schade zu sein, um diesen einen Aspekt hervorzuheben. Und doch erscheint er mir grundlegend für den Umgang mit Gefühlen.
Let’s go:

„Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.“ (1. Mose 2,25)

Gott hatte den Menschen zum Ebenbild geschaffen.
Und die erste indirekte Benennung einer Emotion des Menschen steht bei 1. Mose 2,25: „und schämten sich nicht“.
Nun könnte man daraus schlussfolgern, dass wir es hier mit Robotern zu tun haben, die keinerlei Gefühlsregungen haben – deswegen schämen sie sich auch nicht.
Wesentlich näherliegend ist, dass der Verfasser klar machen wollte:
Die ersten Menschen fühlten sich „frei“. Keine Spur von Beklemmungen. Keine Scham. Weil es auch noch keine Schuld mit den entsprechenden Gefühlen gab (das gab es dann erst ab 1. Mose 3,7).

Nun ist aber nicht das Schuldgefühl das Grundlegende, sondern, dass der Mensch mit Emotionen geschaffen worden ist.
Gott betitelte den Gesamtvorgang der Schöpfung und damit eben auch die Erschaffung des Menschen mit all seinen emotionalen Möglichkeiten so:
„… und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31 b)
Gott wollte, dass wir empfinden können.

Wer dann die Bibel durchliest, wird das bemerken:
An keiner Stelle verurteilt Gott einen Menschen wegen seiner Gefühle.
So betet der Psalmist:
„Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?“ (Psalm 42,10)
Oder:
„Ich hasse die Versammlung der Boshaften…“ (Psalm 26,5)
Gefühle der Einsamkeit, der Trauer, des Hasses … sie gehören zum Leben.
Und Gott verbietet sie nicht.
Ja, Er empfiehlt an vielen Stellen einen bestimmten Umgang mit unseren Emotionen.
Aber das Aufkommen eines Gefühls an sich, wird von Gott nirgends untersagt.

Was auch immer für Gefühle Du hast:
Du darfst so fühlen.
Es ist „sehr gut“, dass Du fühlen kannst.
Gott hat Dich so geschaffen.

Natürlich ist das nur ein winzig kleiner Erkenntnisschritt.
Und doch ist er für manche Menschen riesig groß.

Da brodelt es in einem, man kocht vor Wut – und schon fühlt sich mancher schuldig. Als dürfe man nicht wütend sein. Die Wahrheit ist: Natürlich darfst Du Wut empfinden!

Oder etwas Sommertypisches:
Am Strand sieht man einige wohlgeformte Menschen. Attraktiv. Reizvoll. Und bei manchen stellt sich ein Empfinden des Begehrens ein.
„Nein – ich darf so nicht fühlen!“ denken einige und fühlen sich schuldig, weil sie doch so fühlen.
Die Wahrheit ist aber:
Du darfst Empfindungen der Lust haben.

Dasselbe gilt für alle Varianten der Gefühlswelt:
Du darfst so fühlen.
Das ist nicht schlimm, nicht verboten, sondern Gott hat Dich so geschaffen, dass Du fühlen kannst.
Es ist sehr gut, dass Du Emotionen hast.

Danke Gott für Dein Gefühlsleben!

Diese Erkenntnis ist ein erster Schritt.
Und dieser erste Schritt wäre auf unangenehme Weise unvollkommen, würde nicht demnächst ein zweiter Schritt folgen … Teil 3 wird kommen.

Umgang mit Gefühlen – Teil 1

Bildquellen:
http://www.sxc.hu/photo/922636 von http://www.sxc.hu/profile/asterisc21
sowie
http://www.sxc.hu/photo/187333 von http://www.sxc.hu/profile/brokenarts